Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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Hazel starrte ihn verblüfft an. »Du hast einen eingebauten Kompaß? Ich hatte keine Ahnung, daß ich die ganze Zeit mit einem Hadenmann durch die Gegend gelaufen bin. Was hast du sonst noch alles an Überraschungen in dir eingebaut, von denen ich nichts weiß?«

»Das geht Euch gar nichts an, und wechselt gefälligst nicht das Thema! Wohin gehen wir?«

»Ich muß vorher noch was erledigen«, wich Hazel aus.

»Nur für den Fall, daß die Ohnesorg-Sache sich nicht nach Plan entwickelt. Ich fühle mich sicherer, wenn wir Rückendeckung haben. Ruby Reise war eine brandgefährliche Kopfgeldjägerin, aber sie schuldet mir einige ziemlich große Gefälligkeiten. Wenn überhaupt jemand weiß, wo er uns verstecken und wie er uns beschützen kann, dann sie. Unglücklicherweise haben wir sie bisher an keinem der üblichen Orte gefunden, was nur noch eine einzige Möglichkeit offenläßt. Alle Kopfgeldjäger auf Nebelwelt benötigen eine Lizenz, nach dem Motto: Wenn du es nicht kontrollieren kannst, dann erhebe Steuern darauf. Die Behörde, die diese Lizenzen vergibt, befindet sich ein Stück weit die Straße hinunter, durch die wir im Augenblick gehen, und dann um die Ecke. Außer, wenn sie wieder umgezogen sind. Die Leute sind nicht davon abzubringen, die Behörde immer wieder in Brand zu stecken.

Scheint irgendwie ums Prinzip zu gehen.«

Während Hazel die Straße hinunter und dann ein Stück weit um die Ecke vorausging, dachte Owen über ihre Worte nach.

Er war sich ziemlich sicher, daß ihnen jemand folgte, aber bisher hatte dieser jemand seinen Zug noch nicht gemacht.

Beinahe wünschte er sich, daß endlich etwas geschehen würde, damit er wenigstens reagieren könnte. Die dauernde Anspannung verursachte allmählich Schmerzen zwischen seinen Schulterblättern. Owen wußte nicht genau, wie viele von ihnen da draußen waren. Er sah oder hörte sie immer beinahe , nur wenn er dann erneut hinblickte… war niemand mehr da.

Owen geriet ernsthaft in Versuchung, herumzuwirbeln und, so laut er konnte, ›Buuuh!!!‹ zu rufen, nur um zu sehen, wer wo in Deckung sprang, als Hazel unvermittelt anhielt. Owen blieb neben ihr stehen und betrachtete nachdenklich die umliegenden Gebäude. Er hatte schon Schlimmeres gesehen, und das meiste davon hier in Nebelhafen.

Das neue Gebäude war definitiv luxuriöser als die Bäckerei

– nicht, daß das besonders schwierig gewesen wäre. Anscheinend blühte das Kopfgeldjägergeschäft in Nebelhafen . Es war ein großes Gebäude mit verschnörkelten Dekorationen und Stuck. Ein steter Strom von Menschen ging ein und aus. Hazel stapfte durch die geöffnete breite Doppeltür, als wäre das Haus ihr eigenes, und Owen beeilte sich, ihr zu folgen. Sie gingen beinahe unter in dem vollständigen Chaos, das die große Eingangshalle von einer Wand bis zur anderen ausfüllte. Überall, wo Owen hinblickte, standen Schalter und Schreibtische, die unter Stapeln von Akten zusammenzubrechen drohten. Menschen rannten zwischen den Tischen hin und her, als würde ihr Leben davon abhängen. Aber das hier ist schließlich Nebelhafen , dachte Owen. Vielleicht hängt ihr Leben tatsächlich davon ab . Eine große, buntgewürfelte Menschenmenge füllte den restlichen Raum aus. Sie brüllten die Leute hinter den Schreibtischen und sich gegenseitig sowohl laut als auch hartnäckig an. Die Wände waren übersät mit Steckbriefen, und oben an der Decke hatte jemand eine Reihe von detaillierten Gemälden des menschlichen Körpers geschaffen – und die Punkte hell hervorgehoben, wo großkalibrige Waffen die beste Wirkung erzielten.

Der Lärm war ohrenbetäubend, die Luft heiß und stickig und der Gestank beinahe unerträglich. Hazel schob sich unter freizügigem Gebrauch von Fäusten und Ellbogen mitten durch das dichteste Gewühl. Anscheinend war ihr Benehmen gängige Praxis oder zumindest gängig genug, daß nur ganz wenige Leute nach ihren Schwertern griffen – freilich zu spät, denn da waren sie und O wen schon wieder im Gedränge verschwunden. Owen hielt sich immer dichter hinter seiner Gefährtin, murmelte höfliche Entschuldigungen, die keiner hörte, und blitzte diejenigen an, die ihre Waffen nicht schnell genug wieder losgelassen hatten. Es war ein sehr wirkungsvolles Blitzen, und Owen hatte seit seiner Ankunft auf Nebelwelt massenweise Gelegenheiten gehabt, diesen Blick zu vervollkommnen. Ein sorgfältig ausbalanciertes Gemisch aus mühsam bezähmter Wut und drohender Gewalt mit einer unterschwelligen Note von purem Wahnsinn. Als er die Menge zur Hälfte durchquert hatte, begannen die Leute vor ihm bereits freiwillig zurückzuweichen.

Vor einem Schreibtisch auf der Rückseite des Raums kam er neben Hazel zum Stehen. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei Ablagekörbe. Auf einem stand ›Eingegangen‹, auf dem anderen ›Dringend‹. Zwischen den beiden Körben stapelte sich Papier. Das meiste davon sah nach billiger Recyclingware aus, und Owen bemerkte fasziniert, daß fast alle Texte handgeschrieben waren. In den Kreisen, in denen er früher verkehrt hatte, fanden sich nur ganz selten handgeschriebene Briefe. Üblicherweise schrieben nur Liebespaare oder Spione mit der Hand.

Der Mann hinter dem Schreibtisch war eine kleine, eifrige Gestalt mit permanent verdrießlichem Blick. Er war lässig oder eher nachlässig gekleidet, und sein dickes schwarzes Haar stand wirr in alle Richtungen ab, obwohl er dauernd glättend mit der Hand über seinen Kopf fuhr. Hazel setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf, und der Schalterbeamte starrte mit einer Mischung aus Verzweiflung und drohendem Schlaganfall zurück. Sie öffnete den Mund, um zu reden, aber er fuhr ihr mit einer lauten, durchdringenden Stimme dazwischen, die keinerlei Mühe hatte, den allgemeinen Lärm zu durchdringen.

»Ich weiß es nicht! Was auch immer es ist, ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal! Ich sitze bis zum Hals in Papierkram und versinke bald darin. Verschwinde! Kommt nächste Woche wieder. Oder nächsten Monat. Am besten gar nicht. Was steht Ihr noch hier herum?«

»Ich brauche einen Namen, sonst nichts«, sagte Hazel.

»Das sagt jeder«, schnappte der Beamte zurück. »Habt Ihr eine Vorstellung, wieviel Arbeit es macht, auch nur einen einzigen Namen herauszusuchen? Nein, natürlich habt Ihr keine Ahnung. Und es ist Euch auch vollkommen egal, oder?

Niemand schert sich darum«, endete er wehmütig. »Niemand weiß zu schätzen, was wir hier leisten. Die Frühstückspause ist der reinste Witz, es gibt nur eine einzige Toilette, und das Gehalt ist jämmerlich. Wenn es nicht die Pension gäbe, dann hätte ich schon längst gekündigt. Und die sich immer wieder bietenden Gelegenheiten, den Leuten das Leben schwerzumachen. Ich sehe meine Arbeit als eine Art Rache an der gleichgültigen Gesellschaft. Entweder ich arbeite hier, oder ich zünde auf öffentlichen Plätzen Bomben. Aber Bomben sind ziemlich teuer, also sitze ich hier. Ihr seid ja immer noch da!«

»Und warum sitzt du hier?« fragte Hazel. »Kannst du dir deinen Existentialismus nicht für später aufheben? Such mir einfach nur einen Namen und eine dazu passende Adresse heraus, und wir gehen und lassen dich in Frieden. Meinst du nicht, das wäre für uns alle das beste? Und nicht nur das – wenn du uns hilfst, dann verspreche ich dir in die Hand, daß ich meinen Begleiter hier daran hindern werde, all die Papiere auf deinem Schreibtisch in die vier Ecken dieses Büros zu verstreuen.«

Der Beamte legte schützend die Hände über den nächstgelegenen Stapel. »Das haben wir gern. Bedroht mich nur. Feindet mich nur ruhig an. Wer bin ich denn schon? Ein kleiner Schalterbeamter, nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe.

Ich glaube, ich kriege wieder einen meiner Anfälle!«

»Was hältst du davon, wenn wir dir einen kleinen Bonus anbieten?« fragte Hazel.

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