Aber ein Mann von Ehre hat keine andere Wahl, als aufzustehen und etwas zu unternehmen. Was auch immer geschehen mag – Ihr und ich haben das Leben gelebt, das wir zu leben uns selbst aussuchten. Zu viele Menschen leben ein Leben, das ihnen andere vorschreiben, folgen Befehlen, mit denen sie nicht einverstanden sind, und kämpfen für Dinge, an die sie nicht glauben. Sie leben bedeutungslose Leben, die niemanden berühren und nichts ändern. Ob es besser war oder schlechter, Ohnesorg, Ihr und ich, wir sind aufgestanden und haben dem Bösen ins Auge geblickt. Wir sind nicht zurückgezuckt. Wir erhoben unsere Waffen und zogen in den Krieg, und selbst wenn wir die meisten Schlachten nicht gewinnen konnten, so haben wir einigen Leuten doch ziemlich in den Hintern getreten. Es war ein Unterschied, ob wir da waren oder nicht, und mehr kann ein Mensch nicht von seinem Leben verlangen.«
»Ja«, erwiderte Ohnesorg. »Und wegen uns starben eine Menge guter Leute, die uns in der Erwartung von Wundern gefolgt sind. Machen Euch die Geister nie zu schaffen, Todtsteltzer?«
»Natürlich. Einige von ihnen warten unten auf dem Planeten auf mich. Aber ich treffe meine Entscheidungen wegen der Zukunft, nicht wegen der Vergangenheit. Und Geister müssen ihren Platz kennen.«
»Es muß wundervoll sein, sich so stark und sicher zu fühlen«, sagte Ohnesorg. »Und alle Antworten zu kennen. Wenn Ihr einen Augenblick Zeit habt, dann bedauert uns arme Sterbliche mit unseren Zweifeln und Fehlern.«
Er erhob sich brüsk und ging. In der Tür rempelte er Owen an, ohne ein Wort zu sagen. Owen wandte sich um und blickte dem alten Mann hinterher, der ungestüm durch den Korridor davonstapfte. Dann sah er fragend zu seinem Vorfahren.
»Was ist denn in den gefahren?«
»Er spürt sein Alter. So ist das eben, wenn man sich auf eine Schlacht vorbereitet. Es ist eine Zeit, in der man Fremden sein Herz öffnet und auf Absolution hofft. Bist du aus dem gleichen Grund zu mir gekommen, Verwandter?«
»Nein. Ich kam einfach vorbei und hörte Stimmen.« »Und wie fühlst du dich? Bereit zum Kampf?« »Ich hoffe es wenigstens. Aber mir bleibt keine andere Wahl, oder? Seit diese Geschichte begann, wurde ich von Planet zu Planet gehetzt, und die bösen Jungs waren nie mehr als ein paar Minuten hinter mir. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn zum Rasten. Und ganz egal, in welche Richtung ich mich auch wende, ich höre immer nur Pflicht, Pflicht, Pflicht. Kämpfe für dieses, kämpfe für jenes, kämpfe für dein Recht, am Leben zu bleiben. Welche Wahl hatte ich schon in letzter Zeit?«
»Es gibt immer eine Wahl, Owen. Du kannst wählen, ob du kämpfen oder fliehen willst, ob du stark oder schwach sein willst. Du kannst wählen, den Kampf der Gerechten zu kämpfen und niemals den Kopf vor einem Halunken zu beugen. Du entstammst einer Familie von Kriegern, die sich niemals einer Überzahl gebeugt hat und niemals für eine Sache kämpfte, an die sie nicht glaubte. In unserer Familie ist es Tradition, sich allen Hindernissen zu stellen, die man uns in den Weg legt, und am Ende darüber hinwegzusteigen. Wir begegnen unseren Feinden mit kaltem Stahl in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen. Wir Todtsteltzers waren immer Helden, Krieger und Männer des Schicksals.«
»Spar dir deine feurige Rede für jemanden, der an diesen Unsinn glaubt«, erwiderte Owen. »Ich habe mir diesen Mist mein ganzes Leben lang anhören müssen, und er hat meinen Vater nicht davor bewahrt, von einem Meuchelmörder der Herrscherin umgebracht zu werden, genausowenig wie er uns retten wird, wenn die Truppen Löwensteins erst hier eintreffen. Wir sind sechs Leute, die der gesamten Macht des Imperiums gegenüberstehen. Unsere Chancen sind kleiner als null.
Unsere einzige Hoffnung zu überleben besteht darin, eine Rasse von Halbmenschen aufzuwecken, die uns vielleicht, vielleicht auch nicht in dem Augenblick umbringen, wo sie uns sehen, und sie hoffentlich davon zu überzeugen, daß sie an unserer Seite kämpfen müssen. Immer vorausgesetzt, sie entscheiden sich nicht wieder einmal, die gesamte Menschheit auszulöschen. Wir sind hoffnungslos unterlegen, besitzen keine vernünftigen Waffen, und an unseren Fingern scheint das Pech zu kleben. Ich bin Historiker, Vorfahr; ich habe gesehen, was mit Rebellionen ohne massive finanzielle Grundlage, große Armeen und eine vernünftige Machtbasis geschieht. Wir haben nicht den Hauch einer Chance, Giles. Es sieht ganz danach aus, als würden wir alle sterben, und zwar auf eine verdammt blutige Art und Weise.«
Giles lächelte sanft. »Wenn wir deiner Meinung nach sowieso sterben müssen, können wir wenigstens vernünftig sterben und so viele von ihnen mit uns nehmen wie nur irgend möglich. Wenn sonst kein Ausweg mehr bleibt , dann geh wenigstens mit dem Schwert in der Hand unter . Laß sie für ihren Sieg teuer bezahlen.«
»Oh, wie romantisch! Mein Vater hätte gut zu dir gepaßt. Er glaubte auch an diesen Mist, aber er starb trotzdem allein, mitten auf der Hauptstraße, und seine Eingeweide lagen auf dem Boden verstreut, während andere in einem großen Bogen an ihm vorbeigingen, um sich nicht die Schuhe schmutzig zu machen. Für dich mag es ja ganz vernünftig sein, wenn du so redest. Schließlich warst du Oberster Krieger des Imperiums.
Du hast ganze Armeen geführt. Aber ich, ich wollte nie ein Kämpfer sein. Ich wollte nur meine Ruhe, um Bücher zu lesen und die Geschichte zu studieren. Doch statt dessen hat man mich gezwungen zu kämpfen und Leute zu töten, die ich nicht einmal kenne, und jetzt führe ich eine Rebellion, von der ich nicht einmal sicher bin, ob ich an sie glaube.
Selbst wenn wir durch irgendein Wunder gewinnen sollten – welchen Nutzen sollte Jakob Ohnesorgs Imperium aus einem Exaristokraten wie mir schon ziehen? Ich stehe für all das, was er und seinesgleichen loswerden wollen. Wahrscheinlich endet es damit, daß sie mich vor ein Gericht stellen und wegen Ausbeutung des Volkes verurteilen. Und all das romantische Geschwätz von wegen, daß du deine Feinde mit dir ins Verderben ziehst; was hat es dir beim letzten Mal gebracht, he? Du hast den Dunkelwüsten-Projektor benutzt. Wie viele Milliarden Unschuldiger mußten deswegen sterben? Weißt du eigentlich, wie man dich in den Geschichtsbüchern nennt? Den größten Massenmörder aller Zeiten.«
»Du hast recht«, stimmte Giles seinem Nachfahren zu. »Das bin ich auch. Ich habe mein ganzes Vertrauen in den Eisernen Thron gesetzt und wurde betrogen. Du mußt einfach verstehen, wie verlockend der Projektor damals war: eine Möglichkeit, eine systemweite Rebellion auf einen Schlag zu beenden.
Ich war nicht einmal sicher, ob er funktionieren würde. Erst danach, als die ersten Berichte eintrafen, erkannte ich das ganze Ausmaß der Katastrophe, für die ich verantwortlich war. Um mich selbst zu rechtfertigen, stürzte ich mich in die Forschung und untersuchte die Beweggründe für die Rebellion. Und fand zu meinem Erstaunen heraus, daß sie die ganze Zeit über im Recht gewesen waren. Das Imperium war grausam und korrupt, sowohl was die Wahl seiner Mittel anging, als auch von seiner ganzen Natur her. Das System selbst war es, das böse war.
Also schnappte ich mir den Dunkelwüsten-Projektor und floh. Ich gab jede Ehre auf, die zu erreichen ich damals hoffen konnte, nur um sicherzustellen, daß sich der Horror niemals wiederholen könnte, der durch meinen Dunkelwüsten-Projektor ausgelöst worden war. Und damit du es weißt, wir kämpfen hier nicht zu unserem Vergnügen und auch nicht für Geld oder Ehre, du Historiker. Wir müssen kämpfen, damit das Böse nicht am Ende doch noch siegreich dasteht.«
»Siehst du«, warf Owen ein, »schon sind wir wieder bei der freien Entscheidung angelangt. Und ich habe keine. Ich kann nicht zurück zu dem, was ich einmal war: ein naiver, unschuldiger Forscher, der nie in Frage stellte, wo all sein Luxus herrührte. Ich habe zuviel gesehen; Dinge, vor denen ich früher meinen Kopf abwandte. Ich habe keine Entschuldigung dafür.
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