Hazel wollte eine zynische Antwort geben, als der Zylinder sich unvermittelt wieder öffnete und sie sich mit einem Satz in Sicherheit bringen mußte, um nicht von dem aufschwingenden Deckel getroffen zu werden. Die heftige Bewegung ließ sie einen Augenblick schwindeln, aber sie hatte sich wieder in der Gewalt, bevor Owen etwas bemerken konnte. Er stand unbeschwert vor ihr, und sie mußte zugeben, daß er ein gewaltiges Stück besser aussah als zuvor. Seine Verletzungen waren ohne die kleinste Narbe verheilt, und seine gesamte Haltung schien neues Selbstvertrauen auszustrahlen. Selbst seine Kleidung war gereinigt und geflickt worden. Er lächelte vergnügt, als er ihr Staunen bemerkte.
»Hab ich’s Euch nicht gesagt? Diese Jacht hat alles an Bord, was Ihr Euch nur vorstellen könnt. Und noch ein paar Dinge, von denen Ihr nicht einmal zu träumen wagt. Steigt endlich ein, und die Maschine wird sich auch um Euch kümmern.«
Hazel war nicht sicher, ob ihr die Art und Weise gefiel, wie Owen den letzten Satz betont hatte. Aber eigentlich blieb ihr gar keine andere Wahl, und sie wußte es. Der Schock, der sie vor dem Schmerz der schlimmsten Verbrennungen bewahrt hatte, war lange vorüber. Jetzt war jede Bewegung reine Agonie, und sie bewegte sich am Rand der totalen Erschöpfung.
Hazel konnte nicht mehr widersprechen, und ganz egal, was weiter geschah – früher oder später würde sie dem Todtsteltzer vertrauen müssen . Auch wenn er ein Lord war. Sie nickte Owen steif zu und stolperte schwerfällig zu dem Zylinder. Die junge Frau legte sich in die Maschine und vertraute sich ihrem Schicksal mit einem beinahe erleichterten Gefühl an.
Als sich der Deckel des Zylinders auf sie herabsenkte, schloß sie die Augen.
»Möchtest du, daß ich einige kleine Veränderungen an der jungen Dame vornehme?« fragte Ozymandius zurückhaltend.
Owen runzelte die Stirn. »Was meinst du mit Veränderungen ?«
»Nun, es gibt da einige Programme, die ich starten kann, während sie sich im Regenerator befindet. Ich könnte sie…
fügsamer machen. Ich könnte sie zum Beispiel dir gegenüber loyaler machen und verhindern, daß sie eine Waffe gegen dich erhebt. Die Programme sind ziemlich ausgereift und hinterlassen keine bleibenden Schäden. Es ist einfach eine Frage der Sicherheit, Owen. Sie ist eine Gesetzlose, vergiß das nicht.«
»Genau wie ich«, entgegnete Owen. »Du läßt sie in Ruhe, hörst du? Das ist ein Befehl.«
»Jawohl, Owen. Wie du wünschst.«
Owen wußte nicht genau, weshalb er so wütend reagiert hatte. Die KI war so programmiert, daß sie seine Interessen wahrnahm. Sie verrichtete nur ihre Arbeit. Aber Hazel hatte ihr Leben riskiert, um ihm zu Hilfe zu kommen, und sie hatte nicht wissen können, ob es ihr einen Profit einbringen würde.
Niemand hatte je so etwas für ihn getan, der nicht dafür bezahlt worden wäre, und das Gefühl, das diese Tatsache in ihm hinterließ, war mehr als ungewohnt. Bis er sich darüber Klarheit verschafft hatte, stand Hazel unter seinem Schutz. Auch vor ihm selbst, wenn es notwendig werden sollte.
»Gibt es etwas Neues von den Sensoren?« fragte er schließlich.
»Bisher nicht. Unsere Verfolger sind ganz schön verwirrt, daß wir in den See gefallen sind, Owen. Ich fange jede Menge unverschlüsselter Signale auf. Manche sagen, es sei eine Verzweiflungstat gewesen, andere reden von Selbstmord. Im Augenblick diskutieren sie heftig darüber, ob sie warten sollen, bis du wieder auftauchst, oder ob sie dir hinterherjagen sollen.«
»Laß mich wissen, wenn sie zu einer Entscheidung gekommen sind.« O wen streckte sich langsam. Der Zylinder hatte all seine physischen Verletzungen geheilt, aber mental war er noch immer völlig erschöpft. »Ich kann einfach nicht glauben, wie schnell das alles gegangen ist. Mir scheint, ich habe die einzige Erfahrung gemacht, die ein Mann, der alles hat, noch machen kann: alles wieder zu verlieren. Diese ganze Geschichte muß ein schrecklicher Irrtum sein. Ich habe nichts getan, wofür ich bestraft werden müßte. Ganz zu schweigen davon, mich für vogelfrei zu erklären.«
»Vielleicht«, begann die KI zögernd, »… vielleicht solltest du dich ergeben und anbieten, Miß d’Ark als Zeichen des guten Willens auszuliefern…?«
»Nein! Und ich will derartige Ideen nie wieder aus deinem Mund hören, Ozymandius. Außerdem… daran habe ich selbst auch schon gedacht. Aber es würde nicht funktionieren.
Sie würden sie nehmen und mich trotzdem umbringen. Ist das Schiff bereit zum Start?«
»Ja, Owen. Das Schiff ist bereit.«
Der Zylinder öffnete sich, und Hazel entstieg ihm wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling seinem Kokon. Ihre Overalls waren geflickt worden und sahen sauberer aus, als Owen jemals für möglich gehalten hätte. Sie erlaubte Owen, ihr aus der Maschine zu helfen, und betrachtete ehrfürchtig ihre makellose Haut. »Ich kenne Leute, die ein mittleres Vermögen für den Zugang zu einem solchen Apparat ausgeben würden.«
»Vielleicht könnt Ihr einen Handel vereinbaren, wenn uns das Geld auszugehen droht«, sagte Owen lächelnd. »Und wenn Ihr mir jetzt in den Hauptraum folgen würdet? Ich denke, es ist an der Zeit, daß wir von hier verschwinden, als wäre der Teufel persönlich hinter uns her. Wenn wir erst aus dem Wasser und in Bewegung sind, dann kann uns nichts mehr auf diesem Planeten aufhalten. Oz, bring uns nach oben, und halt erst an, wenn wir im Orbit sind.«
»Jawohl, Owen.«
»Und dann?« wollte Hazel wissen, während sie ihm in den Hauptraum folgte.
Owen zuckte die Schultern. »Ich hatte eigentlich gehofft, daß Ihr einige Ideen habt. Ich bin nämlich neu im Ganovengeschäft. Wohin können wir gehen, wo ich in Sicherheit bin vor der Sorte Leute, die mich verfolgen? Und bevor Ihr etwas sagt
– nein, ich bin nicht daran interessiert, mich irgendeiner Rebellengruppe anzuschließen, die gegen das Imperium kämpft.
Ich stehe dem Eisernen Thron und dem Imperium noch immer loyal gegenüber, wenn auch nicht der Imperatorin.«
»Nett gesagt«, fiel Ozymandius ein.
»Es gibt nur einen Ort, zu dem wir gehen können«, erwiderte Hazel. » Nebelwelt . Der Rebellenplanet. Aber das ist eine Einbahnstraße. Du bist in Sicherheit, aber niemand verläßt den Planeten jemals wieder.«
» Nebelwelt . Ich hätte es wissen müssen«, murmelte Owen vor sich hin. Hazel blickte ihn fragend an, doch er schüttelte den Kopf. »Fragt mich nicht. Also gut. Da uns nichts Besseres einfällt, gehen wir halt nach Nebelwelt . Oz, setz die Koordinaten. Laß mich wissen, wenn wir bereit sind zum Sprung.«
»Jawohl, Owen. Wir haben soeben den Orbit erreicht.«
»Was? Schon?« fragte Hazel verblüfft. »Ich habe nicht einmal gewußt, daß wir gestartet sind!«
»Habe ich Euch nicht gesagt, daß diese Jacht etwas Besonderes ist?« fragte Owen selbstgefällig. »Oz, zeig uns auf dem Hauptschirm, was draußen los ist.«
Eine der Wände verwandelte sich in einen Bildschirm und zeigte weit unten Virimonde sowie einen Imperialen Sternenkreuzer, der geradewegs auf sie zukam. Während sie noch hinblickten, fiel hinter dem ersten Schiff ein zweites aus dem Hyperraum.
»Zwei Sternenkreuzer?« sagte Owen und blickte ungläubig auf den Schirm. »Sie haben zwei verdammte Sternenkreuzer geschickt, um mich zu fassen? Ich glaub’, ich spinne! Verdammt!«
»Möglicherweise hat es auch etwas mit mir zu tun«, sagte Hazel zögernd. »Mein letztes Schiff hat einen Sternenkreuzer gerammt, gleich nachdem ich in der Rettungskapsel geflüchtet bin. Ich nehme an, er hat einen Notruf abgesetzt, während er abstürzte.«
»Na, dann gute Nacht«, sagte Owen. »Gibt es noch mehr unangenehme Überraschungen, von denen ich nichts weiß?
Nein, erzählt mir nichts. Oz, Schilde hoch und in den Hyperraum, sobald die Energieniveaus stabil sind. Ich habe keine Ahnung, warum sie noch nicht auf uns feuern…«
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