In den Familienarchiven hatte er nicht viel an Informationen über den Gründer des Clans gefunden. Der Vorfahre war ein großer Kämpfer und ein noch besserer Staatsmann gewesen, Erster Krieger des Imperiums und Vater des Dunkelwüsten-Projektor s – des geheimnisvollen, rätselhaften Dings, das innerhalb eines einzigen Augenblicks tausend Sonnen ausgeschaltet und ihre Planeten in ewiger Finsternis zurückgelassen hatte. Die Dunkelwüste. Die ewige Finsternis hinter dem Rand.
Der Todtsteltzer hatte den Projektor und alle Aufzeichnungen darüber bei seiner Flucht mit sich genommen, und als der Dunkelwüsten-Projektor zusammen mit ihm verschwand, da hatten die Bewohner des Imperiums insgeheim aufgeatmet.
Niemand war so recht glücklich gewesen mit einer derartigen Bedrohung, die ständig wie ein Damoklesschwert über all ihren Köpfen gehangen hatte. Der Dunkelwüsten-Projektor war als Waffe viel zu gefährlich gewesen, und er hatte dem Imperator viel zuviel Macht in die Hand gegeben.
Die Archive hatten nichts zutage gefördert, aus dem man einen Hinweis hätte ableiten können, was für ein Mensch der Erste Todtsteltzer gewesen war. Sicher, tapfer war er gewesen. Ehrenhaft auch, ganz offensichtlich. Aber was mochte das für ein Mann gewesen sein, der einen Horror wie den Dunkelwüsten-Projektor erschaffen hatte? Und ihn sogar eingesetzt hatte? Was war mit seinen Freunden geschehen? Was mit der Familie und seinen Anhängern, die er alle zurückgelassen und der Gnade eines vor Wut wahrscheinlich rasenden Imperators ausgesetzt hatte? Keine Aufzeichnungen. Kein Hinweis auf das, was aus ihnen geworden war. Doch Owen konnte sich ziemlich lebhaft ausmalen, was die Archive verschwiegen.
Also angenommen, der Todtsteltzer befand sich noch immer in der Fluchtburg in seinem Stasisfeld, und weiter angenommen, sie hatten Erfolg mit ihren Bemühungen, ihn aufzuwecken – wie würde er sich ihnen gegenüber verhalten? Würden sie ihn überzeugen können, sich ihrer Rebellion gegen das Imperium anzuschließen? Gegen ein Imperium, das wahrscheinlich kaum noch Ähnlichkeit hatte mit dem, das er hinter sich gelassen hatte? Und wenn sich der Dunkelwüsten-Projektor noch in seinem Besitz befand – würden sie genug Entschlossenheit aufbringen, um ihn ein weiteres Mal einzusetzen und den Tod weiterer Milliarden unschuldiger Menschen zu verursachen…?
Owen hackte mit neuer Wut auf das Gehölz vor sich ein.
Sein Kopf schmerzte, aber nicht wegen der Hitze. Vor ihm erstreckte sich der Dschungel, so weit das Auge reichte; dicht, undurchdringlich und feindselig. Er hätte nur zu gerne seinen Disruptor eingesetzt und eine Schneise in den Wald gebrannt, aber das Risiko schien zu groß, daß er damit ein Feuer entfachen könnte. Schließlich konnte niemand wissen, wie leicht die Bäume in Brand gerieten oder in welche Richtung der Wind das Feuer treiben würde. Es wäre jedenfalls ein verdammt dummer und ekelhafter Weg zu sterben.
Die Bäume gefielen ihm immer weniger, je länger er sie betrachtete. Ihre Stämme maßen im Schnitt etwa eineinhalb Meter im Durchmesser, und sie waren von einer furchigen, zernarbten purpurnen Rinde überzogen. Die Äste bewegten sich, obwohl nicht der leiseste Windhauch zu spüren war. Die purpurnen Blätter waren lang und gezackt und scharf wie Rasierklingen. Jeder aus der Gruppe hatte schnell gelernt, seine Finger bei sich zu behalten.
Die Farben der restlichen Vegetation waren heller. Leuchtendes Gelb, Blau oder Rosa, das sich mit dem überall vorherrschenden Purpur biß. Entweder hatte die Natur auf diesem Planeten die Vorteile von Mimikry und Tarnfarben niemals entdeckt, oder sie gab einfach einen Dreck darauf. Owen zog die letztere Erklärung vor. Shandrakor erschien ihm nicht im geringsten als subtiler Planet. Hoch über sich konnte er hören, wie sich irgendwelche Kreaturen durch das Geäst schwangen und mit seiner Gruppe zogen, aber bis jetzt hatte sich nichts genähert, um die Fremdlinge in diesem Territorium genauer in Augenschein zu nehmen. Was die Biester allerdings nicht davon abhielt, ihre Blasen auf Owen und seine Freunde zu entleeren. Wenigstens schützte der Schirm sie vor einem Angriff von oben genauso wie an den Seiten.
Hinter der Energieglocke ging die eingeborene Fauna des Planeten ihrer üblichen Beschäftigung nach. Jeder fraß jeden, und zwar so schnell es ging, bevor man selbst gefressen oder einem die Beute abgejagt werden konnte. Die damit einhergehenden Geräusche waren ziemlich widerlich. Zwischendurch erklangen immer wieder Schreie, Kreischen und Brüllen, das allerdings nie lange anhielt, bevor es auf die eine oder andere Weise verstummte. Vielleicht gewöhnten sie sich auch allmählich daran. Owen dachte, daß der Mensch sich wahrscheinlich an alles gewöhnte, wenn er mußte. Er fragte sich allerdings immer häufiger, was die Dschungelkreaturen einen so respektvollen Abstand zu ihnen einhalten ließ. Der Schirm und die Disruptoren hatte eine ganze Menge getötet, sicher – aber die Kreaturen waren Owen nicht so schlau erschienen, als daß sie sich von ihrer Freßgier hätten abhalten lassen. Eigentlich hätten sie in immer neuen Wellen gegen den Schirm anrennen und die Gruppe von Abenteurern angreifen müssen, bis sie allein durch ihre große Zahl am Ziel angekommen wären, genauso, wie sie es an der Luftschleuse der Sonnenschreiter getan hatten. Statt dessen wichen sie jedoch zurück und verschwanden in der Deckung des Dschungels, sobald irgend jemand seinen Disruptor abfeuerte. Sie schienen genau zu wissen, welchen Waffen sie gegenüberstanden, und hatten einen Heidenrespekt vor ihnen. Was natürlich vollkommen unmöglich war. Offiziell jedenfalls hatte seit Jahrhunderten niemand mehr Shandrakor besucht. Nicht zuletzt deshalb, weil niemand mehr auch nur ahnte, wo der Planet lag.
Außer natürlich, die Imperatorin wußte Bescheid.
Vielleicht hatte sie die ganze Zeit über Bescheid gewußt.
Ein Geheimnis vielleicht, das ein Herrscher an den nächsten weitergab. Etwas, auf das man sehr genau achten mußte. Es ergab einen Sinn. Owen sah keinen Grund, aus dem ein Herrscher den Ort hätte vergessen sollen, an dem die machtvollste Waffe versteckt war, die das Imperium je besessen hatte.
Konnte es vielleicht sein, daß Imperiale Truppen auf Shandrakor gelandet waren, bevor er mit der Sonnenschreiter hergekommen war? Owen runzelte die Stirn. Es schien ihm nicht sehr wahrscheinlich, aber er konnte den Gedanken auch nicht einfach so von der Hand weisen. Wenn das Imperium tatsächlich vor ihnen hiergewesen sein sollte, dann wurden die Dinge wirklich kompliziert. Es bedeutete nicht, daß alles verloren war. Owen wußte, wo sich die Todtsteltzer-Fluchtburg befand; er besaß die genauen Koordinaten, dank der Dateien, die sein Vater in Ozymandius’ Gedächtnis versteckt hatte. Aber wenn die Imperatorin freilich schon seit geraumer Zeit auf Shandrakor war und nach der Burg gesucht hatte… Owen hackte wie besessen auf das Gestrüpp vor sich ein. Nichts mehr würde jemals wieder einfach sein.
Irgendwo ganz in der Nähe brüllte etwas ziemlich Großes in blindem Schmerz, als es von irgend etwas noch Größerem gerissen wurde. Der Boden erzitterte unter dem Gewicht der kämpfenden Riesen, und Owen blickte sich erschreckt um.
Der Energieschirm würde die meisten Bedrohungen von ihnen fernhalten, aber Owen hatte keine Ahnung, ob er auch gegen derart große Bestien wirksam war, wenn sie sich einfach mit ihrem ganzen Gewicht darauf warfen. Der Schirm konnte sich überladen und einfach zusammenbrechen. Großartig, dachte Owen. Einfach großartig . Noch etwas , um das man sich Sorgen machen muß . Die Bewohner des Dschungels näherten sich ganz eindeutig wieder ihrer Gruppe. Entweder überwanden sie nach und nach ihre Furcht vor dem Schirm und den Pistolen, oder es war ihnen einfach egal.
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