Hazel hatte nicht übertrieben. Der Tollwütige Wolf war ein verrottender Müllhaufen von Kneipe. Er lag in einer unbeleuchteten Seitenstraße, wahrscheinlich deswegen unbeleuchtet, weil sich die Straße für ein Etablissement wie den Tollwütigen Wolf genierte. Das einzige Licht entstammte einer Kohlepfanne, die unbeaufsichtigt auf halbem Weg die Straße hinab brannte. Owen hatte keine Ahnung, was dort brannte, aber es stank entsetzlich. Und so wie es aussah, hatte sich auch eine ganze Reihe von Pferden die Zeit genommen, die Straße als Toilette zu benutzen. Zumindest hoffte Owen, daß es Pferde gewesen waren. Er warf einen Blick zu Hazel, die seelenruhig die Straße entlangblickte, als gäbe es noch Schlimmeres.
»Wir müssen doch nicht wirklich dort hindurch, oder?«
fragte Owen hoffnungsvoll. »Meine Stiefel werden das nicht überleben.«
»Sei nicht so ein Schlappschwanz, Todtsteltzer. Paß einfach auf, wo du hintrittst, und sprich keine fremden Frauen an, dann passiert dir nichts.«
Sie setzte sich in Bewegung, und Owen folgte ihr, wobei er sorgfältig darauf achtete, wo er hintrat. Der Tollwütige Wolf erweckte den Eindruck, als hätte er im Laufe der Jahre neben gelegentlichen Brandanschlägen und dem Ausbruch der Pest auch sonst noch eine ganze Menge mitgemacht. Die Vorderfront der Taverne war von Kratern, Narben und Flecken übersät, die verdächtig nach Blut aussahen. Die beiden Fenster waren anscheinend schon vor langer Zeit mit Brettern vernagelt worden. Die Tür wurde von einer großen, massigen Gestalt mit schwellenden Muskeln bewacht, die offensichtlich Probleme mit ihren Drüsen hatte. Das letzte Mal hatte Owen etwas so Großes, aufrecht Stehendes im Imperialen Zoo von Golgatha gesehen. Es hatte ihn durch die Gitter seines Käfigs hindurch mit einem Blick angefunkelt, der ganz deutlich verraten hatte, wohin Owen sich seine Nüsse stecken konnte.
Hazel marschierte direkt zu dem massiven Etwas und brachte ihr Gesicht ganz dicht vor seines. Einen Augenblick lang wechselten derbe Worte hin und her und schienen klarzustellen, daß beide harte, verzweifelte Typen waren; dann machte das Ding einen Schritt zur Seite und ließ Hazel und Owen eintreten. Hazel stapfte mit hoch erhobenem Kopf an ihm vorbei, und Owen beeilte sich, ihr zu folgen. Er hielt die Augen wachsam auf den Türsteher gerichtet, als er sich an ihm vorbeidrückte, und seine Hand blieb immer in der Nähe des Schwertes. Er brachte ein angespanntes Lächeln zustande. Der Türsteher verzog ebenfalls den Mund – und enthüllte vier Paar glänzender Stahlzähne. Scharfe, spitze Stahlzähne in zwei dichten Reihen. Owen wußte, wann er mit seinem Grinsen verloren hatte. Er blickte zur Seite und wäre beinahe gegen Hazel gerannt, die direkt hinter dem Eingang stehengeblieben war und sich mit unverschleierter Nostalgie im Innern der Spelunke umblickte.
Owen rümpfte die Nase, als ihn der Gestank mit voller Wucht traf. Er war fest überzeugt, unter all dem Rauch mindestens vier verschiedene Gerüche zu erkennen, die vom Verbrennen verschiedener Substanzen herrührten, deren Gebrauch im gesamten Imperium verboten war. Es wurde nämlich für alle Anwesenden gefährlich, wenn jemand das Zeug rauchte. Das Licht war gedämpft, und der dichte Qualm trug ein übriges zur schlechten Sicht bei. Die Gäste der Spelunke schienen diese Art von Atmosphäre zu bevorzugen.
Owen konnte sie gut verstehen – auch er hätte es bei einem so zwielichtigen Aussehen vorgezogen, sich hinter einem Rauchschleier zu verbergen.
Auf dem Boden lagen keine Sägespäne; wahrscheinlich hatten die Ratten alle aufgefressen. Jedenfalls wieselten einige in den dunkleren Ecken des Lokals zwischen den Stuhl- und Tischbeinen hindurch. Wenn eine näher kommt , fange ich an zu schreien , dachte Owen.
Hazel schlenderte lässig durch die Rauchschwaden zur Theke, und Owen trottete hinterher, weil er keine Lust hatte, alleine an der Tür stehenzubleiben. Das letzte Mal hatte er sich so bedroht gefühlt, als die beiden Imperialen Sternenkreuzer das Feuer auf die Sonnenschreiter eröffnet hatten. Die Theke war schmutzverkrustet und klebte von den Überresten verschütteter Getränke. Einige davon schienen förmlich Löcher in das Holz gefressen zu haben. Entweder das, oder es mußte hier wirklich gigantische Holzwürmer geben. Owen blickte über die Theke hinweg und entschied beinahe augenblicklich, sich nicht dagegenzulehnen. Auch nicht für einen winzigen Moment. Hazel gestikulierte herrisch den Schankkellner herbei, einen grobschlächtigen, dicken Kerl mit einer langen, fleckigen Schürze, die vielleicht vor Jahrzehnten einmal weiß gewesen sein mochte, und fragte ihn nach Ruby Reises Verbleib aus. Owen nutzte die Gelegenheit, die vielen Flaschen auf den Regalen zu studieren, bevor er sich entschied, keinen Durst mehr zu verspüren.
Auch sein Hunger war plötzlich verschwunden.
Er drehte der Theke den Rücken zu und blickte sich im Gastraum um. Der Tollwütige Wolf erschien ihm als genau die Sorte von Lokal, von der seine Lehrer immer gesagt hatten, daß er eines Tages dort enden würde, wenn er seine Hausaufgaben nicht mit größerem Fleiß erledigte. Eine derartige Ansammlung von Strauchdieben, Lügnern, Mördern und Verlierern hatte er seit seinem letzten Besuch am Hof von Golgatha nicht mehr zu Gesicht bekommen. Keiner von ihnen schien besonders sauber zu sein, und Owen überkam die plötzliche Gewißheit, daß sie alle Flöhe haben mußten. Im gleichen Augenblick begann es an seiner Seite unter dem Hemd zu jucken, aber er verkniff sich den Wunsch zu kratzen, damit niemand auf den Gedanken kommen konnte, er würde nach seinem Schwert greifen. Nicht, daß er sich vor diesem Gesindel gefürchtet hätte. Natürlich nicht. Er war schließlich der Todtsteltzer. Aber die Verteilung der Kräfte gefiel ihm einfach nicht, genausowenig wie die große Entfernung zum Ausgang.
Eine handvoll Damen der Nacht – oder, um genauer zu sein, des späten Spätnachmittags – hatte sich am anderen Ende der Theke versammelt. Sie steckten in auffälligen, grellbunten ›Arbeitskleidern‹ und stritten sich heftig über eine große Geldbörse, die sie wahrscheinlich dem Mann abgenommen hatten, der neben ihnen mit dem Kopf auf der Theke schlief.
Owen mußte zugeben, daß die Frauen auf eine schlampige, verdorbene Weise attraktiv wirkten, und in seinem Verstand und an gewissen Stellen seines Körpers begann sich etwas zu rühren. Vielleicht war der Tollwütige Wolf gar kein so mieser Laden. In diesem Augenblick zog eine der Frauen ein Messer und stach einer anderen mitten in die gutentwickelte Brust.
Das Opfer erschlaffte und brach zusammen, und die Mörderin schnappte die Börse von der Theke. Die anderen Frauen dachten wahrscheinlich, das wäre die lustigste Geschichte, die sie jemals erlebt hatten – jedenfalls kreischten sie vor Vergnügen.
Owen blickte sehnsüchtig zum Ausgang und faßte den Entschluß, jeden auf der Stelle zu erschießen, der ihn auch nur schief anblickte. Ganz besonders, wenn es sich dabei um eine Frau handeln sollte. Plötzlich tauchte Hazel neben ihm auf, und er wäre vor Schreck beinahe aus der Haut gefahren.
»Was ist los mit dir?« wollte sie wissen.
»Was mit mir los ist? Das ist der scheußlichste, verrufenste und ausgemacht schäbigste Ort, den ich je das Pech hatte zu besuchen, das ist mit mir los! Wenn man das Wort ›anrüchig‹
im Wörterbuch nachschlagen würde, dann würde dort als Erklärung stehen: siehe Tollwütiger Wolf . Bringt mich hier raus, bevor ich mir noch was einfange!«
»So schlecht ist der Laden auch wieder nicht«, widersprach Hazel. »Jedenfalls für Nebelhafen . Als ich noch jünger war, bin ich oft hiergewesen. Sicher, ich hatte damals noch keine Ansprüche. Manchmal wird es ein wenig laut, und die Kundschaft gehört vielleicht auch nicht gerade zur Oberschicht, aber auf der anderen Seite war es wirklich nie langweilig.«
Читать дальше