Owen runzelte die Stirn. »Du meinst, all diese Bäume sind unecht?«
»O nein, sie sind schon auf gewisse Weise echt. Und sie leben auch. Nur sind sie eben nicht natürlich, sondern künstlich.
Was meinst du denn, wie sie sonst all diese Jahrhunderte hätten überleben sollen?«
Owen beschloß, keine weiteren Fragen mehr zu stellen. Die Antworten gefielen ihm nicht. Er setzte sich in Bewegung und stapfte über den Waldweg voran, und die anderen folgten ihm.
Eine Weile gingen sie schweigend durch den Wald. Das weiche Geräusch ihrer Schritte auf dem Waldboden war der einzige Laut weit und breit. Es schien noch heißer zu werden, aber sonst gab es keinerlei Veränderung. Owen wußte nicht, ob er sich deswegen erleichtert fühlen sollte oder nicht. Er hatte mit Ozymandius gesprochen, bevor sie auf den Planeten teleportiert waren, und ihn gefragt, wie kalt es seiner Meinung nach in den Tiefen des erfrorenen Planeten sein würde, und die Antwort der KI hatte ihn in keiner Weise beruhigen können. Offensichtlich arbeiteten die Sensoren der Todtsteltzer-Festung nicht vernünftig, so dicht an einem Planeten. ›Kalt mit einem ganz großen K‹, hatte die KI erwidert. ›Besser, du ziehst warme Wollsachen an.‹ Zum Glück hatten die Schiffssensoren sofort einen Temperaturanstieg in der unmittelbaren Umgebung des Portals festgestellt, nachdem Giles die Verbindung aktiviert hatte. Woraus sie schlossen, daß nicht nur irgend jemand oder irgend etwas noch immer de Systeme tief im Innern des Planeten am Laufen hielt, sondern auch, daß irgend jemand oder irgend etwas wußte, daß sie kamen. Owen wünschte nur, die Temperaturen wären etwas niedriger gewesen. Er umrundete eine Biegung und blieb wie angewurzelt stehen, als er das Wesen vor sich sah.
Sein erster Impuls war der Griff nach dem Disruptor, doch Owen zwang sich unter größter Anstrengung, Ruhe zu bewahren. Die große Gestalt, die regungslos ein Stück vor ihm wartete, war mit ziemlicher Sicherheit das gefährlichste Wesen, das er je in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte, einschließlich der mörderischen Kreaturen aus dem Dschungel Shandrakors . Die anderen rannten von hinten gegen ihn, aber ein Blick über seine Schulter reichte aus, um jeden davon zu überzeugen, daß es klüger war, sich zunächst nicht weiter zu nähern.
Die Gestalt schien männlich zu sein, doch das Wesen stand nicht wie ein Mann. Es war mindestens zweieinhalb Meter groß, und sein schwerer, zottiger Kopf hatte unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Wolf. Beängstigend breite Schultern wölbten sich über einer faßförmigen Brust, die schließlich in einen schlanken Leib mündete. Die Gestalt war vom langohrigen Kopf bis hinab zu den großen Pfoten in schwere, goldene Felle gehüllt. Die Beine waren geformt wie die eines Wolfs, und irgendwie erweckte das Wesen den Eindruck als würde es genauso gerne auf allen vieren wie aufrecht gehen.
Die pelzigen Hände endeten in langen, gezackten Krallen, und lange schmutziggelbe Reißzähne glänzten in einem grinsenden Maul. Aber das war alles noch nichts gegen die wirklich furchteinflößenden Augen. Sie waren groß und verrieten Intelligenz und eine beinahe hypnotische Wildheit. Die Rebellen hatten den Wolfling gefunden. Oder besser, er hatte sie gefunden.
Owen leckte sich über die plötzlich trockenen Lippen. Er schaffte es nicht, die Hand von der Waffe zu nehmen. Der Wolfling sah aus, als könne er jeden Augenblick angreifen, und Owen hatte keinen Zweifel daran, daß mehr als nur sein Schwert nötig war, um ihn aufzuhalten. Giles hatte den Wolfling als vollkommenen Jäger beschrieben, als genetisch manipulierte Tötungsmaschine, und nachdem Owen ihn jetzt mit eigenen Augen vor sich sah, stimmte er den Worten seines Vorfahren voll und ganz zu. Allein die Art und Weise, wie der Wolfling dastand, ließ schon ein Gefühl tödlicher Bedrohung aufkommen, als sei er nur einen Schritt von mörderischer Raserei entfernt, und sein gesamtes Äußeres, von dem wilden Blick der Augen bis hin zu den klauenbewehrten Händen, verriet die unbezähmbare Gewalt, die in ihm steckte. Der Wolfling knurrte leise, und Owen sträubten sich sämtliche Haare. Der junge Todtsteltzer schluckte mühsam. Er hatte keine Idee, wie es nun weitergehen sollte – außer sofort auf die Kreatur zu schießen. Sollte er vielleicht wie ein Selbstmörder vortreten, dem Wolfling die Hand tätscheln und ›Braver Hund‹ sagen? Er schob den Gedanken entschlossen beiseite, als der Wolfling erneut knurrte, und warf einen Blick über die Schulter zu seinem Vorfahren.
»Giles«, sagte er so ruhig und fest, wie seine Stimme es zuließ. »Ich denke, er möchte mit dir reden.«
Der Erste Todtsteltzer schob sich zwischen den anderen hindurch nach vorn und trat neben Owen. Er verbeugte sich förmlich vor der Kreatur und lächelte schwach. »Hallo Wulf.
Ist lange her, was?«
»Nicht lange genug«, grollte der Wolfling. Seine Stimme klang tief und rauh, aber die Worte schienen keine Drohung zu enthalten. »Wenn du herkommst, bringst du mir jedesmal Schwierigkeiten. Welche schlechten Nachrichten gibt es denn diesmal wieder?«
»Das Imperium ist uns auf den Fersen«, erwiderte Giles.
»Sie wollen den Projektor , ganz egal, wie hoch der Preis dafür ist. Ich will ihnen zuvorkommen. Das bedeutet, daß wir durch das Labyrinth müssen. Und das bedeutet jedenfalls, daß wir nur wenig Zeit haben. Wirst du uns helfen?«
»Zeit zum Begrüßen alter Freunde hat man immer«, sagte der Wolfling und grinste schwach. Kein beruhigender Anblick Das Wesen trat plötzlich mit einer eleganten Bewegung vor und umarmte den Ersten Todtsteltzer. Giles verschwand fast unter den Fellen. Sie lachten beide, und der Wolfling ließ ihn wieder los. Er musterte Giles mit zur Seite geneigtem Kopf und fuhr fort: »Du hast zwar gesagt, daß du eines Tages zurückkehren würdest, aber nach mehr als neunhundert Jahren hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben. Verdammt, alter Junge, es tut gut, dich wiederzusehen. Aber ich sehe, daß du in Begleitung gekommen bist. Stell mir deine Freunde vor, und ich entscheide dann, ob ich sie fresse oder nicht.«
Er grinste erneut sein entnervendes Grinsen, während Giles seine Kameraden vorstellte. Owen zog es vor anzunehmen, daß der Wolfling nur einen Scherz gemacht hatte. Alles andere wäre wirklich zu beängstigend gewesen. Hazel neigte höflich den Kopf, doch ihre Waffe blieb unverwandt auf den Wolfling gerichtet. Ruby machte sich erst gar nicht die Mühe, höflich zu erscheinen. Ohnesorg lächelte herzlich und schüttelte dem Wolfling sogar die Klauenhand, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Wahrscheinlich hatte er in seiner Zeit als Berufsrebell gelernt, diplomatisch mit allen Arten von Verbündeten umzugehen. Tobias Mond und der Wolfling sahen sich für einen langen Augenblick schweigend in die Augen, und dann sah jeder wieder weg, als hätten sie beide entschieden, für den Augenblick einen Waffenstillstand einzuhalten. Owen fragte sich, was die beiden künstlichen Kreaturen voneinander denken mochten. Zwei Bastarde, die ihre Existenz menschlichem Erfindungsreichtum verdankten. Vielleicht Eifersucht?
Als er an der Reihe war, schüttelte auch Owen dem Wolfling die Hand. Es war nicht so schlimm, wie er zuerst geglaubt hatte; es war einfach, als schüttelte man jemandem die Hand, der dicke Handschuhe trug. Jedenfalls solange man nicht auf die Krallen blickte. Die Krallen waren lang und kräftig, das tiefe Gelb des Horns mit dunklen Flecken überzogen, die möglicherweise getrocknetes Blut waren, möglicherweise aber auch nicht. Owen entschied, lieber nicht nachzufragen.
Aus der Nähe roch die riesige Kreatur ziemlich streng, um nicht zu sagen sie stank; ein animalischer Geruch, der Owens Nackenhaare in einer instinktiven Reaktion erneut zu Berge stehen ließ. Er lächelte tapfer und ließ die Hand des Wolflings los, sobald es ohne Beleidigung möglich war. Das Wesen wandte sich wieder an Giles.
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