Giles unterrichtete sie auf seine trockene, sarkastische Art und Weise, und die anderen hörten mehr oder weniger aufmerksam zu. Trotzdem schien niemand besonders darauf erpicht, daß die Besprechung zu Ende ging.
»Die Sensoren meiner Burg zeigen große künstliche Hohlräume unter der Planetenoberfläche«, sagte Giles. Eine beunruhigend detaillierte Karte erschien auf dem Bildschirm.
Owens Kopf begann alleine vom Hinsehen zu schmerzen.
»Die meisten dieser Bauwerke existierten bei meinem letzten Besuch auf der Wolflingswelt noch nicht«, sagte Giles. »Das ist die Stadt der Hadenmänner. Sie liegt auf der anderen Seite des Labyrinths des Wahnsinns . Das Portal, das ich bei meinem letzten Besuch der Wolflingswelt zurückgelassen habe, steht auf der gegenüberliegenden Seite des Labyrinths. Also bleibt uns bedauerlicherweise keine andere Wahl, als zuerst durch das Labyrinth zu gehen, bevor wir die Stadt der Hadenmänner erreichen können.«
»Und was bedeutet das genau?« wollte Owen wissen. »Du hast uns nie erklärt, was es mit diesem Labyrinth des Wahnsinns auf sich hat.«
Giles schürzte nachdenklich die Lippen. »Das Labyrinth ist ein rätselhaftes, geheimnisvolles Bauwerk. Die Wolflinge haben es errichtet, kurz bevor sie alle durch das Imperium ausgelöscht wurden. Jedenfalls fast alle. Einer von ihnen lebt noch. Er bewacht das Labyrinth. Manchmal denke ich, er bewacht es nicht, um die Menschen davon fernzuhalten, sondern um zu verhindern, daß das Labyrinth entkommt. Und was auch immer er über das Labyrinth weiß, er hat es mir nie verraten. Das Labyrinth ist… schwer zu beschreiben. Ihr werdet ja sehen. Ich bin nie selbst hindurchgegangen, aber seine Funktion ist kein Geheimnis. Das Labyrinth beeinflußt Körper und Geist und formt sie neu und… verändert sie. Ich glaube, es diente ursprünglich dazu, die Wolflinge auf die nächste Stufe der Evolution zu heben. Glücklicherweise, und ich benutze dieses Wort mit Bedacht, bekamen sie nie eine Gelegenheit, es zu benutzen. Ich bin nicht sicher, ob die Menschheit das überlebt hätte, was aus den Wolflingen entstanden wäre.«
»Moment mal!« unterbrach Hazel. »Wenn die Hadenmänner ihre Stadt unterhalb des Labyrinths errichtet haben – müssen sie dann nicht alle hindurchgegangen sein?«
»Ich glaube nicht«, erwiderte Mond. »Die Wissenschaftler gruben sich durch den gefrorenen Planeten bis zu einem ihnen geeignet erscheinenden Ort, einer großen Ansammlung natürlicher Höhlen. Bei ihrem Rückzug brachten sie den Tunnel wieder zum Einsturz, um ihre Spuren zu verwischen und zu verhindern, daß ihnen jemand folgen konnte. Am Ende war das Labyrinth für sie wahrscheinlich nur eine weitere Verteidigungseinrichtung für die Zeit, während der sie in der Gruft schliefen. Ich denke, ich sollte bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daß noch weitere Verteidigungsanlagen die Stadt schützen. Theoretisch zumindest sollte allein meine Gegenwart ausreichen, um sie zu entschärfen.«
»Aber du bist dir nicht sicher«, sagte Ruby Reise.
»Nein«, erwiderte Mond. »Ich war noch nie hier.«
»Das wird ja von Minute zu Minute besser«, brummte Jakob Ohnesorg. »Wenn das Labyrinth uns nicht tötet, dann tut es die Stadt. Und wenn wir die überleben, bleiben noch immer das Imperium und die Streitkräfte, die sie hinter uns hergeschickt haben.«
»Wenn Rebellion einfach wäre, könnte ja jeder eine anfangen«, entgegnete Giles.
Ohnesorg warf ihm einen bösen Blick zu.
Sie traten nacheinander durch das Transferportal, waffenstarrend bis zum Hals, und fanden sich auf einer silbern schimmernden Ebene wieder, die sich in weitem Rund bis in die Dunkelheit erstreckte. Das einzige Bauwerk bestand aus einer großen, metallenen Tür, mehr als vier Meter hoch und drei breit, die anscheinend ins Nichts führte und genau im Zentrum der erleuchteten Ebene ruhte. Das Metall glänzte bronzefarben im Licht, das aus dem Boden selbst zu stammen schien. Reihen tief eingeschnittener Schriftzüge in einer unbekannten Sprache zogen sich über die ansonsten glatten Flächen. Owen trat vor, um die Schrift eingehender zu betrachten. Die anderen blieben zögernd stehen. Owen warf ihnen einen verächtlichen Blick zu und trat ganz dicht vor die schwere Tür, ohne sie zu berühren. Die scharf konturierten Muster schienen voller geheimer Bedeutungen zu sein, die sich seinem Verstand entzogen. Er hörte ein schwaches Summen, das direkt aus der Tür kam: ein pochender, dumpfer Klang, der ihm in die Knochen fuhr. Etwas schwebte in der Luft, das spürte der junge Todtsteltzer. Er schob das Holster seiner Waffe zurecht, um den Disruptor griffbereit zu haben, und näherte das Gesicht den unbekannten Zeichen auf der Tür. Ein schwacher Schatten spiegelte sich im dunklen Metall: ein grimmiges Gesicht mit zusammengepreßten Lippen.
»Kannst du dieses Gekritzel lesen?« fragte Hazel schließlich.
»Ihr könntet ruhig etwas mehr Respekt zeigen«, sagte Owen, ohne den Blick von der Tür abzuwenden. »Ich habe so etwas schon einmal gesehen, in ein paar mehr als neunhundert Jahre alten Dateien, aber ich schätze, das hier ist eine Art Dialekt oder so. Jedenfalls haben diese Schriftzeichen überhaupt keine Gemeinsamkeiten mit der Imperialen Standardschrift.
Ich bezweifle stark, daß es außer mir mehr als ein Dutzend Gelehrte im gesamten Imperium gibt, die diese Schrift zuordnen könnten.«
»Schön, Aristo, wir sind sehr beeindruckt«, sagte Ruby Reise. »Aber kannst du sie auch entziffern? Was bedeuten die Worte?«
»Im Grunde genommen nichts weiter, als daß wir uns fernhalten sollen. Wir sollen nicht durch diese Tür gehen, weil uns sonst etwas verdammt Unangenehmes zustoßen könnte. Aber es ist keine Drohung. Ich denke, es soll eher eine… Warnung sein. Du bist so still, Giles? Würdest du vielleicht gerne etwas über diese Tür sagen?«
»Nun, ich kann dir zumindest eine interessante Sache verraten. Als ich das letzte Mal auf dem Planeten war, war sie noch nicht hier. Genausowenig wie die Ebene. Das hier war nur eine ganz gewöhnliche Höhle, die die Wolflinge aus dem soliden Gestein gehauen hatten.«
»Ich kann Euch noch eine weitere höchst interessante Einzelheit verraten«, mischte sich Jakob Ohnesorg ein. »Diese Tür spiegelt sich nicht auf dem Boden.«
Owen warf unwillkürlich einen Blick nach unten. Er konnte sein eigenes Spiegelbild und das seiner Kameraden im silbernen Boden erkennen, aber von der Tür keine Spur. Die Haare in seinem Nacken stellten sich langsam auf, als ein kalter Wind sich erhob.
»Und was machen wir jetzt, Vorfahr?« fragte er endlich und blickte zu Giles. »Was werden wir deiner Meinung nach hier finden?«
»Den Eingang zum Reich der Wolflinge und den Weg zum Labyrinth des Wahnsinns . Wegen der Wolflinge brauchst du dir keine Gedanken zu machen; sie sind alle tot. Jedenfalls bis auf den einen, den Wächter des Labyrinths. Er sollte noch immer irgendwo hier in der Gegend sein und warten.«
»Nach mehr als neunhundert Jahren?« fragte Hazel. »Du meinst, er liegt in Stasis wie du?«
»Nein«, erwiderte Giles. »Er ist unsterblich, versteht Ihr?
Sie alle waren unsterblich, jedenfalls theoretisch. Das war zumindest ein Teil des Problems. Die Wissenschaftler hatten einen Weg gefunden, wie man ewig leben konnte, aber man mußte ein Wolfling werden, damit es funktionierte. Und Wolflinge, ganz egal was sie sonst noch alles waren, menschlich waren sie nicht. Jedenfalls nicht in der Art und Weise, wie wir diesen Begriff verstehen. Ihr Verstand arbeitete… anders. Nein, er sollte noch immer hiersein. Der letzte seiner Art. Er wartet.«
»Auf was?« fragte Ruby Reise.
»Das könnt Ihr ihn gerne selbst fragen, wenn wir ihn treffen«, erwiderte Giles. »Ich für meinen Teil habe nie eine Antwort von ihm bekommen, die irgendeinen Sinn ergab.«
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