Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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Ich war schließlich Historiker, und ich wußte von all dem Leid und der Ungerechtigkeit, auf denen das Imperium gebaut ist. Ich sagte mir nur immer wieder, daß es nichts mit mir zu tun hatte.

Mein Vater lebte für seine dunklen Machenschaften und die Intrigen gegen den Eisernen Thron, so sehr, daß er scheinbar niemals Zeit für mich hatte. Deshalb hatte ich auch nie Zeit oder Geduld für seine verdammten Intrigen. Ich richtete mir mein eigenes Leben ein: das eines stillen und politisch desinteressierten Gelehrten. Ich hätte wissen müssen, daß es so nicht ewig weitergehen konnte. Und nachdem ich erst mein Gesicht auf die blutige Kehrseite des Imperiums gerichtet hatte, konnte ich nicht mehr wegsehen. Zu viele Unschuldige wurden verletzt, Tag für Tag, aus reiner Willkür. Also werde ich der Kämpfer sein, den mein Vater immer aus mir machen wollte. Ich werde ein Rebell sein und für Gerechtigkeit kämpfen, aber bilde dir nur ja nie ein, ich mache das aus freiem Willen.«

»Natürlich machst du es aus freiem Willen«, widersprach Giles. »Du hast es selbst gesagt. Du konntest den Blick nicht mehr abwenden, nachdem du gesehen hattest, wie die Dinge wirklich standen. Genau das gleiche geschah mit Jakob Ohnesorg, mit deinem Vater und mit mir. Alle denken, sie kämpfen aus ihren eigenen Motiven heraus, aber am Ende kämpfen und sterben wir vielleicht sogar nur aus dem einen einzigen Grund… daß wir unseren Blick nicht abwenden können. Wir selbst hindern uns daran. Ein Grund zum Kämpfen, der mindestens genausogut ist wie jeder andere, wenn nicht sogar besser. Ich habe zugehört, als die anderen über dich geredet haben. Du hast kein Interesse daran, ein Kämpfer oder Held oder großer Anführer zu sein; statt dessen willst du immer nur das Richtige tun. Und genau das ist die einzige Sorte von Kämpfern und Helden und Anführern, die verdammt noch mal etwas wert sind. Wenn ich schon einen Historiker unter meinen Nachfahren haben muß, dann bin ich verdammt froh, daß es einer wie du ist. Ich hätte es ein gutes Stück schlechter treffen können.

Aber jetzt laß uns zu den anderen gehen. Wir teleportieren bald in das Labyrinth des Wahnsinns hinunter, und es gibt ein paar Dinge, die ich vorher mit euch allen besprechen möchte.

Die Situation dort unten ist, sagen wir… ziemlich kompliziert.«

»Na, das ist aber eine Überraschung!« erwiderte Owen, und sein Vorfahr lachte.

»Komm, Verwandter; es ist ein schöner Tag, für andere zu sterben, nicht für uns.«

Hazel d’Ark und Ruby Reise hatten Stühle an den Tisch in der Küche gezogen und waren mit der zweiten Flasche Wein zugange. Sie saßen weit zurückgelehnt, die Absätze der Stiefel auf dem Tisch, und schaukelten sanft auf ihren Stühlen. Der Wein schmeckte Hazel nicht besonders, aber sie trank entschlossen in der Hoffnung, der Alkohol würde die wachsende Spannung in ihr ein wenig dämpfen. Sie wurde immer nervös, wenn eine Sache wie diese bevorstand. Wenn die Dinge dann erst in Bewegung kamen, war alles wieder in Ordnung. Dann war sie meist zu beschäftigt, um sich Gedanken zu machen.

Nur das Warten zehrte an ihren Nerven. Sie blickte in Rubys kühles, ausdrucksloses Gesicht und verspürte den Wunsch, einen schweren Gegenstand nach ihrer Freundin zu werfen.

Nichts schien Ruby Reise je aus der Ruhe bringen zu können.

»So«, sagte Ruby. »Schläfst du mit ihm?«

Hazel blinzelte überrascht. »Mit wem?«

»Mit dem Aristo natürlich. Ich habe beobachtet, wie er dich ansieht. Er sieht gut aus, und er scheint auch nicht ganz unerfahren zu sein.«

»Er ist nicht mein Typ«, entgegnete Hazel.

»Komisch, früher warst du nie so wählerisch. Wenn ich daran denke, mit welchen Fieslingen du dich schon eingelassen hast… Bei einigen hätte man glatt einen Gentest verlangt, um herauszufinden, ob sie überhaupt Menschen sind. Du hattest schon immer eine Schwäche für ein nettes Lächeln und einen hübschen knackigen Arsch. Ich persönlich, ich stehe mehr auf Mond.«

»Auf den Hadenmann? Du machst wohl Witze! Ich bin nicht einmal sicher, wieviel an ihm menschlich ist. Wahrscheinlich treibt er es nur mit Getränkeautomaten!«

»Trotzdem. Ich wette, ich könnte ihm ein Lächeln entlocken, wenn ich mir Mühe gebe. Außerdem habe ich gehört, daß Hadenmänner mit allen möglichen Arten von… besonderen Aufrüstungen versehen sein sollen. Und dann gibt es ja auch noch Jakob Ohnesorg. Er ist zwar ein wenig älter und verwitterter als die Typen, nach denen ich mich normalerweise umdrehe, aber er war für mich immer ein Idol.«

Hazel hob eine Augenbraue. »Ich wußte nicht, daß du überhaupt ein Idol hattest.«

»Du weißt eben nicht alles über mich«, entgegnete Ruby.

»Und wehe, wenn du ihm etwas verrätst!«

»Keine Angst, deine kleinen perversen Geheimnisse sind bei mir sicher. Ruby, warum bist du eigentlich noch immer bei uns?«

»Du hast mir einen guten Kampf versprochen und alles an Beute, was ich nur tragen kann.«

»Die Chancen sind hoch, daß es keinerlei Beute gibt. Es ist im Gegenteil viel wahrscheinlicher, daß wir alle sterben werden. Das Imperium kann jederzeit hier auftauchen, und du kannst deinen Arsch darauf verwetten, daß sie mit einer Übermacht kommen. Ich war schon oft in der Klemme, aber noch nie so wie diesmal. Keine Hintertür, durch die man verschwinden könnte. Nur Felsen und Eis.«

»Hör auf, den Wein warm zu halten«, sagte Ruby. Sie nahm Hazel die Flasche ab und wog sie enttäuscht in der Rechten.

»Scheint, als müßten wir uns bald um Nachschub kümmern.

Sieh mal, wir haben keinen Fluchtweg, auf dem wir uns absetzen können. Der einzige Weg nach Hause führt über die Burg des alten Todtsteltzer, und Giles ist der einzige, der dieses Relikt von Schiff steuern kann. Und er ist entschlossen, sich zuerst auf der Wolflingswelt umzusehen… wir sitzen also fest, meine Süße. Versuch doch, die Vorteile zu sehen.«

»Welche Vorteile?«

»Laß mir Zeit, ich denke mir was aus. Es ist einfach ein weiterer Kampf. Ob wir gewinnen oder sterben, Hauptsache, wir haben Spaß.«

»Aber es geht gar nicht mehr um uns allein. Wenn wir wirklich den Dunkelwüsten-Projektor in die Finger bekommen und es uns gelingt, die Hadenmänner aufzuwecken, befinden wir uns plötzlich in einer Position, wo wir dem ganzen verdammten Imperium sagen können, daß es zur Hölle gehen und dort bleiben soll. Wir könnten alles ändern, alles wieder in Ordnung bringen. Wenn wir sterben, stirbt diese Chance mit uns. Das macht mich so verdammt nervös.«

»Es kommt, wie es kommt«, sagte Ruby. »Und wenn die Ereignisse erst einmal so groß geworden sind, dann spielen Leute wie du und ich keine Rolle mehr. Wenn wir je eine gespielt haben, heißt das. Wir können nur unseren Teil beitragen und keine unnötigen Risiken eingehen, damit uns niemand den Kopf von den Schultern schießt. Das überlassen wir Helden wie Ohnesorg und den beiden Todtsteltzers. Wir bleiben aus der direkten Schußlinie, kämpfen, wenn es sein muß, und halten nach einer guten Gelegenheit Ausschau. Dort unten muß es einfach das eine oder andere Wertvolle geben, das sich mitzunehmen lohnt.«

Hazel grinste. »Du änderst dich wohl nie, was? Bleib so, wie du bist, eine Kopfgeldjägerin, selbstzufrieden und böse bis ins Herz. Ohne Leute wie dich wäre das Universum verdammt langweilig.«

Ruby musterte Hazel ungerührt. »Ich weiß gar nicht, wovon du redest. Manchmal denke ich, außer mir sind alle an Bord völlig bescheuert.«

Schließlich versammelte sich die Gruppe wieder vor dem großen Hauptschirm in der Zentrale der Todtsteltzer-Burg.

Die Zentrale war ein weitläufiger Saal ohne sichtbare Instrumente oder Kontrollen und außerdem ohne auch nur die Spur eines Möbels, das man als Sitzgelegenheit hätte bezeichnen können. Owen fühlte sich nicht zum ersten Mal überflüssig.

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