Jakob Ohnesorg versuchte die Tür zuzuwerfen, aber die Hitze trieb ihn zurück. Hazel und Ruby hoben den Barschrank auf und benutzten ihn als Schild, als sie gegen die Flammen vorrückten, doch keine der beiden konnte den Schrank lange genug loslassen, um den Türgriff zu erreichen. Owen stürzte vor und warf sich mit der Schulter gegen die Tür. Sie fiel krachend zu. Hazel und Ruby verkeilten den Barschrank, damit die Tür nicht wieder auffliegen konnte. Dann fielen alle drei zu Boden, als das Schiff sich erneut aufbäumte.
Owen musterte besorgt seine Hände. Sie waren gerötet und schmerzten, aber sie schienen nicht wirklich verbrannt zu sein. Glück gehabt. Sein Kopf ruckte hoch, als aus dem Brüllen der Maschinen ein unregelmäßiges Stottern wurde, bevor sie ganz erstarben. Die Sonnenschreiter fiel wie ein Stein vom Himmel. Owens Magen machte einen Satz, und er suchte nach etwas, woran er sich festhalten konnte. Die plötzliche Stille war gespenstisch. Der Sturz schien bis in alle Ewigkeit zu dauern. Dann erwachten die Maschinen wieder zum Leben und verlangsamten den Fall mit der Sanftheit eines Trittes in den Unterleib. Die Sonnenschreiter wurde langsamer und langsamer, und dann fielen die Antriebe erneut aus. Owen wußte, daß jetzt der letzte Rest von Energie verbraucht war.
Aber bevor der freie Fall wieder einsetzen konnte, krachte die Sonnenschreiter in das Blätterdach des Dschungels von Shandrakor , brach durch die Wipfel der Bäume und prallte schließlich am Boden auf. Die Kollision riß Owen in die Luft und warf ihn schwer gegen die Kabinenwand. Das war das letzte, was er von der Landung mitbekam.
Sein Kopf schmerzte. Ganz in der Nähe hörte er das Prasseln von Flammen, und irgendwie wurde ihm bewußt, daß das von Bedeutung war. Owen öffnete mühsam die Augen und verschwendete seinen Atem mit ein paar ausgiebigen Flüchen, dann zwang er sich auf die Beine. Der Kabinenboden lag ruhig unter ihm, vielleicht ein wenig schief, aber dafür hatte er jetzt wacklige Knie. Er stampfte mit den Füßen auf und schüttelte den Kopf, um wieder klar zu werden. Owen blickte sich um und hustete krampfhaft, als der dichte Qualm seine Lungen reizte. Die Tür zum Nachbarabteil war erneut aufgesprungen, und die Überreste des Barschranks lagen auf der gegenüberliegenden Wand am Boden. »Oz! Rede mit mir! Statusbericht!«
Oz antwortete nicht. Es herrschte Totenstille, wenn man vom Prasseln der hungrigen Flammen einmal absah. Owen hörte, wie jemand dicht neben ihm hustete. Er stolperte durch den Rauch vorwärts, bis er auf Hazel stieß. Sie war damit beschäftigt, die halb bewußtlose Ruby Reise aufzurichten. Owen packte Ruby an ihrer Ledermontur und half Hazel, sie zum Ausgang zu schleppen. Mit einem Tritt öffnete er die Tür. In dem dahinter liegenden Korridor brannte eine spärlich flackernde Notbeleuchtung, und die Luft schien ein wenig sauberer.
»Immer geradeaus, und Ihr kommt zur Hauptschleuse«, sagte Owen und unterdrückte mühsam seinen Hustenreiz. »Ihr bringt Eure Freundin nach draußen, und ich hole die anderen. Beeilt Euch!«
Hazel schnarrte eine Antwort, aber Owen hatte sich bereits wieder umgedreht. Er zog seinen Umhang vor Mund und Nase und stürzte sich zurück in den Qualm, der inzwischen bereits so dick geworden war, daß er kaum noch seine Hand vor Augen sehen konnte. Owen fand Jakob Ohnesorg, indem er beinahe über ihn gestürzt wäre. Der alternde Rebell kroch über das Deck, weil unten am Boden der Rauch weniger dicht war. Er hatte anscheinend jeglichen Orientierungssinn verloren. Owen half ihm auf die Beine und führte ihn zum Ausgang. Er schickte Jakob hinter Hazel und Ruby her und zögerte, als er wieder vor dem dichten Vorhang aus Qualm stand, der in die Kabine führte. Tobias Mond war noch immer dort drin, doch Owen wußte nicht, ob er es schaffen würde, sich noch einmal durch den Rauch zu kämpfen. Seine Lungen schmerzten, und sein Kopf stand kurz davor zu platzen. Wenn er sich noch einmal in die Kabine wagte, dann bestand die nicht geringe Chance, daß er es nicht mehr zurück nach draußen schaffen würde. Und Mond war schließlich nur ein Hadenmann. Genau wie Owen nur ein Gesetzloser war. Er fluchte leidenschaftlich und stürzte sich erneut in den Qualm.
Den Hadenmann zu finden war leichter, als Owen gedacht hatte. Er war noch immer dort, wo Owen ihn zuletzt gesehen hatte: eingekeilt in seiner Ecke sitzend. Owen versuchte ihn hochzuheben, doch das Gewicht des Mannes war wirklich enorm. Er konnte ihn kaum bewegen. Aufrüstungen und Implantate, ganz ohne Zweifel. Der Todtsteltzer versuchte es erneut – und schaffte es wieder nicht. Owen kämpfte mit der reglosen Gestalt und verfluchte sie, wenn er nicht gerade gegen seinen Husten kämpfte. Die Luft wurde allmählich knapp.
Aber er war nicht bis hierher gekommen, um den Hadenmann dann doch zurückzulassen und allein zur Tür zu fliehen. Er war schließlich ein Todtsteltzer, oder? Der Zorn durchflutete ihn, und neue Kraft strömte in seine Muskeln. Owen zog Mond auf die Beine, legte sich seinen Arm um die Schulter und schleppte sich mit seiner Last in die Richtung, in der er den Ausgang vermutete. Der Rauch war inzwischen überall, dick und undurchdringlich. Es war, als würde er über den Grund eines großen grauen Meeres waten. Owen spürte die Hitze der Flammen rechts und links von sich mehr, als daß er sie sah. Und dann war Hazel plötzlich bei ihm, half ihm mit seiner Last, und gemeinsam schafften sie den bewußtlosen Hadenmann durch die Tür und den engen Korridor nach draußen, wo die Luft klarer wurde, und von dort in die Hauptschleuse der Sonnenschreiter . Hinter ihnen krachte die Tür ins Schott. Owen mußte sich an die Wand stützen, als der Zorn aus ihm wich, und das letzte Quentchen Kraft schien aus seinen Beinen zu schwinden. Er ließ Mond unsanft zu Boden fallen und setzte sich für eine Weile neben ihn, während er sich die Seele aus dem Leib hustete. Ein paar Minuten später hatte er sich ausreichend erholt, um den Kopf zu heben und sich umzusehen. Owen war nicht überrascht, als er Hazel direkt neben sich am Boden erblickte. Sie sah beinahe so schlecht aus, wie er sich fühlte. Ruby Reise und Jakob Ohnesorg saßen ein Stück weiter weg. Sie hielten ihre Disruptoren in den Händen, und obwohl beide ein wenig blaß wirkten, hielten sie die Außentür der Schleuse mißtrauisch im Auge.
Tobias Mond lag flach auf dem Rücken, die Augen geschlossen, und sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Owen schniefte.
»Nette Landung, Mond. Seid Ihr sicher, daß Ihr uns nicht noch ein wenig mehr schütteln konntet?«
Er brach ab, als ihm zu Bewußtsein kam, wie rauh der Klang seiner Stimme war. Seine Kehle fühlte sich an, als hätte jemand sie mit Stahlwolle abgerieben. Hazel warf ihm einen spöttischen Blick zu.
»Wir sind unten und leben noch. Alles andere ist purer Luxus. Hast du eine Idee, wieso der Hadenmann noch außer Gefecht ist? Er scheint keinerlei Verletzungen zu haben.«
»Fragt mich nicht«, erwiderte Owen. »Auch Ozymandius gibt keine Antwort. Möglicherweise haben beide das Bewußtsein verloren, als die Computersysteme endgültig zusammenbrachen?«
»Genaugenommen spare ich Energie«, meldete sich die KI durch Owens Komm-Implantat. »Mond hat die Brennstoffzellen der Sonnenschreiter ziemlich geleert, um das Schiff zu landen. Ich muß mich für eine Weile abschalten, Owen. Das Schiff ist ein einziges Chaos, und ich fühle mich auch nicht besser. Die Sonnenschreiter wird nirgendwo mehr hinfliegen, bevor sie nicht in einer Werft überholt und repariert wurde.
Wir sitzen hier fest. Du solltest lieber beten, daß jemand in der Todtsteltzer-Fluchtburg gastfreundliche Gefühle für uns hegt – es sei denn, du hast dich in diesen Planeten verliebt und planst, dich hier niederzulassen.«
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