Der Drache kam näher, und Schüsseln polterten zu Boden. Als Maxwell das Krachen hörte, stöhnte er. Sharp würde ihn skalpieren. Er war zwar sein Freund, aber soweit ging eine Freundschaft auch nicht. Das ganze Museum war vernichtet, und das Ding hatte sich in einen rasenden Fleischberg verwandelt.
Er machte ein paar zögernde Schritte auf die krachenden Geräusche zu. Sylvester drückte sich dicht an seine Beine. Im Halbdunkel konnte Maxwell die schwachen Umrisse des Drachen erkennen.
»Braver Drache«, sagte Maxwell. »Schön langsam, Freund.«
Es klang ziemlich dämlich und irgendwie unpassend. Aber wie in aller Welt redete man einen Drachen an?
Sylvester knurrte unterdrückt.
»Du hältst dich da heraus«, sagte Maxwell scharf. »Es reicht auch, wenn du dich nicht einmischst.«
Er fragte sich, was wohl der Wächter gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte er die Polizei angerufen und alles zu einem Sturmangriff vorbereitet.
Hinter sich hörte er das Quietschen der großen Tore. Wenn der Drache nur warten würde, bis sie ganz offen waren, dann konnte man ihn nach draußen lenken. Und was würde geschehen, wenn er draußen war? Maxwell schauderte, als er daran dachte — an die große Bestie, die durch die Straßen und Promenaden schlenderte. Vielleicht war es letzten Endes doch besser, ihn hier gefangenzuhalten. Er stand einen Moment lang unentschlossen da. Das Museum war jetzt mehr oder weniger ein Scherbenhaufen, und vielleicht war es besser, das Geschöpf hierzubehalten, als es auf das Universitätsgelände loszulassen.
Die Tore quietschten immer noch. Sie öffneten sich langsam. Der Drache war bislang dahingeschlendert, doch nun preschte er im Galopp auf die sich öffnenden Tore los.
Maxwell wirbelte herum. »Tore schließen!« schrie er. Dann sprang er schnell zur Seite, denn der galoppierende Drache kam direkt auf ihn zu.
Die Tore waren halb offen, und sie blieben halb offen. Oop und Carol rannten in entgegengesetzter Richtung davon. Sie waren nur darauf bedacht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Fleischberg zu bringen, der sich ins Freie wälzte.
Sylvesters lautes Brüllen hallte im ganzen Museum wieder, als er sich an die Verfolgung des Ungetüms machte.
Carol schrie ihn an: »Laß das, Sylvester! Nein, Sylvester, nein!«
Der Schwanz des Drachen peitschte während des Laufens nervös von einer Seite auf die andere. Schränke und Tische stürzten um, Statuen kreiselten — ein Pfad der Vernichtung markierte die Flucht des Drachen.
Stöhnend folgte Maxwell Sylvester und dem Drachen, obwohl er selbst nicht wußte, weshalb er es tat. Eines war ihm allerdings klar — den Drachen wollte er nicht einholen.
Der Drache erreichte den Ausgang und hatte mit einem einzigen Satz das Freie gewonnen. Während er hochsprang, entfalteten sich seine Flügel und schlugen machtvoll auf und ab.
Maxwell fing sich am Tor ab. Auf den Stufen unterhalb des Ausgangs war auch Sylvester rutschend zum Stehen gekommen und fauchte jetzt zornig dem fliegenden Drachen nach.
Es war ein Anblick, bei dem Maxwell der Atem stockte. Das Mondlicht fing sich in den glänzenden Flügelschuppen und ließ sie in allen Regenbogenfarben schillern.
Oop und Carol rannten ins Freie und starrten zum Himmel hinauf.
»Schön!« sagte Carol.
»Ja, nicht wahr?« erwiderte Maxwell.
Und zum erstenmal nahm er bewußt auf, was eigentlich geschehen war. Das Ding existierte nicht mehr, und das Geschäft des Rollenfüßlers war zunichte gemacht. Auch er selbst hatte nichts mehr, um es gegen das Wissen des Kristallplaneten einzutauschen. Die Kette der Ereignisse, die mit dem Kopieren seines Wellenschemas begonnen hatte, war geschlossen. Bis auf den glitzernden Regenbogen am Himmel sah es so aus, als sei nichts geschehen.
Der Drache war jetzt höher geflogen und kreiste am Himmel.
»Alles im Eimer«, sagte Oop. »Was machen wir jetzt?«
»Es war meine Schuld«, erklärte Carol.
»Niemand hatte Schuld«, sagte Oop. »Solche Dinge kommen eben immer wieder vor.«
»Auf alle Fälle haben wir Harlows Geschäft zunichte gemacht«, stellte Maxwell fest.
»Das kann man wohl sagen«, meldete sich eine Stimme hinter ihnen. »Könnte mir bitte jemand erklären, was hier vorgeht?«
Sie drehten sich um.
Harlow Sharp stand im Torbogen. Jemand hatte die Museumsbeleuchtung eingeschaltet, und er hob sich scharf gegen den hellen Hintergrund ab.
»Das Museum ist vernichtet«, sagte er, »und das Ding ist verschwunden. Ich hätte mir denken können, daß ihr beide damit zu tun habt. Miß Hampton, ich bin erstaunt. Ich dachte, Sie würden einen besseren Umgang pflegen. Allerdings — wenn ich an diese verrückte Katze denke …«
»Lassen Sie Sylvester aus dem Spiel«, sagte sie. »Er hat überhaupt nichts damit zu tun.«
»Nun, Pete?« fragte Sharp.
Maxwell schüttelte den Kopf. »Es ist so schwer zu erklären.«
»Das kann ich mir denken«, sagte Sharp. »Hattest du das schon vor, als du heute abend zu mir kamst?«
»Nein«, erwiderte Maxwell. »Es war eine Art Unfall.«
»Ein teurer Unfall«, sagte Sharp. »Vielleicht interessiert es dich, daß du die Arbeit des Zeit-College um mehr als ein Jahrhundert zurückgeworfen hast. Außer, du hast das Ding irgendwo versteckt. In diesem Fall, mein Freund, gebe ich dir genau fünf Sekunden Zeit, um mir den Ort zu verraten.«
Maxwell schluckte. »Ich habe es nicht entfernt, Harlow. Ich habe es nicht einmal angerührt. Es verwandelte sich in einen Drachen.«
»In einen was?«
»Einen Drachen. Ich sage dir, Harlow …«
»Ich erinnere mich jetzt«, sagte Harlow. »Du hast immer große Worte um Drachen gemacht. Du warst sogar im Coonskin-System, um dir einen zu besorgen. Und jetzt scheinst du einen gefunden zu haben. Hoffentlich ist es ein ordentlicher.«
»Er ist wunderschön«, sagte Carol. »Er schimmert ganz golden.«
»Großartig«, sagte Sharp. »Ist das nicht eine Wucht? Wir können vielleicht ein Vermögen machen, wenn wir mit dem Drachen einen Wanderzirkus auf die Beine bringen. Ich kann schon die Plakate sehen: DER EINZIGE LEBENDE DRACHE!«
»Aber er ist gar nicht da«, sagte Carol. »Er ist davongeflogen.«
»Oop, du hast noch kein Wort gesagt«, erklärte Sharp. »Was ist los? Du bist doch sonst so gesprächig. Was ist hier los?«
»Ich bin gekränkt«, sagte Oop.
Sharp wandte sich von ihm ab und sah Maxwell an.
»Pete, dir ist vielleicht klar, was du angestellt hast. Der Wächter rief mich an und wollte die Polizei verständigen. Aber ich sagte ihm, er solle warten, bis ich selbst vorbeigesehen hätte. Ich hatte keine Ahnung, daß es so schlimm stand. Das Ding ist fort, und ich kann es nicht abliefern. Ich muß das ganze Geld zurückgeben. Außerdem sind die meisten Museumsstücke zerstört und …«
»Das war der Drache, bevor wir ihn hinausließen«, erklärte Maxwell.
»Ihr habt ihn also hinausgelassen? Er ging gar nicht von selbst? Ihr habt ihm einfach das Tor aufgemacht?«
»Nun ja, er zerschmetterte doch das ganze Zeug. Ich glaube, wir kamen gar nicht richtig zum Denken.«
»Ganz ehrlich, Pete — war es wirklich ein Drache?«
»Ja. Er befand sich im Innern des Dings. Frag mich nicht, wie er da hineinkam. Durch einen Bann schätzungsweise.«
»Einen Bann?«
»So etwas gibt es tatsächlich, Harlow. Ich weiß nicht, wie es funktioniert. Ich habe Jahre damit zugebracht, es herauszufinden, aber ich habe bis jetzt nichts entdeckt.«
»Mir scheint, daß jemand fehlt«, sagte Sharp. »Wenn irgendwo der Teufel los ist, darf er doch nicht weit sein. Oop, könntest du mir sagen, wo dein Busenfreund Gespenst ist?«
Oop schüttelte den Kopf. »Der ist flüchtig. Man kann ihm so schlecht auf der Spur bleiben. Immer entschlüpft er einem.«
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