Doch glaube nicht, dass ich aus Selbstsucht handle. Mir geht es nur um Albenmark. Auch die Königin kennt Mitgefühl und leidet, wenn sie Dinge sagen und tun muss, die den Wünschen ihres Herzens widersprechen.« Emerelle legte ihm die Hand auf die Schulter. »Und mein Herz sagt mir, dass es für Noroelle Hoffnung geben muss. Deswegen gebe ich dir ein Versprechen.« Ihre Augen glänzten. »Wenn Farodin und du sterben solltet, dann werde ich Yulivee meinen Thron anvertrauen und an eurer statt Albenmark den Rücken kehren.«
Nuramon hätte alles erwartet, aber nicht dies. »Das würdest du tun?«, fragte er.
Die Königin nickte. »Ja, denn so sehr ich all die Jahrhunderte dem Schicksal ergeben war, so unerträglich wäre es, in einem blühenden Zeitalter zu leben und dich und Farodin als Wiedergeborene zu sehen. Auch Obilees Trauer könnte ich nicht länger ertragen. Es wäre eine Schuld, mit der ich nicht leben könnte. Du siehst, für Noroelle bleibt Hoffnung, wenn wir nur den morgigen Tag gewinnen.«
Nuramon fasste die Hand der Königin und küsste sie. »Ich danke dir, Emerelle. Das nimmt mir die Angst vor der Schlacht.« Er schaute auf die beiden Schwerter. »Ich möchte dir Gaomees Schwert geben, denn du hast Recht: Hier schließt sich der Kreis.«
»Nein. Nicht für das Schwert. Du musst die Waffe behalten. Sie hat ihren Zweck für Albenmark erfüllt, doch für dich ist sie ein Zeichen deines Weges. Und dieser ist noch nicht an seinem Ende angelangt.« Sie küsste ihn zum Abschied auf die Stirn und erhob sich. »Überlebe die Schlacht und finde Noroelle! Danach kannst du die Waffe erleichtert aus den Händen geben.« Mit diesen Worten verließ die Königin das Zimmer.
Bis hinauf zum Turm klang das Lärmen des Heerlagers. Laut hallten die Hämmer von Waffenschmieden. Pferde wieherten unruhig. An einigen der Feuer wurde gesungen. Jeder bekämpfte die Angst auf seine Weise. Der morgige Tag würde über das Weiterbestehen Albenmarks entscheiden.
Farodin lehnte an der Brüstung des Balkons und dachte an den Tag, der all dies herbeigeführt hatte. Wäre Guillaume still, vielleicht durch ein Kissen erstickt, in seinem kleinen Haus nahe dem Turmtempel in Aniscans gestorben, wäre dann all dies nicht geschehen? Hätte er es tun können? War es seine Schwäche gewesen, die dazu geführt hatte, dass der Feind vor dem Herzland Albenmarks stand? Oder hatte alles bereits mit Gelvuuns Tod begonnen?
Er atmete tief ein. Der kühlen Nachtluft haftete ein Makel an. Ein Hauch eines allzu vertrauten Geruchs. Der Gestank von Schwefel. Bildete er sich das nur ein? Wurde er langsam verrückt? Oder hatte er in seinem wichtigsten Kampf nicht gesiegt? Lauerte der Devanthar etwa wie damals, nachdem sie ihn in der Eishöhle tot wähnten, im Verborgenen und zog weiterhin seine Fäden?
Er bemühte sich, die verzweifelten Gedanken zu verdrängen und einfach nur das Bild des Heerlagers in sich aufzunehmen. So weit das Auge reichte, waren Zelte aufgeschlagen, und Feuer glommen bis hinauf zu den fernen Hügeln. Nie hatten alle Völker Albenmarks zusammengestanden. Auch das war aus Guillaumes Tod erwachsen. Alte Fehden waren vergessen … Farodin dachte an Orgrim. Nachdem die Seele des Trollkönigs Boldor hundert Jahre nach der Seeschlacht immer noch nicht wiedergeboren war, hatte Skanga Herzog Orgrim zum Herrscher seines Volkes ausgerufen. Die Trolle, die so viel Unglück über das Elfenvolk gebracht hatten, würden morgen bei Welruun nahe an der Shalyn Falah stehen, um Seite an Seite mit den Elfen zu kämpfen. Ausgerechnet an jenem Ort, an dem sie vor Jahrhunderten eine erbitterte Schlacht untereinander ausgetragen hatten! An dem Ort, an dem Aileen gestorben war! Alles hatte sich in dieser Welt verkehrt. Und alles schien möglich. Wenn er den morgigen Tag überlebte, dann würden sie zu Noroelle gelangen. Farodins Hand strich über den kleinen Lederbeutel, in dem er Aileens Ring und Noroelles Smaragd bewahrte. Er spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. Das Ende der Suche war so nahe! Doch wie mochten die Jahrhunderte der Einsamkeit Noroelle verändert haben? Was war von der Elfe geblieben, die er einst so geliebt hatte? Und was war von dem Farodin geblieben, den sie einst gekannt hatte?
Ein Geräusch ließ den Elfen herumfahren. Die Tür zu den Gemächern der Königin öffnete sich, und Emerelle trat zu ihm auf den Balkon. Sie war ganz in Weiß gekleidet. Nie zuvor hatte Farodin sie in diesem Gewand gesehen. Es war schlicht und ohne Schmuck. Ein hoher Kragen umschloss ihren Hals. Das Kleid war tailliert, mit weit ausgestellten Ärmeln und reichte ihr bis zu den Knöcheln.
»Ich bin froh, dich noch einmal hier treffen zu können«, empfing sie ihn mit warmer Stimme. »So oft haben wir hier oben über den Tod gesprochen.« Die Königin trat neben ihn an das steinerne Geländer und blickte hinab auf die Ebene.
»Für dich ist viel Zeit vergangen, seit wir zum letzten Mal hier oben standen. Damals habe ich nicht daran gezweifelt, dass alles, was du befahlst, zum Besten von Albenmark sei«, sagte Farodin nachdenklich.
Im Heerlager erklang das ausgelassene Gelächter von Kentauren. »Und was denkst du heute?«, fragte Emerelle.
»Ich bin froh, dass ich Guillaume nicht getötet habe. Er war ein guter Mann. Hätte er länger gelebt … Vielleicht wäre all dies nicht geschehen.« Er trat ein Stück zurück vom Geländer und betrachtete die Königin. Sie sah so jugendlich aus. So schön und unschuldig. »Was habe ich an mir, dass du mich unter allen Albenkindern als deinen Henker auserwählt hast?«
»Wenn ein einziger Dolchstoß hunderte andere Tode verhindern kann, ist es dann verwerflich, ihn zu führen?«
»Nein«, erwiderte Farodin entschieden.
»Und weil du so denkst, habe ich dich meinen Dolch sein lassen. Es gab Zeiten, da hätte ein einzelner Dolchstoß den Auszug der Zwerge verhindert oder den Fortgang der Elfen von Valemas. Ich hatte Angst, dass unsere Völker in alle Winde zerstreut würden oder schlimmer noch, dass wir lange, blutige Fehden miteinander ausfechten würden. Albenmark drohte zu vergehen. Unsere Morde haben es bewahrt. Und wenn wir morgen bestehen, dann wird Albenmark so stark wie nie zuvor sein, und ein neues Zeitalter wird beginnen. Was bedeutet es, einen Körper zu opfern, wenn man weiß, dass die Seele wiedergeboren wird? Es ist nur Fleisch, das vergeht. Und der Seele wird ein neuer Anfang gewährt, der sie diesmal vielleicht nicht auf dunkle Pfade führt.«
»Hast du niemals gezweifelt, ob du das Richtige tust?«
Emerelle drehte sich um und lehnte sich gegen die Brüstung. »Was ist das Maß für Richtig und Falsch, Farodin? Ich habe dir und Nuramon befohlen, Guillaume zu töten. Stattdessen habt ihr beide versucht, ihn zu retten. Und dennoch wurde Guillaume ermordet. Das Schicksal hatte den Tag seines Todes längst festgesetzt. Und obwohl nicht ihr die Bluttat begangen hattet, wurde sie dem Volk der Elfen zugeschrieben. Es war Noroelles richtige Entscheidung als Mutter, mir das Kind nicht zu überlassen. Es war eure richtige Entscheidung, Noroelles Sohn nicht zu töten. Und doch stehen wir hier und kämpfen um Albenmark. Ich habe mich immer bemüht, im Sinne aller Albenkinder zu handeln. Vielleicht hilft es dir, wenn du weißt, dass ich nie leichten Herzens über einen Tod entschieden habe.«
Farodin empfand die Antwort als unbefriedigend. Früher war es ihm leichter gefallen, ihre Worte anzunehmen, ohne sie zu hinterfragen.
Lange standen sie schweigend beieinander und lauschten dem Lärmen des Heerlagers.
»Riechst du den Schwefel?«, fragte er.
Sie nickte. »Man braucht sehr feine Sinne, um den Geruch selbst hier noch wahrzunehmen. Er kommt von jenseits der Shalyn Falah.«
Farodin seufzte. Sie hatten vor dem letzten Kriegsrat von ihrem Kampf mit dem Devanthar berichtet. Emerelle hatte dazu geschwiegen. War es, weil sie nicht vor allen Heerführern die Wahrheit offenbaren wollte? »Er hat uns also wieder getäuscht«, sagte Farodin verzweifelt. »So wie damals in der Eishöhle, als wir dachten, er wäre besiegt. Ist er es, der die Heere der Ordensritter befehligt und den Riss zwischen den Welten erschaffen hat?«
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