Ich habe gehört, wie die meisten von ihnen starben.«
»Dann sind wir jetzt auf uns allein gestellt«, sagte Finlay.
»Ich sage, unsere Mission ist hiermit offiziell gescheitert, und ich sage weiter, daß wir so schnell wie möglich von hier verschwinden… als wäre der Leibhaftige persönlich hinter uns her.«
»Nein!« widersprach Evangeline mit aller Entschiedenheit.
»Wenn wir uns jetzt einfach umdrehen und wegrennen, sind die anderen umsonst gestorben.«
»Wenn wir uns ohne guten Grund auf feindlichem Territorium der feindlichen Übermacht stellen, dann sterben wir ebenfalls!«
»Ohne guten Grund?« Evangeline blickte ihm fest in die Augen. »Du hast einen Eid auf dein Leben geschworen, diesen Ort zu zerstören, Finlay Feldglöck! Ist dein Wort so wenig wert?«
»Verdammt. Ich hatte gehofft, du würdest mich nicht daran erinnern. Du hast wie üblich recht, Evie. Andererseits – was können wir schon erreichen mit der Handvoll Leute, die noch übrig sind?«
»Den Wurmwächter finden und töten. Er ist es, der diesen Ort zur Hölle macht. Ohne ihn fällt alles auseinander. Wir können die Gefangenen befreien und uns unseren Weg nach draußen freikämpfen.«
»Großartiger Plan«, sagte Finlay. »Bleibt uns noch genügend Zeit, um vorher ein Testament aufzusetzen? Also gut, werfen wir einen Blick auf die Lage. Pindar, könnt Ihr versteckte Kameras oder andere Überwachungsapparaturen erkennen?«
Der Esper konzentrierte sich und deutete nach einer Pause auf eine Stelle in der Wand, die sich durch nichts von ihrer Umgebung unterschied. Stevie Eins blickte von ihrer Position an einem der Korridore kurz zurück, und die Stelle ging in Flammen auf. Finlay nickte ihr anerkennend zu.
»Evie, können wir irgendwie Kontakt mit den Kyberratten aufnehmen? Vielleicht wissen sie mehr über das, was hier vor sich geht?«
»Nein. Der Plan sah vor, daß sie mit uns Kontakt aufnehmen können, aber nicht umgekehrt. Ihre Kommunikationsanlagen sind speziell abgeschirmt, im Gegensatz zu den unseren.«
»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf die Karte zu verlassen und zu hoffen, daß sie nicht auch Bestandteil der Falle ist.« Dann kam ihm eine Idee, und er blickte zu Pindar.
»Wie kommt es eigentlich, daß sie keine ESP-Blocker gegen uns einsetzen? Wir wären alle schon lange tot, wenn sie das getan hätten.«
Der Telepath schüttelte den Kopf. »In Silo Neun gibt es keine ESP-Blocker. Sie würden den Wurmwächter ebenfalls lahmlegen. Die Sicherheitsleute haben sich wahrscheinlich auf das Gas und ihre Übermacht verlassen. Bei den anderen Gruppen hat es ja auch funktioniert. Unsere Leute hatten keine Chance, sich zu verteidigen. Wenn Ihr nicht die Initiative an Euch gerissen und uns zuerst zum Angriff geführt hättet, hätten wir auch nur dagestanden und wären gestorben wie die anderen…« Er unterbrach sich, und seine Augen schweiften blicklos in die Ferne. »Wir kriegen Besuch.«
Finlay blickte automatisch zu den Stevie Blues. »Könnt Ihr etwas sehen?«
»Niemand kann sie sehen«, sagte Pindar. »Sie sind abgeschirmt. Es sind Kampfesper.«
»O Scheiße«, entfuhr es Evangeline. »Wir sind tot.«
Finlay funkelte sie an. »Wir sind erst dann tot, wenn ich es sage. Also gut, es sind Kampfesper – na und? Wir gehen ihnen einfach aus dem Weg.«
»Das wird nicht möglich sein«, entgegnete Pindar. »Sie kommen aus allen Richtungen.«
Finlay starrte den Telepathen an. »Könnt Ihr eigentlich nie etwas Positives von Euch geben? Können wir sie bekämpfen?«
»Nur, wenn du sie wirklich böse machen willst«, sagte Evangeline. »Kampfesper sind speziell ausgebildet und konditioniert, um gegen andere Esper zu kämpfen. Man kann nicht mit ihnen sprechen oder argumentieren, und sie machen keine Gefangenen. Sie töten und töten und töten, bis nichts mehr lebt außer ihnen selbst.«
»Es muß einfach einen Weg geben, sie zu bekämpfen«, brummte Finlay. »Es muß! Was ist mit Euch, Pindar? Könnt Ihr Euer ESP benutzen, um sie aufzuhalten?«
»Wenn es unbedingt sein muß«, erwiderte der Telepath und blinzelte eulenhaft. »Aber sie haben viel stärkere Kräfte als jeder von uns. Und sie sind in der Überzahl, sogar in sehr großer Überzahl.«
»Nur dann, wenn wir hier stehenbleiben und darauf warten, bis sie da sind«, widersprach Finlay. »Also werden wir ihnen entgegentreten. Pindar, welche der sich nähernden Gruppen ist die kleinste?«
Der Esper lauschte einen Augenblick in sich hinein, dann deutete er auf eine der Öffnungen im Tunnel. »Dort entlang. Vierundzwanzig Kampfesper, die näher sind als der Rest. Keine Wachen.«
»Dann also los«, entschied Finlay. »Stevie Blues, Ihr geht voraus. Röstet alles, was sich bewegt.«
»Klingt vernünftig«, sagte Stevie Eins.
»Recht hast du«, sagte Stevie Zwei.
»Ja«, stimmte Stevie Drei ihren Schwestern zu.
Die drei Esper-Klone setzten sich in Bewegung und trotteten vorsichtig den Korridor entlang. Ihre Eisenketten klapperten und rasselten laut und angsteinflößend. Finlay eilte hinter ihnen her, Pindar und Evangeline zu seiner Rechten und Linken, und der Rest der Gruppe schloß sich ihnen an. Finlay machte sich Gedanken, weil sie seine Befehle so schnell und widerspruchslos akzeptierten. Es bedeutete, daß sie wahrscheinlich noch immer unter Schock standen. Wenn sie wirklich gegen Kampfesper antreten müßten, konnten sie sich keine Schwäche leisten. Es würde ihren sicheren Tod bedeuten.
Finlay bemerkte überrascht, wie viel ihm das ausmachte. Sie hatten tapfer gekämpft. Sie verdienten, am Leben zu bleiben.
Ich werde allmählich sentimental, dachte er.
Die Rebellen stapften durch den Korridor und überprüften jede Abzweigung und jede Nische, an der sie vorbeikamen, aber nirgendwo lauerte ein Hinterhalt. Finlay stellte zu seiner Überraschung und Zufriedenheit fest, daß sie noch immer der ursprünglichen Route durch die unterirdischen Gänge folgten.
Wenn sie nicht abgedrängt wurden, würden sie genau dort herauskommen, wo der Wurmwächter zu finden war. Vielleicht. Ihm machte Sorgen, daß sie nicht auf weitere Wachen gestoßen waren. Anscheinend hatte man sie abgezogen, damit sie den Kampfespern nicht in den Weg geraten konnten.
Sie umrundeten eine Biegung, und die Stevie Blues blieben wie angewurzelt stehen, als Pindar ihnen eine Warnung zurief. Die restliche Gruppe hielt ebenfalls stolpernd an. Pistolen wurden gezückt und Schwerter erhoben, während alle angestrengt in die Dunkelheit starrten. Pindar runzelte die Stirn.
Finlay trat neben ihn und begann mit gedämpfter Stimme zu sprechen.
»Was ist los? Könnt Ihr etwas sehen?«
»Nein, aber genau das ist es. Mir macht Sorgen, daß ich nichts sehe. Überhaupt nichts. Und es ist zu still. Normalerweise hört man immer zumindest eine Art mentales Hintergrundrauschen, aber jetzt? Nichts, absolut gar nichts.«
Finlay wandte sich zu den Stevie Blues. »Röstet den Korridor vor uns, bis er glüht!«
Stevie Eins grinste ihn an. »Das gefällt mir. Genau meine Art von Plan!«
»Richtig«, stimmte ihr Stevie Drei zu.
Die drei konzentrierten sich, und eine brüllende Flammenwalze rollte durch den Korridor davon und sengte die Wände, bis sie purpurn glühten. Und dann blieb das Feuer stehen wie von einer unsichtbaren Barriere aufgehalten. Ein Esper direkt hinter Finlay begann zu zittern und sich zu schütteln. Andere wichen ängstlich vor ihm zurück, als er konvulsivisch zuckte und Blut aus Mund, Nase und Ohren schoß. Finlay versuchte den Esper an den Schultern zu packen, aber das gewaltige Zittern entriß ihn aus seinem Griff. Evangeline zog Finlay weg. Der Esper explodierte in einem purpurnen Nebel, der den gesamten Korridor ausfüllte und die Umstehenden mit Blut und Eingeweiden überzog. Finlay zielte und feuerte in einer fließenden Bewegung und beobachtete ungläubig, wie der Strahl aus seinem Disruptor von einem unsichtbaren Schirm abprallte.
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