Finlay Feldglöck war ein Stutzer und Geck, und obwohl er zu allen Gelegenheiten, bei denen die Mode danach verlangte, ein Schwert an seinem Gürtel trug, hatte noch niemand jemals beobachten können, daß er es im Streit gezogen hätte. Andererseits zog niemand jemals gegen ihn die Waffe – natürlich nicht. Er war immerhin ein Feldglöck, und bei den Feldglöcks wußte man nie so recht…
Sein Vater hatte den Versuch aufgegeben, seinen Sohn zu verleugnen, weil es nicht funktionierte – auf der anderen Seite machte er kein Geheimnis aus der Verachtung, die er für den launischen Poeten empfand, der irgendwie seinen männlichen Lenden entsprungen war. Trotzdem wagte es niemand, gegen Finlay zu intrigieren. Der alte Feldglöck war tödlich genug für beide, sich und seinen mißratenen Sohn, und er würde keine Beleidigung seines Familiennamens hinnehmen.
Ungezwungen bahnte sich Crawford Feldglöck den Weg durch die Menge, nickte denen zu, die in seiner oder der Gunst der Herrscherin standen, und schnitt alle anderen mit selbstgerechter Verachtung. Seine Bewegung durch die Halle mochte zufällig erscheinen, aber in Wirklichkeit durchmaß er den großen Saal mit militärischer Präzision und stellte sicher, daß er all jene traf, die von Bedeutung waren, und prägte sich ihre Gesichter und ihren Standort gründlich ein. Wissen war Macht im Dickicht der Intrigen und Täuschungen, das an
Löwensteins Hof herrschte. Der alte Feldglöck nickte anerkennend, während er darüber nachdachte. Eine gewisse vornehme Wildheit half, die Schwachen und Zaghaften auszusieben.
Sein Ausdruck hellte sich unvermittelt auf, als sein Blick auf ein bekanntes, aus der Versammlung hervorstechendes Gesicht fiel. Er beschleunigte seinen Schritt durch die Menge und ließ den Menschen vor sich gerade genug Zeit, aus dem Weg zu gehen – wenn sie schnell genug waren.
»Sommer-Eiland, mein alter Freund!« rief er schließlich, und eine ungewöhnliche Wärme bahnte sich ihren Weg an dem üblichen Grollen vorbei in seine Stimme. »Welch eine Freude, Euch hier zu treffen! Wie immer! Aber was führt Euch an den Hof?«
Lord Roderick Sommer-Eiland verbeugte sich zur Antwort förmlich. Entgegen der herrschenden Mode zeigte sich sein wirkliches Alter in den tiefen Falten seines Gesichts und der dichten weißen Mähne auf dem Kopf, obwohl sein Rücken noch immer gerade und sein Kinn hoch erhoben war. Der alte Sommer-Eiland mißbilligte den augenblicklichen Hof mindestens genausosehr, wie der augenblickliche Hof ihn mißbilligte. Er zeigte sich nur selten in der Öffentlichkeit. Sommer-Eiland kleidete sich im formellen Stil des vorhergehenden Herrschers, obwohl das nicht gestattet war, und seine Bekanntschaft war gefährlich. Niemand wagte je, etwas zu sagen. Der alte Sommer-Eiland war in früheren Tagen ein Meister des Duells gewesen, und keiner wußte mit Bestimmtheit, ob diese Tage wirklich vorüber waren. Er lächelte den Feldglöck beinahe zögernd an und schüttelte schließlich die angebotene Hand.
»Feldglöck! Wie ich sehe, lauft Ihr so schäbig wie immer durch die Gegend. Genießt Ihr noch die Gunst Ihrer Majestät?
Oh, natürlich. Was für eine dumme Frage! Es muß Jahre her sein, daß ich es als notwendig erachtete, den Hof zu besuchen, aber manche Dinge scheinen sich niemals zu ändern. Keiner achtet die Tugenden, und der Abschaum steigt noch immer bis an die Spitze auf.«
Feldglöck grinste. »Ihr habt Euch schon immer an mir gestört, mein lieber Sommer-Eiland. Ein Glück, daß wir Freunde sind, sonst hätten wir uns bereits vor Jahren gegenseitig umgebracht.«
»Oh? Das wage ich zu bezweifeln«, widersprach der alte Sommer-Eiland feierlich. »Ihr wart nie besonders gut mit dem Schwert.«
Feldglöck brach in schallendes Gelächter aus, und Leute, die sich vorsichtig näher herangeschoben hatten, um der Unterhaltung der beiden zu lauschen, zogen sich hastig wieder zurück. Viele behaupteten – und die meisten davon glaubten es wirklich –, daß der Humor des alten Feldglöck noch viel gefährlicher war als seine Wut. Feldglöck und Sommer-Eiland waren von Geburt an Rivalen gewesen, und während der langen zurückliegenden Jahre hatten sie zu ihrer nicht gelinden Überraschung feststellen müssen, daß es einfacher war, einen Feind zu mögen, den man bewunderte, als einen Verbündeten, der aus familiären Gründen unterstützt werden mußte. Der Dieb und der Ehrenmann, trotz aller Gegensätze Freunde und so fest miteinander verbunden, wie Gegensätze es nur sein konnten. Feldglöck fixierte Sommer-Eiland mit einem nachdenklichen Blick und rückte ein wenig näher heran.
»Was bringt Euch nach all diesen Jahren hierher? Ich dachte, ihr wärt zu der Erkenntnis gelangt, daß Politik etwas für niedrigere Stände wie meinesgleichen ist?«
»Meine Ansichten über diesen Hof haben sich nicht um ein Jota geändert, Feldglöck. Ihr selbst seid der lebende Beweis, mein Lieber. Wie viele bessere Leute habt Ihr unter Euren Füßen zertreten, um Eure gegenwärtige Stellung zu erreichen?«
»Ehrlich gesagt – ich habe aufgehört zu zählen. Mit der Zeit bekam ich Kopfschmerzen.«
Sommer-Eiland schüttelte bedächtig den Kopf. »Ihr verkörpert alles, was ich an diesem Hof verabscheue, und ich gehöre zu der Sorte Mensch, die Ihr während Eurer langen Laufbahn als Mörder und Doppelagent zertrampelt habt. Was haben wir gemeinsam?«
Erneut brach Feldglöck in schallendes Gelächter aus. »Tote Feinde, und das ist eigentlich schon alles. Wir haben einfach jeden überlebt, der je versucht hat, uns zu töten. Wir haben Herrscher kommen und gehen sehn, und wir waren Zeugen, wie sich das Imperium immer weiter ausdehnte. Politische Gruppierungen sind entstanden und vergangen, Geschäfte blühten und sind verwelkt, aber wir sind noch immer da, unvergleichlich und unaufhaltsam. Mit wem sonst könnten wir uns schon unterhalten, wer hat gesehen, was wir gesehen haben, gekämpft, wo wir gekämpft haben? Ich persönlich mag Euch, weil Ihr nicht auf das Gewäsch von anderen hört. Ganz besonders nicht auf mein eigenes. Und Ihr, Ihr schätzt es, die Wahrheit zu hören, selbst wenn es Euch nicht gefällt, was sie Euch verrät. Und Ihr wißt, woran Ihr mit mir seid, Roderick.«
Sommer-Eiland lächelte knapp. »Ihr habt schon immer zu viel geredet, Crawford. Was machen Eure Söhne?«
»Sind wie Schmerzen im Hintern, wie immer. Wenigstens haben inzwischen alle geheiratet und sind mit der Produktion von Enkeln beschäftigt. Ansonsten sind sie zu verdammt überhaupt nichts nutze. Ich könnte schwören, daß Finlay sich durch schieren Überfluß an Mode umzubringen versucht.
Oder vielleicht will er ein Märtyrer werden. Manchmal wünsche ich mir, daß er endlich Erfolg damit haben möge, damit ich mich nicht mehr laufend über ihn aufregen muß. Wenn er nicht mein Ältester wäre, hätte ich ihn schon längst im Schlaf erstickt. Sechs Jungen hatte ich vor ihm, alles gute, tüchtige Söhne, aber alle starben bei Duellen, durch Verrat oder irgendwelche politischen Gründe. Sie sind tot und haben mich mit Finlay als Erben zurückgelassen. Wenn der Gentest nicht eindeutig bewiesen hätte, daß er mein eigenes Fleisch und Blut ist, hätte ich schwören können, daß seine Mutter mir Hörner aufgesetzt hat. Und die anderen Söhne sind noch schlimmer, könnt Ihr Euch das vorstellen? Ich muß krank gewesen sein, als ich diese Bastarde zeugte. Wenigstens hat Finlay meinen Verstand geerbt, auch wenn er kaum davon Gebrauch macht.«
Feldglöck unterbrach seinen Redeschwall und blickte Sommer-Eiland unglücklich an. Seine Stimme senkte sich zu einem schroffen Flüstern. »Ich habe vom Tod Eures Sohnes gehört. Er hätte sich nie zu diesem Duell herausfordern lassen dürfen. Er hatte nicht die Spur einer Chance.«
»Nein, das hatte er nicht«, stimmte der alte Sommer-Eiland zu. »Aber ihm blieb keine andere Wahl. Es war eine Frage der Ehre.«
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