»Ich bin Chance. Ich bin der Inhaber von Abraxus. Seht Euch ruhig schon mal um, ich bin in einer Minute wieder für Euch da.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, verschwand er im hinteren Bereich des Zimmers. Owen brannten einige Fragen auf der Zunge, aber als er den ersten Blick in das Zimmer und auf die Leute warf, die das Informationszentrum betrieben, vergaß er sie wieder. Es gab keine Lektronen oder Komm-Einrichtungen, keine Boten und keine Techniker. Statt dessen standen an den Wänden des schmalen Raums zwei Reihen klappriger Kojen, dicht an dicht, die in der Mitte nur noch einen schmalen Gang freiließen. Auf den Kojen lagen schlafende Kinder. Sie alle hatten Infusionsnadeln in den Armen, obwohl ihre knochigen Gesichtszüge und skelettartigen Gestalten vermuten ließen, daß sie nicht besonders viel Nahrung aus den Infusionen bezogen. Unter den Decken, in die die Kinder eingewickelt lagen, ragten Katheter hervor und mündeten in dreckigen Flaschen auf dem Fußboden. Wie lange mögen diese unglücklichen Kreaturen bereits so hier liegen? , dachte Owen und näherte sich zögernd, um einen genaueren Blick auf eines der Kinder zu werfen. Hazel blieb dicht an seiner Seite.
Die Kinder schienen alle zwischen vier oder fünf bis allerhöchstens zehn Jahre alt zu sein. Sie wanden sich und stöhnten in ihrem Schlaf oder Koma. Ihre Gesichter schienen irgendwie konzentriert, aufmerksam, und unter den geschlossenen Lidern konnte man sehen, wie die Augen sich bewegten.
Einige Kinder murmelten leise vor sich hin. Zwei Frauen im mittleren Alter, die eher wie Putzfrauen als wie Krankenschwestern aussahen, bewegten sich ohne besondere Eile zwischen den Bettenreihen hindurch, überprüften Katheter und Infusionsnadeln, füllten die Infusionsflaschen auf oder leerten sie, wo es notwendig war; ansonsten beachteten sie die Kinder überhaupt nicht. Einige waren mit dicken Lederriemen an ihre Betten gefesselt.
Owen fühlte sich elend, und in ihm brannte eine rasch zunehmende Wut. Er verstand nicht, was hier vor sich ging, aber er mußte es auch nicht verstehen, um es zu hassen. Kein Mensch hatte das Recht, Kinder so grausam zu behandeln.
Mit einem rauhen, rasselnden Geräusch sprang das Schwert wie von alleine in seine Hand, und mit Mord in den Augen setzte er sich durch den schmalen Gang in Bewegung. Chance war am anderen Ende des Raums damit beschäftigt, einen Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch zu durchwühlen. Er blickte nicht auf, als Owen auf ihn zustapfte. Plötzlich ergriff Hazel seinen Schwertarm und hielt ihn fest.
»Warte, Owen! Du verstehst das nicht!«
»Ich verstehe, daß diese Kinder in einer schrecklichen Hölle leben!«
»Ja, vielleicht hast du recht. Aber dahinter steckt ein Sinn.
Ich habe so etwas schon früher gesehen.«
Owen hob sein Schwert und senkte es zögernd wieder. »Also gut. Erklärt es mir.«
»Chance kann das bestimmt viel besser. Bleib hier stehen.
Ich hole ihn. Versprich mir, daß du nichts unternimmst, bevor du nicht die ganze Geschichte gehört hast.«
»Keine Versprechungen«, erwiderte Owen. »Holt Chance.
Und sagt ihm lieber gleich, daß ich ihm an Ort und Stelle den Schädel abschlagen werde, wenn mir seine Antworten nicht gefallen.«
Hazel klopfte ihm beruhigend auf den Arm, als wolle sie einen unartigen Hund besänftigen, und eilte durch den Mittelgang zu Chance. Owens Hand umklammerte noch immer
wütend und frustriert den Griff seines Schwertes. Er hatte noch nie zuvor etwas wie das hier gesehen, selbst in den schlimmsten Höllenlöchern des Imperiums nicht, und er wollte verdammt sein, wenn er diesem Treiben nicht unverzüglich Einhalt gebot. Langsam wanderte er den Gang hinunter und blickte von einer Gestalt zur anderen. Er sah nichts als Verzweiflung in den hageren Gesichtern. Ein junger Bursche bewegte sich unruhig unter den Lederfesseln, die ihn ans Bett banden, und murmelte grimmig vor sich hin. Owen beugte sich vor, um der leisen, hauchigen Stimme zu lauschen.
»Mutige Bemerkungen trotz schreiender Schocks… die bleichen Harlekine sind wieder unterwegs… Liebling hat seine Schuhe verloren… Mönche tanzen behutsam um den Sommerstein…«
Owen richtete sich wieder auf. Er war verwirrt. Es war ganz eindeutig Unsinn, was der Junge von sich gab, aber Owen hatte das merkwürdige Gefühl, daß alles einen Sinn ergeben würde, wenn er nur lange genug zuhörte. Er hob den Blick und sah, wie Hazel zusammen mit Chance zurückkehrte. Unwillkürlich hob er seine Waffe ein wenig. Die beiden blieben in respektvoller Entfernung vor Owen stehen, obwohl Hazel vom Anblick seiner Waffe stärker beeindruckt zu sein schien als Chance. Owen lächelte den großen Mann kalt an. Es spielte keine Rolle, wie groß oder stark er sein mochte oder was er zu seiner Entschuldigung sagen würde. Jemand mußte für das Verbrechen bezahlen, das an den Kindern begangen worden war.
»Die Ledergurte dienen ihrem eigenen Schutz«, erklärte Chance. Seine Stimme klang flach und unbeeindruckt. »Die Kinder sind Esper, aber sie kommen nicht immer mit dem klar, was ihr Bewußtsein ihnen enthüllt. Einer der Jungen hat sich die Augen ausgekratzt, um nicht mehr sehen zu müssen.
Deshalb gehe ich keinerlei Risiko mit ihnen ein. All diese Kinder sind auf die eine oder andere Weise zurückgeblieben.
Idioten, die die Gaben grenzenloser Erinnerungen und weitreichender Telepathie besitzen. Ihr Bewußtsein streift frei und losgelöst durch die Stadt, während ihre Körper hier ruhen. Sie fischen in den Gedanken der Einwohner und picken die Klumpen an Informationen heraus, die ich benötige.
Ihre Familien verkaufen sie an mich, wenn sie nicht länger imstande sind, für ihre Kinder zu sorgen, und ich lasse sie für mich arbeiten. Auf Nebelwelt gibt es keinen Platz für die, die schwach sind oder behindert. Wären die Kinder keine Esper und damit möglicherweise nützlich, hätte man sie einfach in der Kälte ausgesetzt und sterben lassen. Aber so kümmere ich mich um sie, und sie kümmern sich um mich. Nur wenige halten längere Zeit durch. Wenn sie zu mir kommen, haben sie bereits ein hartes, brutales Leben hinter sich. Zum Glück gibt es immer genug Nachschub, um die zu ersetzen, die ausbrennen und sterben. Seht mich nicht so an, Todtsteltzer! Ich sorge für die Kinder, solange sie bei mir sind. Was davor mit ihnen geschehen ist und was danach kommt, liegt außerhalb meines Einflusses.
Vielleicht können wir jetzt zum geschäftlichen Teil kommen. Meine Kinder haben mir berichtet, daß Ihr kommen würdet, und sie haben mir auch den Grund verraten. Ihr habt nicht viel Zeit. Wenn meine Esper schon von Eurem Kommen wissen, dann könnt Ihr Gift darauf nehmen, daß auch andere Bescheid wissen. In Nebelhafen gibt es keine verdammte Privatsphäre. Das ist die Strafe dafür, daß man in einer Stadt voller Telepathen mit lockerem Mundwerk lebt. Natürlich habe ich keinerlei Grund, mich deswegen zu beschweren – wie Ihr Euch sicher denken könnt. Immerhin lebe ich davon, und das gar nicht schlecht. Macht Euch keine Gedanken wegen meiner Bezahlung. Der vorherige Lord Todtsteltzer hat ein Guthaben bei uns. Er hinterließ mir Anweisungen für den Fall, daß Ihr Euch jemals hier blicken lassen und um Hilfe nachsuchen würdet. Ich soll Euch bei Eurer Suche nach Jakob Ohnesorg behilflich sein und Euch zu ihm führen. Wollt Ihr Euch für den Rest des Tages an Eurem Schwert festhalten, Todtsteltzer? Oder werdet Ihr uns erlauben, daß wir Euch helfen?«
»Ich denke noch darüber nach«, entgegnete Owen schroff.
»Wie erklärt sich Eure Verbindung zu meinem Vater?«
»Er hat Abraxus erst ermöglicht. Es war meine Idee, aber sein Geld. Er sah die Vorteile einer solchen Einrichtung. Für das von ihm zur Verfügung gestellte Geld mußte ich nur alle Informationen, die meine Kinder ans Licht brachten, an ihn weiterleiten. Euer Vater war ein weit vorausschauender Mann, Todtsteltzer, und immer bereit zu einem Experiment.«
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