»Und was ist mit all diesen Leichen in der Halle? Ich habe nirgendwo ein Anzeichen für ein Stasisfeld gesehen. Warum sind die Körper während der Jahrhunderte nicht verwest?«
Giles blickte ihn an. »Das habe ich dir bereits erklärt. Die Wolflinge waren unsterblich.«
Er ging weiter, und Owen beschloß, das Thema zu wechseln. »Je mehr ich über das Labyrinth erfahre, desto weniger verstehe ich. Der Wolfling sagte, daß es Menschen getötet hat, die hineingegangen sind. Warum ist es für dich so wichtig, daß wir hindurchgehen?«
»Das Labyrinth ist ein Test«, erwiderte Giles. »Wenn du den Test bestehst, wirst du überleben. Alles andere sind nur Gerüchte. Wenn du mehr über das Labyrinth erfahren willst, dann frag Mond. Er kann dir mehr erzählen als ich.«
»Ich selbst habe das Labyrinth noch nie gesehen, aber jeder Hadenmann kennt die Geschichte«, begann Mond. Er blickte sich nicht um, während Owen zu ihm aufschloß. Seine Stimme summte ruhig und gleichmäßig wie immer. »Die Geschichte des Labyrinths ist eng mit der Geschichte meines Volkes verknüpft. Vor sehr langer Zeit kamen Wissenschaftler in die Dunkelwüste. Sie suchten nach dem Labyrinth und dem Wolfling, der es bewachte. Als sie es schließlich gefunden hatten, gingen sie einer nach dem anderen hindurch und obwohl viele von ihnen starben und noch mehr verrückt wurden, kamen die Überlebenden größer daraus hervor, als sie hineingegangen waren. Diese wenigen Wissenschaftler waren es, die die Laboratorien von Haden schufen, die Quelle von Wundern und Errungenschaften, die weit über alles hinausgingen, was das Imperium bisher gesehen hatte. Sie arbeiteten mit unglaublicher Geschwindigkeit, kalte und präzise Gedanken, die sich durch ihre dank des Labyrinths geweiteten Geister bewegten, und gemeinsam schufen sie die ersten Hadenmänner. Die Laboratorien arbeiteten Tag und Nacht. Zuerst produzierten sie Tausende von Klonen aus ihren eigenen genetischen Kodes, und dann verwandelten sie die leeren organischen Hüllen in aufgerüstete, überlegene Menschen. Die Hadenmänner. Schließlich verwandelten sich die Wissenschaftler selbst auch noch in Hadenmänner und führten ihre Kinder in das Imperium hinaus, um sich ihrer Bestimmung zu stellen. Das war der Erste Kreuzzug.
Das Imperium dachte zuerst, es könnte uns in seinen kleinen schmutzigen Kriegen und Scharmützeln benutzen, aber sie bekamen rasch Angst vor uns. Wir lernten zu schnell und zuviel, zum Beispiel, welche Wunder wir vollbringen und daß wir alles erobern konnten, was sich uns in den Weg stellte.
Und überall, wo wir hinkamen, brachten wir das Geschenk der Umwandlung mit, der Transformation von Menschen in Hadenmänner. Wir waren die Götter der genetischen Kirche, und die Leute liefen uns scharenweise hinterher. Das Imperium versuchte sie aufzuhalten – vergeblich. Wir waren die ultimative Bestimmung der Menschheit, die Vereinigung von Mensch und Maschine in ein Ganzes, das weit größer war als die Summe seiner Teile. Was das Labyrinth begonnen hatte, wurde durch uns vollendet. Und dann begannen wir den Zweiten Kreuzzug. Wir wollten das gesamte Imperium in das verwandeln, was aus uns geworden war.
Aber das Imperium wehrte sich. Es war in so viele untereinander verfeindete Stämme gespalten, daß wir dachten, es wäre ein schwacher Gegner und leichte Beute. Doch sie fürchteten uns so sehr, daß sie ihre Differenzen beilegten, und plötzlich sahen wir uns einer einzigen, entschlossenen Macht mit all ihren Ressourcen und Möglichkeiten gegenüber. Sicher, wir waren die Überlegenen, aber sie waren zu viele, und am Ende wurden wir Opfer ihrer schieren Zahl. Die Überlebenden flohen zurück in die Dunkelheit, nach Haden, und sie legten sich in die Gruft, um die Jahrhunderte zu durchschlafen. Die Zeit mochte ohne sie vergehen, und eines Tages würden sie vielleicht wieder in einem Imperium erwachen, das eher bereit war, ihre große Überlegenheit anzuerkennen. Die wenigen von uns, die wie ich zurückblieben und den Schlaf des Friedens und der Geborgenheit nicht finden konnten, lebten, so gut es ging, in einem Imperium der Menschen, und sie wurden die ganze Zeit immer schwächer und mehr und mehr menschlich. Wir überlebten, obwohl es so leicht gewesen wäre, sich einfach niederzulegen und zu sterben, und wir überlebten nur aus einem einzigen Grund: Einer von uns mußte den Weg zu der verlorenen Welt Haden finden, um die Schlafenden zu wecken, damit wir einmal mehr für Ruhm und Bestimmung kämpfen konnten. Unsere Zeit ist gekommen, und diesmal wird unser Kampf weitergehen, bis wir entweder Erfolg haben oder alle tot sind.
Und all das nur, weil einige Männer durch das Labyrinth gegangen sind und von ihm verändert wurden. Sagt mir, Todtsteltzer: Was glaubt Ihr, was aus Euch werden wird, wenn Ihr das Labyrinth durchschritten und überlebt habt? Zu welcher neuen Bestimmung werdet Ihr die Menschheit führen?«
Owen blickte den Hadenmann lange schweigend an, dann ließ er sich zurückfallen und sprach wieder mit seinem Vorfahren. »Ich glaube nicht, daß er jemals soviel gesagt hat, seit ich ihn auf Nebelwelt kennengelernt habe. Anscheinend macht ihn die Freude geschwätzig, nach Hause zu kommen. Und du hast mir verdammt gar nichts gesagt, was du mir nicht unbedingt sagen mußtest, eh? Warum zur Hölle ist es so wichtig, daß wir durch dieses Labyrinth gehen? Was wird deiner Meinung nach geschehen?«
»Wir werden größer«, erwiderte Giles. »Wir können nicht so bleiben wie jetzt und hoffen, daß wir dennoch überleben.
Das Imperium wird uns finden und töten. Unsere einzige Hoffnung besteht in einem Schritt ins Dunkel und der Hoffnung, daß wir als neue Menschen daraus hervorgehen. Als Wesen, die auf die eine oder andere Weise imstande sind, dem Imperium zu widerstehen.«
»Und wenn wir zu etwas werden, das nicht mehr menschlich ist?« fragte Hazel.
Giles lächelte unvermittelt. »Dann sollte das Imperium besser beten, daß wir wenigstens als Pazifisten zurückkehren.«
Schließlich erreichten sie das Labyrinth des Wahnsinns und blieben stehen, um auf das Gebilde zu starren, das sich vor ihren Augen erstreckte. Der Wald endete unvermittelt, als würde allein die fremdartige Anwesenheit des Labyrinths ihn zurückwerfen. Es schien auf den ersten Blick wirklich nicht mehr als ein Labyrinth zu sein; ein einfaches Muster aus hohen stählernen Wänden, glänzend und schimmernd. Erst nachdem Owen eine ganze Weile hingesehen hatte, fiel ihm auf, daß die Konstruktion keineswegs so einfach war, wie er im ersten Augenblick gedacht hatte, sondern subtil und verschlungen wie die Windungen eines menschlichen Gehirns.
Es gab keinerlei offensichtliche Fallen, nur stählerne Wände und die schmalen Gänge dazwischen. Die Wände waren knapp vier Meter hoch und nur wenige Millimeter dick. Owen berührte das Metall und zuckte erschrocken zurück. Der Stahl war so tödlich kalt, daß bereits die kurze Berührung leichte Erfrierungen an seinen Fingerspitzen verursacht hatte. Er wich weiter zurück und blies eifrig auf seine Finger. Über dem Labyrinth gab es nichts als Dunkelheit, die auch vom schimmernden Glanz der Metallwände nicht erhellt wurde.
Das Labyrinth des Wahnsinns erstreckte sich vor Owen wie ein schlafendes Raubtier, zu groß, um außenherum zu gehen, und hinter dem Labyrinth lag die Gruft der Hadenmänner .
Owen runzelte die Stirn. Er war sich noch immer nicht sicher, was er von der Gruft halten sollte. Was immer das Labyrinth mit ihm anstellen mochte – er würde die Hilfe der aufgerüsteten Männer von Haden benötigen, wenn seine Rebellion gegen das Imperium auch nur den Hauch einer Chance haben sollte. Aber durfte er das Risiko eingehen, eine Macht zu wecken, die er nicht unter Kontrolle halten konnte? Eine Armee lebendiger Waffen, die sich dem Ziel verschrieben hatte, das Imperium im Namen ihrer eigenen Überlegenheit zu stürzen? Owen empfand keine Zuneigung für das Imperium, aber er war trotzdem noch immer ein Mensch, und das legte ihm auch eine gewisse Verantwortung auf. Er zuckte ärgerlich die Schultern. Das Imperium hatte ihn in die Ecke gedrängt, in der er jetzt stand; sie würden eben mit den Konsequenzen leben müssen. Er hoffte nur, daß das Labyrinth ihm die
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