Die Konzeption war ursprünglich der Befürchtung der Physiker entsprungen, ein neuerlicher Einsatz der Sideraltechnologie könne mit deren spezifischen, nicht nur die Gravitation betreffenden Effekten dem Planeten Hinweise bieten, die nicht wünschenswert waren, weil sie die Waffenmeister auf die Spur lenken konnten, die zum Holenbach-Intervall führte. Darum hatten sie auf die schon etwas veraltete Technik der Radiationsumformung zurückgegriffen. Der Solaser sollte, vor der Sonnenscheibe hängend, deren chaotische, weil alle Wellenbereiche umfassende Strahlung mit fächerförmig ausgebreiteten Rezeptoren auffangen und in eine monochromatische Ramme verwandeln. Fast die Hälfte der aufgenommenen Energie diente dem Solaser zur Kühlung, ohne die er von der Sonnenglut sofort verdampft wäre. Die effektive Leistung reichte dennoch aus, daß die Säule gebündelten Lichts, deren Durchmesser am Strahleraustritt zweihundert Meter und auf der Bahn der Quinta wegen der unvermeidlichen Streuung das Dreifache betrug, die Kruste des Planeten durchfahren konnte wie ein heißes Messer ein Stück Butter.
Unter diesem weitreichenden Feuerschlag wäre die kilometerstarke Schicht der ozeanischen Gewässer bis zum Grunde aufgerissen. Der allseits auf diesen Abgrund einschießende Strudel wäre für das Lichtschwert nicht fühlbar gewesen. In den Wolken des siedenden Ozeans, neben dem der Pilz einer thermonuklearen Explosion ein Tröpfchen gewesen wäre, hatte sich der Solaser durch die unterseeische Platte und die gesamte Lithosphäre bohren und in die Quinta bis auf ein Viertel ihres Radius eindringen können. Niemand hatte die Absicht, eine solche Katastrophe hervorzurufen. Der Solaser sollte den Eisring und die Thermosphäre des Planeten streifen. Als man auch das verworfen hatte, zeigte sich, daß es gar nicht so schwer fiel, das Lichtgeschütz in einen Signalisator zu verwandeln. El Salam und Nakamura wollten auf Kosten geringstmöglichen Umbaus zwei Aufgaben zugleich lösen:
Alle möglichen Adressaten mußten gleichzeitig und lesbar erreicht werden. Ein solcher — wenngleich einseitiger — Kontakt setzte als selbstverständlich voraus, daß der Planet von Geschöpfen bewohnt war, die mit einem Gesichtssinn und ausreichender Intelligenz begabt waren, um den Inhalt der Botschaft verstehen zu können.
Die erste Bedingung hing nicht von den Absendern ab. Sie konnten Geschöpfen, die keine Augen besaßen, solche nicht verschaffen. Die zweite Bedingung erforderte von den Absendern keinen geringen Einfallsreichtum, zumal die Regierenden der Quintaner es bestimmt nicht wünschten, daß die kosmischen Eindringlinge sich mit der Bevölkerung direkt verständigten. Die Signalisation sollte daher die Wolkendecke durchstoßen und als Lichtregen auf allen Kontinenten des Planeten niedergehen. Die geschlossene Bewölkung war dem Zweck insofern günstig, als niemand, der auch nur ein Quentchen Vernunft besaß, die einfallenden Lichtnadeln für Sonnenstrahlen halten würde.
Die härteste Nuß war die Form der Mitteilung. Unsinn wäre es gewesen, das Alphabet zu senden, irgendwelche Zahlen, universelle physikalische Konstanten der Materie zu übermitteln. Der Solaser lag startbereit in der Heckhalle, aber es tat sich nichts. Physiker, Informatiker und Exobiologen steckten in der Zwickmühle. Sie hatten alles — nur kein Programm. Es gibt keine codes, die sich selbst erklären. Man sprach bereits davon, die Farben des Regenbogens zu benutzen: die Farben unterhalb des Violett als düstere, der optisch in der Mitte liegende, hellere Streifen, das Grün als üppig sprießendes Leben wie bei den Pflanzen, das Rot, das Aggressivität anzeigt — ja, aber das waren alles nur Assoziationen für Menschen! Ein Code jedoch als Folge von Signaleinheiten mit konkreter Andeutung läßt sich aus den Spektralfarben nicht herstellen.
Da gab der Zweite Pilot seine drei Groschen dazu. Man solle den Quintanern ein Märchen erzählen. Den Wolkenhimmel als Bildschirm benutzen. Über jedem Kontinent eine Serie von Bildern ablaufen lassen. „Obstupuerunt onines“, sagte danach der bei diesem Vorschlag anwesende Arago. Die Experten waren schlichtweg platt.
Tempe hakte nach: „Wäre es denn technisch möglich?“
„Technisch ja. Aber lohnt sich das überhaupt? Ein Schauspiel am Himmel… Was soll man da aufführen?“
„Ein Märchen“, wiederholte der Pilot. „Blödsinn“, regte sich Kirsting auf, der zwanzig Jahre seines Lebens dem Studium der Kosmolinguistik geopfert hatte. „Mit Comics kannst du Pygmäen oder australischen Ureinwohnern was vormachen. Alle menschlichen Rassen und Kulturen haben gemeinsame Merkmale. Auf der Quinta aber gibt es keine Menschen.“
„Das macht nichts. Sie haben eine technische Zivilisation und führen Krieg schon im All. Das heißt, daß sie vorher mal eine Faustkeilzivilisation hatten und auch da schon Krieg führten. Auch Eiszeiten hat es auf diesem Planeten gegeben, als man noch keine Häuser oder Wigwams baute und also in Höhlen hockte. An die Wände malte man Fruchtbarkeitssymbole und die jagdbaren Tiere, damit es Glück brachte.
Es war Zauber, also ein Märchen. Das erfuhren sie allerdings erst später, nach Jahrtausenden, von den Gelehrten. Solchen wie Doktor Kirsting. Wollen wir wetten, Doktor, daß die Leute dort wissen, was Märchen sind?“
Nakamura konnte sich das Lachen nicht länger verbeißen, die anderen schlössen sich an, nur Kirsting nicht. Dieser, Exobiologe und Kosmolinguist in einer Person, gehörte dennoch nicht zu den Leuten, die ihren Standpunkt um jeden Preis zu verteidigen suchen.
„Was weiß ich“, meinte er zögernd. „Wenn dieser Einfall nicht blödsinnig ist, mag er vielleicht genial sein. Nehmen wir also an, wir führen ein Märchen auf.
Aber was für eins?“
„Das geht mich schon nichts mehr an. Ich bin kein Paläoethnologe. Was den Einfall angeht, so stammt er nicht nur von mir. Doktor Gerbert hat mir schon auf der EURYDIKE einen Band phantastischer Erzählungen geliehen, in dem ich hin und wieder lese. Wahrscheinlich ist mir das deshalb in den Sinn gekommen…“
„Paläoethnographie?“ dachte Kirsting laut nach. „Habe ich kaum geschnuppert. Und ihr?“ Es gab an Bord keinen Fachmann für dieses Gebiet. „Vielleicht trägt GOD etwas davon in seinem Gedächtnis“, sagte der Japaner. „Man müßte einfach aufs Geratewohl suchen. Ein Märchen eignet sich wohl nicht, es muß eher ein Mythos sein, am besten ein gemeinsames Element, ein Motiv, das in den ältesten Mythen auftritt.“
„Vor der Zeit des Schrifttums?“
„Natürlich.“
„Ja, aus den Anfängen der Protokulturen“, erklärte sich Kirsting einverstanden, der jetzt sogar Feuer gefangen hatte, sogleich aber wieder vom Zweifel heimgesucht wurde: „Wartet mal, sollen wir den Quintanern etwa als Götter erscheinen?“ Arago verneinte.
„Das wird sehr schwierig werden, ebendeswegen, weil wir nicht unsere Überlegenheit und auch nicht uns selber offenbaren sollten. Es geht um eine Botschaft des Guten, um die Frohe Botschaft. Ich jedenfalls lege das dem Vorschlag unseres Piloten bei, denn Märchen pflegen ja ein gutes Ende zu nehmen.“
So begannen Beratungen zweierlei Art: einerseits Erwägungen, welche Merkmale der Erde und der Quinta gemeinsam waren — Eigenschaften der Lebensumwelt und der in ihr entstandenen Pflanzen und Tiere —, andererseits die Herausfilterung derjenigen Legenden, Mythen, Überlieferungen, rituellen Praktiken und Sitten, die über Jahrtausende wechselnder historischer Epochen Dauer bewiesen, unauslöschlichen Sinn bewahrt haben.
In der ersten Gruppe der wahrscheinlichen Invarianten befanden sich: Zwiegeschlechtlichkeit, die bei Wirbeltieren mit hoher Gewißheit auftreten mußte; die Ernährung der Tiere und also auch der vernunftbegabten Geschöpfe auf dem festen Land; der Wechsel von Tag und Nacht und damit von Sonne und Mond sowie von warmen und kalten Jahreszeiten; die Existenz von Pflanzen- und Fleischfressern als Voraussetzung für die Entstehung von Beute- und Raubtieren, solchen also, die gefressen werden, und solchen, die fressen (eine Universalität des Vegetarismus war außerordentlich zu bezweifeln). Falls sich alles so verhielt, war bereits in der Protokultur die Jagd aufgetreten. Kannibalismus als Selbstverzehr, der Fang von Geschöpfen der eigenen Art, ist im Eolithikum oder Paläolithikum eine mögliche, aber nicht absolut gewisse Erscheinung, so oder so bildet die Jagd jedoch einen Universalbegriff, da sie der Entwicklungstheorie zufolge das Wachstum der Vernunft begünstigt. Die Entdeckung, daß die Affenmenschen, die Primaten unter den Tieren, die blutige Phase der Prädatisierung als das Mittel zur Beschleunigung des Gehirnzuwachses durchlaufen haben mußten, war einst auf heftigen Widerspruch gestoßen und für eine diffamierende Unterstellung gegen die Menschheit, eine misanthropische Ausgeburt des Denkens der Fürsprecher einer natürlichen Evolution erachtet worden, noch viel beleidigender als die von ihnen vertretene Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen. Die Archäologie hatte jene These jedoch bestätigt, nachdem sie unwiderlegliche Beweise zu ihren Gunsten zusammengetragen hatte. Das Fleischfressen führt zwar nicht alle Raubtiere zur Intelligenz, es müssen sich viele spezifische Umstände erfüllen, damit es so weit kommt. Den Raubechsen des Mesozoikums fehlte viel bis zu einer Begabung mit Vernunft, es weist auch nichts darauf hin, daß die damals führenden Reptilien eine menschenähnliche Intelligenz erlangt hätten, wenn sie nicht zwischen Kreidezeit und Trias von einer Katastrophe ausgerottet worden wären, die ein riesiger Meteorit ausgelöst hatte, indem er durch eine globale Abkühlung des Klimas die Nahrungskette unterbrach.
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