Das Resultat war ein lebender Toter. Wampyre spürten keinen Schmerz. Sie spürten auch keine Freude. Sie spürten überhaupt nichts. Ihr einziges Vergnügen war der Kampf, und der einzige Nervenkitzel das beschränkte Vergnügen mentaler Befriedigung. Sie labten sich an den Qualen anderer, grausam wie Killerkatzen und genauso geduldig und tödlich. Sie aßen oder tranken nicht, doch ihr künstliches Blut mußte durch regelmäßige Zufuhr menschlichen Blutes regeneriert und revitalisiert werden. Meist tranken die Wampyre es einfach, weil sie den Effekt auf eventuelle Beobachter genossen.
Sie bildeten exzellente Stoßtruppen mit einem übertriebenen Hang zur Gründlichkeit, und sie waren nur schwer wieder zurückzurufen. Am Ende erwiesen sie sich als schlicht zu teuer für eine Massenproduktion, und zögernd wurde das Projekt wieder eingestellt. Die verbliebenen Wampyre brauchten den Kampf genauso wie das Blut, und so verstreuten sie sich auf der Suche nach organisiertem Tod und Zerstörung durch das gesamte Reich. Sie waren unbeliebt, wurden aber häufig eingesetzt, und so wuchs ihr Ruf: Die untoten Soldaten, die ihren eigenen Tod genauso begierig suchten wie den ihrer Gegner.
Owen vermutete, daß es unausweichlich war, auf Nebelwelt Wampyren zu begegnen. Aller Abschaum fand sich hier ein.
Das Exemplar, das sich vor Hazel aufgebaut hatte, war beinahe zweieinhalb Meter groß. Geschmeidig und muskulös wie eine Raubkatze, ging von ihm eine beinahe spürbare Bedrohung aus. Die Haut des Wampyrs war vollkommen farblos, und Owen wußte, daß sie sich eiskalt anfühlte. Das Gesicht war lang und kantig, flach mit hochstehenden Wangenknochen, und die Augen blickten starr und düster. Ein Lächeln zog die bleichen Lippen auseinander, aber es spiegelte sich nicht in den kalten Augen. Der Wampyr stand dort wie ein Kämpfer im Ring, der auf den Gong wartete. Im Augenblick war sein Blick auf Hazel fixiert, und Owen war froh, daß es so blieb. Der Wampyr weckte die tiefverborgenen Urängste in jedem, den er anstarrte. Owen beobachtete Hazel, um zu sehen, wie sie die Provokation aufnahm, und zu seiner Überraschung schien sie mehr ärgerlich zu sein als alles andere.
»Hazel d’Ark«, sagte die Kreatur schließlich mit einer Stimme so kalt und leblos wie ein Grab. »Du bist zu mir zurückgekommen!«
»Luzius Abbott«, erwiderte Hazel mit Abscheu in der Stimme. »Du stehst an oberster Stelle auf der Liste der Leute, die mich am Arsch lecken können. Warum hast du nicht genügend Taktgefühl besessen und bist vor langer Zeit gestorben?«
»Bin ich«, erwiderte Abbott. »Aber sie haben mich wiederbelebt. Und jetzt lebe ich durch Leute wie dich weiter. Du hättest nicht weglaufen dürfen, Hazel. Du gehörst mir, und so wird es immer bleiben. Dein Blut ist durch meine Adern geflossen.«
Owen schob sich neben Hazel. »Wovon redet er?«
Abbotts Grinsen wurde breiter. »Hast du es ihm nicht erzählt, Hazel? Hast du ihm verschwiegen, daß du ein Plasmakind warst?«
Plasmakind . Ein Frösteln durchfuhr Owen, und er mußte sich anstrengen, nicht zu erschauern. Er kannte das Wort. Das waren die, die Wampyre ihr Blut direkt aus den Augen saugen ließen; eine Beziehung zwischen Herr und Sklave, von der man sagte, sie wäre weitaus intensiver als Sex oder Liebe.
Eine der wenigen Perversionen, die im gesamten Imperium verboten waren. Die Wampyre waren auch ohne ein Heer von ihnen folgenden fanatischen Plasmasüchtigen gefährlich genug. Owen blickte zu Hazel, und sie funkelte wütend zurück, als sie das Mitleid in seinen Augen erkannte.
»Ich war nie eine seiner kranken Puppen! Hin und wieder habe ich auf dem Schwarzmarkt mein Blut verkauft, aber nur, wenn die Zeiten hart waren und ich unbedingt Geld brauchte.
Seine dreckigen Lippen haben mich niemals berührt, und was er von mir bekam, das mußte er teuer bezahlen. Und jetzt geh mir aus dem Weg, Abbott, oder ich schwöre bei Gott, daß ich dich in das Grab bringe, in das du schon seit Jahren gehörst!«
»Du gehörst mir, Hazel.« Die Stimme des Wampyrs war eiskalt und bekam plötzlich einen befehlenden Ton. »Knie nieder!«
Die Macht in seiner Stimme schien überwältigend, vulgär, unmenschlich. Jeder, der es hörte, erschauerte unwillkürlich.
Hazel zuckte zurück. Sie versuchte ihr Schwert zu ziehen, aber ihre Hände zitterten zu sehr. Mehrere Männer und Frauen in der Menge fielen auf die Knie, und noch mehr zogen sich bis in die äußersten Winkel des Raums zurück. Ein weiter freier Platz bildete sich um den Wampyr und sein Opfer.
Das reicht, dachte Owen und murmelte das Schlüsselwort.
Zorn . Kraft schoß in seinen Körper, brannte in seinen Muskeln und wischte den hypnotisierten Klang der Stimme des Wampyrs mühelos aus seinen Gedanken. Ohne hinzusehen, ergriff Owen einen neben ihm stehenden Tisch und schlug damit nach dem wie in Zeitlupe reagierenden Abbott. Der schwere Holztisch sauste wie eine gigantische Fliegenklappe durch die Luft und krachte mit unglaublicher Gewalt auf den Wampyr herunter. Der Aufprall schleuderte die Kreatur quer durch den Raum und durch ein geschlossenes Fenster auf die Straße. Glas flog splitternd in alle Richtungen, und der Wampyr verschwand in der nebligen Dunkelheit. Alles wartete gespannt, doch er kehrte nicht wieder zurück. Hazel nickte anerkennend zu Owen, als der Todtsteltzer den Tisch wieder absetzte und der Zorn aus seinem Körper wich.
»Nicht schlecht, Lord.«
Owen lächelte verhalten. »Ich habe meine starken Momente.«
»Nicht daß du dir einbildest, ich wäre nicht selbst mit dem Kerl zurechtgekommen.«
»Kein Gedanke, nein«, erwiderte Owen galant. Dann blickte er sich zu der gespannten Menge um. »Noch jemand?«
Ein kurzes, betretenes Schweigen entstand. Die Gäste wandten sich ab und nahmen die Beschäftigungen wieder auf, die sie wegen des Zwischenfalls unterbrochen hatten. Der Lärm erreichte bald wieder den alten Pegel, und Owen stand im Begriff, den Laden zu verlassen, als Cyder ihm den Weg versperrte und ihn mit ausgestreckter Hand aufhielt.
»Nicht so schnell, du Held. Da ist noch ein zerbrochenes Fenster, das bezahlt sein will.«
Owen blickte zu den Überresten der Scheibe, durch die Abbott gesegelt war, und gestand sich zögernd ein, daß Cyder nicht ganz unrecht hatte. Er räusperte sich gründlich, um Zeit zu gewinnen, und versuchte zu überlegen, wieviel eine zerbrochene Scheibe auf einer so primitiven Welt kosten mochte.
Die Antwort war nicht gerade ermutigend. Er gab sich Mühe, Cyder mit festem Blick zu begegnen.
»Abbott hat angefangen. Er soll für das Fenster zahlen.«
»Er ist nicht mehr hier«, erwiderte Cyder. »Aber du.«
Owen überprüfte in Gedanken den Inhalt seiner Taschen und blickte zu Hazel. »Es scheint, daß ich im Augenblick finanziell ein wenig… verlegen bin. Meint Ihr, Ihr könntet vielleicht…?«
Hazel funkelte ihn wütend an und wühlte in ihren Taschen.
»Das nächste Mal überleg dir gefälligst einen weniger kostspieligen Weg, wenn du dich prügelst.«
»Aber… er war doch Euer früherer Freund!« beschwerte sich Owen.
»Er war nicht mein Freund!«
»Ich persönlich hab’ sowieso nie verstanden, was dich an ihm gereizt hat«, sagte Cyder, während sie rasch die Münzen zählte, die Hazel ihr gegeben hatte, um sie dann in ihren Taschen verschwinden zu lassen. »Er war doch gar nicht dein Typ, meine Liebe.«
Hazel war kurz davor, erneut zu explodieren, aber dann seufzte sie nur resigniert. »Also gut, es war nicht nur das Geld. Ich fühlte mich so deprimiert, und ich war gerade in der richtigen Stimmung, mich von jemandem herumkommandieren und mißhandeln zu lassen, der groß und häßlich und dominant war. Du weißt, wie das ist.«
»Unglücklicherweise ja«, gestand Cyder. »Ach so, bevor ich es vergesse – möglicherweise gibt es einige Leute in meinem Bekanntenkreis, die aus den verschiedensten Gründen bereit wären, euch zu helfen. Ich werde ihnen eine Nachricht zukommen lassen und sehen, was geschieht. War nett, dich wiederzusehen, Hazel. Laß mich wissen, wie es am Ende ausgegangen ist, ja?«
Читать дальше