»Und was geschieht mit ihnen, wenn sie entdeckt werden?«
»Ich fresse sie auf«, erwiderte das Schwein.
Finlay beschloß, Evangeline die weitere Unterhaltung zu überlassen. Er setzte ein respektvolles Gesicht auf, während sie mit den Anführern sprach, und er achtete sorgfältig darauf, daß seine Hände nicht in die Nähe von Schwert oder Pistole kamen. Finlay musterte die normal aussehenden Leute auf der gegenüberliegenden Seite der großen ehemaligen Werkstatt, dann setzte er sich in Bewegung und gesellte sich zu ihnen.
Er verbeugte sich höflich und stellte sich vor: »Ich bin Finlay Feldglöck, oder genauer gesagt, ich war es. Ich vermute, ich bin nicht mehr berechtigt, diesen Namen zu führen. Seid Ihr auch Mitglieder der Untergrundbewegung?«
»Mein Name ist Huth«, antwortete ein großer Mann ohne Gesicht. »Ich bin Berater.«
Er war mit einem langen Umhang bekleidet und hatte eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Wahrscheinlich ein weiterer Esper, dachte Finlay. Er wandte seine Aufmerksamkeit den drei Frauen zu, die offensichtlich Drillinge waren, und schenkte ihnen sein charmantestes Lächeln.
»Verschwendet es nicht an uns«, sagte die linke von ihnen.
»Wir sind verheiratet.«
»Wirklich?« fragte Finlay. »Und mit wem?«
»Mit uns«, erwiderte die Frau in der Mitte. »Wir sind die Stevie Blues. Nennt uns Eins, Zwei und Drei, aber verwechselt uns nicht! Wir reagieren sehr jähzornig, wenn uns jemand verwechselt. Und wir sind wirklich sehr verschieden.«
»Jawohl, das sind wir«, stimmte die Frau zu, die ganz rechts stand. »Aber eines haben wir alle gemeinsam: Wir mögen keine Aristos.«
»So geht es heutzutage den meisten«, entgegnete Finlay.
»Vielleicht kann ich Euch davon überzeugen, daß wir nicht alle schlecht sind.«
»Das wagen wir zu bezweifeln«, sagten die drei Stevie Blues einstimmig. »Und wenn Ihr jetzt noch behauptet, daß einige Eurer besten Freunde Klone sind, muß ich kotzen«, fügte Stevie Eins hinzu.
Finlay beschloß, die Unterhaltung vorzeitig zu beenden und gesellte sich wieder zu Evangeline, die anscheinend am Ende ihres Plädoyers angekommen war. Klone. Wie Evangeline. Er wußte nicht recht, was er davon halten sollte. Er hoffte noch immer, daß er genug Zeit zum Nachdenken fand, aber die Dinge entwickelten sich für seinen Geschmack viel zu rasch.
Als er am Morgen als ältester Sohn und Erbe einer der mächtigsten Familien des Imperiums aufgestanden war, hätte er nicht im Traum daran gedacht, daß er am Abend hier unten enden könnte, von allen gejagt und vollkommen hilflos, während ein Klon mit ein paar Espern um sein Leben diskutierte.
Finlay hatte nie viel über Klone und Esper nachgedacht. Sie waren Gebrauchsgegenstände wie andere Dinge auch die seiner Familie gehörten. Und jetzt stand er hier und liebte einen Klon. Was auch immer sich an diesem Tag geändert hatte – seine Gefühle für Evangeline waren die gleichen geblieben.
Er hatte seine Familie verloren, zusammen mit seinem Platz in der Gesellschaft, und die Imperatorin, der sein ganzes Leben lang zu dienen er geschworen hatte, gehörte jetzt zu seinen unversöhnlichen Feinden. Aber seine Evangeline war ihm geblieben. Und am Ende war das wahrscheinlich auch alles, was zählte. Seine Geliebte sprach noch immer lebhaft für ihn und stritt mit den Anführern, und weil sonst niemand in der ehemaligen Werkstatt herumstand, mit dem er ein Gespräch hätte beginnen können, schlenderte er zögernd wieder zu Huth und den drei Stevie Blues. Ob es ihm nun gefiel oder nicht –
Leute wie sie würden seine zukünftigen Begleiter sein, also lernte er besser möglichst rasch, mit ihnen auszukommen.
Er war jetzt ein Gesetzloser, genau wie Owen Todtsteltzer.
Finlay wünschte, er hätte sich mehr Gedanken um Owen gemacht, als man den Todtsteltzer für vogelfrei erklärt hatte.
Jetzt erst verstand er, was in jemandem vorging, der verstoßen wurde. Er verdrängte den Gedanken an Owen und seine eigene Zukunft und nickte dem Mann ohne Gesicht zu. In seiner Zeit bei Hofe hatte Finlay mit allen Arten von Wahnsinnigen und Exzentrikern Konversation betrieben. Ein paar Klone und ein Esper sollten ihm da keine Schwierigkeiten bereiten. Und wenn mit seiner Aufnahme in den Untergrund etwas danebengehen sollte, konnte er immer noch Evangeline packen und sich den Weg nach draußen freikämpfen. Finlay war schließlich der Maskierte Gladiator, und er hatte schon stärkeren Gegnern getrotzt als diesen hier. Oder? Genaugenommen wahrscheinlich nicht, dachte er, aber er war fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich so bei Euch hereingeplatzt bin«, wandte er sich an Huth, »doch das Leben an der Oberfläche drohte ein wenig zu ungemütlich zu werden.
Überall Disruptorfeuer und Meuchelmörder auf unseren Fersen. Aber Ihr wißt sicher selbst, wie das ist.«
»Ja«, erwiderte Huth. »Wir wissen, wie das ist. Aus diesem Grund sind wir schließlich alle hier. Aber die Tatsache, daß Ihr verfolgt werdet, gewährt Euch nicht automatisch Aufnahme in die Untergrundbewegung.«
»Richtig«, meldete sich Stevie Drei zu Wort. Finlay bewunderte ihre Kleider aus Leder und Eisen und erwischte sich bei dem Gedanken, wie Evangeline wohl darin aussehen mochte.
Er bemerkte, daß der Klon noch immer redete, und konzentrierte sich auf ihr Gesicht. Stevie Drei grinste häßlich, als hätte sie seine Gedanken gelesen. »Soweit es uns betrifft, seid Ihr lediglich ein weiterer verdammter Aristo, der sich die Finger verbrannt hat und weinend in den Untergrund gerannt kommt, um dort Hilfe zu finden.«
»Nicht daß Ihr denkt, wir wären völlig ohne Mitgefühl«, sagte Stevie Zwei. »Ein Feind der Eisernen Hexe kann nicht ganz so schlecht sein. Aber wir gehen keine Risiken mehr ein.
Wir wurden zu oft enttäuscht.«
»Richtig«, stimmte Stevie Drei zu.
»Und wir können hier unten keine Schmarotzer gebrauchen«, sagte Stevie Eins. »Ganz gleich, wer Eure Feinde sind.
Was seid Ihr wert? Was könnt Ihr zu unserer Sache beitragen?«
Finlay errötete, und der aufsteigende Ärger ließ seine Hände instinktiv in Richtung der Waffen zucken. Zum Glück hatte er sich rechtzeitig wieder im Griff. Sie hatten ihm schließlich nur eine faire Frage gestellt, sonst nichts. Wenn sie seinen Namen bereits gehört hatten – wenn überhaupt –, kannten sie ihn nur als den berüchtigten Stutzer und Taugenichts. Die blutverschmierte Kleidung, in der er im Augenblick steckte, war nicht gerade ein Beweis für das Gegenteil. Es war schon lange her, daß Finlay sich vor jemand anderem hatte rechtfertigen müssen, und so überlegte er eine Weile, bevor er schließlich antwortete. Daß er mehrere Sprachen beherrschte und sich bei Tisch zu benehmen wußte, war sicher nicht die Antwort, die sie hören wollten.
»Ich bin ein Kämpfer«, sagte er. »Alle Waffen, alle Gegner.
Ich bin der Beste, den Ihr je gesehen habt.«
Die drei Stevie Blues warteten, und als sie erkannten, daß das alles war, was er zu diesem Thema sagen würde, grinsten sie. Huth kicherte leise. Es war kein angenehmes Geräusch.
»Vielleicht kommt Eure Chance, das zu beweisen, Feldglöck«, sagte er. »Und vielleicht kommt sie viel schneller, als Ihr glaubt.«
»Was ist mit Eurem Gesicht?« fragte Finlay. »Habt Ihr Euch beim Rasieren geschnitten?«
Huth wandte sich schweigend ab. Das Grinsen der drei Stevies verstärkte sich noch. Der große Mann ging zu Evangeline hinüber und unterbrach sie ohne Entschuldigung mitten im Wort. »Der Feldglöck bringt nur Schwierigkeiten. Valentin Wolf ist sein Feind, und das letzte, was wir hier unten gebrauchen können, ist eine blutige Fehde zwischen zwei Aristos.
Ganz besonders nicht dann, wenn so entscheidende Dinge bevorstehen. Schickt ihn weg!«
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