»Den Hüter zu befreien.«
»Und was winkt uns als Lohn, wenn wir unsere Aufgabe erfüllen?«
Nicci starrte in die kalten Augen der Frau. »Unsterblichkeit.«
Ein Feixen ging über ihr Gesicht. »Genau.«
»Willst du etwa behaupten, weil das Leben für Richard das höchste Gut darstellt, habt ihr vor, ihm Unsterblichkeit zu gewähren?«
»Aber ja. Denn damit arbeiten wir auf sein edelstes Ideal hin: Leben.«
»Aber vielleicht möchte er gar nicht unsterblich sein?«
Tovi gelang es, mit einer Achsel zu zucken. »Mag sein. Nur haben wir gar nicht die Absicht, ihn zu fragen. Erkennst du nicht, wie brillant Schwester Ulicias Plan ist? Wie wir wissen, ist – wie gesagt –sein höchstes Ideal das Leben; was immer wir auch sonst tun mögen, das seinen Vorstellungen widerspricht, es kann für ihn unmöglich die gleiche Bedeutung haben wie sein allerhöchstes Gut. Somit respektieren wir die Bande zu Lord Rahl auf höchst eindrucksvolle Weise: indem wir einerseits die Bande aufrechterhalten – um den Traumwandler aus unseren Gedanken fern zu halten – und gleichzeitig darauf hinarbeiten, dem Hüter einen Weg in die Welt des Lebens zu eröffnen. Ein wahrhaft teuflischer Kreis: Das eine zieht das andere stets noch zwingender nach sich.«
»Aber es ist der Hüter, der euch Unsterblichkeit verheißt, ihr könnt sie nicht gewähren.«
»Nicht, wenn wir sie durch den Hüter zu erlangen suchen.«
»Wie könntet ihr jemals Unsterblichkeit gewähren? Diese Art von Macht besitzt ihr nicht.«
»Oh, das kommt noch, ganz gewiss.« »Und wie?«
Tovi bekam einen Hustenanfall, sodass Nicci sich mit einem schnellen Eingriff an ihrer Verletzung zu schaffen machen musste, um sie wenigstens am Leben zu erhalten. Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie sie wieder bei Bewusstsein und ruhig gestellt hatte. »Ich musste deine Wunde teilweise zusammenflicken, aber bevor ich deine Wunde ganz schließen und deine volle Gesundheit wiederherstellen kann – damit du den gerechten Lohn für dein Leben empfangen kannst –, muss ich die ganze Geschichte hören. Wie könnt ihr allen Ernstes glauben, ihr könntet jemandem Unsterblichkeit gewähren? Diese Art von Macht besitzt ihr nicht.«
»Wir haben die Kästchen der Ordnung in unseren Besitz gebracht und planen, mit ihrer Hilfe alles Leben zu vernichten ... bis auf solches natürlich, von dem wir uns umgeben wissen wollen. Dank der Macht der Ordnung herrschen wir über Leben und Tod, und damit haben wir auch die Macht, Richard Rahl Unsterblichkeit zu gewähren. Verstehst du? Den Banden ist damit Genüge getan.«
Nicci drehte sich der Kopf. »Was du da sagst, Tovi, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Dinge sind weit komplizierter, als du sie darstellst.«
»Nun, damit ist der Plan noch lange nicht erschöpft. Wir haben unter dem Palast der Propheten Katakomben entdeckt.«
Nicci hatte von der Existenz solcher Katakomben nichts gewusst, aber da sie wollte, dass Tovi mit ihrer Geschichte fortfuhr, ließ sie sie einfach weitersprechen.
»Das war der Moment, als alles anfing, als wir auf die Idee kamen. Du musst wissen, wir waren damals schon eine Weile durch die Lande gezogen, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, den Hüter zufrieden zu stellen ...« Sie bohrte ihre Finger so fest in Niccis Arm, dass es schmerzte. »Er sucht uns in unseren Träumen heim, er kommt und quält uns, zwingt uns, ihm zu Willen zu sein und alles dafür zu tun, ihn endlich zu befreien.«
Nicci musste ihre krallengleiche Hand mit Gewalt von ihrem Arm lösen. »Katakomben?«
»Richtig. Die Katakomben. Wir entdeckten alte Katakomben und darin jede Menge Bücher, darunter eines mit dem Titel Feuerkette.«
Eine Gänsehaut kroch Niccis Arme hoch. »Feuerkette, was soll das bedeuten? Ist das so etwas wie ein Zauber?«
»Oh, es ist weit mehr als etwas so Simples wie ein Zauber. Der Begriff stammt aus alter Zeit. Die Zauberer damals hatten eine neue Methode entwickelt, eine Methode, wie sich das Gedächtnis beeinflussen ließe – oder anders ausgedrückt, wie sich tatsächliche Ereignisse mittels subtraktiver Magie verändern ließen, sodass sich alle nicht miteinander in Verbindung stehenden Teilereignisse spontan und voneinander unabhängig neu ordneten. Insbesondere, wie man ein Individuum in den Augen aller anderen verschwinden lassen kann, indem man dafür sorgt, dass den Menschen der Name der betreffenden Person entfällt, selbst wenn sie ihr noch wenige Augenblicke zuvor begegnet sind.
Nun waren die Zauberer, die diese Methode entwickelt hatten, zaghafte Menschen, daher war ihnen nicht ganz wohl dabei, eine solche Magie auf die Welt loszulassen – nicht nur, weil ihnen klar war, dass eine solche Verkettung von Ereignissen irreparable Schäden bei den betreffenden Personen hervorrufen würde, sondern auch, weil ein solcher Vorgang, einmal in Gang gesetzt, für sie nicht mehr beherrschbar wäre. Er würde sich aus eigener Kraft immer wieder aufs Neue in Gang setzen und immer weitere Kreise ziehen.«
»Wie meinst du das? Was geschieht denn dabei?«
»Nun, zum einen wird die Erinnerung der Menschen an die betreffende Person gelöscht. Gleichzeitig aber setzt dieser Auslöser eine wahre Flut von Ereignissen in Gang, die vollkommen unvorhersehbar und unbeherrschbar sind. Mit der Zeit werden so viele Querverbindungen gelöscht, dass davon im wahrsten Sinne alles befallen wird. Für unsere Zwecke spielt das allerdings keine Rolle, da wir ohnehin alles Leben vernichten wollen. Aus Angst, jemand könnte uns auf die Schliche kommen, vernichteten wir das Buch und zerstörten anschließend auch die Katakomben.«
»Aber wieso musstet ihr jemanden aus der Erinnerung aller löschen?«
»Oh, nicht irgendjemanden, sondern ebenjene Frau, der wir diese Bande überhaupt erst zu verdanken hatten, Kahlan Amnell, Richard Rahls große Liebe. Durch das Auslösen dieser Feuerkette, dieser Verkettung von Ereignissen, wurde sie am Ende zu einer Frau, an die sich niemand erinnert.«
»Aber was habt ihr damit gewonnen?«
»Die Kästchen der Ordnung. Wir haben uns ihrer bedient, um in den Besitz der Kästchen zu gelangen und mit ihrer Hilfe den Hüter befreien zu können. Dank der Kästchen sind wir in der Lage, Richard Rahl ewiges Leben zu gewähren und gleichzeitig den Hüter zu befreien. In unseren Träumen flüsterte uns der Hüter ein, dass Richard im Besitz des Geheimnisses zum Offnen der Kästchen sei, dass er dieses Wissen, das sonst an keinem anderen Ort existiert, einst auswendig gelernt habe. Darken Rahl selbst war es, der dies dem Hüter einst verraten hat. Richard weiß, wie die Geheimnisse der Magie der Ordnung zu entschlüsseln sind, nur kennen wir diesmal den Trick, der Darken Rahl damals zum Verhängnis wurde. In dem Buch, das Richard auswendig lernte, steht, dass wir zum Öffnen der Kästchen eine Konfessorin benötigen – jetzt haben wir eine in unserer Gewalt, an die niemand sich erinnert, weswegen uns niemand ihretwegen behelligen wird.«
»Und was ist mit den, wie du sagst, Querverbindungen? Mit den verschwindenden Prophezeiungen? Wurde das auch durch diese Feuerkette ausgelöst?«
»Das Verschwinden der Prophezeiungen ist Teil dieser Ereigniskette. Damals nannten sie es ›das Korollarium der Feuerkette‹. In der Eingangsphase der Feuerkette ist es unumgänglich, dass auch die Prophezeiungen von diesem Vorgang erfasst werden – etwa so, wie auch das Gedächtnis der Menschen von diesem magischen Feuer ergriffen wird. Die Feuerkette nährt sich von diesen Erinnerungen und hält sich dadurch selbst in Gang, weswegen die Prophezeiungen mit einbezogen werden müssen. Nun finden sich an den entsprechenden Gabelungen innerhalb der Prophezeiungen Leerstellen –Stellen, wo der Prophet Platz gelassen hat, sollte ein künftiger Prophet den Wunsch verspüren, das Werk zu ergänzen. Diese Leerstellen in den Prophezeiungen füllen wir mit einer ergänzenden Prophezeiung, in der die Formel der Feuerkette enthalten ist, sodass sie sämtliche damit in Zusammenhang stehenden Prophezeiungen auf diesem Zweig befällt und schließlich vernichtet, angefangen mit den entweder über die Zielperson selbst oder den zeitlichen Zusammenhang verwandten Prophezeiungen. In diesem Fall trifft beides zu: Kahlan, die Frau, die wir aus diesem Leben gelöscht haben, wurde gleichzeitig auch aus den Prophezeiungen entfernt – dank des Korol-lariums der Feuerkette.«
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