Es war ihr nicht schwergefallen. Die ESP-Fähigkeiten würden sich bei den Erwachsenen immer noch bemerkbar machen, doch auf diese Weise hatten sie wenigstens eine Chance auf ein halbwegs sicheres, normales Leben in Freiheit. Die Sicherheitsleute waren ihr auf die Schliche gekommen. Sie hatte sich nicht einmal besondere Mühe gegeben, ihre Vergehen zu tarnen. Vielleicht aus Aufsässigkeit. Vielleicht auch, weil unter all ihrer Konditionierung ihr eigenes Selbst hervorgekommen war, oder sonst etwas, das sie vergessen hatte, seit sie hier in der Wurmwächterhölle saß. Egal. Was auch immer es gewesen sein mochte, man hatte sie geschnappt.
Und jetzt war sie hier, allein in der Dunkelheit ihrer Zelle in Silo neun, mit einem Wurm in ihrem Kopf.
Licht fiel von irgendwo in den kleinen Raum. Ein gelbes, ungesundes Licht, das in ihr Assoziationen mit Krankheit und Niedergang hervorrief. Johana blickte an sich hinab und sah die Narben und Blutergüsse auf ihrer fahlen Haut. Der Gestank wurde plötzlich unerträglich, und sie würgte. Ihr Magen zog sich zu einem schmerzhaften Knoten zusammen, als die Fötusse kamen. Sie waren in ihrer Zelle, krochen durch die Schatten und Pfützen aus hellrotem Blut, kahle, rundliche Wesen mit Stummelarmen und -beinen, und sie näherten sich immer weiter, krochen über sie wie eine lebende Decke aus unerbittlichem lebendem Fleisch. Unfertige Fötusse zuckten periodisch auf dem kahlen Beton, während sie versuchten, sich zwischen Johana und den Boden zu zwängen, als wollten sie in ihre Mütterleiber zurückkriechen, aus denen sie so vorzeitig gerissen worden waren.
Johana wollte sie lieben, diese armen, unschuldigen Kreaturen, aber sie wußte bereits, was als nächstes kommen würde.
Der Wurmwächter hatte sie geschickt.
Zähne erschienen in den Säuglingsmündern, scharfe Haifischzähne, die durch blutige Gaumen wuchsen, und ganz langsam, ganz bewußt begannen die Fötusse, Johana mit ihren Haifischzähnen bei lebendigem Leibe aufzufressen. Jedesmal schwor sie sich aufs neue, nicht zu schreien, aber jedesmal schrie sie am Ende doch.
Die Zähne rissen ihr das Fleisch von den Knochen, und sie schrie und schrie und schrie, und ihr Blut floß in Strömen über den kalten Beton. Und während Schmerz und Entsetzen weiter zunahmen, begannen kleine Stummelfinger an ihren fest zusammengepreßten Augenlidern zu fummeln, um an die dahinter liegenden Augäpfel zu kommen…
Obwohl sie wußte, daß nichts davon real war, schrie Johana jedesmal, bis aus ihrer Kehle nur noch ein heiseres Krächzen kam.
Der Wurmwächter liebte seine kleinen Spielchen. Und Spiele mit dem Verstand seiner Gefangenen machten am meisten Spaß von allen.
Der Wurmwächter füllte einen riesigen Saal aus, ein niemals schlafendes, immer wachsames genetisch manipuliertes Monstrum aus schmierigen Fettmassen, das eher an eine Nacktschnecke als an einen Menschen erinnerte. Breite, schwabbelige Massen bleichen Fleisches nahmen den Raum ein, und sein gewaltiger, deformierter Schädel stieß an die Decke.
Lange, dicke Schläuche ragten an zahlreichen Stellen aus seinem Körper, versorgten ihn mit Nahrung und transportierten die Exkremente ab. Er hätte niemals selbst genug essen können, um seinen gewaltigen Hunger zu stillen, und so kümmerten sich die Behörden um seinen Leib, damit sein Geist frei durch die Zellen von Silo Neun streifen konnte. Die Eltern des Wurmwächters waren ganz normale Menschen gewesen, doch die Imperialen Wissenschaftler hatten an ihm gearbeitet und ihn genetisch manipuliert, als er noch ein Embryo gewesen war, um die Talente des vollkommenen Gefängniswärters zu schärfen und auszubilden. Der Wurmwächter kontrollierte und beherrschte den gesamten Betrieb, von den Lektronen, die die Sicherheitsanlagen von Silo Neun steuerten, über die Wachen, die seine Befehle entgegennahmen und durchsetzten, bis hin zu den kleinen Tierchen, die ihm Zutritt zu den Gedanken jedes einzelnen seiner tausend Gefangenen verschafften.
Jedesmal, wenn jemand nach Silo Neun geschickt wurde, aus welchem Grund auch immer, wurde in sein Gehirn ein kleiner, gentechnisch hergestellter, patentierter Wurm eingepflanzt. Der Wurm des Wurmwächters. Die Würmer blockierten die Kräfte der Esper, so daß sie niemanden mehr angreifen konnten, und sie schieden zahlreiche nützliche Substanzen in das Gehirn ihrer Wirte aus, die halfen, die Esper und Klone ruhigzustellen und gefügig zu halten. Und wenn hin und wieder ein Esper oder Klon genügend Kraft fand, gegen die Chemikalien anzukämpfen und einen Fluchtversuch zu wagen, verbrannte der Wurm ihm einfach das Gehirn.
Die Tierchen waren auch in anderer Hinsicht von Nutzen.
Der Wurmwächter verschaffte sich mit ihrer Hilfe Zugang zu dem Verstand der Aufsässigen und Widerspenstigen und sandte ihnen Alpträume, die nicht von der Realität zu unterscheiden waren, mit Ausnahme der Tatsache, daß man durch sie nicht starb – ganz gleich, wie sehr man unter dem Eindruck des umgebenden Entsetzens den Tod herbeisehnte. Der Wurmwächter sandte seine Träume aus, um zu lehren oder zu überzeugen, zu strafen und zu züchtigen – oder einfach nur, weil es ihm Freude bereitete. Es gab niemanden, der ihm das hätte verbieten können, und selbst wenn – es kümmerte keinen. Die Gefangenen würden so oder so sterben. Seine Würmer gaben ihm alle Macht der Welt, und sie waren weitaus billiger und einfacher einzusetzen als Hunderte individueller ESP-Blocker. Ihr Schöpfer hatte einen hochdotierten wissenschaftlichen Preis gewonnen, bevor er selbst in Silo Neun verschwunden war, um sicherzustellen, daß er niemandem seine Geheimnisse verraten konnte.
Der Wurmwächter genoß es, sich unter seine Monster zu mischen, mit denen er die mißgestalteten, schrecklichen Ergebnisse der Experimente mit Klonen und Espern heimsuchte.
Seine Gefangenen waren zu gefährlich, um jemals wieder freigelassen zu werden, und sie waren zu nützlich, um sie auf der Stelle zu töten, und deshalb befanden sie sich hier in Silo Neun und tobten und schrien in ihren Zellen und kratzten sich die Finger an den Betonwänden blutig. Sie waren nicht länger menschlich, aber sie waren auch keine Tiere; sie waren wild und furchterregend, kannten keinen Schmerz und keine Furcht, und manche von ihnen widersetzten sich selbst den stärksten Anstrengungen des Wurmwächters. Aber er gab nie auf, und sein massiver Geist streifte frei durch die Gänge zwischen den speziell verstärkten Zellen, wo er in den Köpfen seiner Opfer auf und ab spazierte, und sie schrien und schrien und schrien und heulten mit einer Wut, die die Wände beben ließ. Sie erkannten ihn nie; für sie war er immer nur ein Monster unter vielen, und der Wurmwächter lachte und lachte und lachte.
Sein Verstand streifte frei in den Köpfen der Gefangenen von Silo Neun umher und kontrollierte jeden Verstand, in dem ein Wurm wohnte; eine schleimige mentale Liebkosung, eine vorbeistreifende Berührung wie ein kalter Wind in einer Leichenhalle: der Überbringer der Alpträume, mächtig und schrecklich, entsetzlich und ohne jede Gnade, ein erbarmungsloser Teufel in seiner eigenen, privaten Hölle.
Finlay Feldglöck lag zusammengekrümmt auf dem Boden der ehemaligen Werkstatt und wimmerte leise. Sein Körper zitterte und schüttelte sich. Evangeline kniete neben ihm nieder, legte ihre kühlenden Hände auf sein fiebrig heißes Gesicht und murmelte ihm beruhigend zu. Finlay fühlte sich elend, befleckt und verletzt bis in den letzten Winkel seines Körpers und seines Verstandes. Die Gedanken des Wurmwächters waren wie vergifteter Stacheldraht durch sein Fleisch gefahren, und sie hatten all seine Gegenwehr erstickt, als er alles nachlebte, was Johana Wahn zugestoßen war, Weder der Wurmwächter noch Johana hatten seine Anwesenheit bemerkt, aber dadurch fühlte er sich nur noch hilfloser und unfähiger, Johana oder einem der anderen Opfer der geistigen Vergewaltigung durch den Wächter zu helfen. Finlays Hände ballten sich zu Fäusten, und sein Gesicht verzog sich zu dem vertrauten Totenkopfgrinsen, als er einen Entschluß faßte. Er würde das Monster in seinem Nest aufstöbern, und er würde es töten. Erst dann, und nur vielleicht, würde er sich wieder rein fühlen.
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