Krug bestellte eine einfache Mahlzeit: Cocktail, Algensuppe, Steak, australischen Rotwein. Er war kein Gourmet. Der Club bot alle Arten von Delikatessen, doch Krug machte nie Gebrauch von der reichen Auswahl. Seine Gäste hingegen zeigten keine Hemmungen; sie bestellten schwedische Austern, französische Krabben, ungeborene Tintenfische, Kalbsfilets, Schlangeneier, Antilopenbrust, Wolfsmilchknospen, Mantaspitzen, gebackene Zikadenherzen, und alles wurde hinuntergespült mit den besten Weinen der Erde. Die Kellner schienen entzückt von ihrem Appetit. Alle Kellner des Clubs waren Alphas; es war ungewöhnlich, Alphas mit Arbeiten zu beschäftigen, die als Dienstleistungen galten. Doch dies war ein ungewöhnlicher Ort, und kein Belegschaftsangehöriger des Nemoclubs schien verbittert darüber, daß er eine normalerweise den Betas oder Gammas vorbehaltene Arbeit verrichten mußte.
Doch die Kellner schienen nicht ganz zufrieden zu sein mit ihrem Platz im Leben. Als die Vorspeisen serviert waren, sagte Senator Fearon zu Krug: »Haben Sie das AGP-Abzeichen auf dem Rockaufschlag Ihres Kellners gesehen?«
»Scherzen Sie?«
»Ein sehr kleines. Man muß scharf hinsehen, um es zu entdecken.«
Krug sah zu Spaulding hinüber. »Wenn wir gehen, sprechen Sie darüber mit dem Kapitän. Ich wünsche keine Politik hier!«
»Erst recht keine revolutionäre Politik«, sagte Franz Giudice und lachte. Der Transmatchef, lang und eckig, war bekannt für seinen Zynismus. Obwohl über neunzig, kleidete er sich wie ein Mann, der halb so alt war, trug Spiegelplatten und anderen Schmuck. »Wir hüten uns besser vor diesem Kellner. Da wir zwei Kongreßmitglieder am Tisch haben, mischt er vielleicht Propaganda in unsere Gerichte, und wir alle verlassen bekehrt das Lokal.«
»Glauben Sie wirklich, die AGP ist eine Bedrohung?« fragte Lou Fearon. »Sie wissen, ich habe viel mit diesem Siegfried Fileclerk zu tun gehabt, während ich den Fall der am Turm getöteten Alphafrau behandelte.« Er nickte Spaulding zu, der ein finsteres Gesicht machte. »Ich habe den Eindruck bekommen, daß Fileclerk und die ganze AGP-Bewegung vollkommen harmlos sind«, sagte der Anwalt.
»Eine Minderheitenbewegung«, bemerkte Senator Fearon. »Sie hat nicht einmal die Unterstützung der Masse der Androiden.«
Leon Spaulding nickte. Der Ektogene sagte: »Thor Watchman ließ einige abfällige Worte über Fileclerk und seine Partei fallen. Watchman scheint der AGP keinerlei Wert beizumessen.«
»Thor ist ein ungewöhnlich intelligenter und fähiger Android«, sagte Krug.
»Ich habe es aber ernst gemeint«, erklärte Giudice. »Sie können sich über die AGP lustig machen, so viel Sie wollen, aber ich finde ihre Ziele wirklich revolutionär, und wenn sie Rückhalt gewinnt, wird sie…«
»Vorsicht«, sagte Krug. Ihr Alpha-Kellner war mit einer frischen Flasche Wein zurückgekehrt. Die Männer am Tisch schwiegen, während der Alpha einschenkte. Er ging wieder hinaus und schloß die Luke hinter sich.
Mordecai Salah al-Din, der Sprecher des Kongresses, sagte: »Ich habe mindestens fünf Millionen Petitionen von der AGP erhalten. Ich habe den Führern der Partei drei Audienzen gewährt. Und ich muß sagen, sie sind aufrichtige Leute, die es wert sind, ernst genommen zu werden. Ich möchte auch sagen, obwohl ich keinen Wert darauf lege, zitiert zu werden, daß ich mit einigen ihrer Ziele sympathisiere.«
»Würden Sie mir das bitte näher erklären?« sagte Spaulding in scharfem Ton.
»Gewiß. Ich glaube, die Zulassung einer Delegation von Alphas in den Kongreß ist wünschenswert; es wird wahrscheinlich auch innerhalb der nächsten Dekade erfolgen. Ich glaube, das Verkaufen von Alphas ist unwürdig und müßte für illegal erklärt werden. Ich denke; das wird in fünfzehn oder zwanzig Jahren geschehen. Ich bin überzeugt, wir werden den Alphas noch vor 2250 volle Bürgerrechte zuerkennen, den Betas am Ende dieses Jahrhunderts und den Gammas nicht lange danach.«
»Ein Revolutionär«, rief Franz Giudice verwundert aus. »Der Sprecher des Kongresses ist ein Revolutionär! Hört! Hört!«
»Eher ein Visionär«, lachte Senator Fearon. »Ein Mann von tiefer Einsicht und starkem Mitgefühl… und wie immer seiner Zeit etwas voraus.«
Spaulding schüttelte den Kopf. »Alphas im Kongreß. Vielleicht ja. Als ein Sicherheitsventil. Um sie unter Kontrolle zu halten. Ein Knochen, den man ihnen hinwirft, um sie zu beruhigen. Aber der Rest? Nein. Nein! Mr. Salah al-Din, wir sollten nicht vergessen, daß Androiden nur Dinge sind, das Ergebnis chemogenetischer Forschung, produziert in einer Fabrik, auf den Markt gebracht von Krug Enterprises, um der Menschheit zu dienen…«
»Nicht so laut!« zischte Krug. »Sie erregen sich.«
Lou Fearon sagte: »Vielleicht hat der Sprecher recht, Leon. Ohne Rücksicht darauf, wie sie entstanden sind, sind sie menschlicher, als Sie willens sind, zuzugeben. Und da wir schrittweise alle willkürlichen Grenzen von Gesetz und Brauchtum lockern, da die Ideale der Absterbe Partei, wie jedermann zugeben muß, sich immer mehr durchsetzen, sollten wir meiner Meinung nach die Androiden besser behandeln. Zumindest die Alphas. Wir haben es nicht nötig, sie zu unterdrücken.«
»Was sagen Sie dazu, Simeon?« wandte sich Franz Giudice an Krug. »Schließlich sind sie doch Ihre Kinder. Als Sie sich entschlossen, die ersten Androiden zu fabrizieren, haben Sie da jemals daran gedacht, daß sie die Bürgerrechte fordern würden, oder glaubten Sie…«
»Leon hat es mit den richtigen Worten ausgedrückt«, sagte Krug. »Wie war es? Dinge. Fabrizierte Dinge. Ich baute eine bessere Art von Roboter. Ich baute keine Menschen.«
»Die Grenzlinie zwischen Mensch und Android ist recht vage«, sagte Senator Fearon. »Da die Androiden uns genetisch gleich sind, ist die Tatsache, daß sie synthetisch sind…«
Krug unterbrach ihn: »In einer meiner Fabriken kann ich Ihnen eine perfekte Kopie der Mona Lisa herstellen, so daß es mehrmonatiger Laboratoriumstests bedarf, um zu beweisen, daß es nicht das Original ist. Das Original kam aus dem Atelier Leonardos. Die Kopie kam aus Krugs Fabrik. Ich würde eine Milliarde zahlen für das Original. Für die Kopie keinen Cent.«
»Doch Sie geben zu, daß Thor Watchman eine ungewöhnlich fähige und begabte Person ist«, sagte Lou Fearon, »und Sie übertragen ihm große Verantwortung. Ich habe gehört, Sie vertrauen ihm mehr als allen anderen Männern in Ihrer Organisation. Dennoch würden Sie nicht erlauben, daß Thor wählt? Sie würden Thor keine Chance geben zu protestieren, wenn Sie sich entschließen, ihn als Kellner hier in diesem Club zu beschäftigen? Sind Sie der Meinung, das Gesetz sollte Ihnen das Recht geben, Thor zu vernichten, wenn Ihnen die Laune danach ist?«
»Ich habe Thor gemacht«, erwiderte Krug in festem Ton. »Er ist die beste Maschine, die ich habe. Ich liebe und bewundere ihn, so wie ich jede gute Maschine liebe und bewundere. Aber ich besitze Thor. Thor ist kein Mensch. Er ist nur eine geschickte Imitation eines Menschen, eine makellose Imitation. Und wenn ich so verschwenderisch und verrückt sein wollte, Thor zu zerstören, nun, dann würde ich ihn zerstören.« Krugs Hand begann zu zittern. Er starrte auf sie, als wolle er ihr befehlen, daß sie sich beruhigte, doch das Zittern verstärkte sich, und der Inhalt eines vollen Weinglases ergoß sich auf den Tisch. Mit steinernem Gesicht sagte Krug: »Ja, ihn zerstören! Als ich die Androiden schuf, hatte ich nie etwas anderes im Sinn, als Werkzeug herzustellen, Diener des Menschen, geschickte Maschinen.«
Sensoren in den Diensträumen des Nemoclubs zeigten das Verschütten des Weines an. Der Kellner trat ein und wischte ihn auf. Draußen vor dem Fenster tanzte ein Schwarm riesiger transparenter Krustentiere.
Als der Alpha hinausgegangen war, sagte Senator Fearon zu Krug: »Ich wußte nicht, daß Sie so über die Androidengleichheit denken. Sie haben es nie ausgesprochen.«
Читать дальше