Die glänzenden Stahlwände schienen jetzt bedeutungsvoller, sinnvoller als zuvor. Er nahm kaum hörbare Geräusche wahr; flüsternde Stimmen, als würde das Labyrinth Selbstgespräche führen. Er spürte den sanften Strom von Energien ringsum, spürte die Macht unsichtbarer Formen und den andauernden, subtilen Prozeß der Transformation, doch das ganze Ausmaß seiner Umwandlung blieb ihm noch immer verschlossen, nicht nur, weil sie so tiefgreifend war, sondern weil sein Verstand instinktiv vor einer Antwort zurückschreckte. Er konnte nicht auf diese Weise denken und gleichzeitig noch Mensch sein. Owen versuchte, den Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiterzudenken, doch plötzlich hatte er das Labyrinth hinter sich gelassen, und seine stillen Überlegungen wurden davongeschwemmt, als die Realität über ihm zusammenschlug.
»Wo zur Hölle warst du die ganze Zeit?« schrie Ozymandius in seinem Kopf. »Ich versuche seit sechs Stunden, Verbindung mit dir aufzunehmen!«
»Wovon redest du?« erwiderte Owen. »Wir waren nicht länger als höchstens zwanzig Minuten im Labyrinth!«
»Die Zeit scheint im Labyrinth langsamer zu vergehen«, vermutete Giles.
»Das sagt er uns jetzt!« beschwerte sich Hazel. Inzwischen waren die anderen ebenfalls aus dem Labyrinth gekommen, und Owen erkannte auf allen Gesichtern den gleichen Ausdruck. Die Erfahrung der kühlen Präzision und Klarheit der Gedanken im Labyrinth schwand langsam und wich normaleren, menschlicheren Denkmustern. Owen beschloß, sich zu einem späteren Zeitpunkt mit diesem Phänomen zu befassen.
»Also gut, Oz«, sagte er mit besänftigender Stimme. »Jetzt beruhige dich und berichte, was in der Zwischenzeit geschehen ist.«
»Vielleicht sollte ich lieber erzählen, was nicht geschehen ist«, schnappte die KI. »Der Imperiale Sternenkreuzer hat Mineningenieure und Ausrüstung auf die Oberfläche gebracht und einen Weg direkt in die Stadt hinunter freigeschossen. Sie entdeckten den alten Weg, den die Hadenmänner benutzten, und haben ihn wieder in Betrieb genommen. War nicht besonders schwierig mit den großen Energiewaffen, die sie verwendeten. Im Augenblick befinden sie sich direkt auf der anderen Seite des Labyrinths, und wenn ich sage sie, dann meine ich eine ganze verdammte Armee. Die Unerschrocken ist seit Stunden dabei, mit ihren Pinassen Verstärkungen herabzuschicken. Wir reden hier von Marineinfanteristen, Kampfespern und sogar Wampyren, und sie werden von einem Investigator angeführt. Der Kapitän selbst ist gelandet, um sicherzustellen, daß man euch alle am Arsch packt. Sie wußten, wo sie uns finden würden, Owen. Sie wußten, daß wir herkommen würden. Jemand hat es ihnen verraten.«
»Sie wußten, daß wir herkommen würden?« Owen kämpfte um seine Selbstbeherrschung. »Wie konnten sie das wissen?
Niemand hatte Gelegenheit, sich mit dem Imperium in Verbindung zu setzen.«
»Es gibt einen Spion unter uns«, erwiderte Ozymandius.
»Einen geheimen Agenten, der ununterbrochen mit dem Imperium in Verbindung stand, wo wir auch hingingen. Der ganze Plan ist schon vor langer Zeit ausgearbeitet worden. Du bist nur aus einem einzigen Grund für gesetzlos erklärt worden; du solltest nämlich die Ereignisse in Gang setzen, die dem Imperium schließlich verraten würden, wo Shandrakor und der Dunkelwüsten-Projektor verborgen lagen. Du warst die ganze Zeit an der langen Leine, Owen. Und jetzt ziehen sie die Leine ein, ob du willst oder nicht.«
»Ich kann das einfach nicht glauben«, sagte Ohnesorg und blickte der Reihe nach in die leeren Gesichter seiner Kameraden. »Das Imperium war schon immer hinterhältig und verschlagen, aber… niemand von uns hat auch nur den geringsten Grund, die anderen zu verraten! Das Imperium ist unser Feind, und es will unsere Köpfe. Ohne Ausnahme!«
»Nicht ganz«, widersprach Owen langsam. »Ich bin vogelfrei, und auf meinen Kopf ist eine Belohnung ausgesetzt. Genau wie auf den Euren und den von Hazel. Und Mond ist ein Hadenmann. Sie schießen auf ihn, sobald er den Kopf aus der Deckung nimmt. Aus rein praktischen Gründen scheiden Giles und der Wolfling aus. Aber Ruby Reise hier ist eine Kopfgeldjägerin. Als wir auf sie gestoßen sind, hat sie zugeben müssen, daß sie im Namen des Imperiums hinter uns her war.
Wir dachten, wir hätten das Imperium überboten, aber die Eiserne Hexe hat ziemlich tiefe Taschen, nicht wahr, Ruby Reise?«
»Nein!« fuhr Hazel dazwischen. »Ruby ist meine Freundin!
Sie würde mich niemals so schäbig hintergehen. Sag es ihnen, Ruby!«
»Was soll das überhaupt?« fragte die Kopfgeldjägerin kühl.
»Sieh sie dir nur an! Sie haben ihre Entscheidung längst gefällt.«
»Ich habe Euch vertraut, Ruby«, sagte Jakob Ohnesorg vorwurfsvoll. »Wir alle haben Euch vertraut. Wie konntet Ihr nur…?«
Ruby Reise trat einen Schritt zurück und hatte plötzlich eine Waffe in der Hand. »Wir wollen uns wie ruhige, zivilisierte Menschen benehmen, ja? Wenn ich wirklich ein Verräter wäre, wärt ihr inzwischen längst alle tot. Ich könnte euch alle mit dieser erstaunlichen Projektilwaffe erschießen und würde dennoch das Geld auf eure Köpfe kassieren. Sie benötigen euch nicht mehr, um den Dunkelwüsten-Projektor zu finden.
Ich könnte ihnen zeigen, wo er versteckt ist – wenn ich ein Verräter wäre. Aber das bin ich nicht! Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Geld. Ich gebe einen Dreck auf eure verdammte Rebellion, aber Hazel ist meine Freundin. Ich würde für sie sterben, genauso wie sie für mich sterben würde. Wir beide wußten das immer.«
»Dann beweist es«, sagte Owen. »Legt Eure Waffe zur Seite.«
»Wenn ich das mache, tötet ihr mich.«
»Nein«, sagte Hazel erneut. »Das würde ich auf keinen Fall zulassen. Ruby, bitte! Leg deine Waffe weg.«
Eine lange Pause entstand. In der Luft hing eine beinahe körperlich spürbare Spannung, und Hände schwebten griffbereit über den Waffen. Dann senkte Ruby Reise langsam ihre Pistole und schob sie ins Holster zurück. Sie hakte die Hand demonstrativ weit vom Holster entfernt hinter den Gürtel und musterte die anderen mit herausfordernden Blicken. Eine weitere Pause entstand, während der Rest der Gruppe sich mißtrauisch gegenseitig beäugte, ob nicht jemand anderes zur Waffe griff, doch schließlich schienen sich alle in einem langen gleichzeitigen Seufzer zu entspannen. Owen bedachte Ruby mit einem um Verzeihung bittenden Schulterzucken und blickte dann zu seinen restlichen Kameraden.
»Aber… wenn Ruby nicht die Verräterin ist – wer dann?«
»Seht mal«, begann Ohnesorg mit fester Stimme. »Das alles macht nicht viel Sinn. Niemand von uns kann ein Verräter sein. Wir haben alle viel zuviel zu verlieren.«
»Nicht wir alle«, widersprach Hazel. »Du hast selbst zugegeben, daß das Imperium dich in seinen Folterkammern zerbrochen hat, Jakob. Du hast gesagt, du wärst entkommen, aber ganz ehrlich – wem gelingt schon die Flucht aus den Hochsicherheitstrakten der Imperialen? Wir haben deine Geschichte nie in Frage gestellt, weil du der legendäre Jakob Ohnesorg bist, aber was, wenn du überhaupt nicht geflohen bist! Was, wenn sie dich wirklich zerbrochen haben und du dich nicht erholt hast? Du würdest alles tun, was sie von dir verlangen, nicht wahr? Sie hätten dich sogar auf der Nebelwelt absetzen können, damit du uns findest. Sie wußten, daß wir der Versuchung nicht würden widerstehen können, dich mitzunehmen.
Und wer würde schon den legendären Rebellen Jakob Ohnesorg verdächtigen, ein Spion des Imperiums zu sein?«
»Netter Versuch«, erwiderte Ohnesorg. »Aber für mich gilt das gleiche wie für Ruby Reise. Wenn ich Euren Tod gewollt hätte, wärt Ihr inzwischen bereits tot. Ich hatte genug Gelegenheiten dazu. Ich bin gerne bereit, Euch meine Waffen zu übergeben, aber überlegt doch einmal selbst. Owen, Ihr habt selbst gesagt, daß das Imperium von dem Augenblick an auf Euren Fersen war, da Ihr von Virimonde vertrieben wurdet.
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