Und dort lebte er noch immer, als die Dunkelwüste entstand und alle starben, bis auf ihn.
Er lebte noch immer, als Wissenschaftler in die Dunkelwüste eindrangen und sich auf der Suche nach einem sicheren Ort für ihre Labors und ihre Experimente auf der verlorenen Welt Haden niederließen. Er beobachtete, wie sie an sich selbst experimentierten und immer kompliziertere Hybride aus Mensch und Maschine schufen, die Hadenmänner. Er sah zu, als sie auszogen, um das Imperium zu erobern, und er beobachtete, wie sie geschlagen und gedemütigt zurückkamen und sich in ihre Gruft zurückzogen, um auf eine bessere Zeit zu warten. Er ist noch immer dort unten. Er ist unvorstellbar alt und unvorstellbar mächtig, und er beobachtet und wartet und bewacht das Labyrinth des Wahnsinns und die Halle der Gefallenen .«
»Wie kommt es, daß Ihr so gut über alles Bescheid wißt?«
fragte Jakob Ohnesorg. »Ihr wart auf Shandrakor in Stasis, während die meisten der beschriebenen Ereignisse stattfanden.«
»Der Wolfling hat zu meinen Lektronen gesprochen«, antwortete Giles. »Und meine Lektronen haben mit mir gesprochen. Und jetzt wartet der Wolfling darauf, mit uns zu sprechen. Und wenn wir alle sehr höflich sind, läßt er uns vielleicht sogar am Leben.«
»Und wenn nicht?« fragte Ruby.
»Wozu brauchen wir ihn denn überhaupt?« fragte Mond.
»Das habe ich Euch bereits gesagt: Er bewacht das Labyrinth des Wahnsinns.«
»Und was ist dieses Labyrinth des Wahnsinns , wenn es zu Hause ist?« fragte Hazel schnippisch. »Etwas, das die Hadenmänner geschaffen haben?«
»O nein, meine Liebe. Das Labyrinth ist viel älter als die Hadenmänner. Das Labyrinth des Wahnsinns stammt nicht von Menschenhand. Es existierte bereits, bevor die ersten Hadenmänner ihren Fuß auf diese Welt setzten. Die Wissenschaftler der Hadenmänner enträtselten das Geheimnis, aber sie waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich darum zu kümmern, diese Dummköpfe.«
»Also gut«, unterbrach Owen den Redefluß seines Vorfahren. »Ich bin gespannt. Wozu dient das Labyrinth des Wahnsinns ?«
»Evolution«, erwiderte Giles. »Es dient der Evolution selbst. Und ich bin der einzige Mensch, der je aus seinen Geheimnissen Nutzen gezogen hat. Aber jetzt wollen wir nach unten gehen und dem Wolfling guten Tag sagen. Ach übrigens, bevor ich es vergesse: Er denkt im Augenblick, daß eine ganze Armee von Rebellen in der Burg wartet. Ich möchte nicht, daß jemand ihm diese Illusion raubt. Man kann nie wissen, wann man ein As im Ärmel gebrauchen kann.«
»Wie gelangen wir nach unten?« fragte Mond. Seine rauhe Summstimme klang so ruhig und unbewegt wie immer, aber seine strahlendgoldenen Augen wandten sich nicht für eine Sekunde vom Bild des Planeten auf dem großen Hauptschirm ab. »Gibt es auf diesem fliegenden Anachronismus so etwas wie eine Pinasse oder eine Landekapsel?«
»Sicher gibt es das, aber wir können sie nicht benutzen. Es gibt keine Möglichkeit, das Labyrinth oder die Gruft der Hadenmänner aus dem Orbit zu erreichen. Wir werden hinabteleportieren. Als ich das letzte Mal hier war, ließ ich ein Portal ganz in der Nähe des Labyrinths zurück, und nach den Instrumenten der Burg zu urteilen, funktioniert es noch immer.
Damals haben wir eben noch für die Ewigkeit gebaut. Jedenfalls wenn wir nicht gerade damit beschäftigt waren, alles zu zerstören. Wenn die Herrschaften sich jetzt bereit machen würden? Wir können gehen, sobald Ihr fertig seid. Bedient Euch in der Waffenkammer, nehmt alles, was Euch geeignet erscheint. Aber laßt Euch nicht zuviel Zeit. Die Energievorräte der Burg waren schon fast erschöpft, als ich damals auf Shandrakor landete, und in den Jahrhunderten seither wurde das meiste aufgebraucht, was noch übrig war. Dieses Schiff wird nirgendwo mehr hinfliegen, bevor ich nicht Gelegenheit habe, seine Energiezellen wieder aufzuladen. Wir schweben zwar nicht in unmittelbarer Gefahr, aber wenn Ihr Euch nicht mit dem Gedanken anfreunden wollt, auf einer Welt zu stranden, deren einzige Sehenswürdigkeiten aus einer großen Gruft und einem Labyrinth bestehen, das eine fremde Rasse hinterlassen hat, dann schlage ich vor, daß wir uns ein wenig beeilen.«
Owen und Hazel gingen zusammen zur Waffenkammer der Burg, wo ein leerer Kampfanzug ohne Helm ihnen höflich die Tür öffnete. Owen betrachtete die Maschine neugierig. Er konnte sich nicht erinnern, sie bei seinem ersten Besuch in der Kammer bereits gesehen zu haben. Hazel ignorierte den Apparat vollkommen und ging schnurstracks zu den beeindruckend aussehenden Projektilwaffen. Owen beobachtete amüsiert, wie sie sich mit Pistolen und Gurten voller Munition belud. Er selbst nahm sich eine häßliche Handfeuerwaffe, die große, schwere Projektile verschoß, und stopfte sich außerdem noch ein paar Granaten in die Taschen. Zweifellos würden sie ganz gelegen kommen, aber im großen und ganzen gedachte er sich mit den Waffen zu begnügen, an deren Handhabung er gewöhnt war. Feuerwaffen waren schön und gut, aber seiner Erfahrung nach lief es am Ende immer wieder auf blanken Stahl hinaus und den Mann, der das Schwert führte. Außerdem, wenn Hazel sich weiter so mit Waffen belud, würden sie sie mit einem Karren durch die Gegend fahren müssen. Doch Hazel fuhr unermüdlich fort, weitere Waffen aufzusammeln, und bemerkte die wachsende Amüsiertheit überhaupt nicht. Schließlich fand sie eine Waffe, die so lang und schwer war, daß es ihre ganze Kraft erforderte, das Ding auch nur zu heben und damit zu zielen.
»Eine gute Wahl«, sagte Owen mit ernster Stimme. »Wenn Euch die Munition ausgeht, dann könnt Ihr sie immer noch als Keule benutzen, um Eure Feinde damit zu erschlagen.« Hazel rümpfte die Nase und legte das Gewehr zögernd zurück. Sie blickte auf ihre Waffensammlung und grinste Owen plötzlich an. »Wir haben es ganz schön weit gebracht, was, Aristo?
Von einer nicht ganz erfolgreichen Piratin und einem verbannten Lord, der um sein Leben rennen muß, bis zu den Anführern einer Rebellion gegen das Imperium. Wer hätte das vor ein paar Wochen noch gedacht!«
»Wir führen noch lange keine Rebellion an«, widersprach Owen. »Es braucht eine verdammte Menge mehr als nur uns sechs, um Löwenstein vom Eisernen Thron zu stürzen. Jakob Ohnesorg hat sein ganzes Leben gegen das Imperium gekämpft, und Ihr habt gesehen, was aus ihm geworden ist. Gut, wenn es uns gelingt, die Hadenmänner aufzuwecken und davon zu überzeugen, auf unserer Seite zu kämpfen, haben wir vielleicht eine Chance. Alle möglichen Leute könnten sich auf unsere Seite schlagen, wenn sie davon überzeugt wären, daß wir bereits eine Armee im Rücken hätten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir den Hadenmännern vertrauen dürfen. Wer weiß schon, ob sie nicht ihre eigenen dunklen Pläne verfolgen? Ihr letzter Versuch einer Rebellion kostete eine ganze Menge Unschuldiger das Leben, und es gibt nur einen einzigen Grund, aus dem sie nicht offiziell als Feinde der Menschheit gelten: Die abtrünnigen KIs von Shub sind noch schlimmer als selbst die Hadenmänner. Und das will schon etwas heißen.«
»Du siehst alles viel zu schwarz, Owen Todtsteltzer«, sagte Hazel. »Die Hadenmänner werden sich schon zu benehmen wissen, solange wir den Dunkelwüsten-Projektor in der Hand haben.« Unvermittelt wechselte sie das Thema. »Weißt du, diese Feuerwaffen hier sind großartig, wirklich. Ich habe mich in den Datenbänken umgesehen. Sie sind nicht mehr wert als Spucke, wenn es gegen Energieschilde geht, doch alles andere, worauf du mit ihnen zielst, hat nicht den Hauch einer Chance. Sie besitzen eine Eigenart, die der Lektron ›Rückstoß‹ nannte, aber ich schätze, wir werden damit klarkommen und uns rasch daran gewöhnen.«
»Jedenfalls bis uns die Munition ausgeht«, entgegnete Owen. »Schließlich können wir nicht einfach mitten in einem Gefecht zurückrennen und uns neue besorgen, oder? Ein Disruptorkristall läßt sich an jeder gewöhnlichen Energiequelle wieder aufladen und fertig. Mit diesen Waffen ist das anders.«
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