Er durchlebte seine erste Begegnung mit dem Wolfling aufs neue, halb Mensch, halb Tier, nicht gezeugt und nicht von Gott geschaffen und von seinen Schöpfern aufgegeben, weil er soviel mehr war, als sie beabsichtigt hatten. Owen hätte nicht im Traum daran gedacht, ein derartiges Wesen zu schaffen. Er hatte sich immer Kinder gewünscht, doch sich selbst als ihrer nicht wert betrachtet. Er wollte, daß seine Kinder einen wirklichen Vater hätten – nicht diese weitentrückte autoritäre Gestalt, die alles war, was er je von seinem Vater gekannt hatte.
Das Bild seiner ersten Begegnung mit Giles zeichnete sich vor Owens geistigem Auge ab, wie der Erste Todtsteltzer in seiner silbernen Säule geruht hatte wie ein Insekt, das im Bernstein eingeschlossen war, Vorfahre, Legende und noch weit mehr. Mehr oder weniger so, wie Owen sich seinen Ahnherrn immer vorgestellt hatte. Der große Krieger, dem nachzueifern Owen Todtsteltzer schon von frühester Kindheit an erzogen worden war; ein Kämpfer von unerreichbarer Perfektion… ein müder, alter Mann in schmierigen Fellen, gebeugt von der Last seiner Erfolge und Fehlschläge, schuldig des Massenmordes, der sich verzweifelt an die Ehre des Todtsteltzer-Clans klammerte.
Und Owen kämpfte sich erneut durch die tödlichen Gefahren des Dschungels von Shandrakor , der vor gewalttätigen Lebewesen nur so wimmelte; gepanzerte Gestalten mit Blut an den Zähnen und Klauen, die direkt aus seinen Alpträumen entsprungen zu sein schienen und ihn von allen Seiten zugleich bedrängten. Er wehrte sich mit Schwert und Pistole und kämpfte, weil er keine andere Wahl hatte. Er konnte, er durfte sich nicht abwenden und fliehen, weil seine Kameraden ihn brauchten.
Zurück, weiter zurück. Owen wanderte wieder durch die engen, müllübersäten Straßen von Nebelhafen , und der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln. Nebel umgab ihn wie eine feuchte graue Wand. Er traf Ruby Reise, kalt und furchteinflößend, und Jakob Ohnesorg, den zerbrochenen Helden, der so ganz anders war, als die Legende berichtete. Owen kniete auf dem blutbesudelten Schnee neben einem jungen Mädchen in zerschlissenen Fellen. Sie weinte hilflos wegen ihrer verstümmelten Beine, und überall war Blut, so entsetzlich viel Blut. Seine Arme waren bis zu den Ellbogen voll damit, und es tropfte von seinen Fingern. Sie war noch ein Kind, und trotz all seiner Fähigkeiten und seiner Kraft und seines Könnens war er hilflos. Owen konnte nichts für sie tun bis auf das eine, das Unaussprechliche, das er getan hatte.
Er stand allein, umzingelt und belagert von einer blutdürstigen Bande von Mördern, damit Hazel eine Chance hatte zu entkommen. Sein Schwert hieb und stach nach allen Seiten zugleich, und er beobachtete, wie seine Gegner unter der Klinge starben, aber sie waren zu viele. Am Ende begruben sie ihn unter sich. Und ein Teil von ihm dachte, daß er es nicht besser verdient hatte. Owen kämpfte trotzdem weiter. Er wußte nicht, was er sonst hätte tun sollen. Dann kehrte Hazel zurück, zusammen mit Tobias Mond, dem Hadenmann, und sie retteten ihn. Der Hadenmann. Man mußte ihn im Auge behalten und studieren, aber man durfte ihm niemals, niemals vertrauen.
Er kämpfte gegen seine eigenen Wachen, zu Hause auf den grasbedeckten Hügeln von Virimonde , und er tötete viele bekannte Gesichter, in denen Wut und Gier geschrieben stand.
Er tötete seine Mätresse, Katie DeVries, und hielt sie in den Armen, während sie starb. Owen hatte sie geliebt, aber als der Augenblick sich näherte, hatte er sie ohne zu zögern niedergestochen. So war er ausgebildet worden. Historiker. Krieger. Kämpfer. Mörder.
Er sprach mit seinem Vater, dem ehrenwerten Oberhaupt des Todtsteltzer-Clans, der für alles und jeden Zeit fand, außer für seinen eigenen Sohn. Owen hätte ihn so gerne geliebt. Er hatte versucht, seinen Vater zu bewundern, doch zwischen ihnen hatte immer ein tiefer Graben aus unterschiedlichen Ansichten über Treue, Macht und Ehre gelegen.
Aneinandergefesselt durch die Bande aus Blut, auseinandergerissen durch die Machenschaften der Politik.
Owen hatte nicht gewußt, wieviel sein Vater ihm bedeutet hatte, bis er von ihm gegangen war und ihn in einer feindlich gesinnten Welt zurückgelassen hatte. Er war davongerannt, nach Virimonde , wo er sich in der Hoffnung hinter seiner Forschung versteckt hatte, daß niemand von ihm Kenntnis nehmen würde. Owen wollte nicht in die Machenschaften und Ränke verwickelt werden, die letztendlich zum Tod seines Vaters geführt hatten. Er wollte lieber das Leben eines Gelehrten führen, nicht das eines Kriegers, und er verschloß die Ohren vor den Dingen, die er nicht hören wollte.
Owens Gedanken wirbelten weiter in die Vergangenheit schneller und schneller, und hier und da legten sie kleine Pausen ein, bei wichtigen Ereignissen und Gesichtern. Er durchlebte erneut die entscheidenden Augenblicke seines Lebens, so daß er sie verstehen und entscheiden konnte, was von alle dem wirklich wichtig für ihn gewesen war. Weiter und weiter, tiefer und tiefer. Mut. Liebe. Ehre.
Irgendwann erreichte er den Kern seines Selbst – jenen Ort, wo alle Dinge entschieden werden. Owen blickte zurück über sein Leben, vom Beginn bis zur Gegenwart, und zum ersten Mal sah er die Dinge, wie sie wirklich waren. Zum ersten Mal akzeptierte er, was für ihn wirklich von Bedeutung war. Ein Krieger zu sein, ein Mann von Ehre, durch die Verpflichtung geleitet, die in der Verteidigung seiner Freunde und einer ehrenvollen Sache begründet lag. Die Schwachen zu schützen und die Schuldigen zu strafen. Zu kämpfen, um dem Kämpfen ein Ende zu bereiten und denen Zuflucht zu gewähren, die vom Imperium verfolgt wurden. Ein Held zu sein für alle, die in Not gerieten.
Ein Todtsteltzer zu sein.
Das Labyrinth des Wahnsinns nahm den Mann, der einmal Owen Todtsteltzer gewesen war, und entfernte alles Überflüssige, bis der Kern seines Wesens offenlag. Dann errichtete es ihn von neuem, stärker und entschlossener denn je. Jetzt sah Owen seine Zukunft klar vor sich, und er würde nie wieder den Blick abwenden. Das Labyrinth beschenkte ihn mit Gaben, die er dringend benötigen würde; es gab ihm seinen Segen, und dann entließ es ihn.
Owen blickte sich um, wach und konzentriert. Die Erinnerungen an die Ereignisse im Labyrinth verblaßten bereits wie ein Traum, aus dem man vorzeitig geweckt wird. Etwas war geschehen, etwas Wunderbares, aber er hatte es bereits vergessen, weil kein Mensch es ertragen konnte, sein wahres Selbst zu deutlich zu sehen. Owens Gedanken schienen hell und klar wie die Luft nach einem Gewitterregen. Er fühlte sich gestärkt und reiner als je zuvor, und das Leben brannte in ihm wie eine helle Sonne. Er stand inmitten eines weiten, kreisförmigen Raums, umgeben von stählernen Wänden, und Owen erkannte, daß er sich mitten im Zentrum des Labyrinths befand. Im Herzen des Sturms, wo alles ruhig und friedlich war. Seine Kameraden hatten sich ebenfalls eingefunden, und alle schienen irgendwie verändert. Sie sahen entschlossener und konzentrierter aus als vorher.
»Dazu also dient das Labyrinth«, sagte Giles schließlich.
»Wulf versuchte es mir zu erklären, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Auf gewisse Weise sind wir neu geboren worden.
Wir haben eine zweite Chance bekommen. All unsere Sünden sind uns vergeben.«
»Wovon zur Hölle redest du, alter Mann?« fragte Hazel.
»Ich fühle mich, als hätte ich eine Woche durchgesoffen und keine Erinnerung mehr daran.«
»Was soll das ganze Gerede eigentlich?« mischte sich Ruby Reise ein. »Nichts ist geschehen, überhaupt nichts. Ihr habt wohl alle geträumt?«
»Nein, das stimmt nicht«, sagte Jakob Ohnesorg. »Ich…
ich war irgendwo… irgendwo anders. Warum kann ich mich nicht daran erinnern?«
»Weil Euer Verstand eine Schockbehandlung erfahren hat«, erklärte der Wolfling. »Und um Eurer geistigen Gesundheit willen habt Ihr den Schmerz vergessen. Ihr wurdet wiedergeboren, und eine Geburt ist stets ein traumatisches Erlebnis.«
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