»Also gut«, sagte das riesige Schwein. »Wir sind überzeugt.
Setzt alles in Bewegung, Huth. Wir werden die Nachricht über das Esper-Netz verbreiten, während Ihr die Klone organisiert. Unser Angriff auf Silo Neun beginnt in genau einer Stunde. Los, setzt Euch in Bewegung!«
Huths leere Kapuze nickte knapp, dann drehte er sich um und verschwand aus der Kammer, ohne noch weitere Notiz von Finlay oder Evangeline zu nehmen. Finlay blickte Evangeline fragend an.
»Das geht mir alles zu schnell. Ihr habt wirklich vor, auf das bloße Wort dieses Mannes hin einen Angriff auf ein Hochsicherheitsgefängnis zu starten?«
»Selbstverständlich«, erwiderte Evangeline. »Wir vertrauen Huth. Er hat uns in der Vergangenheit wertvolle Informationen geliefert. Wir planen seit Jahren einen Angriff auf die Hölle des Wurmwächters, und wir waren bereit zuzuschlagen, sobald sich auch nur eine winzige Gelegenheit bot. Wir träumen seit langem davon, Finlay Feldglöck. Viele Blutschulden werden heute eingelöst werden.«
»Aber was ist, wenn etwas schiefgeht?«
»Dann geht es schief! Wir können eine solche Chance nicht einfach verstreichen lassen! Vielleicht ist es die letzte für Jahrzehnte! Du kannst dir nicht vorstellen, wie es in diesem Höllenloch aussieht, Finlay. Keiner von uns kann das!«
»Das stimmt nicht ganz«, mischte sich das schwebende Mandala mit kühler, emotionsloser Stimme ein. Finlay bekam schon alleine vom Betrachten des Musters Kopfschmerzen, also blickte er zur Seite und konzentrierte sich auf die Stimme, als das Mandala fortfuhr. »Wir stehen in Kontakt mit einer unserer Verbündeten in Silo Neun. Sie hat sich freiwillig gemeldet und darauf bestanden, sich gefangennehmen und in die Hölle des Wurmwächters stecken zu lassen. Wir haben eine Menge Zeit damit verbracht, sie auf das vorzubereiten, was sie dort erwartete. Es sollte danach aussehen, als zerbräche sie bei ihrer Vernehmung, aber in Wirklichkeit sollte der verborgenste Teil ihres Selbst frei bleiben. Wir können in sie hineinlauschen, aber wir können nicht mit ihr reden. Sie wußte, daß sie mit ziemlicher Sicherheit in den Tod geht, trotzdem meldete sie sich freiwillig. Nur damit wir eine Gelegenheit bekamen, Nutzen aus ihr zu ziehen. Sie war bereit, Jahre im Gefängnis zu ertragen, wenn es sein mußte. Habt Ihr je ein derartiges Opfer in Eurem Leben erbracht, Finlay Feldglöck?
Habt Ihr je ein derartiges Risiko auf Euch genommen?«
»Jedesmal, wenn ich die Arena betreten habe«, erwiderte Finlay. »Aber das war nur für mich alleine. Ich habe mich nie um jemand anderen geschert, bis ich Evangeline kennenlernte. Und dann kümmerte ich mich nur um uns beide. Vielleicht ändert sich das jetzt alles, wer kann das schon sagen? Ich weiß noch nicht, was alles auf mich zukommt. Ich… ich glaube, ich kann gar nicht richtig ermessen, was das Leben hier unten für Euch bedeuten muß.«
Dann laß es uns dir zeigen, meldeten sich die Stimmen der Anführer in seinem Kopf, und ein Sturm brach über Finlay herein wie eine unwiderstehliche Flut aus blendendem Licht.
Er wurde in einem Ansturm von Emotionen und Bildern davongespült, dem er nichts entgegenzusetzen hatte. Finlay konnte Evangelines Gegenwart trotz des wirbelnden Malstroms spüren, und das beruhigte ihn so weit, daß er seine Gegenwehr aufgab und den Anführern erlaubte, ihn zu leiten.
Er lauschte in sich hinein, und nach einer Weile stiegen Gedanken in ihm auf, die nicht seine eigenen waren.
Johana Wahn war nicht ihr wirklicher Name. Sie hatte ihren wirklichen Namen aufgegeben, als sie sich zu diesem Auftrag gemeldet hatte. Sie hatte noch eine Menge mehr verloren, als die Eiserne Hexe sie in die Hölle des Wurmwächters hatte werfen lassen, aber irgendwie klammerte sie sich an ihren wirklichen Namen, das letzte Geheimnis, tief in ihr verborgen, wo ihre Folterknechte es nicht finden konnten, nicht einmal der Wurmwächter selbst. Für ihre Wärter war sie niemand anderes als Johana Wahn, die gefangene Terroristin. Ganz genau so, wie es die Anführer der Esper geplant hatten, obwohl sie davon nichts mehr wußte. Sie hatte eine Menge vergessen. Es war der einzige Weg zu überleben.
Johana lag zusammengekrümmt auf dem Betonboden ihrer Zelle, nackt und frierend. Die Zelle war leer, keine Möbel, kein Bett, nicht die geringste Annehmlichkeit, nur vier kahle Betonwände, die einen Raum von vielleicht der doppelten Größe eines normalen Sarges umschlossen, mit einer Decke, die so niedrig war, daß Johana nicht aufrecht stehen konnte, ohne sich den Kopf zu stoßen. Sie hatten sie in diese Zelle geworfen und das Licht ausgeschaltet, hatten laut gelacht und waren dann gegangen. Johana war allein in der Dunkelheit zurückgeblieben. Wasser und Brot war alles, was man ihr zu essen gab; sie steckten es durch ein Loch in der Decke, aber niemand sprach jemals auch nur ein Wort.
Mit Ausnahme des Wurmwächters.
Sie wußte, daß man sie nie wieder aus dieser Zelle lassen würde, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sterben müßte, doch sie hatte keine Ahnung, wann das war. So kam es, daß Johana jedesmal zusammenzuckte, wenn sie die Wachen kommen hörte. Sie hatte Angst, die Wärter würden wegen ihr kommen, und sie kroch in eine Ecke ihrer Zelle und preßte sich ganz dicht an die Wand, als könne sie sich dort vor ihren Schergen verstecken. Aber sie gaben ihr immer nur Wasser und Brot und gingen wieder. Manchmal war es in ihrer Zelle heiß, manchmal kalt. Licht gab es nie. Sie hatte keine Ahnung, wie sie inzwischen aussah, wahrscheinlich ziemlich schlecht. Johana hatte sich kein einziges Mal waschen können, seit man sie hergebracht hatte, wie lange das auch immer hersein mochte. Sie hatte versucht, ihre Mahlzeiten zu zählen, aber schon bald den Faden verloren. Auf dem Boden in der Ecke ihrer Zelle befand sich ein Metallrost, der ihr als Abtritt diente. Johana hatte jedesmal Angst, wenn sie den Rost benutzte.
Manchmal hörte sie Geräusche von unten. Bewegungen. Tiere, die von ihr lebten.
Wie der Wurmwächter.
Am Anfang hatte sie sich die Seele aus dem Hals geschrien, doch das hatte nur dazu geführt, daß sie heiser wurde, und so hatte sie wieder damit aufgehört. Dann hatte sie begonnen, mit sich selbst zu reden, aber irgendwann war ihr der Gesprächsstoff ausgegangen, und sie hatte auch damit wieder aufgehört. Gelegentlich sang sie noch, ein letztes kleines Zeichen von Aufsässigkeit, aber allmählich beunruhigte sie der Klang ihrer eigenen Stimme. Sie stank. Der Gestank in ihrer Zelle nahm zu und ab, gerade soviel, daß sie sich nicht an den Geruch gewöhnen konnte. Johana hatte den Verdacht, daß ihr Wächter es absichtlich so eingerichtet hatte. Es war genau die Art von Spaß, die der Wurmwächter sich mit seinen Gefangenen leistete.
Sie hatten sie ganz leicht gefangennehmen können. Johana glaubte, daß es einen bestimmten Grund dafür gegeben haben mußte, obwohl sie nichts mehr davon wußte. Sie war ein Esper, doch ihre Fähigkeiten waren nur schwach entwickelt, und so hatte man ihr die Aufgabe angetragen, ungeborene Kinder im Mutterleib zu überprüfen und zu testen, ob sich ESP in ihnen entwickelte. Wenn die Antwort positiv ausfiel, wurden die Kinder entweder vor der Geburt abgetrieben oder nach der Geburt ihren Müttern weggenommen, um einem Leben der Ausbildung und Konditionierung zugeführt zu werden. Die Entscheidung war natürlich abhängig davon, ob das entdeckte ESP nützlich schien oder nicht. Die Methode war nicht narrensicher; trotzdem wurden die meisten entdeckt.
Die Mütter hatten Johana alle mit der gleichen beherrschten Verzweiflung angesehen, und sie hatte ihnen allen das gleiche leere Lächeln geschenkt. Für lange Zeit hatte sie nichts anderes als ihre Arbeit getan und sich genau an das gehalten, was man ihr gesagt hatte, ohne je Fragen zu stellen. Genau wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte – aber der konstante Umgang mit so vielen unschuldigen, reinen Kinderseelen war schließlich zuviel geworden. Sie hatte begonnen, ihre Begabung zu nutzen, um das ESP der Säuglinge zu verschleiern.
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