»Na prima«, sagte Owen. »Dann ist jetzt ja alles geklärt, oder? Oz, kannst du mich hören?«
»Ja, Owen«, erklang Ozymandius’ Stimme in seinem Kopf.
»Ich verfolge das Geschehen über deine Implantate. Unglücklicherweise reichen die Sensoren des Schiffs nicht bis zu der Stelle, an der ihr jetzt seid. Irgend etwas blockiert sie ziemlich wirkungsvoll. Ich kann die Grenzen der künstlichen Gebilde erkennen, doch ich kann nicht hineinsehen. Aber wenn einige meiner Daten einen Sinn ergeben sollen, muß sich eine gewaltige Energiequelle irgendwo ganz in eurer Nähe befinden.
Dort unten bei euch existieren einige wirklich seltsame Energieformen, Owen. Ich wünschte, ich könnte dir mehr helfen, aber im Augenblick kann ich nicht mehr sehen als du auch, und deswegen bin ich persönlich ganz froh, nicht dort zu sein.«
»Irgendwelche Empfehlungen oder Vorschläge?«
»Geh durch die Tür und warte ab, was passiert.«
»Danke schön, Oz.« Owen untersuchte die Tür aufs neue und wandte sich an seine Kameraden. »Unbekannte Metallegierung. Vielleicht zwanzig Zentimeter dick. Ein Disruptor sollte ein einigermaßen anständiges Loch hineinbrennen. Wir könnten Hazel natürlich auch eine ihrer Monsterwaffen ausprobieren lassen. Sie hungert schon die ganze Zeit nach einer Gelegenheit, damit zu spielen. Oder wir machen es uns einfach und benutzen Sprengstoff. Was meinst du dazu, Giles?«
»Ich denke, wir sollten uns wie zivilisierte Menschen benehmen und als erstes versuchen anzuklopfen.« Er warf Owen einen ernsten Blick zu, und Owen errötete leicht. Giles trat zu ihm, und die anderen folgten. »Wir können das Labyrinth nicht erreichen, ohne vorher Wolflingsterritorium zu betreten, und ich bin nicht der Meinung, daß wir einen guten Eindruck hinterlassen, wenn wir gleich als erstes diese Tür eintreten.«
»Entschuldigung«, sagte Owen. »Ich habe mich in letzter Zeit nicht in besonders guter Gesellschaft aufgehalten.«
Der junge Todtsteltzer wandte sich wieder der Tür zu, atmete tief durch und klopfte zweimal. Das Metall unter seinen Knöcheln fühlte sich eigenartig warm an. Das Geräusch war kaum zu hören; als würde es irgendwie von der Tür aufgesaugt. Eine lange Pause entstand, und Owen überlegte bereits, ob er erneut klopfen sollte, als die Tür geräuschlos aufschwang und einen dunklen, üppigen Dschungel enthüllte.
Große Bäume drängten sich auf beiden Seiten eines engen Waldweges zusammen, und das Blätterdach war von einem so satten Grün, daß es beinahe schwarz aussah. Braune Lanzen aus Sonnenlicht, in denen Staub tanzte, fielen durch die Bäume und überzogen den Boden mit einem bunten Flickenteppich. Ein starker Geruch nach Erde und verrottendem Laub und Pflanzen hing in der Luft. Owen trat so dicht vor den Durchgang, wie er nur konnte, ohne den dahinter liegenden Wald zu betreten, und versuchte angestrengt zu erkennen, wie weit sich der Wald in das Dämmerlicht erstreckte. Er schien endlos zu sein. Die anderen drängten sich hinter ihm und murmelten erstaunt. Der Wald hatte etwas an sich das Stille und Respekt verlangte. Beinahe wie eine lebende Kathedrale.
»Nun?« sagte Owen schließlich zu Giles. »War der Wald bei deinem letzten Besuch schon hier?«
»Oh ja«, erwiderte der Erste Todtsteltzer. »Ich erinnere mich ganz deutlich. Es ist der Zufluchtsort, den die Wolflinge für sich errichteten, indem sie den kalten Stein terraformierten. Was würde Wölfen besser gefallen als ein tiefer Wald, in dem sie rennen und jagen könnten?«
»Ist es gefährlich?« fragte Owen.
»Woher soll ich das wissen?« knurrte der Erste Todtsteltzer.
»In den neunhundertdreiundvierzig Jahren, seit ich das letzte Mal hier war, kann sich eine ganze Menge geändert haben.«
»Großartig«, brummte Owen. »Einfach großartig! Also gut, hört alle her! Hat jemand anderes Lust vorauszugehen? Nein?
Das habe ich mir fast gedacht. Dann folgt mir eben. Hazel, Ihr bleibt dicht hinter mir und haltet diese große Kanone schußbereit, ja? Wir sollten die Sache ruhig und überlegt angehen, aber zögert nicht, große Löcher in alles zu schießen, das gefährlich aussieht. Ich glaube nicht, daß wir hier auf sicherem Gebiet sind. Irgend etwas an diesem Wald zerrt an meinen Nerven und rührt an meinen Instinkten. Wir bleiben dicht beisammen, aber behindert Euch nicht gegenseitig. Und niemand unternimmt etwas auf eigene Faust, unter gar keinen Umständen. Ich schätze, es könnte ganz schön unangenehm werden, sich hier zu verlaufen. Wenn wir den Wolfling treffen, dann vergeßt bitte nicht, daß wir hier nur zu Gast sind, also benehmt Euch und achtet auf Eure Worte.«
»Er hält wirklich gerne Reden, was?« sagte Ruby Reise.
»Es gehört zu seinem Charme«, erwiderte Hazel.
»Was für ‘n Charme meinst du?«
»Genau den.«
Owen blickte nicht zu ihnen zurück. Er wollte ihnen nicht die Genugtuung geben. Statt dessen überprüfte er ein letztes Mal Schwert und Disruptor, um sicherzustellen, daß die Waffen im Notfall einsatzbereit waren, und trat durch die Tür. Die Hitze traf ihn wie ein Schock, und er wäre beinahe zurückgewichen, aber er riß sich zusammen. Der satte schwere Geruch des Waldes raubte ihm fast die Sinne, und die heiße Luft ließ den Schweiß, der ihm aus allen Poren brach, beinahe augenblicklich wieder verdunsten. Der Waldweg fühlte sich fest an unter seinen Schritten. Er war uneben und unmöglich von einer Maschine geschaffen worden. Owen ging weiter und gab sich die allergrößte Mühe, lässig und entspannt aufzutreten. Nur für den Fall, daß jemand ihn beobachtete. Das Licht war gedämpft und ein wenig diffus, als würde feiner Nebel in der Luft hängen. Er warf einen Blick zurück, um sich davon zu überzeugen, daß seine Kameraden noch bei ihm waren, und beinahe wäre er vor Schreck gestolpert und hingefallen, als er sah, daß sich der Wald hinter ihm bis zum Horizont erstreckte. Die offene Tür stand ganz alleine mitten auf dem Waldweg, und im Durchgang war nur ein winziger Ausschnitt der silbernen Ebene zu sehen, auf der er vor ein paar Sekunden noch gestanden hatte. Während er dorthin blickte, fiel die schwere Metalltür mit einem leisen, dumpfen Schlag ins Schloß.
»Habt ihr nicht auch das Gefühl, daß irgend jemand euch irgendwas sagen will?« fragte Hazel.
»Ich denke, wir können davon ausgehen, daß jemand von unserer Anwesenheit weiß«, sagte Owen. »Und das ist auch gut so. Ich schätze nämlich, ohne einen kundigen, freundlich gesinnten Führer kommen wir nicht weit.«
»Es gefällt mir nicht, daß uns der Fluchtweg abgeschnitten ist«, sagte Ohnesorg. »Der einzige Weg zurück in die Burg führt über das Transferportal, und das befindet sich auf der anderen Seite der Tür. Und ich gehe jede Wette ein, daß wir sie nicht wieder aufkriegen.«
»Wenn er recht hat, hat er recht«, sagte Owen. »Ich weiß noch nicht mal, wie man sie von der anderen Seite öffnen kann.«
»Wir können sie immer noch aufbrechen«, sagte Ruby.
»Ja«, stimmte Hazel ihr zu und hob enthusiastisch ihre schwere Waffe.
»Wir wollen uns das als letzte Möglichkeit offenhalten«, widersprach Giles. »Wir sind als Freunde hier, erinnert Ihr Euch? Wenn wir diesem Weg folgen, sollten wir zu dem Wolfling kommen. Geh voraus, Owen, und paß auf, wo du hintrittst.«
»Augenblick mal«, sagte Ruby. »Kann mir eigentlich mal jemand erklären, was hier nicht stimmt?« Sie ließen suchend ihre Augen schweifen und blickten Ruby fragend an. Die Kopfgeldjägerin grinste. »Es ist so still. Keine Vögel, keine Bewegung, selbst die Luft scheint zu stehen. Abgesehen von den Bäumen scheinen wir die einzigen lebenden Wesen weit und breit zu sein.«
»Aber natürlich«, erklärte Giles. »Das ist kein wirklicher Wald, sondern ein künstliches Gebilde, das die Wolflinge zu ihrem Wohlbehagen errichteten. Die Bäume sind genausowenig natürlich wie das Sonnenlicht.«
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