Die Sonnenschreiter besitzt unglaublich starke Maschinen und so viele Sicherheitssysteme. Uns bleibt immer noch das Wasserbett in Owens Eignerkabine. Wir könnten es hinauswerfen und hoffen, daß du weich darauf landest, Hazel d’Ark.«
Ohnesorg blickte hinüber zu Owen. »Interessanter Sinn für Humor, den Eure KI da entwickelt.«
»Ja«, erwiderte Owen gedehnt. »Und wenn ich je herausfinde, wer ihn einprogrammiert hat, werde ich seine Eier in einen Schraubstock klemmen.«
Das Schiff zuckte konvulsivisch, und die Insassen wurden von einer Seite der Lounge auf die andere geschleudert. Der Barschrank kippte einfach um, und überall flogen Glassplitter umher. Eine hohes Kreischen von irgendwo aus dem Heckbereich ertönte, und dann richtete die Sonnenschreiter sich wieder auf. Die Ventilatoren hatten den meisten Rauch aus der Lounge abgesaugt, doch das Feuer nebenan klang näher als je zuvor. Die Wand, an der Owen lehnte, wurde allmählich ungemütlich heiß.
»Also gut«, sagte er schließlich laut. »Was zur Hölle war das gerade?«
»Wir haben die Heckeinheit verloren«, antwortete Ozymandius. »Ich werfe jetzt alles über Bord, das für uns nicht absolut lebensnotwendig ist. Natürlich macht es nicht viel Unterschied, aber mir fällt sonst einfach nichts mehr ein, Owen.«
»Warte einen Augenblick«, befahl Owen. »Was meinst du damit, du wirfst alles über Bord? Willst du etwa sagen, du wirfst all die entsetzlich teuren Sachen aus dem Schiff? Hast du eigentlich eine Ahnung, wieviel mich diese Jacht gekostet hat?«
»Ja. Und sie wußten auch, daß du jeden Preis zahlen würdest. Sie haben dich ganz schön übers Ohr gehauen, Owen.
Wenn wir das hier überleben, kannst du ja immer noch hingehen und dein Geld zurückverlangen. Oder du meldest den Schaden einfach deiner Versicherung.«
»Die verdammte Jacht ist nicht versichert!«
Jakob Ohnesorg wechselte einen Blick mit dem Hadenmann. »Habt Ihr nicht auch gewußt, daß er genau das jetzt sagen würde?«
»Owen«, wandte sich Hazel an den Todtsteltzer. »Halt endlich die Klappe und laß die KI ihre Arbeit tun. Ozymandius kann am besten von uns allen beurteilen, was notwendig ist.«
»Also gut«, gab Owen schmollend nach. »Angenommen, wir überleben durch irgendein Wunder die Landung – was erwartet uns dort unten? Können Menschen überhaupt auf dem Planeten überleben?«
»Atmosphärenzusammensetzung, Luftdruck und Gravitation liegen innerhalb akzeptabler Toleranzen«, antwortete die KI brüsk. »Nichts, mit dem ihr nicht klarkommen würdet. Aber es ist verdammt heiß.«
»Das macht nichts«, sagte Jakob Ohnesorg. »Außerdem haben wir in dieser Angelegenheit ja wohl keine Wahl. Beschreibung der Landmassen, bitte.«
»Hast du das gehört?« sagte Ozymandius. »Er hat ›Bitte‹
gesagt! Ich bin ja so froh, daß wenigstens einer an Bord mit einem Mindestmaß an guten Manieren ausgestattet ist! Landmassen gibt es jedenfalls nur eine einzige: Sie erstreckt sich von Pol zu Pol, und es existiert eine Handvoll von Inlandseen.
Unüblich, wie ich erwähnen möchte. Das gesamte Land ist von Dschungel überzogen, verschiedene Vegetationsdichten.
Überall Anzeichen von Leben, in allen Größen, aber keine Hinweise auf intelligente Bewohner. Kein Raumhafen, keine Städte, keine Ansammlungen künstlicher Bauwerke. Genaugenommen überhaupt keine Strukturen, die ich erkennen könnte. In meinen Datenspeichern befindet sich ein Hinweis auf die Koordinaten eines einzelnen Gebäudes, dank deinem Vater, Owen. Die exakten Koordinaten der Fluchtburg des ursprünglichen Todtsteltzers. Allerdings kann ich nichts dergleichen an der angegebenen Position entdecken. Ich kann nur vermuten, daß sie irgendwie abgeschirmt oder getarnt ist.«
»Die Fluchtburg«, sagte Owen leise. »Das ist der Ort, zu dem er sich zurückzog, als er sich auf das letzte Gefecht gegen die Schattenmänner vorbereitete. Eine alte Legende in meiner Familie, die seit Generationen weitergegeben wird.«
»Und was geschah, als die Schattenmänner schließlich eintrafen?«
»Niemand weiß etwas darüber«, erwiderte Owen. »Keiner von ihnen wurde je wieder gesehen, weder der Erste Todtsteltzer noch seine Gegner. Halte auf die Koordinaten zu, Ozymandius. Bring uns so dicht heran, wie nur irgend möglich.«
Das Schiff schüttelte sich erneut, dann stabilisierte es sich wieder. »Das waren die letzten Überreste der Außenhülle, Owen«, meldete Ozymandius. »Jetzt bleibt uns nur noch die Basiskonstruktion. Ich habe uns in einen Gleitflug versetzt und den Abstieg ein wenig stabilisiert, aber unglücklicherweise gibt es ein neues Problem, Owen.«
»Sag schon!« forderte Owen die KI auf.
»Ich kann nicht weiterhin das Schiff zusammenhalten und gleichzeitig für eine sichere Landung sorgen. In dem Augenblick, wo ich die Schiffssysteme vernachlässige, um eine Landung zu berechnen, wird alles so schnell auseinanderfallen, daß dir davon schwindlig wird. Aber wenn ich andererseits keinen exakten Plan für die Landung ausrechne, werden wir uns quer über den Dschungel verteilen. Ich bin offen für Vorschläge, Owen. Vielleicht sollten wir alle beten.«
Owen bemerkte, daß sich alle Blicke auf ihn gerichtet hatten. Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, meine Damen und Herren. Ich bin lediglich der Eigentümer der Sonnenschreiter .
Ich habe keinen Schimmer, wie man sie steuert. Das war schließlich Ozymandius’ Aufgabe. Hazel, Ihr seid doch Pilotin. Warum übernehmt Ihr nicht das Steuer?«
»Weil ich nicht qualifiziert bin, diesen Trümmerhaufen hier zu manövrieren. Und in einer Situation wie dieser ist zu wenig Wissen gefährlicher als gar keines. Wie steht’s mit dir, Ruby?«
Die Kopfgeldjägerin schüttelte den Kopf. »Genau das gleiche. Wir benötigen einen Experten.«
»Dann schätze ich, daß ich an der Reihe bin«, meldete sich Jakob Ohnesorg. »Wie immer. Ich habe zu meiner Zeit alles geflogen, was sich irgendwie bewegen konnte. Warum sollte die Sonnenschreiter anders sein? Also gut, dann wollen wir uns mal drangeben, den Tag zu retten.«
»Das wird nicht nötig sein«, widersprach Tobias Mond mit seiner nichtmenschlichen, summenden Stimme. »Ich bin ein Hadenmann. Ich besitze Erfahrung als Pilot, und ich kann über mein Interface direkt mit den Schiffssystemen kommunizieren. Ihr habt seit Jahren kein Schiff mehr geflogen, Jakob, und Ihr seid nicht mehr der, der Ihr einmal wart – ohne Euch beleidigen zu wollen. Folglich bin ich von uns beiden eher geeignet als Ihr.«
»Ich soll mein Leben einem verdammten Hadenmann anvertrauen, der glaubt, er könnte mit Maschinen reden?« kreischte Hazel. »Großartig! Wunderbar! Warum schieße ich mir eigentlich nicht direkt in den Kopf? Dann ist es wenigstens vorbei!«
»Hört auf, Euch ständig zu beschweren, oder ich helfe Euch noch dabei!« sagte O wen. »Mond, wir sind in Euren Händen.«
Der Hadenmann nickte kurz. Auf seinem Gesicht regte sich kein Muskel. Er schloß die leuchtendgoldenen Augen, und sein Atem verlangsamte sich, bis er kaum noch wahrnehmbar war. Owen beobachtete ihn genau. Es drängte ihn verzweifelt danach, etwas zu unternehmen, aber außer Stillhalten und Hoffen gab es nichts, das er hätte tun können. Plötzlich erklang die Stimme des Hadenmanns in ihren Kommimplantaten.
»Ich habe mich in die Navigationslektronen eingeklinkt. Haltet Euch an irgend etwas fest! Der Ritt könnte ein wenig unruhig werden.«
Das Schiff krängte schwer von einer Seite zur anderen, als die Maschinen plötzlich röhrend wieder zum Leben erwachten. Die Kabinenbeleuchtung flackerte kurz und wurde dunkel; dann barst eine Seitentür. Im benachbarten Abteil tobte ein Inferno, und sengende Stichflammen zuckten durch die Tür. Owen warf sich zur Seite, trotzdem versengte die Hitze der Flammen sein ungeschütztes Gesicht und seine Hände.
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