»Dann möchte ich wirklich nicht wissen, was sie uns sagen wollen. Obwohl ich denke, wir können getrost davon ausgehen, daß es nichts Freundliches ist.«
»Vielleicht ist es eine Warnung?« überlegte Frost laut.
»Vielleicht will irgend jemand uns sagen, daß wir umkehren sollen, bevor wir zum Gewölbe kommen und dem begegnen, was darin auf uns wartet?«
»Ihr seid stets voll erbaulicher Information, Investigator, nicht wahr?« brummte Schwejksam. Er warf einen Blick auf die hinter ihm ziehende Mannschaft. »Stelmach, schafft Eure Wamypre herbei. Ich möchte, daß sie von nun an die Führung übernehmen, da wir so dicht beim Gewölbe sind.«
»Warum?« wollte Stelmach wissen.
»Nun, erstens, weil ich hier der Kapitän bin und das Kommando habe, und zweitens, weil sie nicht so einfach zu töten sind. Also macht schon.«
»Ihre Reaktionsgeschwindigkeit ist der unseren weit überlegen, und sie können eine ganze Menge mehr einstecken«, sagte Stelmach. »Aber die Wampyre sind viel zu kostbar, um sie unnötigen Risiken auszusetzen.«
»Mein lieber Stelmach, schickt die Wampyre nach vorn.
Noch ein weiteres Wort des Widerspruchs, und Ihr geht selbst voraus. Habt Ihr mich verstanden?«
Der Sicherheitsoffizier dachte einen Augenblick über die Angelegenheit nach, bevor er zögernd nickte. Langsam ging es weiter, und die Wampyre bildeten die Vorhut. Die Marineinfanteristen murrten unzufrieden. Sie waren nicht sicher, ob sie erleichtert oder beleidigt reagieren sollten. Langsam zog die Stadt an ihnen vorbei, dunkel und glitzernd und sich vielleicht der Eindringlinge bewußt.
Endlich, nach einer Stunde und siebzehn Minuten, erreichten sie das Gewölbe.
Es war groß. Monolithisch. Seine schimmernden Stahlwände erstreckten sich in jede Richtung, so weit die Scheinwerfer die Finsternis durchdrangen. Die Ausrüstung spielte verrückt, selbst die Apparate, die bis jetzt klaglos funktioniert hatten.
Die Wampyre und die Infanteristen ließen sich ein wenig zurückfallen, als würden sie zögern, sich dem Gewölbe weiter zu nähern, jetzt, da sie vor ihm standen. Es war zu groß. Zu gewaltig, um einfach in einen menschlichen Verstand zu passen. Schwejksam ging voran, Frost an seiner Seite. Er streckte die Hand aus, um den schimmernden Stahl zu berühren, doch im letzten Augenblick zögerte er. Es war, als würde ein eiskalter Wind von den Mauern ausgehen. Schwejksam konnte ihn auf seinem Gesicht spüren. Sein Spiegelbild auf der Oberfläche des glatten Stahls blickte unsicher, verwirrt, beinahe wie ein Geist; vielleicht eine Vorahnung, die auf ihn zurückfiel, um ihn zu warnen.
»Baut den Schutzschild auf«, befahl er barsch und wandte sich von der Wand ab. »Sobald wir dieses Ding geöffnet haben, darf nichts mehr an uns vorbei in die Stadt entkommen.«
Die Infanteristen kamen nach vorn und arbeiteten hektisch daran, den Feldgenerator zusammenzusetzen und in Betrieb zu nehmen. Sie waren froh, etwas tun zu können, das sie verstanden. Es war kein besonders großer oder leistungsfähiger Generator, dessen Bestandteile sie in ihrem Marschgepäck mitgeführt hatten; aber das von ihm erzeugte Kraftfeld würde ausreichen, um jedes Loch abzuschirmen, das sie möglicherweise in die stählerne Wand zu sprengen hoffen konnten. Der letzte Infanterist setzte das letzte Einzelteil in den Generator ein und drückte den Aktivierungsschalter. Ein leuchtendes Kraftfeld bildete sich und riegelte das Kontaktteam und einen Teil der Gewölbewand vom Rest der Stadt ab. Sie fanden kaum genug Zeit, sich ein wenig zu entspannen und ein paar ermutigende Blicke zu wechseln, als der Generator plötzlich aussetzte und das Kraftfeld in sich zusammenfiel. Rauch stieg aus dem Apparat, und ein paar mutigere Soldaten wedelten ihn zur Seite, um das Gerät einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Frost und Schwejksam tauschten besorgte Blicke.
»Großartiger Anfang.«
»Könnt Ihr es reparieren?« fragte Schwejksam die Soldaten.
»Es sieht nicht so aus, als wäre etwas defekt«, erwiderte eine leise, gespannte Stimme. »Ich schätze, allein die Nähe zum Gewölbe der Schläfer ist daran schuld. All meine Instrumente spielen plötzlich verrückt. Die Werte ergeben überhaupt keinen Sinn mehr. Den Schild könnt Ihr jedenfalls vergessen, Kapitän. Wir haben keinerlei Möglichkeit, ihn hier unten zum Funktionieren zu bringen.«
»Was ist mit dem Schockfeld? Es benötigt ein gutes Stück weniger Energie.«
Die Marineinfanteristen, die neben dem Generator gestanden hatten, machten plötzlich einen Satz zur Seite. Das solide Gehäuse begann zu schmelzen. Zähe Ströme von Plaststahl flossen wie Wachs davon. Schwejksam blickte wie betäubt auf den Apparat. Das Material besaß einen Schmelzpunkt von weit über tausend Grad Celsius! Jede Wärmeentwicklung, die ausreichte, um es zum Schmelzen zu bringen, hätte mehr als ausreichen müssen, um den gesamten Trupp zu Asche zu verbrennen. Frost machte einen Schritt nach vorn und steckte die Spitze ihres Schwertes in den flüssigen Plaststahl. Die Spitze dampfte, aber sie schmolz nicht.
»Interessant«, sagte sie schließlich.
»Sonst noch etwas, das Ihr zum besten geben wollt?« fragte Schwejksam.
»Im Augenblick nicht«, erwiderte Frost. »Ich muß erst in Ruhe darüber nachdenken.« Sie zog sich zurück. Ihre Stirn war in grübelnde Falten gelegt.
»Macht das«, grollte Schwejksam. Er wandte sich zu den Soldaten um. »Macht die Disruptorkanonen fertig. Stellt sicher, daß Ihr freies Schußfeld für Eure Waffen habt. Jetzt ist es wichtiger als je zuvor, daß nichts und niemand an uns vorbeikommt.«
Die Marineinfanteristen machten sich erneut an die Arbeit und setzten die beiden Kanonen zusammen. Stelmach kam herbei und stellte sich zu Schwejksam.
»Meint Ihr wirklich, sie würden besser funktionieren als der Schildgenerator?«
Schwejksam zuckte die Schultern. »Ich will verdammt sein, wenn ich das wüßte. Aber sie sollten besser funktionieren, sonst haben wir den ganzen Weg umsonst gemacht. Nach den Aufzeichnungen der ersten Kontaktgruppe sind beide Kanonen notwendig, um ein Loch in diese Wand zu schießen.«
»Wir haben keine Ahnung, warum manche Geräte funktionieren und manche nicht«, sagte Frost, die wieder zurückgekommen war. »Alles könnte jederzeit ausfallen. Unsere Waffen, unsere Scheinwerfer…«
Stelmach erschauerte plötzlich. »Stellt Euch nur vor: Hier unten ohne Licht gefangen…«
Frost zuckte die Schultern. »Na und? Es würde mich nicht weiter stören.«
Nein , dachte Schwejksam entschieden. Das kaufe ich ihr nicht ab . Vielleicht ohne Licht , aber selbst ein Investigator muß atmen… »Wir sollten nicht unnötig in Panik verfallen.
Das erste Team hatte seine Schwierigkeiten, aber nicht das Versagen der Technik war schuld am Tod der Leute. Das waren die Schläfer . Und wir haben wenigstens noch unsere Kampf es per und die Wampyre. Ihre Kräfte sind nicht von Technologie abhängig. Wenn wir schon davon sprechen: Esper, hier herüber, zu mir!«
Die Esper kamen zögernd herbei, lustlos und mit gesenkten Köpfen. Schwejksam musterte sie streng. »Ich werde jetzt die ESP-Blocker abschalten. In eurem augenblicklichen Zustand seid ihr zu nichts nutze. Schirmt euch ab, so gut ihr könnt, aber wenn wir diese Wand aufgebrochen haben, dann möchte ich, daß ihr alles, was ihr an Kräften besitzt, auf das richtet, was dahinter zum Vorschein kommt. Habt ihr mich verstanden?«
Die Esper starrten ihn an wie Kinder, die eine Strafe erwarten. Einer von ihnen trat vor und fuhr Schwejksam wütend an.
»Ihr hättet uns niemals hierherbringen dürfen, Kapitän. Wir gehören nicht hierher. Keiner von uns. Das hier ist kein Ort für Menschen. Es gibt keine menschlichen Beschränkungen.
Dort draußen in der Dunkelheit lauern Dinge, die keiner von uns anzusehen wagt. Wenn Ihr uns dazu zwingt, werden wir sterben.«
Читать дальше