Gewiss fürchteten die Elfen keine Blutfehde mit seinem Dorf. Dennoch war er es seinen toten Freunden schuldig, dass er die Stimme am Hof der Königin erhob und Gerechtigkeit forderte. Ahnte die Herrin von Albenmark das vielleicht? Wusste sie, welche Schuld sie auf sich geladen hatte? Ließ sie ihn deshalb mit solcher Eile an den Hof holen?
Am späten Nachmittag erblickten sie zum ersten Mal die Burg der Elfenkönigin. Sie lag noch ein ganzes Stück entfernt auf einem steilen Hügel, jenseits eines weiten Landes mit Wäldern und Wiesen. Ihr Anblick verschlug Mandred die Sprache. Die Burg schien geradewegs aus dem Fels zu wachsen und sich mit den Dächern ihrer höchsten Türme in den Himmel bohren zu wollen. Die Mauern waren von strahlendem Weiß, während sich die Dächer in einem Blaugrün absetzten, das an die Farbe alter Bronze erinnerte. Kein Fürst der Nordlande hatte einen Sitz, der sich auch nur mit dem kleinsten der Türme dieser Burg messen konnte. Selbst die goldene Halle von König Horsa wirkte unbedeutend, verglichen mit dieser Pracht. Wie mächtig musste die Frau sein, die über dieses Land herrschte! Und wie reich musste sie sein … So reich, dass es sie wohl nur ein Fingerschnippen kosten würde, alle Langhäuser seines Dorfes mit goldenen Schindeln decken zu lassen. Er sollte das bedenken, wenn er die Höhe des Wergeides für seine toten Jagdgefährten festsetzte.
Mandred war insgeheim überrascht, wie langsam sie sich der Burg näherten. Obwohl die Pferde schnell wie der Wind über das Land dahinflogen, wurde die Burg am Horizont kaum größer. Sie kamen an einem Baum vorbei, der so alt wie die Berge zu sein schien. Sein Stamm war mächtig wie ein Turm, und in seinen weit ausladenden Ästen waren seltsame Dinge zu sehen. Es schien, als hätte das lebende Holz runde Hütten aus ineinander geflochtenen Ästen geschaffen. Seilbrücken spannten sich durch die Baumkrone und verbanden die Hütten miteinander. Halb verborgen zwischen den Zweigen erkannte Mandred Gestalten. Waren es Elfen, so wie Ollowain? Oder noch ein anderes, seltsames Volk?
Plötzlich erhob sich wie auf ein unhörbares Kommando ein Schwarm Vögel aus dem Baum. Ihr Gefieder schimmerte in allen Farben des Regenbogens. Sie flogen dicht über Mandred hinweg, beschrieben einen weiten Bogen am Himmel und kreisten dann über den zwei Reitern. Es mussten tausende sein. Die Luft war erfüllt vom Rauschen ihres Flügelschlags. So wunderbar war das Spiel der Farben auf ihren Federn, dass Mandred den Blick nicht abwenden mochte, bis sich der Schwarm nach und nach auflöste.
Ollowain war den ganzen Ritt über still geblieben. Er schien in Gedanken versunken zu sein und unbeeindruckt von den Wundern des Herzlandes. Mandred hingegen konnte sich kaum satt sehen.
Einmal kamen sie an einem flachen See vorbei, auf dessen Grund funkelnde Edelsteine lagen. Was waren das nur für Wesen, dass sie solche Schätze einfach ins Wasser warfen! Allerdings hatte er selbst auch schon den Göttern Opfergaben gebracht. Die Axt des ersten Mannes, den er besiegt hatte, hatte er in einer stillen Vollmondnacht an der Heiligen Quelle tief in den Bergen Norgrimm, dem Gott der Schlachten, zum Geschenk gemacht. Freya und die anderen Frauen ehrten Luth, indem sie kunstvoll gewobene Stoffbänder in die Äste der Dorflinde flochten. So reich wie das Elfenvolk schien, war es nur angemessen, wenn sie ihre Götter mit Edelsteinen beschenkten. Dennoch … Der Reichtum der Elfen erzürnte Mandred. Er wusste zwar nicht, wie er hierher gekommen war, doch so weit konnte dieses Königreich nicht vom Fjordland entfernt sein. Und hier gab es alles im Überfluss, während seinesgleichen im Winter Not litt. Nur ein kleiner Teil dieser Schätze könnte den Hunger für immer vertreiben. Was immer er als Wergeid für seine toten Gefährten forderte, für die Elfen war es gewiss bedeutungslos.
Er wollte etwas anderes als Gold und Edelsteine. Er wollte Rache. Diese Bestie, der Manneber, sollte tot zu seinen Füßen liegen!
Mandred beobachtete Ollowain. Ein Krieger seiner Art würde das Ungeheuer sicher mit Leichtigkeit besiegen können. Er seufzte. Alles schien hier leichter zu sein.
Sie waren in einen lichten Buchenwald gekommen. Der Klang von Flöten hing in der Luft. Irgendwo in den Baumwipfeln ertönte eine Stimme von solcher Klarheit, dass einem das Herz aufging. Obwohl Mandred kein einziges Wort verstand, verflog sein Zorn. Was blieb, war die Trauer um die verlorenen Freunde.
»Wer singt dort?«, fragte er Ollowain.
Der weiß gewandete Krieger blickte zu den Baumwipfeln. »Eine Maid aus dem Waldvolk. Sie sind seltsam. Ihr Leben ist eng verbunden mit den Bäumen. Wenn sie nicht gesehen werden wollen, dann vermag niemand sie zu finden – außer vielleicht ihresgleichen. Sie sind berühmt für ihren Gesang und ihren Umgang mit dem Bogen. Wie Schatten bewegen sie sich durch das Geäst. Hüte dich, einen ihrer Wälder zu betreten, wenn du mit ihnen in Fehde stehst, Menschensohn.«
Beklommen sah Mandred zu den Baumkronen auf. Hin und wieder glaubte er dort oben Schatten zu sehen, und er war froh, als sie den Wald wieder verließen. Lange noch folgte ihnen der warme Flötenklang.
Die Sonne berührte schon die Berge am Horizont, als sie das weite Tal erreichten, über dem die Burg der Königin thronte. Entlang eines kleinen Bachlaufs war ein Zeltlager errichtet. Seidene Banner wiegten sich im Wind, und die Zelte schienen in ihrer verschwenderischen Pracht miteinander zu wetteifern. Auf den Hügeln standen Häuser, eingefasst von Säulengängen. Manche der Häuser waren durch lange Laubengänge miteinander verbunden, die ganz von Rosen und Efeu überwachsen waren. So vielfältig waren die Bauwerke rings auf den Hängen, dass sich das Auge nicht abwenden mochte. Was Mandred aber am meisten beeindruckte, war die Tatsache, dass es keinen Wall gab, der die Elfensiedlung umschloss, und keine Wachtürme auf den umliegenden Hügeln. Sie schienen sich völlig sicher zu sein, dass dieses Tal niemals angegriffen werden würde. Selbst die Burg der Königin, so eindrucksvoll ihre himmelhohen Türme auch waren, war kaum dazu geschaffen, als mächtiges Verteidigungswerk zu dienen. Sie sollte wohl eher das Auge eines friedlichen Betrachters erfreuen und nicht etwa beutegierige Eroberer abschrecken.
Mandred und Ollowain folgten einem breiten Weg, der von Bäumen überschattet war, hinauf zum Tor. Öllampen waren seitlich des Weges entzündet und tauchten ihn in einen goldenen Schein.
Der Tortunnel war kürzer als derjenige bei der Festung am Pass hinter der Shalyn Falah. Elfenkrieger in knöchellangen Kettenhemden lehnten hier auf ihren Schilden. Ihre Blicke folgten Mandred – wachsam, aber unaufdringlich. Im weiten Hof waren kostbar gekleidete Würdenträger versammelt, die ihn ohne Scham musterten. Unter ihren Blicken fühlte sich Mandred schmutzig und unbedeutend. Alle trugen hier kostbar bestickte Gewänder, in denen sich das Licht der Lampen fing. Die Kleider waren voller Perlen und Steine, für die Mandred nicht einmal Namen hatte. Er hingegen war in Lumpen gekleidet: eine zerrissene, blutverschmierte Hose, eine abgetragene Fellweste. Wie ein Bettler musste er ihnen vorkommen. Trotzig reckte er sein Kinn vor. Er würde sich in Stolz kleiden!
Ollowain schwang sich aus dem Sattel. Nun bemerkte Mandred einen feinen Riss im Umhang des Kriegers. Hatte er ihn bei ihrem Duell getroffen? Gewiss würde Ollowain nicht ohne Not ein Kleidungsstück mit einem Riss anlegen.
Auch Mandred stieg ab. Ein bocksbeiniger Kerl eilte herbei, um die Zügel seines Grauen zu nehmen. Mandred betrachtete den seltsamen Pferdeknecht verblüfft. Der Kerl stank wie ein alter Ziegenbock. Schon wieder so ein Tiermensch! Sie durften sogar auf diese prächtige Burg!
Aus der Gruppe der Höflinge löste sich ein hoch gewachsener Elf. Er trug ein langes schwarzes Gewand, gesäumt mit einer Schmuckborte aus silberner Stickerei, die ineinander verwobene Blätter und Blüten zeigte. Silberweißes Haar fiel ihm bis auf die Schultern, und ein Kranz aus hauchzarten, silbernen Blättern ruhte über seinen Schläfen. Das Gesicht war blass, fast farblos, die Lippen nur schmale Striche. In kaltem, hellem Blau brannten seine Augen. Ollowain verbeugte sich knapp vor dem Mann. Der Unterschied zwischen ihnen beiden hätte kaum größer sein können. Sie erschienen Mandred wie Licht und Schatten.
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