»Es ist schon so lange her, Luzius«, erwiderte Hazel bleich.
Ihre Stimme klang fest und entschlossen. »Ich habe mich von dir befreit. Es hat mich unglaublich viel Kraft gekostet, aber ich habe es geschafft. Du bedeutest mir nichts mehr.«
»Du gehörst mir«, erwiderte der Wampyr. »Genau wie all meine anderen Kinder. Komm zurück, Hazel. Nimm mein Blut, und ich lasse dich am Leben.«
»Ich würde eher einen Kakerlaken fressen«, sagte Hazel.
Der Wampyr grinste kalt. »Tötet beide. Aber laßt sie zuerst ein wenig leiden.«
Owen riß den Disruptor hoch und feuerte auf Abbott, doch der Wampyr schien mit der Menge zu verschmelzen. Der Strahl der Waffe fetzte durch eine zerlumpte Gestalt und setzte noch ein paar andere dahinter in Brand. Sie starben lautlos.
Unglaublicherweise rührte sich die Menge überhaupt nicht.
Ihre Hände Hieben ruhig, ihre Augen fest auf Owen und Hazel gerichtet. Der Wampyr trat erneut vor. Er grinste noch breiter.
»Ich hatte mir schon gedacht, daß ich dich dazu bringen könnte, deinen Disruptor abzufeuern, Todtsteltzer. Jetzt ist er nutzlos, bis der Energiekristall sich wieder aufgeladen hat. Ich werde meine Kinder nicht auf dich hetzen, Todtsteltzer. Ich will dich für mich selbst, mein Freund. Nicht, weil auf deinen Kopf ein hohes Lösegeld ausgesetzt ist, nein. Geld bedeutet für jemanden wie mich nichts mehr. Nein, ich will dich schlagen, dich zerbrechen, erniedrigen, verkrüppeln. Ich werde es genießen. Und anschließend werde ich dir von meinem Blut zu trinken geben. Dann gehörst du mir. Mit Leib und Seele.«
Owen steckte den Disruptor ein und fuchtelte mit dem Schwert vor Abbotts Nase. »Ihr redet zuviel, Wampyr. Fangt endlich an!«
Der Wampyr stürzte mit ausgestreckten Armen vor. Er war unglaublich schnell. Owen spannte sich zu einem perfekten Ausfall, mit gestrecktem Schwert, und Abbott wurde von seinem eigenen Schwung in die Klinge getrieben. Sie drang direkt unterhalb seines Herzens ein und trat auf seinem Rücken in einem Schwall schwarzen, zähen Blutes wieder aus. Abbott grunzte nur und drang weiter auf Owen ein. Er preßte seinen Körper gegen die immer weiter eindringende Klinge, um Owen zu packen. Der Todtsteltzer drehte sich in einer eleganten Pirouette auf einem Fuß, riß den anderen hoch und trat mit aller Kraft in Abbotts Unterleib, wodurch er sein Schwert frei bekam. Er wich zurück und beobachtete ungläubig, wie sich die Wunde in der Brust des Wampyrs in Sekundenschnelle wieder schloß.
Richtig , dachte er. Schnell , stark , selbstregenerierend . Ich frage mich , was der Kerl mir sonst noch so alles verheimlicht hat…
Owen erwischte Abbott an der Kehle, aber der Wampyr schlug die Klinge mit der bloßen Hand beiseite. Owen wich erneut zurück, und Abbott setzte nach. Plötzlich war Hazel hinter dem Wampyr und richtete ihren Disruptor auf ihn. Ein Dutzend Gestalten aus der Menge warf sich auf sie und riß ihr die Waffe aus den Händen. Hazel wurde zu Boden geworfen und festgehalten, obwohl sie sich mit aller Kraft wehrte. Owen verzog grimmig das Gesicht und murmelte sein Schlüsselwort.
Er hatte den Zorn in letzter Zeit viel zu häufig eingesetzt und haßte den Gedanken an die langfristigen Auswirkungen, aber ihm blieb gar keine andere Wahl. Die Welt schien sich zu verlangsamen, als der Zorn zu wirken begann und seinen Kreislauf zum Rasen brachte. Owen gewann kostbare Zeit zum Nachdenken. Der Wampyr war unglaublich schnell, aber das war Owen jetzt auch. Wenn es ihm nur gelang, die Verteidigung seines Gegners zu durchbrechen… ein einziger gutgezielter Schlag würde ausreichen, um ihn zu köpfen. Davon mußt du dich erst mal erholen , du verdammter Bastard.
Er tänzelte um den Wampyr, stieß und schnitt und vergoß schwarzes Blut, nur um zu sehen, wie Abbotts Wunden immer wieder innerhalb von Sekunden verheilten. Der Wampyr verfolgte ihn mit ausgestreckten Händen und Mord im Blick. Die beiden bewegten sich zu schnell, um ihnen mit bloßem Auge folgen zu können. Owen stieß und trat und schlug zu, wo sich nur eine Gelegenheit bot, zielte immer auf den Hals seines Gegners; trotzdem kamen Abbotts ausgestreckte Hände stetig näher. Owen leckte seine trockenen Lippen und schnappte nach Luft. Der Zorn verhalf auch seinem Körper zu einer gewissen Selbstheilung, aber Owen bezweifelte, daß es ausreichen würde, um mit dem fertig zu werden, was Abbott vorhatte.
Und dann bewegte er sich ein einziges Mal nicht schnell genug, sah zu spät voraus, was sein Gegner vorhatte, und Abbotts Hand schloß sich wie ein Schraubstock um Owens Handgelenk. Alles Gefühl wich aus Owens Fingern, und das Schwert entglitt seinem tauben Griff. Abbott lachte siegessicher. Owen griff mit seiner freien Hand zum Stiefelschaft, zog einen Dolch hervor und rammte ihn zwischen die Rippen des Wampyrs. Einen Augenblick strömte schwarzes Blut hervor, dann versiegte es wieder. Der Wampyr grinste nur und schleuderte Owen weit von sich. Die Menge wich vor dem strauchelnden Todtsteltzer zurück, und er prallte heftig auf den festgetrampelten Schnee. Die Luft wich aus Owens Lungen. Langsam rollte er sich herum und unterdrückte ein Stöhnen. Seine Hand war völlig taub. Abbott stapfte ohne Eile heran. Der Wampyr grinste noch immer. Der Dolchgriff ragte vergessen zwischen seinen Rippen hervor.
Owen kam unsicher hoch und stützte sich auf ein Knie. Er verharrte einen Augenblick und versuchte wieder zu Atem zu kommen, als seine gesunde Hand einen harten Gegenstand im Schnee ertastete. Sein Herzschlag setzte für einen Augenblick aus, als er erkannte, was es war: Hazels Disruptor! Endlich lächelte das Glück auch ihm einmal zu. Er hatte eine zweite Chance. Abbott ragte drohend über ihm auf und packte Owen mit beiden Händen am Kragen. Er hob ihn mühelos hoch, und Owens Füße strampelten hilflos in der Luft.
»Es ist vorbei, kleiner Mann«, knurrte Abbott.
»Darauf könnt Ihr Euren Arsch verwetten«, knurrte Owen.
Und hob die Hand mit Hazels Waffe, stieß sie in Abbotts verblüfft aufgerissenen Mund und drückte ab. Der Energiestrahl ließ den Kopf des Wampyrs zerplatzen wie einen überreifen Kürbis, und schwarzes Blut und graue Fetzen von Gehirn spritzten durch die Luft. Abbotts Griff löste sich langsam, und der Todtsteltzer fiel auf den blutbesudelten Schnee. Er stolperte auf die Beine, schob Hazels Disruptor in den Gürtel und tastete mit der gesunden Hand nach seinem Schwert. Die andere schlug er verzweifelt gegen den Oberschenkel, damit das Gefühl wieder zurückkehrte. Dann endlich fiel Abbotts Körper zusammen und lag still.
Die Zuschauermenge stürzte vor und fiel über den Leichnam her wie Ratten über einen Kadaver. Sie zerrissen die Kleider des toten Wampyrs, schnitten große Stücke Fleisch aus ihm und saugten daran wie Blutegel. Ihre Münder bearbeiteten gierig das blasse Fleisch. Andere kämpften miteinander um das Blut, das noch immer aus der großen Wunde an Abbotts Hals strömte. Owen stolperte zu Hazel hinüber, die wieder auf die Beine gekommen war und verwirrt den Kopf schüttelte. Als er sich näherte, blickte sie alarmiert zu ihm auf.
Dann erkannte sie ihn, entspannte sich ein wenig und ließ den Blick über die blutrünstige Menge schweifen.
»Ich schätze, wir sollten wirklich machen, daß wir von hier verschwinden, Hazel«, sagte Owen. Er streckte seine verletzte Hand und verzog das Gesicht, als tausend Nadeln in seinen Fingern zu stechen begannen. Dann gab er Hazel den Disruptor zurück. Sie nickte und blickte sich um.
»Ich bekomme allmählich das Gefühl, daß es nicht so einfach wird, Todtsteltzer.«
Owen folgte ihrem Blick und erstarrte. Der Mob hatte den Leichnam des Wampyrs vergessen und formierte sich erneut um die beiden. Auf den meisten Gesichtern waren Flecken schwarzen Blutes zu sehen. Alle Augen waren auf Hazel und Owen gerichtet. Zunehmende Spannung erfüllte die Luft, und die Gesichter der Plasmakinder füllten sich nach und nach mit dumpfem Haß. Ihr Herr und Meister, ihr Gott war tot. Es würde kein wundervolles Blut mehr geben, durch das sie sich selbst zeitweilig wie Götter gefühlt hatten. Owen warf einen gehetzten Blick über die Menge, aber die Chancen standen überall gleich schlecht, egal wohin er sah. Der Mob näherte sich von allen Seiten zugleich.
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