»Ein Passagier, John. Und ich bürge für ihn.«
»Keine besondere Empfehlung, Hazel. Ich habe das starke Gefühl, daß ich meine Entscheidung noch bereuen werde - aber in Ordnung. Stellt euer Schiff auf Planquadrat sieben, und dann verschwindet im Nebel. Aber ich kann dir nicht mehr als vierundzwanzig Stunden geben.«
»Das sollte reichen. Danke, John. Wie zur Hölle kommt ein sturer Pirat wie du zur Sicherheitsbehörde?«
Silver kicherte kurz. »Die Zeiten sind hart, Hazel. Nebelhafen braucht alle Esper, die sie kriegen können. Alles ist vor die Hunde gegangen, seitdem du das letzte Mal hiergewesen bist. Das Imperium hat uns eine wirklich ekelhafte Geschichte an den Hals gehängt, eine Art Typhus-Marie. Mehr als die Hälfte unserer Esper ist gestorben, und Tausende von Leuten sind durchgedreht. Deshalb sind die Sicherheitsmaßnahmen strenger als je zuvor, aber wir haben einfach nicht genügend Leute, um sie auch durchzusetzen. Besuch mich mal, wenn du in der Nähe bist. Außer, wenn du noch immer in Schwierigkeiten steckst. In diesem Fall habe ich nie von dir gehört. Ende.«
»Also das war jetzt wirklich Glück«, sagte Owen und unterbrach sich sofort, als er Hazels Gesichtsausdruck bemerkte.
»Oder vielleicht nicht?«
»Kann ich noch nicht sagen, Aristo. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Der John Silver, den ich kannte, war ein verdammter Pirat und Bauernfänger. Und jetzt soll er das Kommando über die Sicherheitsbehörden von Nebelhafen haben?
Da muß ja wirklich einiges schiefgegangen sein, seitdem ich das letzte Mal auf Nebelwelt war. Aber wir sind noch nicht aus dem Schneider, Mann. Uns bleiben vierundzwanzig Stunden, und dann melde ich mich lieber mit einer Menge überzeugender Antworten, oder Silvers Leute nehmen die Stadt auseinander, bis sie uns gefunden haben. Als erstes werden wir die verbleibende Zeit nutzen, um einen Käufer für die Sonnenschreiter zu finden, bevor jemand das Schiff erkennt.
Du kannst deinen Arsch darauf verwetten, daß inzwischen jeder Imperiale Agent auf Nebelwelt eine detaillierte Beschreibung des Schiffs und deiner Person besitzt. Und das bedeutet, uns bleiben genau vierundzwanzig Stunden, um den Handel perfekt zu machen, das Geld auf die Bank zu bringen und den Kopf so sorgfältig einzuziehen, daß selbst die talentiertesten und motiviertesten Leute nicht imstande sind, uns zu finden. Wenn ein wenig Gras über die Sache gewachsen ist, können wir mit neuen Namen und Geschichten und Geld wie Heu wieder aus der Versenkung auftauchen.«
»Warum können wir nicht einfach unser Aussehen in einem Körperladen verändern?« fragte Owen unschuldig.
Hazel betrachtete ihn wie eine Lehrerin, die es mit einem besonders begriffsstutzigen, starrköpfigen Kind zu tun hatte.
Owen wurde diesen Blick allmählich leid, aber er zügelte sein Temperament.
»Erinnerst du dich an das, was ich dir über die Hochtechnologie auf dieser Welt erzählt habe? Hier gibt es nur das, was Schmuggler am Imperium vorbeischaffen können. Ich will damit nicht sagen, daß es auf Nebelwelt überhaupt keinen Körperladen gibt, aber wenn, dann kannst du deinen Arsch darauf verwetten, daß es der einzige ist. Und er wird so exklusiv sein, daß sie einen Arm und ein Bein als Bezahlung von dir verlangen. Wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes.
Und das bedeutet, daß dieser Laden Tag und Nacht von Imperialen Agenten beobachtet wird – nur für den Fall, daß wir wirklich dumm genug sind, uns in seiner Nähe sehen zu lassen. Versuch endlich zu denken, Todtsteltzer. Ich kann nicht die ganze Zeit deine Amme spielen. Und bevor du jetzt wieder zu schmollen anfängst… könntest du dir vielleicht Gedanken darüber machen, wie wir an ein wenig Spielgeld kommen? Ich hab’ hier und da ein paar Kredits in Nebelhafen, aber es ist nicht viel. Und ich hab’s auf die harte Tour verdient.«
»Ehrlich?« fragte Owen. »Wie?«
»Das geht dich nichts an.
Ozymandius? Haben wir inzwischen Landeerlaubnis?«
»Sobald wir die an Wucher grenzenden Gebühren bezahlt haben, Hazel.«
Owen wollte wissen, wieviel. Die KI gab die gewünschte Auskunft, und Owen bekam beinahe einen Anfall. »Das werde ich nicht bezahlen! Das ist maßlos!«
»Nicht wirklich«, widersprach Hazel. »Nicht, wenn du bedenkst, wieviel mehr Geld sie kriegen könnten, wenn sie dich an das Imperium ausliefern. Und – nur, damit es keinen Irrtum gibt – nein, das geht nicht von meinen zehn Prozent ab.«
Ozymandius räusperte sich; eine Angewohnheit, die Owen jedesmal aufs neue irritierte (nicht zuletzt deswegen, weil die KI gar keinen Hals zum Räuspern besaß). »Owen, ich denke, ich sollte dich daran erinnern, daß die versteckten Dateien in meinem System sehr genau sind, was ein gewisses Etablissement in Nebelhafen angeht. Du solltest es aufsuchen, um Hilfe zu finden.« Die KI machte eine Kunstpause, bevor sie fortfuhr. Als sie wieder sprach, besaß ihre Stimme einen beinahe entschuldigenden Tonfall. »Ich habe außerdem einen Namen und eine Adresse. Aber ich denke, es wird dir nicht zusagen.«
»Versuch’s einfach« erwiderte Owen resignierend. »Es fällt mir sowieso schwer, an dieser ganzen verdammten Geschichte etwas zu finden, das mir zusagt.«
»Der Name lautet Jakob Ohnesorg.«
» Was? Jakob ist hier? Auf Nebelwelt? « Owens Gedanken rasten. »Wie zur Hölle ist er in die Intrigen meines Vaters hineingeraten? Ich hätte nicht im Traum gedacht, daß die beiden in der gleichen Klasse spielen.«
»Das ist eine gute Frage, Owen. Ich habe bisher keine befriedigende Antwort darauf.«
»Du bist verdächtig höflich geworden, seit Hazel an Bord ist«, stellte Owen anklagend fest.
»Beschwerst du dich etwa?«
Owen überlegte. Sein Kopf begann allmählich zu schmerzen. Jakob Ohnesorg. Der berufsmäßige Rebell. Der legendäre Krieger. Er kämpfte gegen das System. Gegen jedes System. Er hatte mehr als zwanzig Jahre gegen das Imperium gekämpft und auf unzähligen Planeten eine Rebellion nach der anderen angezettelt. Jakob war ein begnadeter Redner, besaß einen glühenden Gerechtigkeitssinn und hatte keinerlei Schwierigkeiten gehabt, heißblütige Dummköpfe zu finden, die ihm bedingungslos folgten. So war das viele Jahre gegangen. Aber das Imperium war trotz aller Anstrengungen so stark wie eh und je, und die Menschen erinnerten sich eher an die unzähligen verlorenen Schlachten als an die wenigen Triumphe. Und sie hörten auf, Jakob Ohnesorg zuzuhören. Der Preis auf seinen Kopf wurde immer verlockender, und schließlich hatten sich Kopfgeldjäger auf seine Fersen geheftet. Er war gezwungen gewesen unterzutauchen, und seit Jahren hatte ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen.
»Das sieht meinem Vater ähnlich, sich mit einem der
größten Verlierer aller Zeiten einzulassen«, sagte Owen. »Sogar ich habe genügend Verstand, um mich nicht mit Jakob Ohnesorg abzugeben. Sicher, ein berühmter Kämpfer und Held, aber ein hundserbärmlicher General. Hazel, ich lege mein Schicksal in Eure Hände.«
»Davon träumst du wohl, Aristo«, schnappte Hazel. »Aber tu mir einen Gefallen, Owen, ja? Paß auf, wo du hintrittst.
Und überlaß das Reden mir. Wenn die Leute, mit denen wir uns treffen, auch nur den kleinsten Verdacht schöpfen, wer du wirklich bist, sind wir beide tot.«
»Beruhigt Euch«, entgegnete Owen. »Ich bin nicht ganz unerfahren. Ich weiß sehr wohl, wie ich mich in der Öffentlichkeit zu komportieren habe.«
»Siehst du, genau das meine ich! Du kannst nicht draußen herumlaufen und Worte wie komportieren benutzen; damit verrätst du dich sofort! Hör zu, du sagst einfach kein Wort, und ich stelle dich überall als meinen taubstummen Vetter vor.«
Owen blickte sie an. »Tu mir nur keinen Gefallen!«
»Vertrau mir«, entgegnete Hazel. »Auf die Idee würde ich nie kommen.«
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