»Langeweile kann manchmal auch ihre guten Seiten haben, wißt Ihr?« sagte Owen. »Was habt Ihr über Ruby Reise herausgefunden?«
Hazel zog ein mürrisches Gesicht. »Ruby hat nur kurze Zeit hier gearbeitet, dann hat man sie wegen übermäßiger Gewalttätigkeit wieder rausgeworfen. Was für eine Kneipe wie diese hier schon eine Menge heißen will. Sie haben keine Ahnung, wo Ruby jetzt steckt.«
»Bedeutet das, daß wir endlich von hier verschwinden können?« fragte Owen hoffnungsvoll.
»Du magst den Laden wirklich nicht, wie?« erwiderte Hazel grinsend. »Gewöhnst du dich nicht allmählich an das Ambiente?«
»Wenn ich mich je daran gewöhne, will ich tot umfallen«, sagte Owen mit Bestimmtheit. »Außerdem werde ich allein schon von dem Zeug krank, das hier in der Luft schwebt. Ich hatte schon Pickel am Hintern, die angenehmer waren…«
Hazel deutete auf eine der Damen am Ende der Theke.
»Sieht so aus, als gefällst du ihr.«
»Lieber gehe ich in ein Kloster.«
Und genau in diesem Augenblick brach eine wüste Schlägerei los. Owen konnte nicht sehen, wer angefangen hatte oder was es für einen Grund gab, aber ganz plötzlich schien jeder in der Kneipe mit Schwertern, Messern, abgeschlagenen Flaschen oder Stuhlbeinen gegen jeden zu kämpfen. Der Krach war nicht zum Aushalten. Schlachtrufe, Schreie und Flüche erfüllten die Luft. Blut spritzte in alle Richtungen, und wer fiel, wurde von den anderen totgetrampelt. Owen zog das Schwert und wich bis zur Theke zurück. Diskretion war in der Regel besser als Tapferkeit, einer der wenigen Leitsätze, die er von seinen Lehrern gelernt hatte. Oder, mit anderen Worten: Nur ein Idiot läßt sich in die Auseinandersetzungen anderer hineinziehen . Er blickte zu Hazel und zuckte zusammen.
Sie grinste breit beim Anblick des Chaos’ und schien die Szene aus vollen Zügen zu genießen. Sie sah aus, als wolle sie sich jeden Augenblick in den Kampf werfen und mitmachen.
Owen packte sie am Arm, aber erst als er ihr ins Ohr schrie und sie in Richtung des Ausgangs schob, erlangte er ihre Aufmerksamkeit. Hazel nickte enttäuscht, und Rücken an Rücken bewegten sie sich mit gezückten Schwertern zur Tür.
Ein paar verwegene Individuen versuchten sie am Weggehen zu hindern, aber als sie die offensichtliche Kompetenz bemerkten, mit der Owen und Hazel ihre Waffen schwangen, zogen sie es vor, lieber wieder bei der allgemeinen Schlägerei mitzumachen. Die beiden erreichten unangefochten die Tür und stolperten über den bewußtlosen Türsteher nach draußen in die Gasse. Hier draußen schien alles sehr ruhig und friedlich zu sein, obwohl der Krach aus der Kneipe ununterbrochen weiter dröhnte. Owen beruhigte sich nach und nach und steckte sein Schwert weg.
»So weit, so gut. Laßt uns von hier verschwinden, bevor das Gesetz eintrifft.«
»Das Gesetz? Machst du Witze, Todtsteltzer? Nur Grünschnäbel lassen sich hier blicken. Die Wachen ziehen es vor, dieses Viertel zu meiden, wenn nicht gerade ein Aufstand ausbricht.«
»Und das hier ist natürlich keiner?«
»Wohl kaum, Todtsteltzer. Ein paar Hitzköpfe, das ist alles.
Es ist genauso schnell wieder vorbei, wie es angefangen hat.
Du mußt lernen, die Dinge gelassener anzugehen, Owen Todtsteltzer. Nebelhafen ist nicht so schlecht, wie du denkst.
Es tendiert halt ein wenig zum Theatralischen.«
Das zugenagelte Fenster neben ihnen schien plötzlich nach außen zu explodieren, und eine Gestalt kam hindurchgeflogen. Owen und Hazel wichen instinktiv zurück, gerade rechtzeitig, um einem zweiten Flieger auszuweichen. Der zweite flog nicht ganz so schnell wie der erste und krachte in eine Schneewehe kurz hinter dem zerbrochenen Fenster. Stöhnend taumelte er auf die Beine, schwankte einen Augenblick unsicher und näherte sich dann vorsichtig dem Fenster.
»Ich möchte mich entschuldigen.«
»Wofür?« erklang eine fragende Stimme aus dem Innern.
»Für alles.«
Dann setzte er sich in Bewegung und ging langsam und vorsichtig die Gasse hinunter, als wäre er nicht ganz sicher, daß alles fest und heil und da war, wo es sein sollte. Owen und Hazel grinsten sich an und setzten sich ebenfalls in Bewegung. Oben auf einem schrägen Dach, von dem aus man den Tollwütigen Wolf im Auge hatte, beobachtete Katze mit einem Gefühl der Erleichterung, wie die beiden endlich gingen.
Er hatte sich leichte Sorgen gemacht, als sie die Spelunke tatsächlich betreten hatten, und größere Sorgen, als die Schlägerei ausgebrochen war – er hatte nämlich nicht die Absicht, in diesen Laden zu gehen, ganz egal, was den beiden dort drinnen zustoßen mochte. Es gab schließlich Grenzen.
Im letzen Augenblick bemerkte er aus den Augenwinkeln im tiefen Schatten unten auf der Straße eine Bewegung, und sein Instinkt ließ in zur Seite springen, als ein Disruptor sich entlud und das Dach an der Stelle explodierte, an der er noch einen Sekundenbruchteil zuvor gekauert hatte. Doch auch so war die Wucht der Explosion stark genug, um ihn umzuwerfen. Mit rudernden Armen und Beinen rutschte er über das Dach nach unten, und dann war da plötzlich nur noch Luft. Er fiel mehr als zehn Meter tief und landete in einer hohen Schneewehe, wo er reglos liegenblieb. Luzius Abbott, der Wampyr, grinste und senkte den Disruptor. Er hatte Katze nie gemocht. Langsam setzte er sich die Straße hinunter in Bewegung, hinter Hazel und Owen her. Noch immer grinsend, noch immer mit der Waffe in der Hand.
An der Kreuzung der unbeleuchteten Gasse mit der Hauptstraße blieben Hazel und Owen wie angewurzelt stehen, als sie das unverwechselbare Geräusch einer feuernden Energiewaffe vernahmen. Sofort stellten sie sich wieder Rücken an Rücken und nahmen ihre Verteidigungspositionen ein. Owen versuchte, gleichzeitig in alle Richtungen zu blicken, aber wohin er auch sah, überall gab es weit mehr Schatten als Licht. Hazel hatte ihm erzählt, daß Energiewaffen auf Nebelwelt sehr selten waren, und er hatte aufgehört, sich auf dieser offensichtlich primitiven Welt deswegen Gedanken zu machen. Jetzt fühlte er sich nackt und verletzlich, und er wußte noch nicht einmal, aus welcher Richtung der Schuß gekommen war. Er hatte zwar seine eigene Pistole und sein Schwert gezückt, aber damit konnte er höchstens angreifen, nicht sich verteidigen. Ein Disruptorstrahl würde ihn zerreißen, ohne auch nur in seiner Intensität nachzulassen. Er wußte plötzlich, daß er besser einen Schutzschild hätte mitnehmen sollen.
Trotz der Kälte bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn.
Und dann kamen sie. Die Schatten schienen lebendig zu werden. Aus jeder Richtung zugleich, aus allen Ecken und Seitengassen. Eine kleine Armee von Männern und Frauen. Sie waren mit schmierigen, schlechtsitzenden Fellen bekleidet, und jeder trug etwas bei sich, das er als Waffe benutzen konnte. Sie bewegten sich mit langsamer Unerbittlichkeit voran und bildeten einen Kreis um ihre beiden Opfer. Owen leckte über seine trockenen Lippen. Es waren mindestens hundert, vielleicht sogar mehr. Dann löste sich ein großer Schatten aus der Menge, und Luzius Abbott trat vor. Er hielt einen Disruptor in der Hand. Owens Mut sank noch weiter, und der Wampyr grinste. Seine Zähne sahen groß und wirklich beunruhigend scharf aus.
»Du hast doch nicht gedacht, daß es so einfach werden würde, oder vielleicht doch, Todtsteltzer? Hast du wirklich gemeint, du könntest mich einfach zur Seite fegen und mich dann vergessen? Es braucht mehr als nur einen lächerlichen Schlag, um mich außer Gefecht zu setzen. Du darfst eines nicht vergessen: Ich bin ein Wampyr. Ich bin nicht länger menschlich. Nicht mehr, seit sie mich sterben ließen und wiedererweckten. Wie gefallen dir meine Freunde? Alles Plasmakinder. Blutsüchtige. Blutsbrüder und -Schwestern, die mir treu folgen. Unsere Bande sind stärker als die von Familien oder Liebe, Leben oder Tod. Du hast ihm nie die ganze Geschichte erzählt, Hazel, oder? Was es wirklich bedeutet, ein Plasmakind zu sein? Ich habe nicht nur ihr Blut getrunken, Todtsteltzer. Sie hat auch das meine getrunken, immer nur ein paar Tropfen, aber schon so wenig meines künstlichen Blutes bewirkt eine ganze Menge. Ich benötige menschliches Blut und verwandle es in etwas anderes. Sie sagen, es sei die wirkungsvollste Droge, die es überhaupt gibt. Sie erleben einen so intensiven Rausch, als würden sie zugleich leben und tot sein. Stimmt das etwa nicht, Hazel? Hast du es ihm erzählt?«
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