Drams Leute waren bereits dabei, alle entsprechenden Orte zu durchkämmen. Es würde Jahre dauern, bis der Untergrund sich von diesem Schlag erholt und neu organisiert hatte.
Und als Huth kannte er darüber hinaus viele Namen und Gesichter einschließlich Finlay Feldglöck, Evangeline Shreck und Valentin Wolf. Finlay Feldglöck spielte nach der Zerschlagung seines Clans keine Rolle mehr, aber die beiden anderen würden ihm viel Macht über die Clans der Wolfs und der Shrecks verleihen. Sie würden sich nur zu bereitwillig vor ihm beugen, um zu verhindern, daß ihre Namen in einen Skandal verwickelt wurden. Derartige Macht war nicht mit Gold aufzuwiegen.
Und schließlich würde die Herrscherin geeignete Schritte in die Wege leiten, um seine Operation in der Öffentlichkeit als großen Erfolg hinzustellen. Sie würde den Sieg feiern und die Verluste verschweigen, wie üblich. Es sollte mehr als ausreichen, um Löwenstein in die Lage zu versetzen, ihn offiziell als ihren Gemahl vorzustellen. Außerdem hatte er sogar ein paar Kyberratten gefangengenommen, die er Löwenstein übergeben konnte. Sie wären nur allzu bereit, ihr bei ihren Problemen in der Imperialen Matrix zu helfen. Sie würden eher kooperieren, als daß sie eine Konditionierung riskierten.
Und schließlich hatte er genügend Esper und Klone gefangen, die ganz hervorragendes Material für seine Experimente mit der Esper-Droge abgeben würden. Niemand würde wagen, dem Prinzgemahl der Herrscherin den Zugang zu den Gefangenen zu verwehren, oder danach fragen, was aus ihnen geworden wäre. Dram grinste und grinste und grinste, während er über die Leichen in den Gängen schlenderte, und die Wachen traten ihm sorgsam aus dem Weg. Ganz besonders, als er auch noch begann, laut vor sich hin zu kichern.
KAPITEL DREIZEHN
DAS LABYRINTH DES WAHNSINNS
Es war dunkel wie im tiefsten Winkel der Hölle, und nirgendwo auch nur ein Funke von Licht. Früher einmal hatte es hier Sterne gegeben, die hell in der Finsternis strahlten, aber sie waren verschwunden. In der Dunkelwüste gab es keine Sonnen. Erfrorene Planeten trieben einsam durch eine endlos schwarze Nacht. Die Fluchtburg des Ersten Todtsteltzers fiel geräuschlos aus dem Hyperraum und glitt in den Orbit um den leblosen Eisklumpen der Wolflingswelt , die auch unter dem Namen Haden bekannt war. Die Burg hing in einem Halo ihres eigenen Lichts über dem endlosen Labyrinth auf der Oberfläche des Planeten, ein gewaltiges steinernes Raumschiff, mit Türmen und Zinnen und Wehrgängen. Das Licht der Burg reichte nicht weit. Es schien von der Dunkelheit verschluckt zu werden, trotzdem fiel ein Teil auf die Wolflingswelt hinab und strahlte die gefrorene Atmosphäre an. Keinerlei Lebenszeichen regte sich auf dem Planeten. All seine Geheimnisse lagen tief im Untergrund verborgen, sicher versteckt im Herzen der verlorenen Welt von Haden.
Im Innern der Burg hatte sich die kleine Gruppe von Rebellen vor dem großen Hauptschirm versammelt, der die Sensorenwerte von der Planetenoberfläche anzeigte. Owen Todtsteltzer, der für vogelfrei erklärte Lord des Planeten Virimonde , der sich noch immer mehr als Historiker denn als Kämpfer betrachtete, Hazel d’Ark, die Piratin, Lebefrau und zögerliche Rebellin, Jakob Ohnesorg, der Berufsrevolutionär, Ruby Reise, die Kopfgeldjägerin. Tobias Mond, der aufgerüstete Mann von Haden , endlich nach Hause zurückgekehrt. Giles, der Erste Todtsteltzer, Schöpfer des Dunkelwüsten-Projektors . Sie blickten in die Dunkelheit hinab, die Giles durch das Auslöschen von tausend Sonnen geschaffen hatte, und sie spürten das Frösteln der langen Nacht in ihren Knochen. Es gab noch Sterne, weit entfernt, am Abgrund , dem Rand zur Dunkelwüste , aber irgend etwas in der Natur der Dunkelwüste verhinderte, daß ihr Licht hereinschien. Owen bemerkte, daß seine Hand in einem Reflex auf das Schwert an seiner Hüfte gefallen war. Die Dunkelwüste hatte etwas Gefährliches an sich, eine tödliche Drohung, die sich dem bewußten Verstand entzog.
»Willkommen auf der Wolflingswelt «, sagte Giles. Er steckte noch immer in seinen abgetragenen, schmierigen Fellen und kaute bereits auf seinem dritten Proteinwürfel. Anscheinend hatten die Jahrhunderte in Stasis einen gewaltigen Appetit in ihm geweckt. Owen hatte einen der Proteinwürfel probiert, als ihm klargeworden war, daß die Maschinen der Burg im Augenblick keine andere Nahrung produzierten, und anschließend den Entschluß gefaßt, lieber zu hungern. Giles wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und betrachtete mit verschleierten Augen den Schirm.
»Das erste Licht, das seit mehr als neunhundert Jahren auf den Planeten fällt«, sagte er. »Ich schätze, es ist nur passend, wenn ich derjenige bin, der das Licht zurückbringt. Schließlich war ich es auch, der es wegnahm. Manchmal frage ich mich, ob in den dunklen Abgründen zwischen den Planeten Dinge leben. Schwarze Kreaturen, die in der endlosen Nacht treiben, die ich in einem Augenblick der Schwäche und Wut über diese Welten gebracht habe.
Das letzte Mal, als ich hier war, lebte diese Welt noch. Sie schäumte fast über vor Leben. Es gab Ozeane und Kontinente, und Tiere lebten an Land, im Wasser und in der Luft. Es gab Städte und Menschen, die darin wohnten. Es gab wunderschöne Vögel mit Feuerschwänzen, und Touristen aus allen Teilen des Imperiums besuchten auf gemieteten Gravschlitten die Seufzenden Berge . Alles ist verschwunden, zermahlen unter dem drückenden Gewicht der gefrorenen Atmosphäre, und nur das Labyrinth des Wahnsinns und die Halle der Gefallenen sind noch übrig. Und die Städte und Laboratorien der verlorenen Welt Haden , tief unten im Herzen des Planeten.
Sie liegen schon so lange in tiefem Schlaf und warten darauf, von uns geweckt zu werden.«
»Erzähl uns von den Wolflingen«, forderte Hazel den Ersten Todtsteltzer auf. Ihre Augen blieben unverwandt auf den Bildschirm gerichtet, während ihre Hände geistesabwesend die Klinge ihres Schwertes mit einem dreckigen Lumpen polierten, den Hazel hin und wieder auch als Taschentuch benutzte. »Du hast gesagt, sie wurden hier geschaffen.«
»Ja, sie wurden hier geschaffen, und sie starben hier. Alle bis auf einen. Sie waren der erste Versuch des Imperiums, genetisch manipulierte Soldaten zu erzeugen. Ein Teil Mensch, ein Teil Wolf, und ein paar ganz besondere Zutaten.
Es dauerte eine Weile, um die Mischung aufeinander abzustimmen , aber schließlich erschuf man einen vollkommenen Jäger und Mörder. Ein in der menschlichen Evolution einzigartig dastehendes Wesen. Den Wolfling.«
»Und was ging schief?« fragte Ruby. Sie beobachtete Giles mit ihrem üblichen, unberührten Gesichtsausdruck. Ihre bleiche Haut erschien beinahe geisterhaft über der schwarzen ledernen Kleidung. Owen bemerkte, daß auch sie ihre Hand in der Nähe des Schwertes hielt.
»Nichts«, erwiderte der Erste Todtsteltzer. »Die Wolflinge erfüllten alle in sie gesetzten Erwartungen. Und mehr. Und genau das Mehr machte den Wissenschaftlern angst. Die Wolflinge waren klug, weit klüger als ihre menschlichen Herren. Schneller, stärker, wilder – und auch noch klüger? Die Wissenschaftler erkannten, wie die Zukunft aussehen würde, und sie erschraken. Voller Panik riefen sie die Imperialen Streitkräfte herbei, und diese lockten die Wolflinge in eine Falle und schossen sie aus dem Hinterhalt zusammen. Natürlich wehrten sich die Wolflinge, und sie töteten eine Menge ihrer Feinde, bevor sie schließlich untergingen. Einigen gelang die Flucht, und sie wurden gejagt. Das Imperium verlor noch mehr Soldaten, aber schließlich waren alle Wolflinge tot. Alle, bis auf einen. Den Besten der Besten, den Mutigsten und Klügsten von allen. Er entkam seiner Gefangennahme und allen Fallen, die sie ihm stellten. Er war noch immer hier, als das Imperium die Jagd schließlich abblies und seine Streitkräfte zurückrief. Er wurde immer seltener gesehen, und schließlich war er nur noch ein Mythos unter vielen, eine Legende, ein Märchen, das man Kindern erzählte. Aber er war nicht tot. Er hatte sich nur unter die Oberfläche der Wolflingswelt zurückgezogen.
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