Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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»Ihr habt meine Frage noch immer nicht beantwortet«, hakte Feldglöck nach und wechselte das Thema mit soviel Takt, wie er jemals aufzubringen imstande war. »Was hat Euch nach all den Jahren Eures selbstauferlegten Exils zurück an den Imperialen Hof geführt?«

»Ihre Majestät hat mich mit einer handgeschriebenen Einladung einbestellt. Sie schrieb, daß sie mir unbedingt jemanden vorstellen möchte. Wie hätte ich da nein sagen können?«

»Ich hätte abgelehnt. Wenn die Löwenstein erst einmal ein persönliches Interesse an einem findet, dann wird es Zeit, den Namen zu ändern und sich in Richtung auf den Rand hin zu verziehen«, brummte Feldglöck nachdenklich. »Was will die Eiserne Hexe nur von Euch?«

»Davon hat sie nichts geschrieben. Nur, daß meine Anwesenheit bei dieser Audienz erforderlich sei. Aber es spielt keine Rolle. Meine Frau ist tot, genau wie all meine Söhne. Nur mein Enkel Kit ist mir geblieben, und wir… wir verstehen uns einfach nicht. Ich bin zu alt, um mich einschüchtern zu lassen. Also, da bin ich, ein loyaler Untertan Ihrer Majestät.«

Feldglöcks neuerlicher Lachanfall ließ einige Köpfe herumfahren, doch sie wandten sich rasch wieder ab. Der freie Raum rund um ihn und Sommer-Eiland wurde größer. »Eure Loyalität hat immer dem Thron gegolten, ganz gleich, wer gerade darauf saß. Ich glaube nicht, daß Ihr passende Worte für die Löwenstein gefunden hättet, seit sie im zarten Alter von sechs Jahren ihr Kindermädchen erstochen hat.«

»Oh, das würde ich nicht sagen«, erwiderte Sommer-Eiland.

»Ich habe sehr passende Worte für die Löwenstein. Aber ich bin viel zu sehr Ehrenmann, um diese Worte zu benutzen.«

Geduldig wartete er auf das Ende von Feldglöcks Lachanfall.

»Es fiel mir bereits schwer, ihren Vater zu mögen, geschweige denn ihm zu folgen. Aber ich hatte keinen Augenblick lang Zweifel, daß er zum Wohl des Imperiums handelte. Aber die Eiserne Hexe schert sich um nichts und niemanden außer sich selbst. Sie ist ein verzogenes Balg, und das war sie schon immer. Was bei der königlichen Brut zugegebenermaßen nicht ganz unüblich ist. Wenn wenigstens eine Spur von Pflichtgefühl hinzukommt, dann ist es erträglich. Ihr und ich, Crawford, wir beide haben bereits eine Menge königlicher Hintern auf dem Thron gesehen, aber bei Löwenstein fürchte ich ernsthaft um den Bestand des Imperiums.«

»Verschwindet von hier, Roderick«, murmelte Feldglöck leise. »Was auch immer die Eiserne Hexe mitzuteilen hat –

ich denke nicht, daß einer von uns beiden es hören möchte.

Sie führt bestimmt nichts Gutes im Schilde. Verschwindet jetzt, solange Ihr noch könnt.«

»Und wohin soll ich Eurer Meinung nach gehen?« erwiderte Sommer-Eiland ruhig. »Wohin könnte ich gehen, wo mich die Bluthunde ihrer Majestät nicht früher oder später aufspüren würden? Nein. Ich bin nie vor einem Feind davongerannt, und so soll es auch bleiben. Sie hat mich herbestellt, um mich zu töten. Ich weiß es selbst. Aber ich werde meine Tage in Würde beenden, als loyaler Untertan meines Monarchen – selbst dann, wenn dieser Monarch nicht das Schwarze unter dem Nagel wert ist.«

»Sehr schön gesagt«, schnarrte Feldglöck. »Wird sich

großartig auf Eurem Grabstein machen. Warum wollt Ihr es der Eisernen Hexe so leicht machen?«

»Man nennt es Pflicht, Crawford. Ihr müßt doch schon einmal davon gehört haben, oder? Wenn die Ehre ruft, dann muß ein Mann sich stellen, wenn er ein Mann ist.«

»Ganz wie Ihr meint, Sommer-Eiland. Aber steht nicht zu dicht bei mir, wenn ihr Euch stellt, ja?«

Sie grinsten sich verstehend zu und wandten die Köpfe, als die großen Türflügel sanft aufschwangen und die massiven Stahlplatten zur Seite glitten, als wären sie gewichtslos. Eine Fanfare erklang, und das Geschnatter der Unterhaltungen verstummte augenblicklich. Helles Licht ergoß sich aus dem Audienzsaal von Löwenstein XIV. in die Vorhalle. Die Höflinge setzten sich in kleinen Gruppen in Bewegung wie Motten, die von einer Flamme angezogen wurden.

Als erstes schritt die Versammlung der Lords durch die hohen Türen, all die Oberhäupter der ersten hundert Familien des Imperiums, die nach dem Recht ihres Erbes im Namen der Herrscherin Planeten, Armeen oder große Gesellschaften leiteten. Die Höchsten der Hohen, die Edelsten und Meistgeschätzten von allen Untertanen ihrer Majestät. Theoretisch zumindest. Sie schritten erhobenen Hauptes in den großen Empfangssaal, ohne nach rechts oder links zu blicken. Insgeheim fühlten sie sich beinahe nackt ohne ihre üblichen Gefolge aus Leibwächtern, Ratgebern und Schranzen, aber ein Lord erschien nun einmal allein bei seiner Herrscherin, und selbst das Schwert an der Hüfte blieb zu Hause. Es war ein Zeichen des Vertrauens und des Respekts. Ganz zu schweigen von Imperialem Verfolgungswahn.

Nach den Lords kamen die zweihundertfünfzig Mitglieder des Imperialen Parlaments. Sie repräsentierten die wirtschaftlichen Kräfte des Reichs, die Macht und den Einfluß des Geldes. Natürlich wurde nur denjenigen erlaubt, an Abstimmungen teilzunehmen, die über genügend Einkommen verfügten.

Wenn man nicht aristokratischer Abstammung war, stellte das Parlament die einzige Möglichkeit dar, Zutritt zu den inneren Kreisen der Regierung zu erhalten. Ein Mitglied des Parlaments mochte wohl angehalten sein, den Kopf vor einem Lord zu beugen, wenn sie in den Straßen aufeinandertrafen, aber während einer Audienz bei der Herrscherin zählten ihre Stimmen gleich. Und wenn sich die Mitglieder des Parlaments einmal einig gewesen wären, dann hätten sie die Versammlung der Lords mühelos in die Knie zwingen können wie ein Rudel ungehorsamer Hunde. Aber das Parlament war in verschiedene oppositionelle Fraktionen gespalten, die in ständigem Streit lagen, und die Lords achteten sorgsam darauf, daß sich dieser Umstand nicht so rasch änderte, indem sie ihren Günstlingen heimliche Patronagen und gelegentlich auch

größere Summen an Bestechungsgeldern zukommen ließen. In der letzten Zeit hatte sich das Parlament zunehmend besorgt über eine drohende Steuererhöhung gezeigt. Sie sollte der Finanzierung einer Ausweitung der Imperialen Flotte dienen, mit der man der möglichen Bedrohung durch zwei neuentdeckte Fremdrassen begegnen wollte.

Theoretisch war die Imperatorin durch das Gesetz an die Entscheidungen des Parlaments und der Versammlung der Lords gebunden – egal, wie diese Entscheidungen auch immer zustande kommen und was sie auch immer beinhalten mochten. Theoretisch zumindest. In der Praxis sah es jedoch so aus, daß die Herrscherin die Sitzungen verfolgte, wenn sie in der Stimmung dazu war, und anschließend ihre eigene Meinung durchsetzte. Löwenstein wußte die Armee und die Flotte im Rücken, und solange das der Fall war, konnte sie niemand dazu bringen, etwas zu tun, das ihr verdammt noch mal gegen den Strich ging. Deswegen verursachte die Aussicht auf höhere Steuern und eine noch mächtigere Flotte auch eine Menge verschwitzter Hände und schlaflose Nächte unter den Parlamentariern und den Lords. Man hatte einige Abgeordnete sagen hören, daß sie die Geschichte von den neuentdeckten Fremden nicht glaubten, aber bisher hatte niemand gewagt, öffentlich an dieser Nachricht zu zweifeln, geschweige denn hier bei Hofe.

Andererseits war die Stellung Löwensteins nicht mehr so unumstritten wie früher einmal. Eine große Anzahl nachgeborener Söhne der aristokratischen Oberschicht hatte – ohne die Aussicht, eines Tages einen Titel zu erben – eine Karriere in der Armee oder der Flotte angestrebt. Und wie diese jungen Aristokraten in den Rängen emporstiegen, so wuchs auch ihr Einfluß. Armee und Flotte waren Löwenstein XIV. nicht länger so blind ergeben wie noch vor wenigen Jahren.

Im Endeffekt lief alles darauf hinaus, daß die politische Struktur am Imperialen Hof eher einem vollständigen Chaos ähnelte als einer Regierung, und über allem thronte die Eiserne Hexe mittels schierer persönlicher Macht und gerissener politischer Schachzüge.

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