Eine solche Signalisation kann total mißraten oder uns gar vom Regen in die Traufe bringen. Sie ist schon von der Anlage her anthropozentrisch. Zuerst waren Sie empört und beleidigt, dann aber erleichtert.“
„Nehmen wir es an. Worauf wollen Sie hinaus?“
„Nicht auf geistlichen Zuspruch.
Wenn Sie die technische Seite dieses Versuchs erarbeiten wollen, werden Sie und die anderen auch GOD einschalten müssen.“
„Selbstverständlich. Er stellt die Berechnungen an und so weiter. Was ist denn dabei? Er baut das Programm auf und steckt die Grenzen des Möglichen ab. Sie halten ihn doch wohl nicht für den advocatus diaboli“
„Nein, nein, auch ich trete ja hier nicht als doctor angelicus auf. Muß ich Ihnen übrigens versichern, daß ich Christ bin?“
Steergard fühlte sich erneut überrumpelt bei dieser Wendung, die das Gespräch nahm. „Worauf wollen Sie hinaus?“ wiederholte er seine Frage von vorhin. „Auf die Theologie. Um Ihnen das Verständnis zu erleichtern, übersetze ich sie in einen Wortschatz, der nicht nur weltlich ist, sondern aus meinem Munde geradezu lästerlich klingen muß. Vor meinem Gewissen rechtfertige ich mich mit der beispiellosen Situation, in der wir uns befinden. Die Sprache der Physik ist Ihnen geläufiger als religionskundliche Hermeneutik. In der Übertragung auf den Begriffsapparat der Physik entspricht die Vielgestaltigkeit des Sacrums den verschiedenen Spektralbändern der Materie, die im gesamten Universum allgegenwärtig und überall dieselbe ist. Um in diesem Vergleich zu bleiben, kann man sagen, daß es neben einem Spektrum der Körper ein Spektrum der Glau-bensrichtungen gibt. Es erstreckt sich vom Animismus über Totemismus und Polytheismus bis hin zum Glauben an einen persönlichen Gott. Das irdische Band meines Glaubens enthält ihn als eine Familie, die menschlich und göttlich zugleich ist. Wissen Sie von den Auseinandersetzungen, die das SETI-Projekt in der Theologie ausgelöst hat, vor allern, seit die Suche nach den anderen diese Expedition hervorbrachte?“
„Ehrlich gesagt, nein. Meinen Sie, ich hätte davon wissen sollen?“
„Durchaus nicht. Für mich indessen war es eine Pflicht. Die Meinungen in meiner Kirche gingen weit auseinander. Die einen behaupteten, die Verdorbenheit der Natur der Geschöpfe könne universell sein und eine solche Universalität sehe weit über den irdischen Begriff „katholikos“ hinaus. Es seien Welten möglich, in denen es nicht zum Opfer der Erlösung gekommen sei und die deshalb der Verdammnis preisgegeben seien. Andere waren der Ansicht, die Erlösung — als durch Gnade verliehene Wahl zwischen Gut und Böse — sei überall aufgetreten.
Dieser Streit schuf der Kirche Gefahr. Organisatoren und Teilnehmer der Expedition waren mit ihrer Arbeit beschäftigt und daher unbeeindruckt von den Sensationen, die die Auflagen der Zeitungen in die Höhe schnellen ließen.
Verbrechen und Sex hatten sich abgenutzt, die Expedition der EURYDIKE aber warf als Nebenprodukt neuen Stoff ab. Als Spielereien, originell und belustigend dadurch, daß das credo quia absurdum einen Faktor gewonnen hatte, der es recht wirkungsvoll kompromittierte. Als Vision ungezählter Planeten mit einer Menge von Äpfeln des Paradieses dort, wo keine Apfelbäume wuchsen, von Oliven, die auch Gottes Sohn nicht verfluchen würde, weil dort keine Olivenbäume wuchsen, von Divisionen Pilatussen, die ihre Hände in Milliarden Schüsseln in Unschuld wuschen, Wäldern von Gekreuzigten, Meuten von Judassen, unbefleckten Empfängnissen bei Geschöpfen, deren Fortpflanzungsapparat einem solchen Begriff gar keinen Raum läßt, weil die Vermehrung nicht durch Kopulation erfolgt — mit einem Wort, die Multiplikation des Evangeliums mit allen Zweigen sämtlicher galaktischer Spiralen machte unser Credo zur Karikatur, zur Parodie des Glaubens. Wegen solcher arithmetischer Bubenstreiche sind der Kirche viele Gläubige davongelaufen.
Warum bin ich geblieben? Weil das Christentum vom Menschen mehr verlangt, als es verlangen kann. Es verlangt nicht nur den Verzicht auf alle Grausamkeit, Niedertracht und Lüge. Es fordert Liebe, auch gegen die Grausamen, die Lügner, Henker und Tyrannen. Ama, et fac quod vis — dieses Gebot ist unumstößlich. Bitte wundern Sie sich nicht allzusehr über eine solche Katechese an Bord dieses Raumschiffs. Es ist meine Pflicht, Über die Aussichten dieses Erkundungsunternehmens hinauszublicken, das vernunftbegabte Wesen zusammenbringen soll, die einander fremd sind. Sie, Kommandant, haben andere Pflichten. Ich versuche das zu veranschaulichen: Stünden Sie in einem überfüllten Rettungsboot und Ertrinkende, für die kein Platz mehr ist, klammerten sich an die Bordwand, so würden Sie ihnen, um die Gefahr des Kenterns abzuwenden, die Hände abschneiden, oder?“
„Ich fürchte, ja. Wenn Rettung anders nicht möglich wäre.“
„Das unterscheidet uns voneinander. Es bedeutet, daß Sie nicht umkehren werden.“
„Ja. Ich verstehe das Gleichnis mit dem Rettungsboot. Ich werde nicht warten, bis es kentert. Ich werde diese Zivilisation mit allen Kräften zu retten versuchen, die ich aufbieten kann.“
„In letzter Konsequenz auch mit einem Genozid?“
„Jawohl.“
„Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt. Mir ist es gelungen, diese letzte Konsequenz hinauszuzögern. Mehr nicht. Ist es nicht so?“
„Ja.“
„Sie wollen Leben retten, indem Sie Leben nehmen?“
„Darin liegt ja eben der Sinn Ihres Gleichnisses, Pater Arago. Ich wähle das kleinere Übel.“
„Indem man zum Mörder wird?“
„Ich weise diese Bezeichnung nicht zurück. Es kann sein, daß ich gar niemanden rette, daß ich uns ebenso verderbe wie die Quintaner. Aber ich wasche meine Hände nicht in Unschuld. Wenn wir zugrunde gehen, wird die EURY-DIKE davon erfahren. Die Mitteilung, wie sich der Fall verhält und daß ich einen Rückzug ausgeschlossen habe, ist bereits unterwegs.“
„In meiner Eschatalogie gibt es ein kleineres Übel nicht“, sagte Arago. „Mit jedem getöteten Lebewesen geht eine ganze Welt zugrunde. Deswegen bietet die Arithmetik der Ethik keine Maßstäbe. Das Böse, das nicht mehr rückgängig zu machen ist, liegt außerhalb jeder Meßbarkeit.“ Er stand auf. „Ich will Sie nicht länger Ihrer Zeit berauben, sicherlich wollen Sie die Unterhaltung fortsetzen, die ich unterbrochen habe.“
„Nein. Ich will jetzt allein sein.“
Die Schotten, die gewöhnlich die beiden Hallen im Heck des HERMES trennten, waren weggenommen, ihre stählernen Wände nach mittschiffs geschoben worden. Nur die breiten Bahnen der nichtgleitenden Lager, die sich dunkel vom Metallboden des zylindrischen Raums abhoben, wiesen auf ihren bisherigen Standort hin. Das riesige Innere glich einem Hangar, der von einem Zeppelin unwahrscheinlicher Größe verlassen und einem anderen Zweck zugeführt worden war. Auf dem Kran, der an die fünfundzwanzig Stockwerke über den Gleisen der eingefahrenen Schotten von Steuerbord nach Backbord lief, gleich unter der gewölbten Decke, hingen wie weiße Fliegen die beiden Piloten, Harrach und Tempe, beide angeschnallt, damit sie in der Schwerelosigkeit nicht von einem stärkeren Luftzug von ihrem Platz geweht werden konnten. Eigentlich ließ sich auch gar nicht sagen, ob sie, obgleich es ihnen so vorkam, nach unten blickten. In dem gigantischen, menschenleeren Raum schritt gleichmäßig, schnell und unaufhörlich die Arbeit voran. Emailleglänzende, gelbe, blaue oder schwarze Automaten streckten ihre drehbaren Greifer zur Seite und nach vorn, beugten sich reihenweise wie bei einer total durchsynchronisierten Gymnastik auf und nieder, griffen nach hinten, wo andere ihnen die Bauteile zureichten.
Sie bauten den Solaser. Es war eine siebartig durchbrochene Konstruktion von den Dimensionen eines Torpedoboots. Das zur Hälfte fertiggestellte Skelett sah aus wie der zusammengelegte, spiralenförmig gebogene Regenschirm eines Riesen, überzogen nicht mit Stoff, sondern mit übereinander gelegten Segmenten, spiegelnden Schuppen. Dadurch erinnerte das Gerat auch an einen vorsintflutlichen Fisch oder einen ausgestorbenen Meeressaurier, dessen Knochengerüst nicht von Paläontologen, sondern von Maschinen zusammengesetzt wurde. In dem von den Piloten entfernter liegenden Vorderteil, wo der Koloß seinen Kopf hatte, sprühten in Tausenden Fähnchen bläulichen Rauchs die Funken — die Wicklungen der Anker blitzten vom Laserschweißen. Der Solaser war als mit Sonnenenergie gespeister Photonenwerfer projektiert gewesen, und der eilig umprogrammierte Montagekomplex baute ihn zu einem Spiegel um, mit dem sich Funkelspielchen treiben ließen — dies allerdings im Terajoule-Bereich!
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