»Alles bereit? Gut. Denkt daran, niemand stürzt nach draußen, wenn die Schleuse sich öffnet. Wir werden die Sache langsam und mit größter Vorsicht angehen, bis wir wissen, was uns draußen erwartet.«
»Ist er immer so?« fragte Ruby Hazel.
»Meistens«, erwiderte Hazel. »Immerhin war er mal ein Lord. Ich schätze, er hat seine Großspurigkeit zusammen mit den abstehenden Ohren geerbt.«
Owen entschloß sich, so zu tun, als hätte er nichts gehört.
»Hazel, öffnet die Luke.«
Ein besorgniserregendes Knirschen ertönte, und eine Weile geschah gar nichts. Dann glitt die Tür zur Seite, und blendend purpurnes Licht flutete in die Schleusenkammer, gemeinsam mit der schweren Feuchte der Dschungelatmosphäre. Es roch nach verwesendem Fleisch. Und plötzlich schien der gesamte Planet zugleich durch die Schleusentür zu drängen. Große, wilde Gestalten mit furchterregenden Zähnen und Klauen und funkelnden Augen, die um das Vorrecht kämpften, als erste in die Schleuse der Sonnenschreiter zu stürmen. Kleinere Wesen, die anscheinend nur aus Zähnen und Klauen bestanden, strömten in wahren Wogen über die Schwelle der Schleuse.
Fliegende Ungeheuer, peitschende Tentakel von Pflanzen, mit bösartigen, wahrscheinlich giftigen Stacheln – und alle, wirklich alle versuchten gleichzeitig, in die Schleuse einzudringen.
Schreie und Kreischen und markerschütterndes Heulen erfüllte die Luft und warf sein ohrenbetäubendes Echo in die beengte Kammer der Luftschleuse.
Ein langes Tentakel stürzte sich auf Owen, und er schoß in einem Reflex. Der Energiestrahl traf das Wesen aus allerkürzester Distanz. Sein Kopf explodierte und überschüttete den Todtsteltzer mit faulig riechendem Blut. Eine Kreatur mit riesigen, klauenbewehrten Händen und einem Maul, das größer war als Owens Kopf, zog den Tentakelleichnam aus der Kammer und warf sich selbst auf Owen. Er begegnete ihr mit dem Schwert in der Hand, und noch mehr Blut spritzte, als die Klinge tief in das ledrige Fleisch eindrang.
»Schließt die Luke«, kreischte er. »Schließt die verdammte Luke!«
Mehrere Disruptoren feuerten beinahe gleichzeitig, aber die Bestien stürmten ohne Unterlaß auf die Schleuse an, geifernd in ihrer Gier nach neuer Beute. Die Schleuse war plötzlich voll von schrecklichen Lebewesen und blitzenden Schwertklingen. Hazel kämpfte sich zum Kontrollpaneel zurück. Ein langes Tentakel peitschte durch die Luft, ringelte sich um Tobias Mond und riß ihn am Boden liegend nach draußen in die Wildnis.
»Laßt die Schleuse offen!« kreischte Owen. »Sie haben Mond erwischt! Jemand muß ihm helfen!«
»Soll er sich selbst helfen«, schnappte Jakob Ohnesorg, während er geschickt eine schleimige Kreatur zerhackte, die anscheinend zu dumm war zu erkennen, daß sie eigentlich schon tot sein müßte. »Ich hab’ hier meine eigenen Probleme!«
Hazel schaffte es, den Kontrollhebel mit dem Ellbogen umzulegen, und die Tür glitt zu. Das schwere Stahlschott bewegte sich gnadenlos in seiner Führung voran und schnitt langsam, aber unaufhaltsam durch alles hindurch, das nicht rechtzeitig aus dem Weg kam. Der Durchgang wurde immer enger, und die größeren Räuber waren gezwungen, sich nach draußen zurückzuziehen. Schließlich war die Luke dicht, und die kleineren Kreaturen saßen im Innern in der Falle. Owen und Ohnesorg kämpften Rücken an Rücken und mähten die Bestien reihenweise nieder, die sich noch immer in besinnungsloser Wut auf sie stürzten. Ohnesorg kämpfte verdammt gut.
Jedenfalls für einen alten Mann, dachte Owen. Auch Hazel und Ruby standen Rücken an Rücken und machten blutiges Hackfleisch aus allem, was sich zu nah an die beiden heranwagte. Eine Kreatur nach der anderen fiel den blitzenden Klingen zum Opfer, und schließlich war das Gemetzel vorbei.
Owen senkte zögernd das Schwert und lehnte sich nach Luft ringend an die Schotte. Plötzlich war es in der Schleuse totenstill. Die Luft dick war vom Geruch von Blut und Tod. Überall lagen Kadaver, und überall klebte Blut. Hinter Owen erbrach sich Jakob Ohnesorg. Hazel und Ruby lehnten sich stützend gegeneinander und blickten gehetzt mit noch immer erhobenen Waffen um sich.
»Mond«, sagte Owen mit rauher Stimme. »Er ist noch immer draußen!«
»Dann ist er tot«, entgegnete Hazel. »Und wir sind es ebenfalls, wenn wir dumm genug sind und rausgehen, um nach ihm zu suchen.«
»Nicht unbedingt«, widersprach Ruby. »Er ist immerhin ein Hadenmann.«
Ihre Köpfe ruckten scharf herum, als von irgendwo ganz in der Nähe das Geräusch von Energiestrahlen an ihre Ohren drang.
»Kann es sein, daß das Imperium uns schon aufgestöbert hat?« fragte Hazel ungläubig.
»Das ist nicht das Imperium«, erwiderte Owen. »Oz hat berichtet, daß wir auf dem Planeten ganz allein sind. Ich schätze, das sind unsere eigenen Kanonen. Die Kanonen der Sonnenschreiter . Deshalb können wir sie auch bei geschlossener Schleusenluke hören!«
»Aber – wer feuert sie denn ab?« fragte Ohnesorg. »Euer Lektron hat sich doch abgeschaltet, oder nicht? Kann es sein, daß Ihr uns etwas verheimlicht, Todtsteltzer?«
»Ozymandius, bist du das?« Owen wartete auf eine Antwort, aber in seinem Komm-Implantat blieb alles still. Plötzlich verstummten die Bordgeschütze wieder, und eine unheimliche Stille breitete sich aus. »Ich werde draußen nachsehen«, entschied Owen.
»Meinst du, daß das eine gute Idee ist?« fragte Hazel.
»Nach dem, was beim letzten Mal geschehen ist, als ich die Luke geöffnet habe?«
»Die Geschütze haben sicher ein wenig freien Raum rings um das Schiff geschaffen«, widersprach Owen.
»Und wenn nicht?«
»Ist mir verdammt noch mal egal. Mond ist da draußen. Ein Todtsteltzer läßt seine Leute nicht im Stich!«
Er legte den Kontrollhebel für die Außentür um, bevor jemand weitere Einwände erheben konnte, und sie richteten ihre Waffen auf den sich vergrößernden Spalt. Erneut flutete purpurnes Licht in die Kammer, zusammen mit dem Gestank des Dschungels. Selbst das Licht hat die Farbe von Blut , dachte Owen. Zu was für einem schrecklichen Ort habe ich uns nur geführt?
Sie bereiteten sich auf eine neuerliche Invasion blutrünstiger Raubtiere und Pflanzen vor, aber zu ihrer Überraschung blieb alles ruhig. Die Luke öffnete sich in ihrer gesamten Breite, und Owen spähte wachsam nach draußen. Wohin er auch sah, überall lagen tote Kreaturen, zerrissen und verbrannt und am Ort ihres Todes übereinander gefallen, und nirgendwo auch nur das kleinste Anzeichen von Leben oder Bewegung. Der umgebende Dschungel bildete eine kompakte Masse sich stechender Farben, meist jedoch dunkler Rottöne, und der Himmel war zum größten Teil hinter einem dichten Blätterdach verborgen. Überall wuchsen mächtige Bäume, und schwere Ranken versperrten die Zwischenräume, dornenstarrend und überzogen mit prachtvollen Blüten. Owen bemerkte aus den Augenwinkeln eine Bewegung zwischen den Leichenhaufen.
Instinktiv riß er seinen Disruptor hoch, bevor er erkannte, wer es war. Tobias Mond. Der Hadenmann lehnte am Rumpf der Sonnenschreiter , bis zu den Hüften in niedergemetzelten Feinden, von oben bis unten blutbesudelt und ganz offensichtlich höchst zufrieden mit sich und der Welt.
Owen sprang auf den Boden unter dem Schiff und kletterte über Haufen von Kadavern aller Größen und Formen zu dem Hadenmann. Die schweren Bordgeschütze der Sonnenschreiter hatten die Wesen buchstäblich in Fetzen geschossen. Auf so kurze Entfernung hatten die Bestien nicht die Spur einer Chance gehabt, aber Owen konnte sich trotzdem nicht dazu hinreißen, auch nur einen Hauch von Mitleid zu empfinden.
Der Gestank war entsetzlich. Owen gab sich die größte Mühe, nur durch den Mund zu atmen. Schließlich kam er bei Mond an, und der Hadenmann nickte ihm gelassen zu.
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