»Das ist noch nicht alles«, fuhr Sharp fort. »Ich wollte euch mitteilen, daß Shakespeare verschwunden ist. Ihr wißt nicht zufällig, wo er sich aufhält?«
»Er saß eine Zeitlang bei uns«, erzählte Oop. »Wir wollten eben mit dem Essen anfangen, als er einen Schreck bekam und floh. Zufällig hatte sich nämlich Gespenst erinnert, daß er Shakespeares Geist war. Du weißt ja, daß ihn die Frage seiner Abstammung seit Jahren geplagt hat.«
Langsam setzte sich Sharp auf die oberste Treppenstufe und sah ebenso langsam von einem zum anderen.
»Nichts«, sagte er. »Ihr habt aber auch gar nichts vergessen, um mich zu ruinieren. Ihr seid gründlich zu Werk gegangen.«
»Wir wollten dich nicht ruinieren«, sagte Oop. »Wir hatten nicht das geringste gegen dich. Irgendwie liefen die Dinge von Anfang an falsch und ließen sich nicht mehr aufhalten.«
»Von Rechts wegen müßte ich euch verklagen und euch jeden Cent abnehmen lassen«, erklärte Sharp. »Ich könnte es erreichen, daß ihr alle drei Zeit eures Lebens umsonst für mein College arbeiten müßt. Aber damit könntet ihr nur einen winzigen Bruchteil des Schadens wiedergutmachen, den ihr heute abend angerichtet habt. Deshalb hat es gar keinen Sinn. Allerdings nehme ich an, daß sich die Polizei um den Aufruhr, den ihr gemacht habt, kümmern wird. Man kann sie wohl nicht fernhalten. Ihr drei werdet eine Menge Fragen beantworten müssen.«
»Wenn mir nur jemand zuhören würde«, sagte Maxwell. »Ich könnte alles erklären. Das versuche ich doch schon seit meiner Rückkehr — jemanden zu finden, der mir zuhört. Ich wollte heute nachmittag mit dir sprechen …«
»Dann fange nur gleich an«, unterbrach ihn Sharp. »Ich gestehe, daß meine Neugier wächst. Gehen wir in mein Büro, dort haben wir es bequemer. Oder ist euch das unangenehm? Habt ihr vielleicht noch ein paar unerledigte Dinge?«
»Nein, wir haben getan, was wir konnten«, sagte Oop.
Inspektor Drayton erhob sich schwerfällig von dem Sessel in Sharps äußerem Büro.
»Ich bin froh, daß Sie endlich kommen, Dr. Sharp«, sagte er. »Etwas hat sich ereignet …«
Der Inspektor unterbrach sich, als er Maxwell erblickte. »Ah, Sie sind es«, sagte er. »Freut mich, daß ich Sie hier treffe. Ich bin Ihnen lange genug nachgejagt.«
Maxwell schnitt eine Grimasse. »Ich weiß nicht, ob ich mich ebenfalls freuen soll, Inspektor.«
Inspektor Drayton hatte ihm wirklich noch gefehlt.
»Und wer sind Sie?« fragte Sharp trocken. »Was suchen Sie in meinem Büro?«
»Ich bin Inspektor Drayton vom Sicherheitsdienst. Ich hatte kürzlich mit Professor Maxwell eine kurze Unterredung, als er auf die Erde zurückkehrte, aber ich fürchte, daß die Fragen noch nicht restlos geklärt sind …«
»In diesem Falle müssen Sie noch eine Weile warten«, sagte Sharp. »Alles hübsch der Reihe nach. Ich habe auch ein paar Fragen an Mister Maxwell, und ich fürchte, sie sind wichtiger als die Ihren.«
»Sie verstehen nicht«, erklärte Drayton. »Ich war nicht hierhergekommen, um Ihren Freund festzunehmen. Sein Auftauchen ist ein unerwartetes Glück für mich. Es handelt sich um eine andere Sache, bei der Sie mir vielleicht behilflich sein können — eine Sache, die ziemlich unerwartet auftauchte. Sehen Sie, ich hatte gehört, daß Professor Maxwell bei Miß Claytons Party gewesen war, und so ging ich zu ihr …«
»Reden Sie vernünftig, Mann«, sagte Sharp. »Was hat Nancy Clayton mit dem ganzen Wirrwarr zu tun?«
»Ich weiß nicht, Harlow«, sagte Nancy Clayton und tauchte an der Verbindungstür zum inneren Büro auf. »Ich hatte nicht die Absicht, mich in irgend etwas verwickeln zu lassen. Ich versuche nur, meine Freunde zu unterhalten, und das ist doch nicht strafbar …«
»Nancy, bitte«, sagte Sharp. »Erzähle mir zuerst, was los ist. Weshalb bist du hier, und weshalb ist der Inspektor hier und …?«
»Es geht um Lambert«, sagte Nancy.
»Der Maler, von dem du ein Gemälde hast?«
»Ich habe drei von ihm«, sagte Nancy stolz.
»Aber Lambert ist seit mehr als fünfhundert Jahren tot.«
»Das dachte ich auch«, sagte Nancy, »aber er tauchte heute abend auf. Er sagte, daß er sich verirrt hätte.«
Ein Mann trat aus dem inneren Büro und drängte Nancy zur Seite — ein großer, knorriger Mann mit rötlichem Haar und tief eingegrabenen Linien.
»Es scheint, meine Herren, daß Sie von mir sprechen«, sagte er. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mein Problem selbst erläutere?«
Seine Stimme klang sonderbar näselnd. Er strahlte sie gutmütig an, und eigentlich fanden ihn alle recht sympathisch.
»Sie sind Albert Lambert?« fragte Maxwell.
»In der Tat«, erwiderte Lambert, »und ich hoffe, daß ich nicht störe, aber ich habe ein Problem.«
»Da sind Sie nicht der einzige«, meinte Sharp.
»Sie haben recht«, sagte Lambert. »Aber wenn man ein Problem hat, muß man sich dahin wenden, wo es am ehesten gelöst wird.«
»Mister«, sagte Sharp, »ich bin in der gleichen Lage wie Sie.«
»Aber verstehst du denn nicht?« mischte sich Maxwell ein. »Lambert hat recht. Er ist zu dem einzigen Ort gekommen, an dem sein Problem gelöst werden kann.«
»Wenn ich Sie wäre, junger Mann«, sagte Drayton, »wäre ich nicht so sicher. Sie waren ja letzthin recht ausweichend, aber heute entkommen Sie mir nicht mehr. Es gibt eine Menge Dinge, die …«
»Inspektor, könnten Sie sich bitte heraushalten«, unterbrach ihn Sharp. »Es steht schon schlimm genug, und wir wollen die Sache nicht komplizieren. Das Ding ist verschwunden, und das Museum ist ein Trümmerhaufen, und Shakespeare hat sich aus dem Staub gemacht.«
»Aber ich will doch nur wieder heim«, erklärte Lambert geduldig. »Zurück ins Jahr 2023.«
»Also, einen Augenblick«, befahl Sharp. »Sie verwechseln einiges. Ich …«
»Harlow«, sagte Maxwell, »ich habe dir das alles erklärt. Erst heute abend. Und ich fragte dich wegen Simonson — weißt du noch?«
»Simonson? Jetzt erinnere ich mich.« Sharp sah Lambert an. »Sie sind der Mann, der das Ding gemalt hat?«
»Das Ding?«
»Einen großen schwarzen Steinblock auf einem Berggipfel.«
Lambert schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe ihn nicht gemalt. Aber ich werde es wahrscheinlich noch tun. Ganz bestimmt sogar, denn Miß Clayton hat mir das Bild gezeigt, und es ist eindeutig etwas, das von mir stammt. Ich muß sogar zugeben, daß es gar nicht schlecht ist.«
»Dann haben Sie das Ding tatsächlich im Jurazeitalter gesehen?«
»Im Jurazeitalter?«
»Vor zweihundert Millionen Jahren.«
Lambert sah überrascht aus. »So groß war die Spanne also? Ich wußte, daß ich mich ziemlich weit in der Vergangenheit befand. Ich sah sogar Dinosaurier.«
»Aber Sie müssen es gewußt haben. Sie machten doch eine Zeitreise.«
»Das Schlimme ist, daß die Apparatur irgendeinen Fehler hat. Ich komme nie in die Zeit, in die ich möchte.«
Sharp preßte beide Hände an die Schläfen. Dann sagte er: »Jetzt gehen wir einmal Schritt für Schritt vor. Eines nach dem anderen, bis alles aufgeklärt ist.«
»Ich habe es doch schon gesagt«, meinte Lambert. »Ich will nur eines: wieder heim.«
»Wo ist Ihre Zeitmaschine?« fragte Sharp. »Wo haben Sie sie zurückgelassen? Wir können sie uns ansehen.«
»Ich habe sie nirgends zurückgelassen. Sie begleitet mich immer. Sie ist in meinem Kopf.«
»In Ihrem Kopf!« schrie Sharp. »Aber das ist doch unmöglich! Eine Zeitmaschine in Ihrem Kopf!«
Maxwell grinste Sharp an. »Als wir uns heute abend über das Thema unterhielten, sagtest du, daß Simonson kaum etwas über seine Maschine verriet. Jetzt scheint es …«
»Gut, ich habe es gesagt«, meinte Sharp. »Aber wer kann denn ahnen, daß eine Zeitmaschine im Gehirn des Zeitreisenden untergebracht ist? Es muß ein neues Prinzip sein. Etwas, das wir vollkommen übersahen.« Er wandte sich an Lambert. »Wissen Sie, wie der Apparat funktioniert?«
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