Das konnte man auch so, es ließ sich ohne weiteres machen, die Menschheit zählte mittlerweile vierzehn Milliarden. Es wäre also die letzte dringende Notwendigkeit gewesen, psychisch menschenähnliche Maschinen auf künstliche Weise herzustellen. Kurz, der Verstand der Computer schied sich immer deutlicher von dem der Menschen, den er verstärkte, ergänzte, verlängerte, dem er bei der Lösung von Aufgaben half, die der Mensch nicht bewältigen konnte. Eben dadurch aber war er weder dessen Imitation noch dessen Zweitauflage. Die Wege hatten sich definitiv getrennt. Eine Maschine, die so programmiert ist, daß niemand, ihr Schöpfer eingeschlossen, sie bei intellektuellem Kontakt von einer Hausfrau oder einem Professor für Völkerrecht unterscheiden kann, ist deren Simulator, der von normalen Menschen nicht unterscheidbar ist, solange man nicht versucht, diese Frau zu verführen und Kinder mit ihr zu haben, jenen Professor aber zum Frühstück einzuladen. Gelingt es, ihr ein Kind zu machen und mit ihm ein Continental breakfast zu essen, so hat man mit der totalen Liquidierung der Unterschiede zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen zu tun — aber was hat man davon? Kann man dank der Sideraltechnologie synthetische Sterne produzieren, die bis aufs Jota mit den kosmischen identisch sind? Jawohl, nur weiß man nicht, zu welchem Zweck man sie herstellen sollte. Die Historiker der Kybernetik kamen zu der Ansicht, den Urvätern dieser Wissenschaft habe die Hoffnung vorgeschwebt, die Rätsel des Bewußtseins lösen zu können. Dieser Hoffnung setzte ein Erfolg ein Ende, der Mitte des 21. Jahrhunderts erreicht wurde, als ein Computer der dreißigsten Generation, der außerordentlich mitteilsam, intelligent und täuschend menschenähnlich war, seine lebenden Gesprächspartner fragte, ob sie wüßten, was Bewußtsein in dem Sinne wäre, den sie diesem Begriff beilegten. Er nämlich wisse es nicht. Dieser Computer war zur direktiv aufgegebenen Selbstprogrammierung imstande und entwickelte, nachdem er den aufgegebenen Direktiven entwachsen war wie ein Kind den Windeln, die Fertigkeit, menschliche Gesprächspartner so zu imitieren, daß sie ihn nicht mehr als eine Maschine „demaskieren“ konnten, die so tut, als sei sie ein Mensch, und dies doch nicht ist. Einer Lösung des Rätsels des Bewußtseins kam man dennoch kein Haarbreit näher, denn die Maschine wußte in dieser Angelegenheit nicht mehr als die Menschen. Wie hätte es auch anders sein sollen? Man hatte vor sich das Finalprodukt eines „sich selbst anthropoisierenden“ Programms, das damit vom Bewußtsein genausoviel wußte wie die Menschen. Ein bedeutender Physiker, der bei dieser Diskussion dabei war, bemerkte dazu, das, was möglicherweise sogar so denke wie der Mensch, wisse über den Mechanismus des eigenen Denkens ebenso viel wie der Mensch: nämlich nichts. Sei es aus Bosheit oder zu dem Zweck, den enttäuschten Trium-phatoren den Fehlschlag zu versüßen, wies er auf analoge Schwierigkeiten hin, die die Gelehrten seines Fachgebiets vor einem Jahrhundert gehabt hatten, als sie die Materie mit dem Rücken an die Wand drängen wollten, bis sie ihnen gestand, daß sie nun von Natur her aus Quanten oder aus Wellen bestehe. Sie habe sich auf geradezu schändliche Weise als perfide erwiesen und die Aussage der Experimente mit der Erklärung verdunkelt, sie sei sowohl das eine als auch das andere. Im Kreuzfeuer weiterer Versuche habe sie die Wissenschaftler dann restlos dastehen lassen wie die Kuh vorm neuen Tor, denn je mehr sie von ihr erfuhren, um so weniger war es vereinbar mit dem gesunden Menschenverstand oder auch mit der Logik. Schließlich mußten sie sich mit den Aussagen der Materie abfinden: Teilchen sind gewissermaßen Wellen und Wellen sozusagen Moleküle; das absolute Vakuum ist durchaus nicht absolut, sondern voll von virtuellen Teilchen, die so tun, als gebe es sie nicht; Energie kann negativ sein, und es kann daher weniger Energie dasein als überhaupt keine; die Mesonen treiben im Intervall der Heisenbergschen Unbestimmbarkeit betrügerische Spielchen, indem sie die heiligen Sätze der Energieerhaltung verletzen, aber sie tun es so schnell, daß man sie bei dieser Schurkerei nicht erwischt. Es ginge, so beschwichtigte jener berühmte Träger des Nobelpreises für Physik seine Zuhörer, ebendarum, daß die Welt auf Fragen nach ihrem „letztlichen“ Wesen jede „letztliche“ Antwort verweigert. Obwohl man die Gravitation beispielsweise inzwischen wie einen Knüppel zu handhaben verstehe, wisse niemand, was eigentlich das „Wesen“ dieser Gravitation sei. Kein Wunder also, daß die Maschine sich verhalte, als habe sie ein Bewußtsein — um aber festzustellen, ob es das gleiche sei wie beim Menschen, müsse man sich in diese Maschine verwandeln. In der Wissenschaft sei es unerläßlich, Zurückhaltung zu üben: Es gebe in ihr Fragen, die man weder sich selbst, noch der Welt stellen dürfe, und wer dies dennoch tue, handle wie jemand, der einem Spiegel vorwirft, dieser wiederhole zwar jede seiner Bewegungen, wolle ihm aber nicht erklären, wo deren willensmäßige Quelle liege. Dennoch setzten wir Spiegel, Quantenmechanik, Siderologie und Computer ein und hätten davon keinen geringen Nutzen.
Tempe suchte Gerbert häufiger zu Gesprächen auf, die sich um Näherliegendes drehten: das Verhältnis des Menschen zu GOD. Diesmal aber kam er mit einem persönlichen Kummer zu dem Arzt. Er neigte nicht dazu, über sich selbst Vertrauliches mitzuteilen, nicht einmal gegenüber dem Mann, der ihm das Leben wiedergegeben hatte — vielleicht auch eben deswegen nicht, gerade als sei er der Ansicht, daß er ihm zuviel verdanke. Im allgemeinen also hielt er Gerbert gegenüber seine Zunge im Zaum, er tat dies, seit er auf der EURYDIKE von Lauger das Geheimnis der beiden Ärzte erfahren hatte — ein Schuldgefühl, das sie nicht verließ. Nun hatte ihn nicht die Verzweiflung an sich zu diesem Besuch gebracht, sondern die Tatsache, daß sie ihn — unbekannt, woher — so plötzlich befallen hatte wie eine Krankheit, so daß ihm die Gewißheit verlorengegangen war, weiter die ihm übertragenen Pflichten erfüllen zu können. Er besaß nicht das Recht, daraus ein Geheimnis zu machen. Was ihn der Entschluß gekostet hatte, begriff er erst, nachdem er die Tür geöffnet hatte: Beim Anblick der leeren Kabine empfand er Erleichterung. Obwohl das Schiff ohne Schub flog und Schwerelosigkeit herrschte, hatte der Kommandant Befehl gegeben, alle sollten auf einen jederzeit möglichen Schweresprung vorbereitet sein, bewegliche Gegenstände also befestigen und die persönliche Habe in den Wandfächern verstauen. Dennoch sah Tempe die Kabine des Arztes in Unordnung; Bücher, Papiere, Fotoaufnahmen lagen verstreut, ganz gegen die sonstige, an Pedanterie grenzende Ordnungsliebe Gerberts. Dieser selbst war durch das große Fenster zu sehen, wie er in seinem Garten kniete und Plastikhauben über die Kakteen stülpte. Damit also hatte er die angeordnete Bereitschaft begonnen. Der Pilot gelangte durch den Flur in das Gewächshaus und brummte etwas zur Begrüßung. Der Arzt löste, ohne sich umzuwenden, einen Gurt, der ihn an den Knien auf der Erde — auf richtiger Gartenerde — hielt, und erhob sich wie sein Gast in die Luft. An der gegenüberliegenden Wand rankten sich an einem schräggestellten Netz Pflanzen mit flaumigen kleinen Blättern.
Tempe hatte, da er von Botanik nicht die geringste Ahnung hatte, schon öfter fragen wollen, wie diese Klimmer hießen, es aber immer wieder vergessen. Wortlos warf der Arzt den Spaten von sich, so daß dieser im Rasen steckenblieb, und nutzte den Schwung, den er sich dabei gegeben hatte, so aus, daß er den Piloten am Arm mit sich zog. Sie schwebten in eine Ecke, wo im Haselgestrüpp wie in einer Gartenlaube geflochtene Stühle standen, Korbstühle mit Sicherheitsgurten.
Als sie Platz genommen hatten und Tempe zögerte, nicht wußte, wie er anfangen sollte, sagte der Arzt, er habe ihn bereits erwartet. Es gebe daran nichts zu staunen: „GOD hat uns alle im Auge.“
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