Die Imperialen Hirntechs hatten ganze Arbeit an ihm geleistet. Er rutschte verstohlen auf seinem Stuhl hin und her in dem vergeblichen Bemühen, es sich bequem zu machen, und überlegte angestrengt, über was zur Hölle er mit dem Hadenmann reden sollte. Mond sprach als erster.
»Ich habe keine Erinnerung an die Stadt oder die Laboratorien von Haden «, begann er. »Ich wurde unterwegs zum Leben erweckt, auf einem Schiff während der Fahrt zwischen zwei Planeten… zwischen den Schlachten. Die Rebellion der Hadenmänner drohte zu scheitern, und meine Vorgesetzten benötigten alle Einheiten, die sie nur kriegen konnten. Ich kämpfte in zahlreichen Schlachten und auf vielen verschiedenen Welten, und ich befolgte stets nur die Befehle meiner Vorgesetzten. Ich tötete Männer und Frauen und Kinder.
Nach der Rebellion waren die meisten meines Volks gefallen oder zurück nach Haden geflohen, in ihre Gruft, und ich wurde aufgegeben und mir selbst überlassen. Ich hatte keine Ahnung, wo Haden lag. Eine Zeitlang lebte ich vom Kämpfen, weil ich nichts anderes konnte. Ich kämpfte für viele Parteien, auf vielen Planeten, aber am Ende schien es immer um das gleiche zu gehen, und ich begann mich zu langweilen. Ich verbrachte ein paar Jahre mit Reisen und suchte nach neuen Herausforderungen, doch meine Energiekristalle erschöpften sich allmählich, und die erforderliche Technologie, um sie wieder aufzuladen oder zu ersetzen, war nur auf Imperialen Stützpunkten zu finden, wo Hadenmänner keinen Zutritt hatten. Schließlich endete ich auf Nebelwelt, und ich war kaum noch besser als ein Mensch.
Könnt Ihr überhaupt ermessen, was es bedeutet, wenn man nur ein Mensch ist? Ich besaß so viele Fähigkeiten. Ich war stark und schnell, und meine Sinne nahmen soviel mehr vom Universum wahr als einfache organische Geschöpfe. Aber ich wurde mit jedem Tag schwächer, sah mit jedem Tag weniger, und selbst meine Gedanken wurden immer langsamer.
Lange Zeit fristete ich eine trostlose Existenz. Ich hatte keine Pläne mehr, keine Hoffnung, keine Zukunft. Dann drang die Nachricht von Owen Todtsteltzer an meine Ohren, dem geächteten Lord von Virimonde, und ich erinnerte mich der Machenschaften seiner Familie. Ich wagte wieder zu hoffen.
Owen Todtsteltzer führte mich mit Euch zusammen und brachte mich zu meiner verlorenen Heimat Haden und der Gruft der Hadenmänner. Jetzt habe ich die Chance, wieder unter meinesgleichen zu leben. Ich verdanke Owen Todtsteltzer alles. Aber wenn mein Volk erwacht, muß ich erneut den Befehlen meiner Vorgesetzten gehorchen, wie auch immer sie lauten mögen.«
Ohnesorg runzelte die Stirn. »Ihr meint, sie könnten sich weigern, bei der Rebellion des Todtsteltzers gegen das Imperium mitzumachen? Sie werden sicher einsehen, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, sich uns anzuschließen.«
»Ihr versteht nicht. Ihr und Eure Kameraden seid alle menschlich, und für lange Zeit war das für unser Volk ein Synonym für den Feind. Es ist ein zentraler Gedanke der Hadenmänner, daß wir geschaffen wurden, um die Menschheit zu ersetzen. Ihr seid schwach, ungeschützt und unterlegen.
Aber ich habe so lange unter Menschen gelebt, und ich habe eure besonderen Stärken und Potentiale gesehen, die meiner Rasse bisher fehlen. Sie werden sagen, die Menschen hätten mich mit ihrer Schwachheit angesteckt, und vielleicht haben sie sogar recht damit. Ich weiß wirklich nicht mehr, ob ich ein Hadenmann bin oder etwas anderes, weniger oder mehr oder beides zugleich. Ich habe so lange darauf gewartet, zu meinem Volk zurückzukehren und wieder ein voll funktionsfähiger aufgerüsteter Hadenmann zu sein, aber jetzt… Ich weiß nicht mehr genau, wo ich eigentlich hingehöre. Ich weiß überhaupt nichts mehr.«
»Ihr neigt ein wenig zur Nervosität, mein lieber Mond. Das ist nur allzu menschlich.«
»Aber ich bin kein Mensch! Ich sollte nicht einmal denken wie ein Mensch. Ich bin ein Hadenmann, die nächste Stufe der menschlichen Evolution, und genau das wird mein Volk auch sagen, wenn es aus der Gruft kommt. Ich bin endlich zu Hause, auf der verlorenen Welt Haden , nur um herauszufinden, daß ich mich überhaupt nicht wie zu Hause fühle.«
Der Hadenmann sprang unvermittelt auf und verließ auf seine unnachahmlich lautlose und elegante Art den Raum.
Ohnesorg ging ihm nicht hinterher. Er bezweifelte, daß er Mond hätte einholen können, und selbst wenn, was hätte er ihm schon sagen sollen? Was konnte man jemandem sagen, der den Verlust seiner eigenen Nichtmenschlichkeit betrauerte? Also lehnte Ohnesorg sich in seinem unbequemen Stuhl zurück und betrachtete den Bildschirm. Er fragte sich, ob er den anderen von seiner Unterhaltung mit Mond berichten sollte. Der gefrorene Planet schien ihn anzustarren, stumm und voller Rätsel und Geheimnisse. Ohnesorg vernahm sich
nähernde Schritte und drehte sich rasch in seinem Stuhl um, für den Fall, daß Mond zurückkam. Aber der Mann in der Tür war Giles, der Erste Todtsteltzer. Er sah müde aus, und vielleicht fühlte er sich ein wenig verloren. Er bedeutete Ohnesorg mit einem Wink, sitzen zu bleiben, und ließ sich im Stuhl neben dem alten Berufsrevolutionär nieder. Der Todtsteltzer blickte auf die Welt, die regungslos in der Mitte des Bildschirms hing, und seufzte kurz.
»Ein häßlicher Planet. Als er noch lebte, sah er nicht viel besser aus, jedenfalls aus dem Orbit betrachtet. Vielleicht war es dadurch einfacher, ihn zu zerstören. Ich hätte nie gedacht, ihn eines Tages wiederzusehen. Als ich meine Burg auf Sandrakor landete, war ich mir sicher, daß ich dort sterben würde.
Alle hatten ihre Hand gegen mich erhoben. Einige, weil ich den Dunkelwüsten-Projektor eingesetzt hatte, und andere, weil ich fest entschlossen war zu verhindern, daß er je wieder benutzt werden würde. Niemand war mehr überrascht als ich selbst, als der Staub sich am Ende legte und ich alle Gegner besiegt hatte, die mir auf den Fersen gewesen waren. Ein Teil von mir wollte sterben. Ich begab mich in Stasis, weil ich hoffte, daß die Dinge sich von selbst erledigen würden, bevor man mich wieder aufweckte. Ich hätte es besser wissen sollen.
Alles ist noch viel verwickelter als damals. Drei verschiedene Arten von Kyborgs, abtrünnige künstliche Intelligenzen, die der Menschheit den Krieg erklärt haben, eine wahnsinnige Herrscherin auf dem Eisernen Thron und nicht nur eine, sondern gleich zwei möglicherweise gefährliche fremde Rassen.
Und zu allem Überfluß ist mein Nachkomme, der Todtsteltzer dieser Tage, ein Historiker!«
»Er ist ein guter Mann«, entgegnete Ohnesorg. »Er kämpft hervorragend, wenn es sein muß, und er trägt einen klugen Kopf auf den Schultern. Er sorgt sich um andere, und meist sind seine Beweggründe edel. Ihr hättet es ein gutes Stück schlimmer treffen können.«
»Von Euch hört man das gleiche«, sagte Giles. »Alle sagen mir, daß Ihr ein hervorragender Kämpfer und ein großartiger Anführer seid.«
Ohnesorg seufzte. »Vielleicht früher einmal. Ich bin nicht sicher, ob das auch heute noch gilt. Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, auf der einen oder anderen Welt gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, und ich hatte alle Hoffnung auf eine Familie oder ein normales Leben aufgegeben, nur um einen Kampf zu führen, der meist von vornherein schon zum Scheitern verurteilt war. Ich habe viele gute Männer sterben sehen, immer und immer wieder, viele Männer, die besser waren als ich und alles für nichts und wieder nichts.
Das Imperium ist so stark wie eh und je, und ich bin nur noch ein alter Mann, der keinen sicheren Ort hat, um seinen Kopf niederzulegen.«
»Es geht nicht darum, zu gewinnen oder zu verlieren«, sagte Giles. »Es geht darum, so viele von den Bastarden mit sich zu nehmen wie möglich. Jeder kann wegsehen und so tun, als sähe er das Böse nicht, solange es ihn nicht betrifft.
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