Deshalb saßen der Wolf und sein Sohn Valentin auf dem Weg zum Hof allein in ihrem Abteil, unbewaffnet und ohne Leibwächter, um einer Audienz am Hof beizuwohnen und sich etwas anzuhören, das sie wahrscheinlich gar nicht hören wollten.
Jakob Wolf war ein Stier von einem Mann, mit breiten Schultern und einer faßförmigen Brust, die einem professionellen Gladiator alle Ehre gemacht hätte. Er trug die Haare kurz geschoren, hielt sein Gesicht auf dem Stand eines Mannes Mitte Vierzig und ignorierte im übrigen stur allen modischen Firlefanz. Sein Kinn ragte kühn hervor, als wollte es den Betrachter zu einem Kommentar herausfordern. Seine Augen waren dunkel und durchdringend, und es war schon beinahe eine Frage des Prinzips, daß er nie als erster den Blick senkte. Der Wolf besaß Hände wie Schraubstöcke, groß, grobschlächtig und meist zu Fäusten geballt. Seine Stimme war wie ein Gewittergrollen. Der Wolf hatte eine Menge Zeit und Überlegung in das Bild gesteckt, das er nach außen hin abgab, und er war insgeheim sehr zufrieden mit dem Resultat.
Es beseitigte bei seinen Gesprächspartnern vom ersten Augenblick an jeden Zweifel, daß er kein Mann war, mit dem man spielen konnte.
Jakob Wolf war einhundertdrei Jahre alt, aber dank der wissenschaftlichen Errungenschaften des Imperiums hätte man den jungen Mann, der neben ihm saß, leicht für seinen Bruder anstatt seinen Sohn halten können. Allerdings hätte ein Fremder auch keinerlei familiäre Ähnlichkeit zwischen den beiden feststellen können.
Valentin Wolf war groß, schlank und von der Empfindlichkeit einer Treibhausblume, die rüde aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen worden war. Sein Gesicht war lang und schmal, die Haut mehr als modisch blaß, und sein schwarzer Schopf fiel gelockt bis auf die Schultern herab. Dicke Maskara betonte seine ungewöhnlich hellen Augen, und ein aufgemaltes purpurnes Lächeln verbarg seine Gefühle vor allem und jedem. Valentin besaß die Hände eines Künstlers, mit langen, schlanken Gliedern und weit ausholender Gestik, und wenn er sich für etwas begeisterte, dann flatterten sie an seinem Mund wie aufgescheuchte Tauben in der Nacht.
Valentin Wolf war am Hof und auch außerhalb dafür bekannt, daß er jede Droge ausprobiert hatte, die der Menschheit bekannt war – und einige mehr, die er sich speziell hatte anfertigen lassen. Wenn man es rauchen oder schnüffeln konnte
– oder es sich irgendwo hineinstecken, wohin die Sonne nicht schien –, dann hatte er es erstens ausprobiert und zweitens genossen. Man erzählte sich allen Ernstes, daß Valentin noch nie auf eine Chemikalie gestoßen wäre, die er nicht gemocht hätte. Für diejenigen, die ihn kannten, erschien es wie ein Wunder, daß Valentin sein Gehirn nicht bereits vor langer Zeit geröstet hatte – aber wie durch irgendeinen dunklen, geheimnisvollen Zauber blieb sein Verstand scharf und gefährlich. Er hatte die üblichen Feinde eines Mannes in seiner Position und wirkte ganz so, als wollte er sie alle überleben. Und obwohl er sich aus sämtlichen höfischen Intrigen und Ränken heraushielt, besaß er dennoch einen subtilen, ja geradezu böswilligen Einfluß auf diejenigen, die das nicht taten. Valentin mochte eine empfindliche Treibhauspflanze sein, aber seine Dornen waren in höchstem Maße giftig.
Valentin zog eine silberne Pillenschachtel hervor, entnahm ihr ein kleines Pflaster und preßte es an seine Halsschlagader.
Das aufgemalte Grinsen verbreitete sich zu einer klaffenden purpurnen Wunde, und sein Vater räusperte sich mißbilligend.
»Muß das jetzt sein? Wir werden bald am Hof ankommen, und wir werden all unseren Verstand bitter nötig haben.«
»Nur ein kleines, harmloses Beruhigungsmittel, Vater.« Valentins Stimme klang beherrscht, freundlich und nur eine Spur zu verträumt. »Sei versichert, daß ich dir mit all meinen Fähigkeiten zur Seite stehen werde. Wenn ich noch konzentrierter wäre, würden meine Synapsen zusammenbrechen. Aus welchem Grund vermutest du, daß Ihre Imperiale Majestät, lang möge sie leben, deine Gesellschaft wünscht?«
»Wer kennt in diesen Tagen schon die Beweggründe der. Eisernen Hexe? Ich habe in dieser verdammten letzten Woche mehr Zeit als normalerweise in einem ganzen Monat damit vergeudet, in diesen verfluchten Todesfallen hin und her zu reisen. Sie verhält sich nicht wie gewöhnlich, und all meine üblichen Informationsquellen sind entweder ins buchstäbliche Nichts verschwunden oder haben unerwartete Skrupel entwickelt. Ich habe den kleinen Scheißkerlen jahrelang gutes Geld bezahlt, und genau in dem Augenblick, wo ich sie wirklich brauche, brechen sie zusammen. Wenn ich in einem Stück vom Hof zurückkomme, dann werden Köpfe rollen, mein Junge, und das meine ich nicht metaphorisch. Die Eiserne Hexe hat etwas vor, das spüre ich. Etwas, das der Versammlung der Lords nicht schmecken wird, und sie veranstaltet diese Mätzchen nur, um uns abzulenken und in Atem zu halten. Sie verschleiert etwas. Das sind alles nichts als verbale Taschenspielertricks. Aber was plant sie? Sei auf der Hut, mein Junge! Eines Tages wirst du, obwohl ich es nur ungern eingestehe, das Oberhaupt der Familie sein, und ich will nicht, daß man hinterher sagt, ich hätte nicht alles in meiner Macht Stehende getan, um dich gründlich auf diesen Tag vorzubereiten.«
»Möge noch viel Zeit bis zu jenem Tag vergehen, Vater«, erwiderte Valentin, und nur ein sehr aufmerksamer Zuhörer hätte einen sarkastischen Unterton in seiner Stimme entdecken können. »Du tust so viel für mich, und ich weiß es nie zu würdigen. Ich habe ein paar Mittelchen dabei, die den Intellekt schärfen und das Bewußtsein klären. Möchtest du vielleicht eines davon ausprobieren?«
»Nein, ganz bestimmt nicht! Ich habe noch nie Drogen benötigt, um meinen Verstand zu schärfen. Aber zeig mir, wie schlau du bist. Was meinst du, warum die Hexe uns diesmal zu sich zitiert hat?«
Valentin zog eine Blume aus dem Ärmel. Sie besaß einen langen Stiel, der vor Dornen nur so starrte, und ihre dicken, fleischigen Blütenblätter waren schwarz wie die Nacht. Er roch anerkennend an der Pflanze, bevor er eines der Blätter zwischen die Zähne nahm und es herausriß. Dann begann er langsam auf dem Blatt zu kauen und genoß sichtlich die Pflanzensäfte.
»Die Imperatorin scheint in letzter Zeit ziemlich besorgt zu sein, von dem Augenblick an, seit die Nachricht von den beiden neu entdeckten Alienrassen außerhalb des Imperiums eingetroffen ist, die technologisch zumindest auf unserer Entwicklungsstufe stehen. Eine hätte als potentielle Bedrohung schon ausgereicht, aber die Aussicht auf zwei hochentwickelte Spezies scheint die Ärmste förmlich um ihre Fassung gebracht zu haben. Dann gibt es da auch noch die Kyberratten, die ihre zerstörerischen kleinen Spielchen in unseren Rechnern spielen, die Klan-Bewegung, die ihre Botschaften überall verbreitet, wo man hinsieht, und nicht zu vergessen die kleinen Elfen mit ihren rabenschwarzen Seelen. Die Elfen sind in letzter Zeit immer überheblicher geworden, ganz zu schweigen von ihren letzten erfolgreichen Angriffen. Und dann gibt es da natürlich auch noch die endlosen Intrigen am Hof mit all ihren dunklen Verschwörungen, Ränkespielen und verschlungenen Plänen. An manchen Tages ist es gesünder, wenn man am Hof nicht hustet und sich nicht hinter dem Ohr kratzt, weil jemand es als geheimes Zeichen für den Beginn irgendeiner Gewalttat mißdeuten könnte. Aber das weißt du doch alles selbst, Vater. Dazu brauchst du mich nicht.«
Der alte Wolf lächelte schwach. Es war kein schöner Anblick. »Also hast du wenigstens aufgepaßt, Sohn. Deine Antwort ist so gut wie jede andere, aber welche würdest du dir aussuchen? Wo liegt die wahre Gefahr für die Imperatorin und für uns?«
Valentin Wolf riß ein weiteres Blütenblatt ab und kaute darauf herum. Helle Flecken erschienen auf seinem Gesicht wie schlecht aufgelegtes Rouge, und seine rätselhaften Augen sahen geheimnisvolle Dinge. »Die Fremdwesen sind zu weit von uns weg, um eine Gefahr darzustellen, die unserer geliebten Majestät bereits jetzt Sorgen bereiten könnte. Vielleicht sollten wir einfach hingehen und die beiden Rassen miteinander bekannt machen. Wir könnten uns zurücklehnen und zusehen, während sie die Sache unter sich auskämpfen. Die Kyberratten sind zu wenige und weit davon entfernt, mehr als ein Ärgernis darzustellen. Und die Klon-Bewegung hat nicht die Mittel, um als wirkliche politische Kraft aus dem Untergrund zu treten. Die Elfen waren in letzter Zeit erstaunlich ruhig.
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