KAPITEL FÜNF
FEINDE, FREUNDE, ALLIIERTE
Nebelwelt war der Planet der Rebellen! Der einzige Rebellenplanet im gesamten Imperium. Eine Welt, geschaffen von Renegaten, Verrätern, Aufständischen und Unruhestiftern.
Wer nirgendwo sonst einen sicheren Ort gefunden hatte, der kam nach Nebelwelt . Gesetzlose, Vogelfreie, abtrünnige Esper, Kriminelle, Abschaum und Schmutz, sie alle endeten auf dem Planeten des ewigen Winters, wenn das Imperium ihrer nicht vorher habhaft wurde. Die Welt, die sie sich geschaffen hatten, war weder besonders zivilisiert noch besonders schön. Aber sie war frei, und jeder Mann, jede Frau und jedes Kind auf Nebelwelt würde bis zum Tod kämpfen, damit es auch dabei blieb. Pläne für Rebellionen und Aufstände gegen das Imperium kamen und gingen, ohne viel zu bewirken, weil die Rebellen nur sicher waren, solange sie auf Nebelwelt blieben. Der Planet lag unter einem starken psionischen Schutzschirm, der allem ebenbürtig war, was das Imperium gegen die Nebelwelt schicken konnte. Die einzige Stadt, Nebelhafen , war übersät von Verrätern und Spionen, und nicht wenige davon arbeiteten für das Imperium. Die Herrscherin liebte es zu wissen, was auf sie zukam.
Und zu diesem letzten Refugium, dieser letzten Hoffnung, diesem letzten Wurf der Schicksalswürfel kamen Hazel d’Ark und Owen Todtsteltzer, die ehemalige Klonpascherin und der vogelfreie Lord, um eine Rebellion anzuzetteln, die sich bis weit über die Grenzen der Welt erstrecken sollte, auf der alles begann.
Die Sonnenschreiter schoß aus dem Hyperraum wie eine Kugel aus einer Kanone, und dann senkte sie sich beinahe zögernd in einen weiten Orbit um Nebelwelt . Die Schilde fuhren hoch, und die Sensorfühler glühten heiß. Aber nirgendwo fand sich eine Spur der beiden Imperialen Sternenkreuzer, die sie im Virimonde -System angegriffen hatten. Mit einem erleichterten Seufzen sank Owen zurück in den komfortablen Sessel in der Hauptkabine der Sonnenschreiter . Hazel blinzelte respektvoll.
»Ich bin beeindruckt«, sagte sie schließlich. »Wir sind in einem einzigen Sprung quer durch das ganze verdammte Imperium bis hierher gekommen. Normalerweise benötigt man mindestens sieben Hyperraumsprünge, und selbst das funktioniert nur mit einem Heißsporn von Navigator. Wieviel Energie hat uns das gekostet?«
»Kaum irgendwelche«, entgegnete Owen selbstgefällig.
»Ich habe Euch doch gesagt, daß dies ein völlig neuartiger Antrieb ist. Dagegen ist alles andere veraltet.«
»Und wie arbeitet er?«
Owen zuckte die Schultern. »Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung. Ich habe das Schiff nicht entwickelt, sondern gekauft. Meine KI hat sich mit den Handbüchern auseinandergesetzt und kann das Ding fliegen. Ich bin nicht sonderlich begabt in technischen Dingen. Ich hatte immer meine Leute für so etwas.«
Hazel rümpfte die Nase. »Das ist eine Angewohnheit, die du schleunigst ablegen solltest. Ein Gesetzloser kann sich nicht leisten, sich auf jemand anderen als sich selbst zu verlassen.«
»Ich werd’s mir merken«, erwiderte Owen freundlich. »Also gut. Und was machen wir als nächstes?«
»Wir werden ganz höflich um Landeerlaubnis bitten. Wenn wir erst unten sind, schützen uns die Esper des Planeten. Hier draußen sind wir eine leichte Beute für das erste Imperiale Schiff, das aus dem Hyperraum kommt. Ich glaube nicht, daß es lange dauert, bis sie herkommen und nach uns suchen.
Dein Schiff mag zwar schnell sein, aber es besitzt keinerlei schwere Waffen.«
»Nun, Ihr habt recht«, stimmte Owen zu. »Die Sonnenschreiter war als Vergnügungsjacht gedacht und nicht als Kriegsschiff.«
»Das nächste Mal blätterst du ein wenig weiter in deinem Bestellkatalog. Ich werde mit dem Raumhafen Verbindung aufnehmen. Es gibt nur einen einzigen Raumhafen auf Nebelwelt . Und auch nur eine einzige Stadt. Nebelwelt ist nicht gerade dicht besiedelt, und wenn du erst für eine Weile hier gelebt hast, dann weiß du auch, warum. Verdammt trostlose Gegend. Alles ist voller Eis und Schnee und Nebel. Ich hoffe nur, daß ich einige Fäden ziehen und ein paar alte Schulden einfordern kann. Ist schon eine Weile her, daß ich auf dieser Welt war, und ich bin nicht sicher, ob noch Freunde in Nebelhafen auf mich warten.«
Hazel verstummte stirnrunzelnd. Owen betrachtete sie nachdenklich. Irgendwie faszinierte ihn diese Frau, und wenn es nur daran lag, daß er noch nie zuvor jemanden wie Hazel d’Ark getroffen hatte. Er war in dem Glauben aufgewachsen, daß nur ein toter Rebell ein guter Rebell sei, und nun gehörte er selbst zu den Ausgestoßenen. Sein Leben hatte sich von Grund auf geändert, und er würde Hazels Welt sehr rasch begreifen müssen, wenn er darin überleben wollte.
»Was hat Euch denn beim letzten Mal hergeführt?« fragte er beiläufig.
Hazel schreckte aus ihren Gedanken hoch, dann zuckte sie selbstbewußt die Schultern. »Ich habe einige Zeit damit verbracht, mich von meiner Arbeit als Söldner auf Loki zu erholen. Die Erbfolgekriege, weißt du? Wie üblich hatte ich dank meiner natürlichen Geistesgegenwart und meiner massiven Erfahrung keinerlei Schwierigkeiten, mich in die Lohnliste der falschen Seite einzuschreiben. Sie haben uns mächtig in den Arsch getreten und in alle Winde zerstreut. Ich bin anschließend hier gelandet, weil ich dachte, das wäre der einzige Ort, an dem meine Feinde nicht nach mir suchen würden. Wie sich später herausstellte, habe ich mich auch darin getäuscht.
Aber das ist eine andere Geschichte.«
»Was werden wir unternehmen, nachdem wir gelandet sind?« fragte Owen. »Sicher suchen verdammt viele Leute nach mir. Der Preis auf meinen Kopf würde wahrscheinlich sogar eine Nonne in Versuchung führen.«
» Wir? Was meinst du mit wir? Ich hab’ deinen Arsch aus der Feuerlinie gezogen, weil ich nicht dabeistehen und zusehen konnte, wie sie dich umbringen, aber ich bin nicht deine Adoptivmutter. Wenn ich vorher gewußt hätte, daß du ein Aristo bist, dann hätte ich wahrscheinlich auch auf dich geschossen. So wie du aussiehst, trennen sich unsere Wege nach der Landung. Das letzte, was ich gebrauchen kann, ist ein ahnungsloser Grünschnabel wie du, der mich aufhält und überall die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Ich muß mein Leben wieder in Ordnung bringen, Todtsteltzer. Das wird auch ohne deine Begleitung schwer genug.«
»Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen«, beschwerte sich Owen mit rotem Kopf. »Ich bin von den besten Lehrern des Imperiums als Kämpfer ausgebildet worden!«
»Nach dem zu urteilen, was ich auf Virimonde gesehen habe, solltest du dir dein Geld zurückgeben lassen. Du bist eine Belastung, Owen. Ich habe meine eigenen Probleme. Dir wird schon nichts geschehen. Verkauf dein Schiff, und du bist wahrscheinlich einer der wohlhabendsten Bewohner von Nebelwelt . Wenn sie dich nicht übers Ohr hauen.«
»Ich soll die Sonnenschreiter verkaufen? Seid Ihr noch zu retten? Sie ist meine einzige Chance, diesen Planeten wieder zu verlassen!«
»Owen, du wirst gar nichts verlassen. Dieser Planet hier ist das Ende der Fahnenstange für Leute wie dich und mich. Nebelwelt ist der einzige Planet im gesamten Imperium, wo du vielleicht überleben kannst. Woanders schneiden sie dir den Kopf im gleichen Augenblick ab, in dem du aus deinem Loch kommst. Es wird dir bestimmt nicht leichtfallen, dich hier einzugewöhnen, aber du hast wenigstens die Chance, dich zur Wehr zu setzen. Und das ist das Beste, auf was du als Gesetzloser hoffen kannst.«
Owen dachte angestrengt nach. Er haßte es, sich das einzugestehen, doch er brauchte Hazel d’Ark. Sie war laut, herrisch und definitiv ordinär, aber sie verstand seine neue Welt von Gesetzlosen und Kriminellen, und er nicht. Jedenfalls bis jetzt.
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