Ich wußte nur, daß ich meine Pflicht so tun würde, wie es die Notwendigkeit erheischt. Neuerliche Beratungen würde ich nicht einberufen, um unsere Aktionen zu perfektionieren, sondern um die Last loszuwerden, die auf mir ruht: die Verantwortung wenigstens teilweise den anderen aufladen. Ich bin zu der Ansicht gelangt, daß ich dazu nicht das Recht habe. Daher habe ich die Entscheidung allein getroffen. Niemand kann mehr beeinflussen, was geschehen wird, aber jeder hat weiterhin das Recht auf Meinung und Stimme. Vor allem Sie, Hochwürden.“
„Sie wollen diesen Ring zertrümmern?“
„Ja. Die Apparatur wird in der Heckhalle bereits montiert.“
„Die Zertrümmerung wird den Ring von dem Planeten wegschleudern?“
„Nein. Trillionen Tonnen werden auf den Planeten stürzen. Die Trümmer werden zu groß sein, um zu schmelzen, und treffen die am stärksten gesicherten Orte.
Außerdem werden die oberen Schichten der Atmosphäre weggefegt. Dadurch geht der Druck auf Normalnull um etwa hundert Bar zurück. Das wird eine Warnung sein.“
„Es ist Mord.“
„Gewiß.“
„Zur Erzwingung des Kontakts um einen solchen Preis?“
„Nein. Der Kontakt ist inzwischen ein zweitrangiges Problem. Es wird ein Versuch sein, sie zu retten.
Sich selbst überlassen, treten sie in das Holenbach-Intervall ein. Sind Sie in die Geheimnisse der Sideristik eingeweiht, Hochwürden?“
„Nur so weit, wie ein Laie es sein kann. Astrogator, Sie gründen einen Völkermord auf eine Hypothese? Eine Hypothese, die nicht einmal von Ihnen, sondern von einer Maschine stammt?“
„Außer Hypothesen haben wir überhaupt nichts. Die Maschine aber hat mir geholfen, in der Tat. Mir ist freilich die Idiosynkrasie bekannt, die der animus in macbina in der Kirche hervorgerufen hat.“
„Ich verspüre sie nicht. Für Ihre Erklärung, Astrogator, will ich mich mit meiner Ansicht revanchieren. Der Mensch nimmt oftmals nicht wahr, was Außenstehende erkennen. GOD sprach von einer Vereinheitlichung der Methoden, mit denen sich die Gegner auf der Quinta bekämpfen. Das gilt auch für Sie.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Sie haben das bisherige Verfahren in dem Gefühl liquidiert, daß der Parlamentarismus durch Absolutismus ersetzt werden muß. Ich zweifle nicht an der Redlichkeit Ihrer Absichten. Sie wollen die gesamte Verantwortung für die weiteren Schritte ganz allein übernehmen. Damit sind Sie durch einen Spiegeleffekt den Quintanern erlegen — nämlich durch die Brutalität der getroffenen Entscheidungen. Aufschläge wollen Sie mit Schlägen antworten. Da die Stäbe sich am stärksten befestigt haben, wollen Sie sie am stärksten treffen.
Damit ordnen Sie — ich gebrauche absichtlich Ihre eigenen Worte — die bisherige Struktur der Beziehungen zwischen den Leuten an Bord des HERMES der Struktur der betriebenen Strategie unter.“
„Das war ein Ausdruck von GOD.“
„Um so schlimmer. Ich behaupte nicht, daß die Maschine Sie in Ihren Entscheidungen dominiert, ich sage nur, daß auch diese Maschine zum Spiegel geworden ist. Er vergrößert Ihre durch Frustration verursachte Aggressivität.“
Steergard zeigte zum erstenmal Überraschung, sagte aber nichts.
Der Mönch fuhr fort: „Militärische Operationen erfordern autoritäre Stäbe. Auf dem Planeten ist nichts anderes passiert. Wir jedoch sollten uns nicht in solche Aktionen einschalten.“
„Ich denke nicht an einen Krieg mit der Quinta. Das ist eine Unterstellung.“
„Es ist leider die Wahrheit. Man kann Krieg führen, ohne daß man ihn erklärt oder ihn so nennt. Wir sind nicht zum Schlagabtausch, sondern zum Austausch von Informationen hergekommen.“
„Darauf würde ich gern eingehen, aber wie?“
„Das hegt auf der Hand.
Glücklicherweise wird an Bord nicht das Prinzip des militärischen Geheimnisses geübt. Ich weiß, daß in den Hallen ein Sonnenlaser gebaut wird, der den Planeten treffen soll.“
„Nicht den Planeten direkt. Den Eisring.“
„Und die Atmosphäre, die der lebensspendende Teil des Planeten ist! Ein solarischer Laser- die Physiker nennen ihn Solaser — kann statt für völkermordende Schläge zur Übermittlung von Informationen benutzt werden.“
„Wir haben Hunderte von Stunden damit zugebracht, ihnen Informationen zu übermitteln. Ergebnislos.“
„Es ist eine wahrhaft wunderliche Situation, daß ausgerechnet ich eine Möglichkeit sehe, die die Fachleute mitsamt einer supergescheiten Maschine nicht erkannt haben: Für den Empfang der von unserem Satelliten, dem Botschafter, ausgesandten Signale waren Spezialanlagen notwendig, Antennen, Decoder und so weiter. Ich kenne mich in der Funktechnik nicht aus, kann mir aber denken, daß im Kriegsfalle, wenn ein solcher auf der Quinta eingetreten ist, sämtliche empfangsfähigen Funkanlagen unter militärische Aufsicht gestellt worden sind. Die Empfänger sind also die Generalstäbe, nicht die normalen Bewohner der Quinta. Wenn die Bevölkerung überhaupt von unserer Ankunft in Kenntnis gesetzt worden ist, dann in dem Sinne, wie Sie ihn dargestellt haben: verlogen und hinterhältig, damit wir in den Augen der Quintaner als imperialistische Invasionsflotte erscheinen, mit einem Wort, als grausame Feinde. Sie jedoch, Kommandant, werden diese Lüge mit Hilfe des Solasers zur Wahrheit machen.“
Steergard hörte voller Verwunderung zu, mehr noch, seine bisherige kategorische Selbstsicherheit schien zu bröckeln. „Das habe ich nicht bedacht.“
„Weil es zu simpel ist. Spieltheorie, Minimax, Quantisierung des Entscheidungsspielraums — zusammen mit GOD haben Sie sich auf ein so hohes Niveau geschwungen, Mensch und Maschine haben sich gegenseitig die Schwingen für einen so kühnen Flug angeheftet, daß von dort aus nicht mehr die kleinen Taschenspiegel zu sehen sind, mit denen Kinder die Sonnenstrahlen tanzen lassen.
Der Solaser kann ein solcher Spiegel für die ganze Quinta sein, er liefert ja ein Glitzern, das heller ist als der Sonnenschein. Jeder, der nur den Kopf hebt, wird es bemerken.“
„Pater Arago“, sagte Steergard und beugte sich weit über den Tisch, „selig sind die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich! Ich gebe mich geschlagen, Sie haben mir Prügel verabreicht, wie sie nicht einmal GOD von unserem Piloten bezogen hat. Wie sind Sie darauf gekommen?“ Der Dominikaner lächelte. „Als kleiner Junge habe ich mit Spiegeln gespielt. GOD indessen ist nie ein Kind gewesen.“
„Als Übermittlung einer Information ist das prima“, warf Nakamura ein. „Aber werden die Leute dort, selbst wenn sie es verstehen, auch antworten können?“
„Vor der Empfängnis war die Verkündigung“, sprach Arago. „Vielleicht vermögen sie nicht so zu antworten, daß wir es verstehen. Mögen wenigstens sie uns eindeutig verstehen.“
Tempe, der den Mönch mit unverhohlener Bewunderung angesehen hatte, konnte nicht länger an sich halten. „Das war das Heureka! Und die werden doch dort auch Spiegel haben, Spiegel werden auch in Kriegszeiten nicht eingezogen!“
Der Mönch schien das nicht gehört zu haben, er war mit einem Gedanken beschäftigt. Leise, zögernd, sagte er: „Meine Herren, ich habe eine Bitte, die Sie hoffentlich nicht beleidigt. Ich möchte dem Astrogator einige Worte unter vier Augen sagen, falls er einverstanden ist.“
„Bitte sehr. Wir haben bei Ihnen eine Schuld aufgenommen, Pater. Kollege Nakamura, bitte veranlassen Sie die entsprechenden Umstellungen, damit der Solaser auch ein Scanning der Quinta vornehmen kann. Neben den optischen wird es informatorische Fragen geben. Eine solche Signalisation setzt bei den Empfängern eine elementare Bildung voraus.“
Als der Physiker mit den Piloten gegangen war, stand Arago auf.
„Bitte verzeihen Sie mir, was ich hier zu Anfang gesagt habe, Astrogator, ich war in der Überzeugung hergekommen, Sie allein anzutreffen. Ich schätze die Idee mit den Spiegelchen nicht allzu optimistisch ein. Ich hätte sie auch auf weniger hohem Niveau anbringen können und hatte sogar die Absicht, es zu tun: als Vorschlag eines Nichtfachmanns zur Beurteilung durch die zuständigen Experten.
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