»Die Herstellung ist einfach«, meinte Sharp. »Wir könnten euch dabei helfen.«
Mister O’Toole zappelte vor Zorn hin und her. »Und die Käfer!« schrie er. »Was ist mit den Käfern? Vom Sud würdet ihr sie entfernen, das weiß ich genau. Diese schreckliche Reinlichkeit! Bei einem guten Oktoberbier müssen Käfer und andere Dinge großer Unreinheit in den Kessel fallen, sonst fehlt der Geschmack.«
»Also gut, Sie bekommen Ihre Käfer«, sagte Oop. »Wir sammeln einen Eimer voll und schütten sie in die Brühe.«
Mister O’Toole war außer sich vor Wut. Sein Gesicht flammte scharlachrot. »Versteht ihr denn nicht?« schrie er sie an. »Käfer schüttet man nicht hinein. Käfer fallen hinein, sorgsam ausgewählt und …«
Seine Worte endeten in einem gurgelnden Schrei, und Carol rief scharf: »Sylvester, laß das!«
O’Toole pendelte strampelnd in Sylvesters Schnauze. Sylvester hielt den Kopf so hoch, daß der Kobold den Boden nicht erreichen konnte.
Oop wälzte sich vor Lachen auf dem Boden und schlug die Hände auf die Schenkel. »Er hält O’Toole für eine Maus!« prustete er. »Seht euch die Miezekatze an! Sie hat sich eine Maus gefangen.«
Sylvester ging sanft mit seiner Beute um. Er tat höchstens O’Tooles Würde weh. Seine beiden Fänge schlossen sich vorsichtig um die Mitte des Kobolds.
Sharp rannte los, um der Katze einen Tritt zu versetzen.
»Nein!« rief Carol. »Wagen Sie das nicht noch einmal!«
Sharp zögerte.
»Schon gut, Harlow«, sagte Maxwell. »Soll er O’Toole behalten. Er verdient etwas für die Heldentat in deinem Büro.«
»Wir machen es«, gellte O’Toole. »Wir brauen ihnen ein Faß Bier. Meinetwegen auch zwei.«
»Drei«, sagte die piepsige Stimme unter der Brücke.
»Also gut, drei«, erklärte der Kobold.
»Sie drücken sich auch später nicht vor dem Versprechen?« fragte Maxwell.
»Wir Kobolde sind ehrlich«, sagte O’Toole.
»Also gut, Harlow«, meinte Maxwell. »Du kannst Sylvester jetzt einen Tritt geben.«
Sharp holte aus. Sylvester ließ O’Toole fallen und ging ein paar Schritte zurück.
Die Trolle rannten unter der Brücke hervor und jagten schreiend vor Erregung den Hang hinauf.
Die Menschen kletterten hinter ihnen her.
Carol rutschte aus und stürzte, und Maxwell blieb stehen, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie riß sich zornig von ihm los. »Rühren Sie mich nicht an!« fauchte sie. »Reden Sie mich nicht einmal an. Sie haben Harlow gesagt, er könnte Sylvester einen Tritt geben. Sie haben mich angeschrien. Sie haben gesagt, ich sollte den Mund halten.«
Sie drehte sich um und lief voraus. Nach kurzer Zeit war sie aus seinem Blickfeld entschwunden.
Maxwell stand einen Moment lang wie ein begossener Pudel da, dann kletterte er weiter. Er suchte an Felsblöcken und Büschen Halt.
Als er am Gipfel angelangt war, hörte er wildes Freudengeschrei. Zu seiner Rechten krachte ein großes schwarzes Ding mit kreiselnden Rädern aus dem Himmel. Er blieb stehen und sah auf. Zwei weitere Rollenfüßler jagten aufeinander zu und stießen in der Luft zusammen. Keiner verringerte die Geschwindigkeit. Sie zerbarsten beim Aufprall in winzige Stückchen. Maxwell stand da und sah den herumfliegenden Trümmern nach. Im Wald hörte man ein Krachen, als sie aufschlugen.
Das Freudengeheul am Gipfel ging immer noch weiter, und am Rand der Schlucht hörte er wieder etwas aufschlagen.
Niemand war zu sehen, als er weiterkletterte. Die Trolle hatten ganze Arbeit geleistet. Jetzt konnte der Drache landen. Maxwell grinste etwas gequält. Jahrelang hatte er Drachen nachgejagt, und nun hatte er endlich seinen Drachen — allerdings sah er etwas anders aus, als er ihn sich vorgestellt hatte. Was konnte der Drache sein, und weshalb hatte man ihn in dem Ding eingesperrt? Oder war er selbst das Ding gewesen?
Komisch, überlegte er. Jahrelang hatte das Ding alle Tests unbeschädigt überstanden und keinerlei Aufschluß über seine Konsistenz gegeben, und in dem Augenblick, in dem er die Übersetzungsmaschine aufgesetzt hatte …
Wodurch war der Drache befreit worden? Eindeutig hatte die Maschine etwas damit zu tun, aber er konnte nicht sagen, was nun wirklich geschehen war. Die Leute auf dem Kristallplaneten wußten es sicher — sie wußten so viele Dinge, die den Menschen verborgen waren. War der Apparat nicht aus Zufall, sondern mit Absicht in seiner Reisetasche aufgetaucht? War er hineingesteckt worden, um genau den Zweck zu erfüllen, den er erfüllt hatte? War es überhaupt eine Übersetzungsmaschine oder nur etwas, das ihr ähnelte?
Ihm fiel ein, daß er sich früher gefragt hatte, ob das Ding nicht ein Gott des Kleinen Volkes oder der anderen seltsamen Geschöpfe gewesen war, die in der Frühzeit der Erde gelebt hatten. Stimmte sein Gedankengang immer noch? War der Drache ein Gott einer alten Zeit?
Er kletterte jetzt langsamer, denn er hatte es nicht mehr eilig. Zum erstenmal seit seiner Rückkehr vom Kristallplaneten drängte ihn niemand mehr.
Er hatte etwa die Hälfte des Berges zurückgelegt, als er die Musik hörte, ganz schwach und gedämpft zuerst, so daß er nicht sicher war, ob er sich nicht getäuscht hatte.
Er blieb stehen und horchte. Es war Musik.
Der obere Rand der Sonne hatte den Horizont erreicht, und blendendes Licht strich über die Baumwipfel des Hanges, so daß die Herbstfarben aufglühten. Doch der Teil des Berges, auf dem er sich befand, lag noch im Schatten.
Er horchte. Die Musik war wie silbriges Wasser, das über Steine sprudelte. Unirdische Musik. Feenmusik. Und genau das war es. Auf der Feenlichtung spielte ein Orchester.
Ein Feenorchester und Feen, die auf dem Rasen tanzten! Er hatte so etwas noch nie gesehen, und jetzt sollte er die Möglichkeit bekommen! Er wandte sich nach links und bahnte sich so leise wie möglich einen Weg zur Lichtung.
Bitte , flüsterte er vor sich hin, bitte, geht nicht weg. Habt keine Angst vor mir. Bitte, bleibt. Ich will euch sehen.
Er schob sich Zoll um Zoll hinter dem Felsblock vor, und dann sah er sie.
Das Orchester saß in einer Reihe auf einem Baumstamm am Rand der Lichtung und spielte. Die Morgensonne spielte auf Regenbogenflügeln und glänzenden Instrumenten.
Aber er sah keine Tänzerinnen. Statt dessen waren zwei da, von deren Anwesenheit er nichts geahnt hatte.
Gespenst und William Shakespeare standen einander gegenüber und tanzten zur Musik des Feen-Orchesters.
Der Drache saß auf dem Schloßwall, und seine vielfarbigen Schuppen glänzten in der Sonne. Weit unten im Tal floß der Wisconsin, blau wie ein vergessener Sommerhimmel, zwischen den Ufern der flammenden Wälder. Vom Schloßhof drang der Lärm der zechenden Kobolde und Trolle heraus. Sie hatten einen Moment lang ihre Feindschaft vergessen und knallten große Krüge mit Oktoberbier auf die Tische, die man ins Freie geschleppt hatte. Dazu sangen sie die alten Lieder, die komponiert worden waren, noch bevor es solche Wesen wie die Menschen gegeben hatte.
Maxwell saß auf einem Felsblock und sah über das Tal hinweg. Etwas weiter vorn fiel ein schroffer Hang mehr als dreißig Meter ab. Am Rand dieser Klippe wuchs eine verkrüppelte Zeder, gebeugt von den Winden, die seit ungezählten Jahren durch das Tal heulten. Ihre Rinde war wie Silberpuder und ihr Laub ein helles Grün. Selbst von seinem Sitzplatz aus konnte Maxwell den scharfen Geruch der Blätter spüren.
Es war alles gut verlaufen, sagte er sich. Es gab keinen Preis mehr für das Wissen des Kristallplaneten. Nur der Drache war da, und vielleicht hatten die Bewohner jenes Planeten in Wirklichkeit nicht das Ding, sondern den Drachen gewollt. Aber selbst wenn sich das als falsch erwies, so hatten doch die Rollenfüßler ihr Spiel verloren, und das war letzten Endes vielleicht wichtiger als der Erwerb des Wissensschatzes.
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