Finlay summte die beruhigenden Sprechgesänge, de er in der Arena gelernt hatte, und nach und nach verebbte sein Zittern. Seine Selbstbeherrschung kehrte zurück wie ein kühlender, vertrauter Mantel, und er setzte sich auf. Evangeline war noch immer besorgt über ihn gebeugt, aber er brachte bereits wieder ein kleines Lächeln zustande.
»Es geht schon, Evie. Ich bin wieder da. Ich schwöre dir, ich wußte nichts davon. Ich habe nie etwas über einen Ort wie Silo Neun oder seinen entsetzlichen Meister, den Wurmwächter, gehört, geschweige denn über die schrecklichen Dinge, die dort geschehen. Wenn das Parlament oder die Versammlung der Lords eine Ahnung hätten…«
»Viele von ihnen wissen Bescheid«, unterbrach ihn Evangeline. »Inoffiziell jedenfalls. Es ist ihnen egal, oder wenn nicht, dann schaffen sie es, jeden Gedanken daran aus ihrem Kopf zu verbannen. Klone und Esper sind keine Personen, erinnerst du dich? Wir sind nur Besitztum. Das Imperium hat uns geschaffen, und sie können mit uns tun, was immer ihnen beliebt.«
»Aber die Bevölkerung! Wenn die Leute Bescheid wüßten, wenn wir es ihnen erzählen würden… wenn sie verständen…«
»Man würde dir nicht erlauben, es zu erzählen. Die Produktion von Espern und Klonen ist für viele Leute zu wichtig.
Unterbinde den Handel, und Millionäre wären über Nacht bettelarm. Und was würde erst aus dem Imperium, das auf allen Ebenen von Espern abhängig ist? Es hat ein elementares Interesse daran, den Status quo unter allen Umständen zu erhalten. Warum sonst sollten sie deiner Meinung nach soviel Zeit und Geld darauf verwenden, den Untergrund als eine Bande rücksichtsloser, blutrünstiger Terroristen hinzustellen?
Es tut mir leid, Finlay. Mag sein, daß das alles neu ist für dich, aber wir leben bereits unser ganzes Leben damit.«
»Ich werde nicht erlauben, daß es so weitergeht«, sagte Finlay. »Es ist falsch. Es ist obszön. Es ist abgrundtief böse, und es verstößt gegen alles, an das zu glauben und zu ehren wir gelehrt wurden. Die Familien haben die Verpflichtung, ihre Völker gegen derartigen Mißbrauch zu schützen und sie gegen ein derartiges Entsetzen zu verteidigen!«
»Selbst Klone und Esper?« fragte Evangeline.
»Du hattest recht«, erwiderte Finlay. »Auch Klone und Esper sind Menschen.«
Evangeline lächelte ihn an. »Willkommen bei unserer Rebellion, Finlay Feldglöck. Der Angriff auf Silo Neun beginnt bald. Wirst du uns helfen?«
Finlay lächelte zurück, doch seine Augen waren kalt wie der Tod. »Versuch nur, mich aufzuhalten.«
Und so kam es, daß Finlay Feldglöck nun mit gezückter Pistole und erhobenem Schwert durch einen engen Wartungstunnel stapfte und eine kleine Armee von Rebellen durch die untereinander verbundenen Räume unter der Stadt führte; Evangeline ging an seiner Seite, und die große Waffe sah irgendwie unpassend aus in ihrer kleinen, zierlichen Hand. Finlay hatte nicht den geringsten Zweifel, daß sie nicht zögern würde, den Disruptor zu benutzen. Auch sie war in Johana Wahns Bewußtsein gewesen. Allein der Gedanke daran ließ Finlay die Hände um seine Waffen verkrampfen. Er hatte sich bei seinem Namen und seiner Ehre geschworen, die gequälte Frau zu befreien oder bei dem Versuch zu sterben. Es amüsierte ihn ein wenig, als er überlegte, wie er noch vor wenigen Stunden schon bei dem bloßen Gedanken außer sich gewesen wäre, einen Todesschwur wegen Klonen und Espern abzulegen.
Unvorstellbar! Sein Vater hätte ihn auf der Stelle enterbt.
Oder vielleicht auch nicht, wenn er gesehen hätte, was sein Sohn gesehen hatte. Der Feldglöck war ein harter, pragmatischer Mann gewesen, aber selbst für ihn wäre mit Silo Neun die Grenze überschritten gewesen. Der Feldglöck war trotz all seiner Fehler und Intrigen immer ein ehrenhafter Mann geblieben.
Finlay blickte sich um, doch es gab nur die nackten Wände und eine Decke zu sehen, die so niedrig hing, daß er gebückt gehen mußte, um sich nicht laufend den Kopf zu stoßen. Vor ihnen lag Dunkelheit, und hinter ihnen auch, aber die Gruppe von vielleicht fünfzig Männern und Frauen marschierte in einer Kugel hellen, goldenen Lichtes, das scheinbar aus dem Nichts kam und durch reine Gedankenkraft der Esper erzeugt wurde. Finlay hatte nicht gewußt, daß es Esper gab, die so etwas konnten. Allmählich beschlich ihn das Gefühl, daß er über Esper noch eine ganze Menge zu lernen hatte. Der Verdacht war zum erstenmal in ihm aufgestiegen, als einer der Esper-Anführer ihn angesehen und Finlay plötzlich einen Plan des langen, verschlungenen Weges im Kopf gehabt hatte, der ihn und seine Gruppe zu Silo Neun bringen würde. Die Karte befand sich noch immer in seinem Kopf, deutlich und klar, obwohl er noch nie hier unten gewesen war. Und sie verriet ihm auch, daß sie nicht mehr weit von den äußeren Verteidigungseinrichtungen des Gefängnisses entfernt waren.
Die etwa fünfzig Männer und Frauen, mit denen er unterwegs war (jedesmal, wenn er nachzählte, kam er auf ein anderes Ergebnis, weil einige von ihnen nicht die ganze Zeit bei der Gruppe waren), schienen eine Menge Lärm zu machen, aber Evangeline hatte ihm versichert, daß sie alle telepathisch vor Entdeckung abgeschirmt wären, während befreundete Kyberratten die technischen Systeme störten. Die Rebellen waren tatsächlich unsichtbar, bis ihr eigentlicher Angriff beginnen würde; zu diesem Zeitpunkt wären sie allerdings bereits tief im Herzen der Wurmwächterhölle, und es wäre viel zu spät, sie noch zu stoppen.
Huth stapfte auf der anderen Seite neben Finlay her. Er strahlte Ruhe und Zuversicht aus. Unter der Kapuze des großen Mannes war noch immer kein Gesicht zu sehen, was Finlay jedesmal höllisch erschreckte; aber Evangeline vertraute Huth, und so fand Finlay sich damit ab. Jedenfalls zeigte der Mann keine Anzeichen von Furcht oder Zweifel, trotz der Übermacht, der sie gegenübertreten würden, und das erkannte Finlay an. Von allen Dingen, die ein guter Kämpfer benötigte, war ein kühler Kopf in einer gefährlichen Situation eines der wichtigsten.
Die drei Stevie Blues gingen ein Stück weit voraus, an der Grenze zwischen Helligkeit und Dunkelheit, arrogant wie üblich und im perfekten Gleichschritt wie Soldaten. In ihren Rüstungen aus Leder und Eisen bildeten sie einen furchterregenden Anblick. Wie wilde junge Rachegeister auf dem Weg zur Vergeltung. Finlay wäre noch viel mehr beeindruckt gewesen, wenn er nicht die Überzeugung gehabt hätte, daß alle drei vollkommene Psychopathen waren. Aber wahrscheinlich war das genau die Art von Truppe, die man an seiner Seite benötigte, wenn man sich in die Tiefen der Hölle begab.
Es gab noch weitere Rebellengruppen, die alle auf unterschiedlichen Wegen die von Huths Leuten arrangierten Lücken in den Sicherheitssystemen des Gefängnisses überwanden, aber es gab keine Methode, um festzustellen, wie sie vorankamen. Alle Formen von Kommunikation, seien es technische oder telepathische, waren unsicher und konnten abgehört werden. Huths Plan beruhte auf einer Serie von gleichzeitigen Angriffen aus einem Dutzend verschiedener Richtungen, um in Silo Neun einzudringen, den Wurmwächter zu töten, die Gefangenen zu befreien und dann so rasch wieder zu verschwinden, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her, bevor größere Verstärkungskräfte eintreffen und die Rebellen aufreiben konnten. Nach außen hin war Finlay mit dem Plan einverstanden. Er besaß zumindest den Vorteil der Unkompliziertheit. Insgeheim jedoch konnte Finlay nicht anders, als sich an die Worte seines Lehrers aus der Arena zu erinnern, daß ein Plan, und sei er noch so gut, nur selten den Kontakt mit dem Feind überlebte. Wenn der Kampf erst begann, herrschte meist das Chaos. Doch Huth schien fest davon überzeugt zu sein, daß es keine größeren Zusammenstöße geben würde, wenn den Rebellen die Überraschung gelang. Finlay wünschte, er wäre genauso zuversichtlich.
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