Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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Es gab wichtigere Dinge, um die er sich kümmern mußte.

Halb führte, halb trug Finlay Adrienne aus dem dichtesten Kampfgetümmel fort, lehnte sie gegen eine Wand und ließ sie langsam zu Boden sinken. Sie hielt ihren Leib mit beiden Händen zusammen, und Blut sprudelte zwischen ihren Fingern hervor. Ihr Gesicht war leichenblaß und ihr Mund zu einer Grimasse wie ein geheimnisvolles Lächeln verzogen. Ihr Atem ging stoßweise und rasselnd, und ihre Augen waren fest zusammengekniffen. Finlay sah sich verzweifelt um. Sein Blick blieb auf dem nahen Fenster hängen. Er packte Adrienne bei den Armen und zog sie auf die Beine. Sie schrie vor Schmerz auf.

»Halt durch, Addie«, murmelte er. »Wir verschwinden von hier.«

Sie hatte nicht genug Luft zu einer Antwort. Finlay führte sie unter ermutigenden Worten zu dem geborstenen Fenster.

Er hatte immer geglaubt, endlich von ihr frei zu sein, wenn sie eines Tages tot wäre, aber jetzt konnte er nicht einfach dabeistehen und ihr beim Sterben zusehen, und wenn es nur daran lag, daß er sich so schuldig fühlte. Zwei Soldaten der Wolfs versperrten Finlay den Weg. Er stach sie nieder, ohne auch nur nachzudenken. Sein Verstand raste jetzt, und sein Körper hatte sich in die gewandte, geschmeidige und blitzschnelle Maschine des Maskierten Gladiators verwandelt. Er half Adrienne auf das Sims, kletterte hinterher und sprang dann mit ihr in die Tiefe. Einen Herzschlag lang fielen sie durch die Luft, bevor sie auf den Gravschlitten prallten, der direkt unterhalb des Fensters schwebte, leer und von seinen Fahrgästen verlassen.

Finlay drehte seinen Körper, um Adrienne vom Aufprall abzuschirmen, so gut es ging, aber er war immer noch heftig genug, um die Luft aus ihren Lungen zu treiben. Er überprüfte ihren Puls und grunzte erschreckt, als er bemerkte, wie schwach er nur noch war; dann stürzte er vor und aktivierte die Steuerung des Schlittens. Finlay mußte sie so schnell wie möglich zu einem Arzt bringen, aber er hatte keine Ahnung, wo er jetzt noch in Sicherheit war. Inzwischen befanden sich zweifellos alle Feldglöck-Territorien unter der Kontrolle der Wolfs, und das ließ ihm eigentlich nur den Untergrund. Er setzte den Schlitten in Bewegung und raste mit Höchstgeschwindigkeit davon. Finlay hatte gesehen, wie sein Vater starb, und ihm kam langsam zu Bewußtsein, daß er jetzt der Feldglöck war. Er scherte sich einen verdammten Dreck darum. Gerold und William waren ebenfalls tot. Er würde später um sie trauern. Finlay blickte zu seiner Frau zurück, doch Adrienne schien in ihrer eigenen Welt aus Schock und Schmerz verloren. Er war auf sich allein gestellt, der letzte der Feldglöcks, und alle hatten sich gegen ihn gewandt. Kein anderer Clan würde ihn jetzt noch unterstützen oder ihm helfen.

Die Familien verschwendeten keine Zeit mit Verlierern. Also besser, wenn Finlay jetzt gleich starb – das Leben des Stutzers war vorüber. Nur der Gladiator war noch übrig, und der Untergrund… und Evangeline Shreck. Der letzte Gedanke beruhigte ihn ein wenig, und er lenkte den Schlitten in eine neue Richtung. Evangeline würde ihm und Adrienne helfen. Sie mußte einfach.

Im Feldglöck-Turm kämpfte Valentin Wolf wie ein Berserker.

Die Drogen rasten in seinem Körper, während er Gegner um Gegner niederstreckte. Es schienen nicht mehr so viele zu sein wie zuvor, aber er hieb und stach in blutiger Selbstversunkenheit weiter, während sein geschminkter Mund in einem Totenkopfgrinsen erstarrt war. Doch dann wurde er von kräftigen Armen gepackt, die ihn trotz seiner verzweifelten Gegenwehr festhielten, und ein bekanntes Gesicht ragte über ihm auf. Valentin atmete schwer, als sein Blick sich klärte. Es war Daniel, sein Bruder, der sich in vorsichtiger Distanz von ihm hielt. Er funkelte Valentin wutentbrannt an.

»Bist du wieder bei uns, Valentin? Weißt du eigentlich, was du getan hast?«

Valentin konzentrierte sich. Neue Chemikalien wurden in seinen Kreislauf gespült und neutralisierten die Kampfdrogen.

Sein Verstand klärte sich schnell, und er warf einen mißtrauischen Blick auf seinen Bruder. Was wußte Daniel? Langsam dämmerte ihm, daß der Kampf vorüber war. Die Männer, die ihn hielten, trugen alle die Embleme des Wolf-Clans. Und sie bedachten ihn nicht gerade mit freundlichen Blicken.

»Alles in Ordnung«, sagte er ruhig. »Ich bin wieder da. Wie sieht’s aus, Daniel? Vermute ich richtig, daß wir gewonnen haben?«

»Schon vor einiger Zeit«, erwiderte sein Bruder. »Die Feldglöcks sind alle tot oder geflohen, und der Rest ihrer Leute hat sich ergeben. Aber du warst so in Rage, daß du überhaupt nichts mitbekommen hast. Die letzten verdammten Minuten hast du damit verbracht, unsere eigenen Leute niederzustrecken!«

»Ah«, sagte Valentin. »Tut mir leid. Ich muß wohl ein wenig außer mir gewesen sein. Wie groß sind unsere Verluste?«

»Einschließlich der Männer, die du eben geschlachtet hast?«

»Ich sagte bereits, daß es mir leid tut. Wo ist unser Vater?«

Daniels Gesicht verdüsterte sich plötzlich, als die Wut verging und durch etwas ersetzt wurde, das Valentin wie ehrliche Trauer erschien. Daniel gab den Männern, die Valentin hielten, einen herrischen Wink, und sie ließen ihn zögernd frei.

Trotzdem blieben sie kampfbereit in seiner Nähe. Valentin steckte demonstrativ sein Schwert in die Scheide. Daniel deutete gestikulierend auf die überall verstreut herumliegenden Leichen und suchte vorsichtig einen Weg zwischen ihnen hindurch.

»Vater ist tot. Wir fanden ihn direkt neben der Leiche des alten Feldglöck. Sie müssen sich gegenseitig umgebracht haben. Alle Feldglöcks sind tot, außer Finlay. Möglicherweise hat auch seine Frau Adrienne überlebt. Die beiden konnten mit einem Gravschlitten entkommen. Unsere Leute sind hinter ihnen her. Einerlei, der Feldglöck-Clan ist für immer zerbrochen.«

Daniel hielt inne und kniete neben dem Leichnam von Jakob Wolf. »Er hätte nie mit uns kommen dürfen. Er war zu alt für diese Sache, aber er wollte nicht hören. Er hat nie auf uns gehört. Was sollen wir nur Konstanze sagen?«

»Laß mich das machen«, erwiderte Valentin. »Ich bin jetzt der Wolf, so bedauerlich das auch sein mag.« Er wartete, ob Daniel einen Einwand äußern würde, doch alle Kraft schien seinen Bruder verlassen zu haben. Valentin wandte sich ab, und sein Blick fiel auf Investigator Razor. Der Investigator hielt noch immer das Schwert in der Hand, aber er war von Männern mit Disruptoren umzingelt. Er sah nicht geschlagen aus, nur durch schiere Zahl unterlegen. Valentin suchte einen Weg zwischen den Toten hindurch und ging zu ihm hinüber, dann verbeugte er sich höflich.

»Ich gratuliere zu Eurem Überleben, Investigator. Es wäre eine wirkliche Schande, ein Talent wie das Eure zu verschwenden.«

»David und ich erreichten schließlich ein Patt gegen ihn«, sagte Kit Sommer-Eiland. »Aber wir mußten alles geben, was wir hatten.«

»Man wird Euch belohnen«, erwiderte Valentin. »Der Wolf-Clan erinnert sich seiner Freunde.« Er blickte wieder zu Razor. »Seid unser Freund, Investigator. Euer Kampf hier ist vorüber. Der Feldglöck-Clan ist zerbrochen und in alle Winde zerstreut. Es steht Euch frei, Euch uns anzuschließen oder zu gehen, ganz wie Ihr wünscht.«

Razor nickte knapp, steckte sein Schwert ein und setzte sich in Richtung Tür in Bewegung. Valentin bedeutete den Wachen, ihn in Ruhe zu lassen. Alles wich zur Seite und gab dem Investigator mehr als genügend freien Raum. Er verließ den Saal und schloß die Tür hinter sich, und die Zurückgebliebenen entspannten sich merklich. Niemand hatte wirklich den Wunsch verspürt, sich erneut mit dem Investigator anzulegen, selbst Kid Death und der Todtsteltzer nicht, die beide insgeheim den Verdacht hegten, daß der Investigator sich nur ergeben hatte, weil der Kampf vorüber und entschieden war. Valentin blickte nachdenklich zu den überlebenden Söldnern der Feldglöcks und winkte zur Tür. Die Männer setzten sich rasch in Bewegung und verließen den Ort ihrer Niederlage, bevor Valentin es sich anders überlegen konnte. Valentin grinste. Er hätte sie töten lassen können, aber es schien ihm wichtig, den neuen Wolf als ehrenhaften Mann einzuführen. Außerdem mußte er sie vielleicht eines Tages in seine eigenen Dienste nehmen, oder andere wie sie, und es konnte nie schaden, ein wenig guten Willen unter der Gemeinschaft der Söldner zu demonstrieren.

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