»Kampfesper«, flüsterte Pindar. »Ausgebildet bis zur Perfektion und über Schwächen und Furcht hinweg konditioniert.
Sie kämpfen bis zum Tod, unserem oder ihrem eigenen.
Wahrscheinlich benötigen wir eine Kanone, um ihren Schild zu durchbrechen, aber selbst dann noch würde ich gegen die Kanone wetten.«
»Allmählich werde ich Eurer Unkenrufe überdrüssig«, brummte Finlay. »Ihr sagt immer nur Dinge, die niemand
hören will. Habt Ihr nicht zur Abwechslung einmal einen konstruktiven Vorschlag zu machen?«
»Ja«, entgegnete der Telepath. »Wir sollten sie packen, bevor sie uns packen.«
Er trat einen Schritt vor und bildete gemeinsam mit den anderen Espern eine Linie. Schweigend standen sie nebeneinander und starrten den Korridor hinunter. Plötzlich wurde die Gruppe von Kampf espern sichtbar, und für einen scheinbar endlosen Augenblick standen sich die beiden Gruppen reglos gegenüber und taten scheinbar nichts weiter, als sich gegenseitig anzustarren. An Pindars linkem Nasenloch erschien ein dünner Faden Blutes, und ein weiterer Rebellen-Esper begann unkontrolliert zu zucken. Weitere Esper traten vor, um sich den Imperialen Kampfespern zu stellen. Der Boden des Korridors riß auf, und ein tiefer Spalt pflanzte sich bis zu der gegnerischen Gruppe fort, wo er plötzlich wie von Geisterhand aufgehalten wurde. Jetzt waren nur noch die Stevie Blues übrig, um dem geistigen Kampf eine Wende zu geben. Sie traten simultan vor, wischten mit einer simultanen Bewegung die Haare aus der Stirn und verzogen das Gesicht zu der gleichen Grimasse, als sie sich konzentrierten. Hitze sammelte sich in der Luft vor ihnen, wild und knisternd. Die Wände an den Seiten begannen in einem dumpfen Rot zu glühen. Die Luft flackerte. Von ihren Gesichtern rannen Bäche von Schweiß, und Finlay wußte nicht zu sagen, ob wegen der Hitze oder der angestrengten Konzentration. Schließlich setzte sich das wütende Glühen auf den stählernen Wänden in Richtung der Kampfesper in Bewegung. Es kam bis zur Hälfte der Distanz, wurde langsamer und verharrte schließlich an Ort und Stelle, ganz gleich, wie sehr die Stevie Blues sich auch anstrengten.
Finlay blickte sich um. Er und Evangeline waren die einzigen aus der Gruppe, die noch nicht in das verbissene, lautlose Duell verwickelt waren. Er streckte den Arm nach einem der reglosen Esper, entwand ihm die Pistole aus der schlaff herabhängenden Hand und versuchte einen weiteren Schuß auf die Imperialen. Der Energiestrahl verlosch, bevor er die Distanz überbrücken konnte, aber Finlay gewann den Eindruck, daß er ein wenig näher herangekommen war als sein erster Schuß. Er griff nach einer weiteren Pistole.
»Nein«, sagte Evangeline. »Mit Energiewaffen kommen wir nicht weiter. Die Esper können Energie kontrollieren und absorbieren.«
»Und was schlägst du vor?« fragte er.
»Es sieht nach einem Patt aus. Die Kampfesper sind durch Drogen und mentale Implantate so aufgeputscht, daß sie eher sterben würden, als auch nur einen Schritt zurückzuweichen.
Aber mit ein wenig Glück bedeutet das auch, daß sie auf mentaler Ebene so sehr mit ihrer Verteidigung und dem Kampf beschäftigt sind, daß sie ganz vergessen, sich gegen einen rein physischen Angriff zu schützen.«
»Was soll ich also deiner Meinung nach tun?« fragte Finlay.
»Soll ich vielleicht zu ihnen gehen und ihnen die Köpfe zusammenschlagen?«
»Ich dachte eher an etwas… Drastischeres.«
Sie wühlte in einer ihrer Taschen und brachte ein eiförmiges Objekt zum Vorschein. »Eine Splittergranate. Einfach, effektiv und auf kurze Distanz extrem bösartig.«
Evangeline drückte auf den Zündknopf, kniete nieder und rollte die Granate über den Boden in Richtung der Kampfesper. Sie schien langsamer und langsamer zu werden, aber schließlich kam sie doch an. Finlay packte Evangeline, riß sie zu Boden und warf sich über sie, um sie zu schützen.
Eine ohrenbetäubende Explosion donnerte durch den engen Gang, und Splitter prallten singend von den massiven Wänden ab wie ein stählerner Regen. Plötzlich war der Druck in seinem Kopf verschwunden, und Finlay erhob sich unsicher auf die Beine. Seine Ohren klingelten, und sein Gleichgewichtssinn schien irgendwie gestört. Er entdeckte einen scharfkantigen Metallsplitter in seinem Oberschenkel, betrachtete ihn leidenschaftslos und zog ihn heraus. Die Wunde blutete nicht besonders heftig. Evangeline stand neben ihm auf, und er versicherte sich, daß ihr nichts fehlte. Sie hatte einen bösen Schnitt auf der Stirn, und Blut rann über ihr Gesicht, aber sonst schien sie unverletzt. Sie funkelte ihn wütend an.
»Wann wirst du endlich aufhören, mich dauernd in der Gegend herumzuschubsen, Finlay Feldglöck?« sagte sie zornig.
»Ich bin sehr wohl alleine imstande, mich zu ducken, weißt du?«
Ihre Stimme klang rauh und weit entfernt, als befänden sie sich beide unter Wasser. Finlay spürte, wie ein Grinsen seine Mundwinkel nach oben zu biegen begann, doch er verkniff sich eine Antwort. Evangeline schien nicht in der Stimmung für Scherze.
»Woher hast du die Granate?« fragte er schließlich.
»Papa hat in letzter Zeit immer darauf geachtet, daß die weiblichen Familienmitglieder voll bewaffnet aus dem Haus gehen«, erwiderte sie, »nachdem die Eiserne Hexe eine meiner Cousinen entführt hat. Und ich dachte mir, daß ein Disruptor ein wenig zu offensichtlich wäre. Man findet ihn sofort und kann zu leicht dagegen Vorkehrungen treffen, also entschied ich mich für Granaten. Ich weiß, sie sind nicht besonders subtil, aber ich denke, es zeigt, daß ich meines Vaters Tochter bin. Meinst du nicht?«
Finlay entschloß sich, das Thema nicht weiter zu verfolgen, jedenfalls nicht im Augenblick, und ging zu den langsam wieder zu sich kommenden Espern, um ihre Verletzungen zu begutachten. Die Explosion hatte alle von den Beinen gerissen, aber niemand war ernsthaft verwundet worden. Einige litten an Nasenbluten und Kopfschmerz, und die meisten hatten einen oder mehrere umherfliegende Splitter abbekommen; das war alles. Finlay atmete auf und ging den Korridor hinunter, um nachzusehen, was von den Kampfespern übriggeblieben war. Ein paar der zerrissenen Leichen waren noch erkennbar – die meisten nicht. Er hörte Schritte hinter sich und blickte sich um, in der Erwartung, Evangeline zu sehen. Aber es war Stevie Zwei. Finlay erkannte sie an dem bunten Band im Haar. Sie blickte ungerührt auf den blutigen Brei auf dem Boden.
»Hier stehe ich, Gott sei Dank, und ich bin frei. Meine Schwestern und ich wurden nämlich nur aus einem einzigen Grund geschaffen: Wir sollten die nächste Generation von Kampfespern abgeben. Wir konnten entwischen, aber viele unserer Freunde blieben zurück. Ich frage mich, ob ich ein paar bekannte Gesichter finde, wenn ich genauer hinsehe.«
»Besser, Ihr laßt das«, entgegnete Finlay. »Besser, es nicht zu wissen.«
Sie nickte, wandte sich um und kehrte zu ihren Schwestern zurück. Finlay folgte ihr und gesellte sich zu Pindar und Evangeline.
»Also gut«, sagte er barsch. »In welche Richtung gehen wir als nächstes? Ihr könnt darauf wetten, daß Verstärkungen unterwegs sind, und ich glaube nicht, daß einer von uns erneut einer größeren Anzahl von Kampfespern gegenübertreten möchte.«
»Der Plan hat sich jedenfalls nicht geändert«, sagte Evangeline. »Wir finden den Wurmwächter, töten ihn und befreien die Gefangenen.«
»Nur wir allein?« fragte Finlay.
»Siehst du sonst noch jemanden?«
»Was ist mit dieser Johana Wahn?« fragte Pindar.
»Was soll mit ihr sein?« Evangeline runzelte die Stirn. »Wir befreien sie, wenn wir die anderen auch befreien.«
»Ich denke, wir brauchen ihre Hilfe«, erwiderte Pindar.
»Die Untergrundbewegung hat sie aus einem ganz bestimmten Grund in Silo Neun eingeschleust. Sie besitzt sehr starke Kräfte. Viel stärker, als sie selbst auch nur ahnt. Sie sollte den Wurm Wächter töten.«
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