Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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Finlay hörte entfernte Schreie. Sie stammten von den Gefangenen des Wurmwächters in ihren Zellen, der sie mit Hilfe der Würmer in ihren Gehirnen antrieb, gegen Finlay und seine Gruppe vorzugehen. Sie standen im Begriff, ihre einzige Hoffnung zu töten, und irgendwie schienen sie es zu wissen.

Beinahe hätte Finlay sich selbst in dem weiten Meer aus anstürmenden Gedanken verloren, aber langsam, Stück für Stück, fand er zu sich zurück schloß jeden anderen aus seinem Verstand aus, indem er sich auf die Übungen des Arenakämpfers besann. Ein einziger Augenblick ohne vollkommene Konzentration kann den Tod bedeuten . Finlay zog sich immer weiter zurück, doch er stand der Macht der Wächters noch immer hilflos gegenüber. Sie alle waren hilflos und allein, allein in der Dunkelheit mit dem Monster, das Wurmwächter genannt wurde.

Und dann geschah ein Wunder. Eines der gequälten Gedankenmuster explodierte in einem alles versengenden Ball von Licht, der die Dunkelheit zurücktrieb. Ein einziges Bewußtsein, rein und mächtig, griff nach draußen, scharte alle Gefangenen um sich und vereinigte sie in einem einzigen Schrei der Wut. Früher Johana Wahn, jetzt Mater Mundi , gab sie ihnen Kraft und Hoffnung und bündelte sie zu einem einzigen gewaltigen Über-Ich, das dem stärksten Esper des Imperiums ebenbürtig war. Aber nur ebenbürtig und nicht mehr. Tausende von Bewußtheiten schwankten hin und her in diesem ÜberIch, zerrissen zwischen Mater Mundis schierer Kraft und den kontrollierenden Würmern direkt an den Synapsen in ihren Köpfen. Die Gefangenen bekämpften sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst.

Und auch Finlay wurde in das Über-Ich gesaugt. Er konnte Evangeline neben sich spüren, aber irgendwie blieb sie immer genau außerhalb seiner Reichweite. Die Kräfte des Wurmwächters tosten ringsum wie der Donner mächtiger Schwingen, aber die Kreatur war außerstande, ihn zu packen. Finlay trug keinen Wurm in seinem Kopf, und noch wichtiger: Er war nicht nur ein Bewußtsein, sondern zwei. Und als der Wurmwächter in seinen Kopf eindrang und Finlay zu absorbieren begann, da kam der Maskierte Gladiator frei, unbemerkt, unbeobachtet, lauernd, wartend. Finlay tauchte tief in das Bewußtsein des Wurmwächters ein, scheinbar ein weiterer kleiner Sieg über die Anstrengungen Mater Mundis, ein weiterer Funke, der in der Dunkelheit verlosch, aber im gleichen Augenblick, als der Wächter Finlay Feldglöck umklammerte, begann der Maskierte Gladiator zu handeln. Er sprang vor, wie immer in seinem konturlosen stählernen Helm, dem er seinen Namen verdankte, in der Hand sein Schwert Morgana. Der Wurmwächter bemerkte, daß etwas nicht stimmte, und er spannte sich in einem Reflex – aber er hatte seinen tödlichsten Feind bereits zu tief in sein eigenes Bewußtsein gesogen. Der Maskierte Gladiator erblickte das einzelne, finstere Licht in der Mitte des umgebenden Raums, das ureigene, private Selbst des Wurmwächters, sein Innerstes – seine Seele, wenn die Kreatur denn eine hatte –, und es schien ihm sehr klein und sehr leicht zu überwinden. Und wirklich, es war die leichteste Sache der Welt für den Maskierten Gladiator. Er trat einen Schritt vor, zog seinen Helm ab und blies das Licht aus wie eine Kerze.

Dunkelheit senkte sich herab, als der Wurmwächter starb, und sein letzter, verhallender Schrei erstickte unter dem Triumphgebrüll der Gefangenen von Silo Neun, die endlich frei von seiner Umklammerung waren. Und Finlay Feldglöck, wieder der alte, sah ihnen zu, wie sie aus ihren Gefängniszellen strömten, um ganz sicher zu gehen, daß niemand zurückblieb, und dann schlenderte er lässig aus der Dunkelheit in das Licht, um den Beifall und die Anerkennung der anderen entgegenzunehmen.

Nur, daß Finlay, als er wieder in seinen eigenen Kopf zurückgekehrt war und die Augen öffnete, um sich umzublicken, sich in einem unbeschreiblichen Chaos wiederfand. Menschen rannten hin und her, und die Beleuchtung ging flackernd an und aus. Evangeline hing an seinem Arm, brüllte ihm etwas ins Ohr, und Pindar starrte entsetzt in die Runde. Finlay schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf das, was Evangeline ihm mitzuteilen versuchte.

»Finlay, wir müssen von hier verschwinden! Die Gefangenen sind alle frei, und Mater Mundi bahnt uns einen Weg aus dem Gefängnis. Die Verantwortlichen haben Panik bekommen und die Imperialen zu Hilfe gerufen. Tausende von Soldaten kämpfen bereits gegen Esper und Klone. Die Imperialen beziehen Prügel, aber es sind viel zu viele. Sie sind einfach überall, und sie werden bald auch hiersein. Wir müssen verschwinden, Finlay, so lange wir noch können!«

»Also gut«, erwiderte Finlay. »Ich bin wieder da. Wie viele sind wir?«

»Nur noch wir drei. Die anderen kämpfen alle gegen die Imperialen. Die Stevie Blues sind ganz in ihrem Element.

Inzwischen muß bereits das halbe Gefängnis brennen.«

»Und wo liegt dann das Problem? Wir verschwinden einfach auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind, und entkommen im Schutz der Kämpfe.«

»Ihr versteht nicht!« mischte sich Pindar ein. »Sie schaffen ESP-Blocker herbei. Hunderte von ESP-Blockern. Unsere Leute werden hilflos sein, unbewaffnet. Die Wachen werden sie schlachten.«

Finlay hob eine Hand und bedeutete Pindar zu schweigen.

Er mußte nachdenken. Sie waren nicht so weit gekommen und hatten so viel erreicht, nur um jetzt zu scheitern.

»Ich habe eine Idee«, sagte er schließlich. »Ich besitze ein Implantat, ein sehr hoch entwickeltes Stück Technologie, das mir ermöglicht, mich an Sicherheitssystemen vorbeizuschmuggeln, ohne entdeckt zu werden. Ich werde es über mein Komm-Implantat mit den Gefängnissystemen koppeln und die Überwachung außer Gefecht setzen. Dann kann jeder losrennen. Eine Menge unserer Leute werden es wahrscheinlich nicht schaffen, aber die meisten sollten überleben. Es ist kein besonders schlauer Plan, ich weiß, aber es ist die einzige Chance, die uns bleibt.«

»Macht es so«, sagte Pindar. »Ich gebe den anderen Bescheid.«

Er wandte sich ab, und die beiden Männer konzentrierten sich auf ihre unterschiedlichen Aufgaben.

Finlay und Evangeline gelang die Flucht. Pindar schaffte es nicht. Er wurde von einem Imperialen Soldaten, den er nie sah, in den Unterleib geschossen. Finlay tötete den Imperialen, aber es spielte keine Rolle mehr. Sie schleppten Pindar, so weit sie konnten, und ließen ihn zurück, als er gestorben war.

Sie fanden keine Spur von Evangelines Freundin, nach der sie so verzweifelt gesucht hatte.

Die Stevie Blues schafften es ebenfalls. Sie schoben eine Wand aus Flammen vor sich her. Mehr als der Hälfte aller Gefangenen gelang die Flucht. Sie strömten unter den blinden Augen der Sicherheitssysteme in die Freiheit, bevor die Imperialen ihre ESP-Blocker einsetzen konnten. Aber Hunderte von ihnen starben, und viele wurden wieder gefangen. Sie wurden in Ketten gelegt und abgeführt, hilflos durch die ESP-Blocker. Viele begingen lieber Selbstmord, als daß sie sich wieder gefangennehmen ließen.

Der Mann, der als Huth den Untergrund verraten hatte, schlenderte ohne besondere Eile durch die Korridore von Silo Neun. Er hatte seine Kapuze zurückgeschlagen, so daß jeder ihn deutlich als den Hohen Lord Dram, Oberster Krieger des Imperiums, erkennen konnte. Einige der gefangenen Esper und Klone aus dem Untergrund bespuckten ihn, bevor die Wachen sie niederprügeln konnten, aber Dram lächelte nur.

Überall lagen Leichen herum, und er mußte über die Toten steigen, wo er ihnen nicht ausweichen konnte. Teile von Silo Neun brannten noch immer, und der Wurmwächter war tot.

Im ganzen betrachtet, so gestand er sich ein, war die Operation, die den Untergrund hatte zerschlagen sollen, nicht so erfolgreich verlaufen, wie er gehofft hatte.

Andererseits waren viele Esper und Klone tot, und die Wachen hatten mindestens genauso viele gefangen, wie entkommen konnten. Der Plan der Untergrundbewegung, alle Gefangenen zu befreien, war nicht aufgegangen. Das Gefängnis würde wieder instand gesetzt werden, und man würde einen neuen Wurmwächter züchten. Irgendwann. Aber was wichtiger war: Mater Mundi war gezwungen worden, ihre Identität zu enthüllen und das ganze Ausmaß ihrer Kräfte. Und das für sich allein genommen war schon den Tod von Hunderten seiner Imperialen Wachen wert. Die Weltenmutter würde jetzt ernsthafte Schwierigkeiten haben, eine neue Tarnung zu finden, unter der sie ihr strahlendes ESP verbergen konnte. Und der Untergrund hatte einen empfindlichen Rückschlag erlitten, dank Drams Kenntnissen über seine innere Organisation.

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