»Das können wir abstellen«, erklärte Maxwell. »Wir verständigen die Transportzentrale. Wir können …«
Sharp schüttelte den Kopf. »Nein, das geht nicht. Der Transport ist intergalaktisch. Wir dürfen uns nicht einmischen.«
»Mister Marmaduke, oder wer Sie sonst sein mögen«, sagte Inspektor Drayton in amtlichem Tonfall. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich Sie verhafte.«
»Hört doch mit dem Geschwätz auf«, sagte Gespenst. »Das Kleine Volk braucht Hilfe.«
Maxwell packte sich einen Stuhl und hob ihn hoch. »Es wird Zeit, daß wir mit dem Unsinn ein Ende machen«, erklärte er. Er schwang den Stuhl drohend gegen den Rollenfüßler. »Es wird Zeit, daß Sie reden, Freund. Wenn nicht, muß ich Sie fertigmachen.«
Ein ganzer Ring von Düsen umgab plötzlich die Brust des Rollenfüßlers, und sie hörten ein zischendes Geräusch. Ein Gestank wehte ihnen entgegen, ein Gestank, der ihnen den Magen umdrehte und in der Kehle würgte.
Maxwell spürte, daß er keine Gewalt mehr über seinen Körper hatte und zu Boden stürzte. Er rollte herum, und seine Hände krampften sich um seinen Hals, weil er keine Luft mehr bekam. Nichts als der faulige Gestank des Rollenfüßlers war da.
Über sich hörte er einen angstvollen Schrei, und als er sich umdrehte und aufsah, erkannte er, daß Sylvester die Klauen in den durchscheinenden Körper des Rollenfüßlers geschlagen hatte. Die abscheuliche Würmermasse schlängelte sich ekelerregend. Die Räder des Rollenfüßlers drehten sich wie wild, aber etwas stimmte nicht mehr mit ihnen. Jedes kreiselte in einer anderen Richtung, so daß der Rollenfüßler sich wie verrückt um die eigene Achse drehte. Sylvester klammerte sich wütend fest, und seine Krallen bearbeiteten den Körper des Fremden. Es sah aus, als tanzten die beiden einen schnellen Walzer.
Eine unsichtbare Hand packte Maxwell am Arm und zerrte ihn unsanft über den Boden. Er schlug gegen die Schwelle, und dann war der faulige Gestank schwächer, und er konnte wieder atmen.
Maxwell rollte herum, stützte sich auf Hände und Knie und richtete sich mühsam auf. Er rieb sich mit den Fäusten die Tränen aus den Augen. Immer noch war der Gestank des Rollenfüßlers überwältigend, aber er würgte wenigstens nicht mehr so stark.
Sharp lehnte an der Wand. Er keuchte und rieb sich ebenfalls die Augen. Oop stand im Eingang und zerrte Nancy aus dem stinkenden Raum. Dem Geschrei nach zu urteilen, war der Säbelzahn immer noch am Werk.
Maxwell schwankte vorwärts, hob Carol auf und schlang sie sich wie einen Sack über die Schulter. Mit unsicheren Schritten trat er den Rückzug in den Korridor an.
Zehn Meter weiter blieb er stehen und sah sich um. Im gleichen Moment raste der Rollenfüßler aus der Tür. Er hatte Sylvester abgeschüttelt, und seine Räder drehten sich wieder gemeinsam. Dennoch schwankte er haltlos, knallte gegen eine Wand und dann wieder gegen die andere. Aus einem großen Riß in seinem Bauch fielen weißliche Geschöpfe, die sich auf dem Boden verstreuten.
Drei Meter vor Maxwell brach der Rollenfüßler endgültig zusammen, als eines der Räder einknickte. Langsam, beinahe würdevoll, kippte der Rollenfüßler nach vorn, und aus seinem zerfetzten Bauch quollen die Insekten.
Sylvester kam geduckt durch den Korridor geschlichen, die Schnauze neugierig vorgestreckt, als wollte er sein Werk besichtigen. Hinter Sylvester kam Oop mit den anderen.
»Sie können mich jetzt absetzen«, sagte Carol.
Maxwell ließ sie langsam zu Boden gleiten und stellte sie auf beide Beine. Sie lehnte sich gegen die Wand.
»Sie hätten mich auch anders tragen können«, meinte sie. »Sie haben keinen Funken von einem Kavalier in sich. Wie kann man eine Frau so herumschleppen?«
»Es war ein Irrtum«, sagte Maxwell. »Ich wollte Sie ursprünglich auf dem Boden im Korridor liegenlassen.«
Sylvester war stehengeblieben und schnüffelte mit vorgestrecktem Hals an dem Rollenfüßler. Man sah ihm die Verwunderung und den Ekel an. Der Rollenfüßler gab kein Lebenszeichen von sich Befriedigt zog sich Sylvester zurück, setzte sich auf die Hinterpfoten und begann sich das Gesicht zu lecken. Neben dem umgekippten Rollenfüßler schlängelten sich die Insekten. Ein paar verteilten sich im Korridor.
Sharp machte einen weiten Bogen um den Rollenfüßler.
Es roch immer noch entsetzlich.
»Kommt«, sagte er. »Verschwinden wir von hier.«
»Aber was soll das alles?« wimmerte Nancy. »Weshalb hat Mister Marmaduke …?«
»Nichts als stinkende Käfer«, sagte Oop. »Können Sie sich das vorstellen? Eine galaktische Rasse von Stinkkäfern. Und wir ließen uns Angst von ihnen einjagen!«
Inspektor Drayton trat gewichtig in den Vordergrund. »Ich fürchte, Sie werden mich alle begleiten müssen«, sagte er. »Ich brauche Ihre Protokolle.«
»Protokolle!« wiederholte Sharp bissig. »Sie sind wohl nicht ganz bei Trost! Protokolle, wenn ein Drache frei herumfliegt und …«
»Aber es ist ein Angehöriger einer fremden Rasse getötet worden«, protestierte Drayton. »Und es war kein gewöhnliches Geschöpf. Das Mitglied einer Rasse, die unser Feind sein könnte. Das kann Folgen haben.«
»Schreiben Sie einfach: von einem wilden Tier getötet«, schlug Oop vor.
»Oop, wie können Sie!« fauchte Carol. »Sie wissen ganz genau, daß Sylvester kein wildes Tier ist. Er ist sanft wie ein Kätzchen.«
Maxwell sah sich um. »Wo ist Gespenst?« fragte er.
»Er ist getürmt«, sagte Oop. »Das macht er immer, wenn es Ärger gibt. Er ist ein Hasenfuß.«
»Aber er sagte …«
»Richtig«, fiel ihm Oop ins Wort. »Wir verschwenden unsere Zeit. Mister O’Toole braucht unsere Hilfe.«
Mister O’Toole erwartete sie an der Straßenabzweigung. »Ich war überzeugt von eurem Kommen«, begrüßte er sie. »Gespenst sagte, er würde euch holen. Und notwendig brauchen wir jemand, der den Trollen gut zuredet. Sie verbergen sich zähneklappernd unter ihrer Brücke und wollen nicht auf vernünftige Vorschläge hören.«
»Was haben denn die Trolle damit zu tun?« fragte Maxwell. »Können Sie nicht ein einzigesmal die Trolle aus dem Spiel lassen?«
»So widerlich die Trolle sind«, erklärte Mister O’Toole, »sie könnten unsere Errettung darstellen. Sie sind die einzigen, die in Ermangelung jeglicher Kultur oder Sitten an den alten Bannsprüchen festgehalten haben. Sie spezialisieren sich auf die schmutzigsten Dinge und kennen die bösartigsten Bannsprüche. Die Feen halten natürlich auch an den alten Fähigkeiten fest, doch ihre Bannsprüche sind sanfter Natur, und mit Sanftheit ist uns in unserer Not nicht gedient.«
»Können Sie uns genau sagen, was eigentlich vorgeht?« fragte Sharp. »Gespenst blieb nur kurze Zeit, und er erklärte nicht viel.«
»Mit Freuden«, sagte der Kobold, »aber beginnen wir schon mit dem Marsch. Unterwegs kann ich Sie mit allen Einzelheiten vertraut machen. Wir haben nur wenig Zeit, und die Trolle sind widerspenstige Seelen, die nur mit großer Überredungskunst gewonnen werden können. Sie kauern in den Moossteinen ihrer verrückten Brücke und jammern wie Geschöpfe, die ihren Verstand verloren haben. Allerdings, und das ist die bittere Wahrheit, haben sie wenig Verstand zu verlieren.«
Sie kletterten hintereinander den Felshang hinauf, der zwischen den Bergen hochführte. Im Osten zeigte sich das erste Licht der Dämmerung, doch der von Bäumen und Büschen flankierte Pfad lag noch im Dunkel da. Hier und da erwachten Vögel aus dem Schlaf und zwitscherten, und irgendwo weiter oben am Berg hörten sie einen Waschbären.
»Der Drache kam heim zu uns«, erzählte ihnen O’Toole, »zu dem einzigen Fleck, den es auf der Erde für ihn gab, um seine eigene Rasse wiederzusehen. Und die Rollenfüßler, die in alten Zeiten ganz anders hießen, griffen ihn an — wie Besenstiele, die in Formation fliegen. Sie dürfen ihn nicht zu Boden zwingen, denn dann ist er in ihrer Gewalt, und sie können ihn schnell fortschaffen. Und fürwahr, er hat wie ein Held gekämpft, als er sie abwehrte, doch seine Müdigkeit nimmt zu, und wir müssen uns sehr beeilen, wenn wir ihm noch Hilfe bringen wollen.«
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