Dennoch gibt es etliche realisierbare Methoden, von denen ich nur eine nenne: In die Atmosphäre werden Kanäle nach Art der elektrischen Entladungen bei Gewitter geschlagen, und mit jedem Blitz, der vom Meeresufer auf synergetischer Bahn in die Thermosphäre schießt, wird Wasserdampf mitgerissen. Das ist sehr vereinfacht dargestellt. Man kann in der Atmosphäre eine Art elektromagnetisches Geschütz schaffen, das natürlich keinen Lauf hat, sondern aus Tunneln zentrifugal verlaufender Impulse besteht, die dem ionisierten Wasserdampf den Auftrieb geben. Dem Wasser können nichtthermische Dipoleigenschaften verliehen werden.
Auf der Erde hat sich ein gewisser Rahman mit solcher Hydrotechnologie befaßt.
Er wies nach, daß Wasser nur bis zur ersten kosmischen Geschwindigkeit beschleunigt werden kann, wodurch sich rings um den Planeten ein Eisring bildet.
Dieser jedoch, so Rahman, sei nicht stabil, er müsse — bereits im All befindlich — beschleunigt werden, damit er zur Zentrifuge werde und in einem Zeitraum von zwei- bis vierhundert Jahren mit der zweiten kosmischen Geschwindigkeit zergehe.
Andernfalls — bei einem Rückgang der Akzeleration im Vakuum oder bei Einstellung der Arbeiten- werde durch die Reibung mit den obersten Gasen der Atmosphäre mehr Wasser auf den Planeten zurückfallen, als zur gleichen Zeit in den Kosmos befördert werden kann. Lassen wir Einzelheiten jetzt beiseite, es ist genug, daß bereits von der EURY-DIKE aus Veränderungen des Eisrings festgestellt wurden: ein allmählicher Schwund auf der dem Planeten zugewandten Seite und eine Abflachung und damit Erweiterung des äußeren Umfangs.
Das konnte für niemanden auf dem Planeten von Vorteil sein. Das zurückkehrende Wasser bringt mehr als nur Wolkenbrüche: Es bringt Regenzeiten im Tropengürtel, mit wechselnder, jahreszeitbedingter Konzentration des Niederschlagsmaximums — die Achse des Planeten weist gegenüber der Ekliptik eine ähnliche Neigung auf wie die der Erde. Das jährliche Mittel der Temperatur ging um zwei Grad Kelvin zurück: Der Eisschild hüllt die Tagesseite des Planeten in Schatten und reflektiert das Sonnenlicht. Eine technische Havarie, wie sie ja immer möglich ist, wäre nach einiger Zeit behoben worden. Indessen gibt es nichts, was auch nur auf die Spur einer Reparatur hindeutete. Ein Versagen der planetaren Technologie kann also nicht die Ursache dafür sein, daß die Arbeiten eingestellt wurden. Diese Ursache ist anderswo zu suchen: in der politischen Zerstrittenheit dieser Zivilisation. Über die Ausgangsbedingungen wissen wir eines: Sie begünstigten das Projekt, das nicht anders realisiert werden konnte als in einer globalen Vereinigung der Kräfte, die sich nachher lockerte und löste.
Die Epoche der Zusammenarbeit zumindest im technologischen Bereich hat etwa ein Jahrhundert gedauert. Abweichungen in der Größenordnung von ein bis zwei Jahrzehnten sind für die kritische Phase unwesentlich. Was hat die Abkehr von dem gemeinsamen Weg verursacht? Lokale Kriege? Wirtschaftskrisen? Das ist zu bezweifeln. Ein Ablauf politischer Angelegenheiten, der nicht zu rekonstruieren ist, wenn man ihn vom vorgefundenen Zustand aus zurückverfolgt, läßt sich nur in dem Modell der sogenannten Markow-Kette erfassen. Es ist ein stochastischer, schrittweiser Prozeß, der die eigenen Spuren verwischt. Aus dem, was kosmische Ankömmlinge im 20. Jahrhundert auf der Erde vorgefunden hätten, würden sie, falls sie keine Chronik zu Rate gezogen hätten, in keiner Weise zu einer Retropolation der Kreuzzüge gelangt sein.
Ich fülle diesen weißen Fleck mit folgender Eventualität aus: Der Zuwachs war bei den führenden Mächten ungleichmäßig. Der Keim des Antagonismus lag schon in der Zusammenarbeit. Die bewaffnete Vorherrschaft einer Hauptmacht auf dem Planeten war unmöglich. Die Schwächeren waren an dem globalen Projekt beteiligt, bis die Kooperation von einer wirklichen zu einer illusionären wurde. Der Antagonismus trat offen zutage, nicht unbedingt direkt, auch nicht durch eine Aggression. Vielleicht gab es mehr Machtblöcke, drei oder vier, aber für das ergodische Minimum genügen zwei, die sich gegenüberstehen. Ein Rüstungswettlauf begann. Er verursachte zunächst die Einstellung der Arbeiten, die eine Dissipation des Eisrings im Weltraum zum Ziel hatten. Die dafür vorgesehenen Mittel und Kapazitäten wurden m die Rüstung gesteckt. Gleichzeitig machte es sich für die Supermacht, die bisher den Hauptbeitrag für das Projekt geleistet hatte, nicht mehr bezahlt, den Eisring so zu zerlegen, daß sein Zusammenbruch niemandem, keinem Kontinent Schaden tat: Aus dem positiven Fortgang der Arbeit hätte ja auch der Gegner Nutzen gezogen. Analog dachte und handelte ebendieser Gegner. Seither rührte keine der Seiten mehr an den Ring, obgleich dieser in Eislawinen auf den Planeten niederbrach. Man wurde damit nicht fertig, weil man so in die Rüstungsspirale gespannt war. Die weitere Eskalation trug diesen Wettlauf in den Weltraum.
So können Prolog und erster Akt ausgesehen haben. Wir sind mitten im darauffolgenden erschienen — und ohne es zu ahnen, kopfüber mitten in eine vielschichtige Spharomachie gesprungen, in deren Zentrum eine harmlose Sonne scheint.“
„Ich wiederhole meine Frage: Warum hast du diese Rückschau nicht früher angestellt? Du hattest oft genug Gelegenheit dazu.“
„An Bord sind vielfältige Versionen dessen in Umlauf, was ich hier gesagt habe.
Sie werden privat oder nicht privat vorgebracht. Keine läßt sich beweisen. Die Grenzen der Phantasie sind viel weiter gesteckt als die der Begründung von Theorien. Die einzelnen Bruchstücke des Rätsels sind als Daten allmählich zusammengekommen. Solange es nicht viele waren, konnte man aus ihnen eine Unmenge von Puzzles bauen, indem man die weißen Flecken und die Lücken mit unbegründeten Spekulationen füllte. Ich bin eine kombinatorische Maschine. Wenn ich alle von mir durchgenommenen Varianten der Kombinatorik auf euch losließe, müßtet ihr wochenlangen Vorträgen zuhören, die vollgepfropft wären mit Vorbehalten Ungewisser Glaubwürdigkeit. Außerdem erhielt ich Anweisungen, die deinen Befehlen widersprachen. Doktor Rotmont verlangte die Spino-skopie der Quinta. Ich habe ihm erklärt, daß sich eine solche Durchleuchtung mit der gesamten verfügbaren Leistung der Bordaggregate nicht verbergen läßt und sich damit die Chancen des Kontakts verringern. Da er darauf beharrte, entsandte ich leichte Spinoskope, die sich tarnen ließen. Du weißt darüber Bescheid, Kommandant. Rotmont hoffte etwas zu entdecken, was auf diese Weise nicht zu entdecken ist. Er hat nichts gewonnen, aber nicht ich habe ihn um seine Hoffnungen betrogen. Ich habe seinen Wunsch erfüllt, weil das keinen Schaden bringen konnte. Hypothesen, die nicht als Sprungbrett für reale Handlungen benutzt werden, können falsch, brauchen aber nicht verderblich zu sein.“ Das blaue Lämpchen erlosch. Nakamura und die Piloten saßen zwar mit am Tisch, genauso in die Sessel vergraben wie Steergard und Arago, schienen aber lediglich Zeugen zu sein, die sich in die ablaufende Szene nicht einmischen durften. Es war gerade so, als gälten sie nichts bei dieser Zusammenkunft.
„Das war die Erklärung“, sagte Steergard. „Hochwürden haben einmal bemerkt, die Angelegenheit liege in guten Händen. Ich habe mir eine Antwort nicht deswegen versagt, weil dem Gepriesenen Schweigen geboten ist, sondern weil ich wußte, wie sehr die Begriffe von Gut und Böse uns voneinander scheiden. Die Wahl des nächsten Schrittes ist von mir bereits getroffen. Keiner von uns hat Einfluß darauf, was geschehen wird. Auch ich nicht. Ich möchte keinem der Anwesenden zu nahe treten, aber die Zeit rücksichtslosen Handelns ist auch eine Zeit rücksichtsloser Offenheit. Unser Zweiter Pilot hat eine Dummheit gesagt. Wir sind nicht hergekommen, um jemanden zu fordern, und wir lassen uns nicht auf das Duell ein, um die Ehre der Erde zu verteidigen. Wäre es so, dann hätte ich die Leitung dieses Aufklärungsunternehmens nicht übernommen. Der Mensch kann nur wenig erfassen und im Bewußtsein behalten. Deshalb löst sich in seinem Vorstellungsvermögen ein großes Unternehmen in Teile auf. Deshalb können die Mittel so schnell das Ziel verdunkeln und selber zum Ziel werden. Als ich das Kommando übernahm, verlangte ich zuerst Zeit zur Besinnung, um mich zurückzuziehen und die gigantische Menge tausendfältiger Mühsal von CETI und SETI zu erfassen. Millionen Arbeitsstunden, die Arbeit der Raumschiffbauer, die Flüge zum Titan, Beratungen in den Hauptstädten auf der Erde, die in den Banken angehäuften Fonds, alles als Ausdruck einer Hoffnung, die keine billige Sensation für Boulevardblätter war, Gremien, die eine Unmenge Varianten des Kontakts durchspielten, um eine verläßliche, optimale, zum Ziel führende zu finden. Ich habe darüber nachgedacht, um mir bewußt zu werden, daß ich — gleichgültig, ob auf der EURYDIKE oder dem HERMES — ein winziges Wesen in einem menschlichen Termitenbau bin, der sich in den unermeßlichen Weiten des Universums verloren hat, und daß ich damit eine Aufgabe übernehme, die über meine Kräfte, über die Kräfte wohl eines jeden Menschen geht. Sich zu verweigern wäre leichter gewesen. Als ich einwilligte, wußte ich nicht, was uns erwartete.
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