Owen hielt den Mund geschlossen und die Augen offen, als Hazel ihn durch die engen Straßen von Nebelhafen führte. Die Stadt war in erbärmlichem Zustand. Überall waren Aufräum- und Renovierungsarbeiten im Gange, und die Menschen, denen sie begegneten, schienen alle verbittert und hatten die Lippen fest aufeinandergepreßt. So, wie der Ort aussah, machte Owen ihnen keinen Vorwurf. Die Fachwerkhäuser ragten über die Straße hinaus wie betrunkene alte Männer, die sich voreinander verbeugten. Die Straßen waren voller Dreck und Abfall. Der Gestank war atemberaubend. Dichter Nebel waberte in der Luft und ließ alle Farben zu unterschiedlich hellen Grautönen verblassen. In unregelmäßigen Abständen brannten Straßenlaternen, obwohl es bereits auf Mittag zuging. Menschen drängten sich durch die Straßen, dicht eingehüllt in schwere Felle und Umhänge. Sie benutzten ihre Ellbogen mit jener Form von Geschick, die nur durch Übung zu erreichen ist.
Owen und Hazel hatten die Kapuzen ihrer Umhänge tief in die Stirn gezogen, so daß ihre Gesichter im Schatten verborgen blieben. Niemand starrte sie an oder zeigte auch nur eine Spur Neugier; offensichtlich war Anonymität auf Nebelwelt etwas Alltägliches. Owen trottete durch Schlamm und Dreck und schlug seine behandschuhten Hände gegeneinander, um die Kälte zu vertreiben. Er hatte die wärmste Kleidung aus der Garderobe der Sonnenschreiter gekramt. Viel Auswahl hatte es nicht gegeben. Owen starrte finster auf Hazels Rücken vor sich. Sie stapfte durch die Straße, als wäre es das normalste auf der Welt. Owen brummte vor sich hin und mühte sich, nicht den Anschluß zu verlieren. Er setzte mit grimmiger Befriedigung seine Ellbogen ein, um die Leute zur Seite zu schieben, die ihm im Weg standen. Niemand sagte ein Wort.
Auch das schien nichts Außergewöhnliches zu sein.
Hazel schleppte ihn auf der Suche nach alten Bekannten von einer Spelunke zur nächsten, aber niemand wollte mit ihnen reden. Nach den Schwierigkeiten, die die Einwohner erst kürzlich hinter sich gebracht hatten, waren alle viel zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Hazel mühte sich weiter ab. Owen verließ langsam der Mut. Er konnte nicht einmal mit Oz reden, um sich die Langeweile zu vertreiben; sie hatten vereinbart, die Kommunikation aus Sicherheitsgründen auf ein Minimum zu beschränken. Man konnte nie sicher sein, wer einen auf Nebelwelt gerade belauschte.
Owen verzog mürrisch das Gesicht und zog dem Umhang fester um seine Schultern. Alles dauerte viel zu lange.
Schließlich brachte Hazel einen Namen in Erfahrung: Ruby Reise.
»Nie gehört«, sagte Owen.
»Warum solltest du auch, Aristo. Du bewegst dich nicht in unseren Kreisen. Ruby ist Kopfgeldjägerin, und zwar eine verdammt gute. Wir sind alte Freundinnen und kennen uns schon eine Ewigkeit. Sie wird uns mit den richtigen Leuten in Kontakt bringen – vorausgesetzt, wir machen ihr ein gutes Angebot.«
»Keine weiteren zehn Prozent!« sagte Owen mit Bestimmtheit.
Hazel zuckte die Schultern. »Wie du meinst. Aber wenn du das Beste haben willst, dann muß du entsprechend dafür zahlen. Mach dir keine unnötigen Gedanken, Todtsteltzer. Sie wird dir sicher einen Rabatt geben, weil du zu mir gehörst.
Wir müssen sie nur erst finden.«
»Oh? Großartig!« sagte Owen. »Noch mehr hin und her rennen.«
»Worüber beschwerst du dich denn jetzt schon wieder?«
»Wollt Ihr das wirklich hören? Also gut: Ich habe die Qual der Wahl. Abgesehen von der Verrücktheit, daß Ihr unsere Sicherheit einer Kopfgeldjägerin anvertraut – es ist bitter kalt, ich habe keine Ahnung, wo wir sind, ich kann meine Hände schon nicht mehr spüren, und meine Füße sind wie abgestorben. Wir laufen seit einer halben Ewigkeit durch diese erbarmungswürdige Stadt, ohne auch nur einen Schritt weitergekommen zu sein, und mein Magen denkt wahrscheinlich bereits, daß man mir den Mund zugenäht hat. Außerdem stinkt es ganz entsetzlich. In den Kanälen muß eine gewaltige Verstopfung herrschen.«
»Kanäle! Wovon redest du da?« fragte Hazel. »Zeig deine Unwissenheit nicht so deutlich. Abwasserkanäle gelten hier als Luxus, den sich keiner leisten kann. Sei froh, daß der Nachtschmutz bereits eingesammelt worden ist. Das nächste Lokal, zu dem wir gehen, wird dich wahrscheinlich ein wenig aufmuntern. Der Schwarzdorn. Eine weitere alte Freundin von mir ist die Besitzerin. Sie wird wissen, wo wir Ruby finden. Cyder weiß alles. Los, laß uns gehen.«
Hazel marschierte los, gut gelaunt und voller Zuversicht.
Owen trottete wieder hinterher und fluchte lautlos. Er blieb einen Augenblick stehen, um seinen Umhang zurechtzurücken, und ein Fremder drückte ihm eine Münze in die Hand.
Verblüfft starrte Owen auf das Geldstück, bis er mit einem Mal erkannte, daß man ihn für einen Bettler gehalten hatte. Er spürte das Bedürfnis, dem Spender die Münze hinterherzuwerfen, aber er tat es nicht. Geld war schließlich Geld.
Also steckte er die Münze in die Tasche und eilte Hazel hinterher. Owen schäumte vor Wut. Irgendwann würde irgendwer für all das hier bezahlen. Er lenkte seinen finsteren Blick auf Hazels stummen Rücken. Die Kälte schien ihr überhaupt nichts auszumachen. Owen überlegte nicht zum ersten Mal, daß er vielleicht besser dran gewesen wäre, wenn er daheim auf Virimonde um sein Leben gekämpft hätte. Zumindest hatte er sich dort ausgekannt. Und das Klima war besser. Owen verstand nicht viel von Nebelwelt , und das wenige, was er in Erfahrung gebracht hatte, stieß ihn ab. Kein Recht, kein Gesetz, keine Tradition oder Ehre, keine sozialen Strukturen.
Jeder war nur sich selbst der Nächste, und zur Hölle mit allen anderen. Eine ganze Welt voller Krimineller und sozialer
Außenseiter, die in einem solchen Elend lebten, wie es im restlichen Imperium unvorstellbar schien. Aber sie waren frei, und die Freiheit hatte ihnen mehr bedeutet. Owen spürte einen plötzlichen Anfall von Müdigkeit, und einen Augenblick lang drohte die Sinnlosigkeit von allem ihn zu überwältigen. Er konnte hier nicht leben. Nicht so. Ohne die Zivilisation und die Bequemlichkeiten seiner gehobenen Stellung hatte sein Leben keinen Sinn mehr. Er wollte einfach welken und sterben. Wie eine Blume, die man aus ihrem Beet gerissen hatte.
Der Gedanke ließ ihn aus der Lethargie aufschrecken, die sich seiner bemächtigt hatte. Er konnte nicht sterben. Nicht, solange seine Feinde noch lebten. Sie hatten sein Leben zerstört, ihm alles weggenommen, an das er geglaubt hatte, und auf seinen Namen gespuckt. Er mußte überleben, wenn er eines Tages an der Eisernen Hexe und allen, die ihr bei seinem Sturz geholfen hatten, Rache nehmen wollte. Owen grinste verbissen. Rache war das einzige, was ihm blieb. Er würde nicht hier auf diesem verdammten Planeten versauern. Irgendwie würde er einen Weg finden, von hier zu verschwinden. Und dann… er würde sich schon etwas ausdenken. Er mußte sich etwas ausdenken. Und in der Zwischenzeit hatte er gefälligst zu überleben. Er würde alles ertragen, was dieser verdammte Planet ihm schickte. Und alles tun, um genügend Geld zusammenzubringen, damit er sich eine verdammte Armee kaufen konnte… und einen Weg, um diesen elenden Planeten wieder zu verlassen. Wenn er sich jetzt einfach hinlegen und sterben würde, hätte die Eiserne Hexe am Ende doch noch gewonnen. Und das durfte er nicht geschehen lassen.
Owen torkelte weiter durch tiefer werdenden Dreck und Matsch und starrte mit neu erwachtem Ekel finster auf alles und jeden um sich herum. Sicher war es nicht überall so wie hier. Es mußte einfach ein paar helle Flecken in dieser Finsternis geben. Über ihm wurde ein Fenster aufgerissen, und die Leute wichen zur Seite. Jemand rief eine kurze Warnung, und Owen sprang eben noch rechtzeitig zurück, um dem herabfallenden Inhalt eines Nachttopfes auszuweichen. Das Fenster wurde scheppernd wieder geschlossen, und die Menschen auf der Straße gingen ungerührt weiter, als wäre die Angelegenheit ganz alltäglich. Owen rümpfte die Nase. Wahrscheinlich war sie alltäglich. Keine Abwasserkanäle. Richtig.
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